Jeder, der fotografiert, hat es schon mal gemacht. Von den meisten Menschen wurde es schon mal gemacht. Und alle wissen, dass es gar nicht so leicht ist, es perfekt zu machen. Die Rede ist von einem Porträt.
Als ich mit dem Fotografieren begann, habe ich schnell erkannt, dass Porträts auf der einen Seite die gängigste Form der Fotografie sind, andererseits auch zu den schwierigsten gehören. Denn in keiner anderen Stilrichtung kommt es so sehr darauf an, Gefühle und Geschichten zu transportieren. Und zwar über eine Person, oft nur ein Gesicht. Für mich sind Porträts die hohe Kunst der Fotografie. Hier scheidet sich die Spreu vom Weizen. Auf einen Auslöser drücken kann jeder. Gute Fotos machen viele. Aber ein perfektes Porträt, das Geschichten erzählt, einen entführt in andere Welten und Zeiten und erahnen lässt, was die Person auf dem Bild fühlt – das schaffen nur die wenigsten.
Damit ihr zu diesen wenigen gehört und eure Porträts künftig noch mehr Tiefe bekommen, habe ich dieses Buch geschrieben. Wie bei allem im Leben gibt es nicht nur einen Weg, sondern viele. Unendlich viele Geschmäcker, Vorlieben und Ansichten. Dies hier ist mein Zugang zur Porträtfotografie. Mit erwiesenen Fakten, fotografischem Grundwissen, gemischt mit meiner Kreativität und Arbeitsweise.
Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen, beim Ausprobieren und Fotografieren!
1.2 Was ist ein Porträt?
Eines der Grundbedürfnisse der Menschen ist es seit jeher, etwas zu schaffen, was die Zeiten überdauert. Ein Haus bauen, einen Baum pflanzen, ein Kind zeugen, sich verewigen im Wandel der Zeit. Keine Angst, ich werde nicht gleich zu Beginn philosophisch. Aber es ist eine Tatsache, dass wir gerne unser Abbild festgehalten sehen. Was heute der Fotograf ist, war früher der Maler.
Tausende Gemälde in unzähligen Galerien und Museen zeigen uns Bilder von früheren Herrschern – Kaisern und Königinnen, Fürsten und Adligen. Natürlich nicht nur, aber der Wunsch, als Person hervorzustechen und als solche auch abgebildet zu werden, hat sich nicht erst in Zeiten von Instagram und Co. etabliert. Die Porträtfotografie ist sozusagen der moderne, hippe Nachfahre der Gemäldemalerei. Die Porträtfotografen quasi die Nachkommen von Picasso und Klimt. Mehr oder weniger erfolgreich. Wie in allen Familien. Was aber nun sind Porträts? Porträts sind wohl eine der bekanntesten und populärsten Formen der Fotografie. Laut Wikipedia ist ein Porträt
»... ein Gemälde, eine Fotografie, eine Plastik oder eine andere Darstellung einer Person. Das Porträt zeigt in der Regel das Gesicht der Person.«
Klingt irgendwie langweilig und steril, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Porträtfotografie ist deshalb so beliebt, weil ein einfaches Porträt so viel erzählen kann, gerade aufgrund seiner Einfachheit. Ein gutes Porträt erzählt eine Geschichte, und obwohl wir vor der Kamera immer »nur« eine Person haben, können wir so Millionen unterschiedlicher Geschichten erzählen. Genau das ist es, was mich an dieser Art von Fotografie so fasziniert.
Aber wie jeder Autor weiß, ist das Erzählen einer Geschichte nicht immer einfach. Oft sitzt man vor einem leeren Blatt Papier und sucht Inspiration, den richtigen Ansatz oder einfach die passenden Worte. Ähnlich geht es uns Fotografen, wenn eine Person unser Studio betritt, ein Porträt will und wir nicht wissen, welche Geschichte wir erzählen wollen oder gar müssen.
In diesem Buch nehme ich euch mit in die Welt der Porträts und gebe euch das Handwerkszeug mit, das ihr braucht, um Porträts mit Aussage und Geschichte zu erzeugen. Von der Idee und der Inspiration über die dazugehörige Technik bis hin zu Styling und Nachbearbeitung. Wir werden uns mit allen Komponenten eines Porträts auseinandersetzen, damit ihr immer die richtige, spannende Geschichte erzählen könnt. Ganz egal, ob es sich um ein Porträt eines CEOs, einer Spitzensportlerin oder eurer Nachbarin handelt.
1.3 Die Geschichte der Porträts
Die Geschichte der Porträts beginnt schon vor mehr als 5000 Jahren im antiken Ägypten. Also sehr lange vor der Erfindung der Fotografie. Damals wurden Porträts noch gemalt, gemeißelt oder aus Ton geformt. Schon bei den alten Ägyptern ging es nicht nur um die Dokumentation, sondern um Macht, Schönheit oder Reichtum.
Schon früh mussten die Künstler feststellen, dass es schwierig war, weitere Aufträge zu generieren, wenn ein Bild nicht schmeichelhaft war oder den Porträtierten nicht vorteilhaft zeigte. Ein Umstand, der uns bis heute verfolgt. Wir wissen alle, dass es manchmal sehr schwer ist, das Gegenüber zufrieden zu stellen. Aus den unterschiedlichsten Gründen.
Ein Porträt galt lange Zeit als teures Luxusprodukt. Wer konnte sich schon einen Maler leisten? Oder zu Beginn der Fotografie einen Fotografen? Nicht vergessen: Digitale Fotografie ist eine Errungenschaft unserer Zeit! Ab Mitte der 1950er Jahre wurde das Porträt aber, dank Firmen wie Kodak und Polaroid, für jedermann zugänglich.
Was waren nun die Hauptgründe, ein Porträt von jemandem anzufertigen?
Festhalten der Geschichte
Zu Zeiten des Amerikanischen Bürgerkriegs (1861 bis 1865) wurden Porträts meist zur Dokumentation der Ereignisse und der Beteiligten erstellt. Sie waren aber auch als Erinnerung an die Soldaten an der Front sehr populär.
Porträtfotografie hatte aber nicht immer etwas mit Freiwilligkeit zu tun. So unterstützte diese auch strafrechtliche Ermittlungen. 1870 begannen etwa die Pinkerton-Detektive, eine private US-amerikanische Detektei, Verbrecher zu fotografieren und schufen eine der größten »Datenbanken« der damaligen Zeit.
Zusätzlich zu Porträts der Lebenden wurden früher auch sehr oft Porträts von Toten gemacht. Was heute nur noch makaber und gruselig anmutet, war gerade im viktorianischen Zeitalter populär. In dieser Zeit (1837 bis 1901) herrschte eine sehr hohe Sterblichkeitsrate, gerade auch unter Kindern. So waren »Post Mortem Porträts« eine verbreitete Art, sich an seine Liebsten zu erinnern.
Natürlich setzte sich das Porträt auch in den Medien immer mehr durch. Zeitungen verkaufen sich besser, wenn es neben viel Text auch große Bilder zu sehen gibt. Zu Zeiten der großen Depression in Amerika (1930er Jahre) wurden auch Fotos von betroffenen Familien und Personen immer beliebter, um das Ausmaß des wirtschaftlichen Desasters in Bildern zu erzählen.
Das moderne Porträt ist in der heutigen Medienwelt nicht mehr wegzudenken. Von Promifotos bis zum Selfie verfolgen sie uns auf allen Kanälen, aber nur die wenigsten bleiben uns in Erinnerung. Eine der Pionierinnen des modernen Porträts ist Annie Leibovitz, die viele Prominente in Szene gesetzt hat. Gerade die Einfachheit vieler ihrer Fotos umfasst das Ziel eines guten Porträts: Mit wenigen Mitteln viel erzählen.