»Ich wünsche mir Offenheit und Mut von Menschen in Führungspositionen«
Lebensbahn
Position/Arbeitgeber: Founder & CEO Vereinbarkeits LAB, Berlin
Name: Luisa Hanke
Wohnort: Berlin
Alter: 36
Kinder/Familienstand: Maffo, 7 Jahre, seit 6 Jahren alleinerziehende Mutter
Elternzeit: von April 2012 bis September 2012
Jobrückkehr: ab Oktober 2012 Beginn mit Master- Vollzeitstudium; Kind war im 1. Semester mit vor Ort. Ab dem 2. Semester dann in Kita betreut
Sie wurden sechs Monate nach der Geburt ihrer Tochter alleinerziehende Mutter. Erinnern Sie sich an die größte Herausforderung damals?
Ich hatte wirklich großes Glück in der damaligen Situation: Aus dem Schmerz und der Orientierungslosigkeit ist ein neuer, sehr schöner und bestärkender Lebensabschnitt hervor gegangen. Schon ein paar Wochen nach der Trennung ist meine beste Freundin in das freie Zimmer gezogen und wir haben drei Jahre in einer wunderbaren WG-Konstellation zusammengewohnt. Das hat mir sehr dabei geholfen, mich weniger alleinerziehend zu fühlen. Ich hatte eine wertvolle emotionale Stütze, liebevolle Gesellschaft und das Gefühl von Familie.
Auch haben wir uns in der gesamten Alltags-Organisation, beim Einkaufen, Kochen und Putzen die Arbeit aufgeteilt was mich sehr entlastet hat und durch die geteilte Miete hatte ich auch eine finanzielle Unterstützung. Meine Freundin hat sogar meine Tochter betreut.
Wirklich alleinerziehend habe ich mich also erst Jahre später gefühlt, als ich das WG-Leben wegen des Berliner Wohnungsmarktes aufgeben musste.
Die größte Herausforderung liegt für mich seitdem darin, die alleinige finanzielle Verantwortung und emotionale Last zu tragen. Gerade jetzt im Schulalter ist es oft belastend, die Sorgen, die das Kind aus der Schule mitbringt, allein abzufangen. Um hier mentale Stärkung zu finden, habe ich mir therapeutische Unterstützung geholt.
Wie regeln Sie die Betreuung: Haben Sie ein großes Netzwerk von Freunden, die beispielsweise im Notfall einspringen?
Meine Eltern wohnen direkt bei uns um die Ecke. Sie sind meine Rettungsanker, meine Helfer*innen in der Not, meine emotionale und praktische Stütze. Meine Tochter übernachtet einmal in der Woche bei ihren Großeltern und fährt regelmäßig mit ihnen aufs Land. So habe ich neben der Hilfe im Notfall auch mal Zeit für mich oder kann ein Wochenende vereisen. Das lädt die Energietanks sofort wieder auf.
Aktuell bin ich selbstständig und daher selten auf weitere Betreuung im Notfall angewiesen: Ist meine Tochter krank und bleibt zu Hause, kann ich meist trotzdem arbeiten. Sie hat schon früh, während meiner Studienzeit gelernt, dass es Zeiten gibt, in denen ich beschäftigt bin und arbeite und zum Glück kann sie gut mit sich allein spielen.
Mein Netzwerk an Freund*innen hat sich im Laufe der Zeit, vor allem durch meine Unternehmensgründung, leider verkleinert. Dafür habe ich eine sehr hilfsbereite Nachbarschaft und greife auch immer wieder auf die Hilfe von Babysitter*innen zurück. Für mich war schon während des Studiums klar, dass das Geld das ich für Babysitter*innen ausgebe, eine Investition in meine berufliche Weiterentwicklung und ebenso in mein persönliches Wohlbefinden ist, denn Zeit nur für mich muss einfach sein.
Sie waren von 2014 bis 2018 im Angestelltenstatus. Welche Haltung ihres Arbeitgebers haben Sie erfahren?
Als ich während meines Studiums alleinerziehend wurde bekam ich große Selbstzweifel und große Angst vor dem Arbeitsmarkt. Es fehlte mir an Beispielen erfolgreicher, alleinerziehender Mütter.
Also habe ich überlegt, wie ich meinen Wiedereinstieg in das Berufsleben gestalten kann. Ich entschied mich dafür, meine Masterarbeit in meinem Traumunternehmen zu schreiben. Durch diesen Intensiven Kontakt und Austausch habe ich noch während meines Studiums eine Stelle angeboten bekommen.
Ich habe offen kommuniziert, dass ich alleinerziehend bin, top-qualifiziert und sehr engagiert, um den Projektbereich erfolgreich zu leiten. Gleichzeitig habe ich aber auch klargestellt, dass ich langfristig eine Alternative zur Vollzeitstelle brauche.
Meine damalige Chefin war im gleichen Alter wie ich und wollte das Unternehmen verändern, um Kind und Karriere möglich zu machen. Am Tag meiner Einstellung sagte sie mir, sie glaube an mich und verlange nur, dass ich zuverlässig abliefere. Wie ich das mache, wann und wie ich arbeite war mir gänzlich freigestellt.
Sie fragte mich was ich als Alleinerziehende bräuchte umerfolgreich zu arbeiten und als Mutter entspannt zu sein. Diese Frage berührt mich noch heute und war für mich die wertvollste Unterstützung und größte Form von Wertschätzung, die mir in meinem Arbeitsleben entgegengebracht wurde.
Wir einigten uns auf ein flexibles Monatsarbeitszeitkonto und Vertrauensarbeitszeit. So konnte ich flexibel von überall aus arbeiten oder habe an Kita-Schließtagen meine Tochter mit ins Büro gebracht. Das hat uns alle als Team noch mehr zusammengeführt. Ein Kind im Büro ermöglicht es uns, unsere Kolleg*innen und Vorgesetzten auf einer ganz anderen, noch menschlicheren Ebene kennenzulernen.
Diese Erfahrung hat sich auch in meiner anderen Anstellung bestätigt, in der mir meine Chefin ebenso viel Wertschätzung und Flexibilität geschenkt hat. Im Krankheitsfall musste ich nicht mit meiner Tochter zum Arzt, sondern konnte das tun was in solchen Fällen am besten ist: sie ruhen lassen. So hatte ich auch keine finanziellen Einschränkungen durch Krankheitstage. Bei wirklich wichtigen Terminen, die ich nicht über eine Online-Schaltung wahrnehmen konnte, nahm ich mir manchmal eine Babysitterin, um vor Ort im Büro sein zu können.
Stolpersteine Glaubenssätze: Welche schwirrten in ihrem Kopf umher und wie haben sie diese in positive Botschaften umwandeln können?
Mein Glaubenssatz war der, dass ich keinen anspruchsvollen, erfüllenden Job finden würde. Ich war zu sehr mit meinen Ängsten und limitierenden Glaubenssätzen identifiziert.
Was mir in dieser Zeit sehr half war ein Rat meines Vaters. Er hat mir immer wieder erklärt, dass wir alle auf die ein oder andere Weise die universelle Angst kennen, nicht gut genug zu sein, zu versagen und zurück gewiesen zu werden.
Mein Vater hat mir immer wieder erklärt, dass es wichtig ist, meine Ängste und Selbstzweifel zu kennen, so dass ich mit ihnen arbeiten und sie annehmen kann. Nur so würden sie ihre Macht über mich verlieren.
Also habe ich mit meinen Ängsten gearbeitet: in Meditationen, über Übungen mit dem inneren Kind und mit Journaling. Ich habe mich immer wieder gefragt, was mein persönliches Worst-Case-Szenario wäre und dann habe ich geschaut wie viele Ressourcen und welches Potenzial ich in mir trage, um dieses Worst-Case-Szenario zu vermeiden.
Um mich weiter noch zu entwickeln habe ich mir meine Stärken, Qualitäten und Fähigkeit aus all meinen bisherigen Erfahrungen und diversen Lebensbereichen bewusst gemacht. Letztlich habe ich mir Schritt für Schritt Selbstbewusstsein und einen Aktionsplan erarbeitet und die Herausforderungen, die vor mir lagen, als Wachstumschance gesehen.
Wie weit ist es bei uns in Deutschland mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und welche Forderungen haben Sie an die Gesellschaft?
Als systemischer Coach weiß ich, dass jedes System eine Vielzahl an unterschiedlichen Lösungsmöglichkeiten in sich trägt.
Ich selbst habe erfahren, wie bereichernd und Potenzialentfaltend es ist, wenn Vorgesetzte ihren Mitarbeiter*innen Vertrauen entgegenbringen und ihnen die Möglichkeit zum selbstbestimmten Arbeiten bieten.
Wenn wir Eltern werden, verändern sich unsere Bedürfnisse. Unsere Talente, Kompetenzen und die Begeisterung für unsere Arbeit, bleiben jedoch erhalten – wenn wir die Sinnhaftigkeit darin erkennen.
Leider fördern die meisten Unternehmen in Deutschland berufstätige Eltern mit ihren Talenten, neuen Kompetenzen und Möglichkeiten nicht. So können sie nicht zum Unternehmenserfolg beitragen.
Ich bin immer wieder erschüttert darüber, wie wenig Menschen in vielen Unternehmenskontexten wertgeschätzt werden. Vereinbarkeit betrifft ja nicht nur berufstätige Menschen mit Kindern sondern ebenso Menschen die Angehörige pflegen sowie die jüngeren Generationen, die ganz selbstverständlich eine größere Work-Life-Balance und ein neues Verständnis von Arbeit einfordern.
Deutsche Unternehmen haben trotz des immensen Fachkräftemangels noch nicht begriffen, dass Vereinbarkeit eine Grundvoraussetzung für Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt ist und somit vor allem weibliche Talente anzieht und fördert.
Schweden macht es uns seit den 1970er Jahren erfolgreich vor: Auch dort herrschte damals ein Fachkräftemangel. Also wollte die schwedische Regierung Mütter auf den Arbeitsmarkt bringen. Es folgte die Abschaffung des Ehegattensplittings und eine obligatorische Elternzeit für Väter. Gleichstellung im Beruf braucht Gleichstellung in der Familie lautete das Motto. Heute ist es selbstverständlich, dass Eltern Karriere machen und glücklich mit ihren Familien leben.
Meist wird fragmentiert gearbeitet mit einer Kernarbeitszeit von 9 bis 16 Uhr und Führungskräfte gehen dann zu ihren Familien nach Hause und sind dann erst wieder ab 21 Uhr erreichbar oder legen eine zweite kurze Arbeitszeit ein. Solche Möglichkeiten wünsche ich mir auch für unsere Gesellschaft.
Die Stärkung von Familien durch partnerschaftliche Familienmodelle: 50/50 im Haushalt und der Care-Arbeit. Eine Abschaffung des Ehegattensplittings wäre auch für uns ein großer Anreiz für Mütter, um vollzeitnah zu arbeiten, Vereinbarkeit wirklich zu leben und der Altersarmut zu entkommen.
Außerdem ist es dringend notwendig, Alleinerziehende endlich fairer zu besteuert und Vereinbarkeit in allen Familienmodellen möglich zu machen.
Vor allem aber wünsche ich mir Offenheit und Mut von Geschäftsführenden und Menschen in Führungsverantwortung, um einen Dialog zu schaffen und gemeinsam individuelle Lösungen für gelebte Vereinbarkeit zu finden.
Eltern wissen am besten was sie brauchen. Sie müssen darin geschult werden ihren familienfreundlichen Karriereweg zu moderieren und mit ihren Vorgesetzten und Kolleg*innen ein erfolgreiches Miteinander zu etablieren.
Sie haben im August 2018 Ihre Festanstellung aufgegeben und sich als systemischer Coach und später Gründerin des Karrierenetzwerks Vereinbarkeit LAB selbstständig gemacht. Aus welcher Motivation heraus?
Meine Motivation ist aus den positiven Erfahrungen entstanden die ich als Angestellte mit meinen Chefinnen gesammelt habe. Ich wusste schon damals, dass ich irgendwann etwas ins Leben rufen möchte, um Vereinbarkeit für mehr Eltern möglich zu machen und der Gesellschaft etwas zurückzugeben.
Da meine Eltern seit 30 Jahren als systemische Coaches arbeiten war ich von den Möglichkeiten und dem großen Veränderungspotenzial dieser Arbeit überzeugt. Ich wusste auch, dass ich als Coach sowohl Eltern individuell als auc...