ERSTES BUCH
Die Suche nach der Wahrheit
Die Offenbarung
Mit vielleicht dreißig Konferenzteilnehmern sitze ich in Anwesenheit eines hohen Mitarbeiters des Generalsekretärs der Vereinten Nationen in einem Konferenzsaal im UN-Gebäude in New York an einem sehr großen Tischoval. Ich höre den Beiträgen meiner Kollegen nicht mehr aufmerksam zu, fühle mich müde und abgespannt. Die ganze Nacht geht das schon so. Ich schaue umher und registriere erstaunt, dass im Moment keine Frauen mehr anwesend sind und nur Männer in dunklen Anzügen am weitläufigen Tisch sitzen – Männer, die mehr oder weniger herumhängen, die mit sich und ihren Smartphones beschäftigt sind. Der UN-Direktor für Migration schildert gerade im abgedunkelten Raum mit computeranimierten Schaubildern auf einer gläsernen, überdimensionierten Datenwand am Saalende die dramatischen Konsequenzen der Geburtenproblematik der reichen und damit machtvollen Staaten. Die technisch hochentwickelten, digitalisierten Nationen seien in einer ernsten Krise, so der UN-Mitarbeiter. In diesen Ländern bleiben die Neugeborenen aus, andererseits hält der Strom von Flüchtlingen ohne Bildung und Bindung an eine neuzeitliche Kultur trotz aller Zäune und Mauern unvermindert an. Die mächtigen Staaten werden in Zukunft Schwierigkeiten haben, wirtschaftliches Wachstum, den Lebensstandard, die Versorgung der Alten, ziviles Recht und überhaupt eine beschützende, mehr oder weniger demokratische Ordnung aufrechtzuerhalten, wenn ihnen der Nachwuchs fehlt, besonders der, der Eliten.
Na, so was, denke ich, endlich wird hier nach Stunden mal Tacheles und kein diplomatischer Quatsch geredet. Mein Rücken schmerzt, eigentlich tut mir jetzt schon wieder alles weh! Trotz aller Anstrengungen bei der Integration, so der Referent, werden die Migranten nicht in der Lage sein, den gewaltigen zivilisatorischen Ansprüchen von hochentwickelten Leistungsgesellschaften gerecht zu werden. Ihnen fehlen mindestens dreißig Jahre der neuzeitlichen Entwicklung. „Das ist hier also auch schon angekommen“, flüstere ich meinem niederländischen Kollegen zu, der lächelt nur noch müde. Die reichen Nationen müssten ein umfassendes Bildungsprogramm auflegen und die Eliten sollten wieder mehr das Gemeinwohl im Auge haben, wollen Sie die Kontrolle behalten, so der UN-Report. Doch außer ein paar Wenigen, scheint das in diesem Saal niemanden mehr zu interessieren!
Der bedauernswerte UN-Diplomat aber macht unverdrossen weiter: „Der Planet Erde ist in einem beängstigenden Zustand: Klima- und Naturkatastrophen schlagen überall zu, was zusätzliche intelligente Kräfte bindet und fordert. Die Eiskappen der Pole schmelzen. Ein zweitägiger Stromausfall in New York hat kürzlich zwei Milliarden Dollar gekostet.“ Und, so denke ich, was tun wir wirklich dagegen? Die Jugend hat schon immer recht gehabt – eigentlich nichts! Ich rutsche auf meinem Hinter herum und bin wütend. Mein Blick aus der Fensterfront schweift in eine der nächtlichen Straßenschluchten New Yorks. Die morgendliche Dämmerung kündigt sich am Horizont an und gibt mir das Gefühl, dass das Ende nun bald naht. Seit Jahren erlebe ich das schon so – frustrierende Marathonsitzungen! Warum tue ich mir das noch an? Wie klein und unbedeutend das alles von hier oben doch wirkt.
Mein Blick kehrt zurück in den stickigen Saal. Ist man erst einmal hier in diesen Zirkeln der Macht aufgenommen, lernt man schnell die Dinge so zu lenken, dass man für sich und seinen Clan ausgesorgt hat. Interesse an den wirklich wichtigen Themen haben die Allerwenigsten hier. Robuste Politik wird hier nicht gemacht. Die meisten großen Jungs hier haben alle Jobs, die einer Scheinwelt dienen, die werden für Luftnummern bezahlt. Das leisten sich die reichen Staaten aus Legitimationsgründen. Als Erziehungswissenschaftler und Mitglied einer europäischen Delegation, gehen mir die kleinen Vor- und ständigen Rückschritte seit geraumer Zeit auf den Keks, um nicht zu sagen, ich fühle mich damit ziemlich verarscht. Ich will in dieser Sitzungsperiode mit dem Zirkus aufhören. Der Zorn auf diese ganze Bande, bis auf ein paar nette Kollegen und Kolleginnen macht mich krank. Ich hab’ wirklich keinen Bock mehr. Und doch und ja, ich fühle mich auch verantwortlich, verpflichtet, auch gegenüber den europäischen Mitstreitern. Eigentlich, so ist mir seit einiger Zeit schon klar, weiß ich nicht mehr weiter! Die Jahre hier haben eigentlich nichts gebracht, außer Spesen. Der Welt geht es immer schlechter! Wenn ich ehrlich bin und mich im Spiegel anschaue, sehe ich ein durch und durch erschöpftes Gesicht mit traurigen Augen. Hier gibt es keine Resonanz für meine Anliegen – das, so weiß mein Herz, ist die traurige Wahrheit!
Eine tiefe Resignation überkommt mich, ich fühle mich hier unter diesen Menschen, obwohl ich sie seit Jahren kenne, einsam und allein! Eigentlich bin ich ja eine Kämpfernatur, sehe das Glas immer halb voll. Doch nun – ich höre nicht mehr zu, die Müdigkeit übermannt mich, die Augen fallen mir zu. Ich schrecke hoch, als plötzlich am großen Tischoval eine aufgeregte Unruhe entsteht. Leben kehrt in den Laden zurück. Natürlich, wiedermal, die Amerikaner. Ein Einwand des Beauftragten der US-Regierung provoziert eine neue Energie. Genug der Reden und differenzierten Vorschläge, Handeln sei jetzt von Nöten, so beginnt es. Wie wahr, denke ich! Die reichen Staaten müssten jetzt endlich überall Grenzzäune und Mauern bauen, nicht nur hier und da, überall müssten Kontrollen und Sicherungsmannschaften her gegen die Migrationsbewegungen und dann im nächsten Schritt müsste man große Camps einrichten. Ungläubige Gesichter schauen ihn an, was für Camps: „Ja, wir haben da einen Plan. Fruchtbare Frauen aus einigermaßen zivilisierten Regionen der Erde sammeln und in ein In-Vitro-Fertilisation Programm befördern, sie in speziellen Einrichtungen betreuen“.
Ich kann nicht glauben, was ich da höre und denke, „Lager“ will er wohl nicht sagen! Der US-Vertreter weiter: „Eine Aufgabe, die das Militär lösen könne. Frauen gebe es sicherlich genug, die da mitmachen würden und wenn nicht freiwillig, dann eben für Geld, auch für viel Geld, das haben wir ja! Wir drucken es einfach! Es geht schließlich um unsere Zukunft!“ Und süffisant fügt er hinzu, dass es doch noch genügend aufrechte Männer der amerikanischen Eliten gäbe, die sich auch sicher gerne für die Gesellschaft ganz praktisch engagieren würden...! Die Runde ist irgendwie amüsiert, ungläubiges Kopfschütteln, Gemurmel, schlüpfrige Bemerkungen im weiten Rund. Der US-Vertreter fährt ungerührt fort. In den Rocky Mountains könne man wirklich große Camps aufbauen und dafür sorgen, mit Massenbefruchtungen von hochqualitativen Samenbanken geeigneten Nachwuchs zu produzieren. Die geborenen Kinder könnte man in zielorientierten Internaten nach Maßstäben der führenden Eliten großziehen – mit bezahlten Leihmüttern in straff organisierten Häusern. Da platzt mir nun der Kragen und ich stehe auf: „Ich bitte Sie, so etwas können wir Deutsche auf keinen Fall mittragen, das wäre ja wie in der Nazizeit!“ Ich bin ganz außer mir. Die europäischen Kollegen nicken ein bisschen distanziert, aber doch zustimmend, das Gemurmel schwillt an. Der Amerikaner kontert jedoch ganz jovial: „Aber, entgegen den Nazis, Mr. Germany, machen wir das doch für einen guten Zweck!“ Ich falle zurück in meinem Sessel. Jetzt ist richtig Bewegung im Saal – Unverständnis, lauter Widerspruch und Kopfschütteln bei vielen Kollegen. Ein indischer Wissenschaftler geht ganz lakonisch dazwischen: „Das dauert doch alles viel zu lang und außerdem, wieso nur Amerikaner?“ Und der schwedische Kollege: „Das ist doch absurd, ein solches Vorgehen bedeutet ethische, rechtliche und soziale Probleme, das könnten wir doch gar nicht legitimieren“. Die Europäer sind empört. Die chinesischen Kollegen bleiben ganz entspannt.
Was erzählen diese großen Jungs hier, denke ich ganz aufgebracht. Niemand schaut auf die wirklichen Verhältnisse und spricht über das, was dringend endlich zu ändern wäre. Ich klappe mein Laptop wütend zusammen. Der italienische Kollege neben mir ist ebenfalls sauer. Er ruft dazwischen, dass sein Land an den Stränden entlang doch keine Mauer von Pisa bis Sizilien bauen könne! „Viele Leute“, so wendet er sich an mich, „flüchten aus Rom und Neapel, weg aus den Metropolen, in die Berge oder die Schweiz. Anarchie breitet sich aus, ganz abgesehen vom Terror, die Eliten fliehen!“
Der schwedische Kollege geht nach vorne und klopft mehrfach auf ein Glas. Es kehrt langsam wieder Ruhe ein. Er antwortet auf den Beitrag des Amerikaners mit dem Bericht seiner Forschungscrew über die Lebenssituation der Sami-People in Lappland: Hier würden die jungen Frauen noch ganz normal ihre Kinder bekommen. Im Gegensatz zu den Frauen in Städten wie Stockholm, Göteborg oder Norrköping, die auch, wie in anderen reichen Ländern, mehr oder weniger unfruchtbar sind. „Und...“, so der schwedische Kollege weiter, „man habe inzwischen herausgefunden, warum!“ Aha, beruhige ich mich, die Schweden mal wieder und werde neugierig. Plötzlich, ein lauter spitzer Knall – ein Glas Wasser zerschellt überlaut auf den Steinplatten direkt unter dem Tisch. Der Verursacher, ein Japaner, springt erschrocken auf. Auch das noch, denke ich. Sein Kollege aus Australien neben ihm hat eine nasse Hose abbekommen. Jeder im Raum weiß, wie ordentlich, zurückhaltend und höflich besonders japanische Diplomaten in der Öffentlichkeit sind. Also beginnt nun ein Schauspiel fernöstlicher Anteilnahme. Das ist natürlich wieder eine willkommene Abwechslung für die Diplomaten. Der Vorfall scheint für den Mann aus Japan unglaublich peinlich. Er weiß nicht, wem er sich nun zuwenden soll, dem zerschellten Glas oder dem Kollegen. Die Versammlung aber macht Witze. Der italienische Kollege reicht dem Australier ein Tuch aus seinem Aktenkoffer. Dann bricht sich die japanische, körperlich vorgetragene Entschuldigung ihre Bahn: Ein mehrfaches „Sorry, Excuse me“ mit den entsprechenden Verbeugungen. Und dann, in japanischer Sprache, offensichtlich Worte des tiefen Bedauerns. Das macht es irgendwie noch schwerer, das unbedeutende Missgeschick bläht sich zum willkommenen Eklat unter Diplomaten auf. Der vortragende Kollege aus Schweden schaut irritiert und fragend in die Runde. Der Japaner bedauert immer noch die Unterbrechung und entschuldigt sich nun bei dem Skandinavier. Ein UN-Mitarbeiter telefoniert.
Der schwedische Wissenschaftler versucht seinen Faden wieder aufzunehmen. Doch es gelingt ihm nicht, denn der Japaner hat nun auch noch, als er sich nach den Scherben des Glases bückte, seinen Ledersessel nach hinten umgestoßen. Dem amerikanischen Kollegen entfährt ein lauter Lacher. Der Japaner entschuldigt sich wieder mit seinem ganzen Körper und richtet den Stuhl wieder auf. Der Schwede lächelt und fährt nun lauter fort: „Sorry, ich fahre nun fort, wenn Sie gestatten...“ und schaut den Japaner an. Der nickt fleißig. „Also, wir haben festgestellt, meine Damen und Herren …“ Ein Kollege aus Tansania weist den Schweden amüsiert darauf hin, dass Frauen im Moment hier nicht mehr anwesend seien. Und tatsächlich, ich schaue in die Runde und sehe keine Frau! Die, so denke ich noch, machen die Männerspielchen nicht mehr mit. Er wird lauter. Irgendwie ist nach dieser Marathonsitzung die ganze Gesellschaft nicht mehr willens weiterzumachen. Sie ergötzen sich am Aufruhr wie eine Schar Jugendlicher, die einen Buhmann ausgemacht haben. Der Schwede schaut in die Runde, lächelt und öffnet seine Arme seitlich, als ob er fragen wolle, sind wir jetzt fertig?
Ja, das sind wir, denke ich und stehe auf. Andere machen es ebenso. Der UN-Botschafter macht einen letzten Versuch: „Entschuldigen Sie, wir sollten noch….“ Er stockt und kann seinen Satz nicht zu Ende führen, denn in diesem Konferenzraum geschieht nun etwas ganz Ungeheuerliches: Der amerikanische Kollege gleitet mit Gepolter und weit aufgerissenen Augen vom Sessel zu Boden, der australische Diplomat bricht ebenfalls auf diese Weise zusammen und reißt seinen Laptop mit nach unten. Hey, was geschieht hier, bin ich Film, schießt es mir durch den Kopf? Dann sackt jäh ein Kollege aus der koreanischen Delegation direkt vor mir zusammen, ohne einen erkennbaren Grund. Unruhe, Panik, laute Rufe, Stuhlgeschiebe, emporspringende Männer, Durcheinander, einer schreit: „Terror!“. Ein Kollege macht ein paar Schritte zum herunter gesackten Amerikaner, um zu helfen, alles redet durcheinander, das Chaos beginnt!
Ich werde angerempelt und falle in meinen Stuhl zurück, bin völlig konsterniert und nehme in dem ganzen Geschrei dumpfe Plop-Geräusche wahr, so, als ob ein Tropfen Wasser in einen stillen Teich fällt. Die Diplomaten raffen blitzschnell ihr Zeug zusammen, und während sie sich noch im Durcheinander orientieren und versuchen, ihre Papiere, Computer, Handys und Tabletts, vor allem auch sich selbst zu organisieren, sacken einige von ihnen auch schon in sich zusammen. Mir schnürt sich der Hals zu und in vollkommener Erstarrung erlebe ich, wie zwei Konferenzteilnehmer mir gegenüber in sich zusammenfallen wie ein Taschenmesser, und ich sehe gerade noch mit Schrecken, wie ein leuchtendes Lichtprojektil in die Stirn meines italienischen Kollegen, den ich sehr mochte, hineinfährt. Ich erstarre! Der französische Diplomat versucht, sich geduckt davonzumachen, und reißt nun mich und meinen Sessel um. Ich stürze, liege rücklings plötzlich auf dem Boden und ein getroffener Mann kommt über mir ins Fallen – der Japaner.
Mir rast es nun durch den Kopf, dass seine Aufregung begründet war, er hat etwas gespürt: Ein Anschlag – wir sind Opfer eines Überfalls von Terroristen. Blanke Angst steigt in mir empor. Schreiende Männer stoßen sich gegenseitig um, hechten über und unter den Konferenztisch. Ich bleibe erstarrt liegen und schaue nur. Und wieder sinken in meinem Blickfeld zwei Diplomaten zu Boden. Mit welchen Waffen wird hier... Ich muss jetzt hier weg! Doch ich kann mich unter dem Japaner und seinem Kollegen kaum bewegen. Und dann, ganz plötzlich, verändert sich meine Wahrnehmung: Alles ist irgendwie ein wenig schemenhaft und langsam. Schock denke ich, vielleicht bin ich auch getroffen, ohne es zu merken! Und dann sehe ich sie wirklich: Silbrig-weiß glänzende, wunderschön anzusehende ovale Lichtschweife. Sie fliegen als strahlende, hoch energetisierte Lichtprojektile an mir vorbei und dringen geräuschlos, bis auf das feine Plop, in die Körper ein. Ich sehe aufgerissene Münder und schreckensweite Augenpaare und höre ferne Schreie. Die Gesichter der getroffenen Männer erstarren mit einem verständnislosen Erstaunen. Die eigene, so streng gehütete Kontrolle ist ihnen entglitten. Sie haben das Heft nicht mehr in der Hand. Für Männer eine Katastrophe.
Ich sehe keine Wunden, kein Blut – fassungsloses Staunen und panische Angst erfassen mich nun auch. Über mich hinweg stolpern mir bekannte Diplomaten, sie rufen nach mir und ich nach ihnen. Doch irgendwie klingt alles weit weg. Ich versuche, unter den beiden Japanern frei zu kommen. Ein jeder will fliehen und doch kommt man nicht weit – Plop, Plop – und die Körper sacken zusammen. Diese Geschosse sind für mich materiell nicht einzuordnen, sie wirken, als seien sie aus reiner Lichtenergie, vergleichbar mit einem Strahl, der geformt ist wie ein schmales längliches Ei. Unfassbar, woher kommt diese Energie? So eine Technik gibt es doch gar nicht oder hab ich da etwas nicht mitbekommen?
Bevor ich mich aufrappeln kann, stürze ich wieder, denn jemand hat mich niedergerissen, will sich an mir festhalten. Wir fallen gemeinsam, wieder seitlich unter den großen Konferenztisch. Einer dieser weißen Lichtbündel fliegt direkt vor meinen Augen an mir vorbei, blendet mich und trifft den gefallenen Kollegen, der augenblicklich zusammensackt. Der Chinese ist sofort ohne Leben und bleibt mit erstauntem Gesichtsausdruck neben mir regungslos auf dem Rücken liegen. Seine panisch weit aufgerissenen Augen starren in eine weite Ferne, ich bin erschüttert und bekomme jetzt furchtbare Angst! Ich bin wohl auch gleich dran, denke ich und nein, das will ich nicht! Mein Verstand dreht durch. Und dann kommt die absolute Panik. Man kann nicht entkommen, brennt es sich fest in mir ein, du hast keine Chance und doch: Solange es dich nicht trifft – du bist ein Kämpfer. Und blitzartig sehe ich mich als Junge durch meinen Indianerwald über umgestürzte, bemooste Bäume und Wurzeln springen. Da hatte ich nie Angst, auch wenn ich am Baum schon gefesselt war und die Marterung bevorstand, war die Flucht schon als Vision in mir. So war das einst, mach dich nun davon! Ich rolle mich auf den Steinplatten zur Seite und krieche tiefer unter das Tischoval. „Plop, plop“, dringt es in dem Lärm wieder an mein Ohr, und als ich an der anderen Seite des Tisches innehalte, sackt in meinem Blickfeld ein weiterer chinesischer Kollege in sich zusammen und starrt mich aus fernen, fremden Augen an. Kein Blut, denke ich – keine Verletzung und doch ganz tot! Das kann und darf nicht sein! Was passiert hier?
Da ist etwas am Werk, das nicht menschlich ist, nicht von dieser Welt. Neben der Angst und Panik durchflutet meinen zitternden Körper nun auch etwas anderes: Ja, ich bin tatsächlich neugierig auf das, was da an ‚außerirdischer Energie’ zu uns kommt. Und in diesem Gefühl größter Furcht und doch vollkommener Aufmerksamkeit gibt es plötzlich in meinem Körper einen richtigen Ruck, als hätte mich jemand angestupst und ich spüre mich irgendwie verändert, da steigt so etwas wie Akzeptanz, wie Annehmen in mir hoch und zu meiner Überraschung verfliegt damit meine Angst. Ich lasse, ganz gegen meine Erfahrung einfach los, ich willige ein, hier und jetzt auch zu sterben und das wundert den Kämpfer in mir nun vollends. Ich spüre unter dem Tisch, wie das von ganz innen herauskommt und mir ganz und gar fremd ist. Loslassen oder Aufgeben steht normalerweise nicht auf meiner Agenda und jetzt gebe ich mich hin?
Ich verlasse meine Deckung unter dem Tisch und versuche mich in dem Durcheinander aufzurichten: Es kann jetzt kommen, was da kommen mag! Und mit der Aufrichtung meines Körpers neben dem Konferenztisch bekommt etwas in meinem Inneren Statur, etwas, das ich nicht kenne: Ich werde ganz unvermittelt von einer enormen inneren Klarheit und Kraft erfüllt, obwohl ich doch eigentlich hundemüde bin. Der drohende eigene Tod rückt dabei in weite Ferne. Ich gleite innerlich wie von Geisterhand geführt empor. Mein Innerstes breitet sich aus. Ich habe das Gefühl zu schweben, obgleich ich auf dem Boden stehe – eine große Stille erfasst mich in all dem Chaos und Getümmel. Ich fühle mich eingehüllt, gewissermaßen beschützt. Es ist eine Energie, die mich beruhigt, die mir richtig guttut. Ich realisiere, dass ich mit diesem ‚Anschlag’ nichts zu tun habe. Hier scheint etwas ganz Großes abzulaufen, da ist eine Idee, eine Kraft am Werk, die außerhalb von uns ist, mit der ich jedoch auf eine rätselhafte Weise verbunden scheine, jedenfalls macht sie mir auf einmal keinerlei Angst. Ich fühle in dieser Kraft und Ruhe mein Innerstes, den tiefsten Teil von mir, den ich in den angestrengten letzten Jahren im Alltagsgeschäft vollkommen verloren hatte. Ich habe jetzt wieder Kontakt zu mir selbst. Eine tiefe innere Ruhe erfasst mich. Was geschieht hier mit mir?
Ich schaue mich um und sehe viele leblose menschliche Körper am Boden liegen. Die Stille erscheint mir ganz natürlich und doch ergreift nun ein neuer Gedanke Besitz von mir: Ich bin vielleicht auch schon tot? Vielleicht erlebt man so den Tod, der mich, seit ich denken kann, schon immer beschäftigte? Was passiert im Sterben und vor allem was kommt danach? Ja, Stille, keine Angst, Klarheit, so scheint der Tod zu sein und man merkt es vielleicht ja auch gar nicht. Man glaubt weiterzuleben und noch in der irdischen Realität zu sein, weil man es unbedingt so will. Man will nicht sterben! Wie merkwürdig, denke ich, man macht sich auch in diesem allerletzten Moment noch etwas vor wie sonst im Leben auch. Nach der Angst ist es aber irgendwie schön, das Sterben, das Loslassen, nichts ist wirklich mehr wichtig. Ich werde neugierig, wo geht die Reise hin?
Plötzlich dringen in diese wunderbare Stille zerbrechende Scheiben, lautes Geschrei und metallische Geräusche. In dieser Entrücktheit sehe ich, wie schwerbewaffnete Soldaten dickes Glas zertrümmern, wie sie martialisch von allen Seiten durch Glasscheiben in den Raum drängen. Sie sehen aus, als kämen sie von einem anderen Planeten. Überall ist jetzt splitterndes, knirschendes Glas zu hören und Befehle. Schreie und Sirenen dringen an mein Ohr. Der ohrenbetäubende Krach schmerzt mich. Und in diesem Augenblick des größten Chaos’ ist es mir plötzlich, als werde ich innerlich zerrissen, zweigeteilt. Ich nehme die Außenwelt wahr und zugleich, auf einer anderen, tieferen oder besser höheren Ebene überwältigt mich etwas, was mich magisch nach innen zieht, wie zu einem Magneten, einem ungeheuren Kraftfeld im tiefsten Grund des Lebens. Ein mächtiger Schauer durchfährt meinen Körper. Einer Explosion gleich durchströmt mich eine ungekannte Energie, wie eine Ekstase, vollkommen erregend. So ist es also im Tod, aufregend wie beim Sex! Ich habe das unmissverständliche Gefühl, den Anfang eines neuen Zustandes zu erfahren, in mir dehnt sich etwas Unbegreifliches aus. Ich fühle mich plötzlich komplett, ohne Mangel, ohne Angst, ohne Wunsch, einfach als vollkommenes Wesen, als hätte ich eine neue Identität...