War mein Schnitzel glücklich?
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War mein Schnitzel glücklich?

Unsere Haltung zum Tierwohl

  1. 144 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
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War mein Schnitzel glücklich?

Unsere Haltung zum Tierwohl

Über dieses Buch

Die Diskussion um das Tierwohl erreicht immer mehr Menschen. Verbraucher werden immer häufiger mit dem Thema Tierwohl konfrontiert: auf Fleischpackungen im Supermarkt, in der Zeitung, bei Demonstrationen. Nicht immer geht es dabei sachlich zu. Die Kontroverse beginnt schon bei der Definition: Was ist überhaupt unter Tierwohl zu verstehen? Woran erkennen wir, ob es einem Tier gut geht? Ein glänzendes Fell? Schwanzwedeln? Wedeln Kühe überhaut mit dem Schwanz, wenn sie sich wohlfühlen? Womit wedelt ein Huhn? Das Problem ist: Eine allgemeingültige Definition von Tierwohl gibt es nicht. Klar ist nur eines: Der Diskurs über das Tierwohl ist ein Kampf um die Deutungshoheit. Dieses Buch bildet den aktuellen Diskurs über das Tierwohl mit seinen gegensätzlichen Meinungen ab, liefert auf unterhaltsame Weise Fakten und ordnet diese ein. In diesem Buch kommen Menschen zu Wort, die ganz unterschiedliche Haltungen zum Tierwohl haben: Veganerin und Jägerin, Landwirtin und Tierrechtler, Wissenschaftler und Schlachthofbesitzer. Das Buch bietet die Chance, unterschiedliche Perspektiven zu diesem kontroversen Thema zu entdecken.

Häufig gestellte Fragen

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PORTRÄTS

Hans Nehoda, Wissenschaftler und Berater im Gesundheitswesen:
„Die Lohnmästerei gehört abgeschafft und dafür müssen die echten
Bauern mehr gefördert werden.“

von Mechthild Baumann
Es ist ein frostklarer Nachmittag in Berlin. Die Sonne scheint, der Himmel strahlt in seinem schönsten Blau und doch ist der Blick auf Professor Nehoda vernebelt von Stein- und Zementstaub. Der Wissenschaftler wartet vor einem Nebengebäude der Humboldt-Universität unter einem Baugerüst. Er hat die Arme um seinen Oberkörper geschlungen, die Schultern bis hoch zu den Ohren gezogen und tritt von einem Fuß auf den anderen. Gerade in Berlin kann es eisig kalt sein, der Wind tut sein Übriges und weht uns, bevor meine Kollegin und ich ihn begrüßen können, eine große Staubwolke und den Lärm eines Presslufthammers entgegen. Wir schütteln kurz die Hände und schon schiebt Nehoda uns durch eine alte, schwere Holztür ins Innere des Gebäudes. Erst im Inneren des großzügig gestalteten Foyers, aus dessen Zentrum sich eine rote Marmortreppe elegant nach oben schwingt, wird klar, dass wir uns in einem historischen Gebäude befinden. Der architektonische Eindruck des 18. Jahrhunderts wird jedoch schnell überlagert vom Geruch der neueren Geschichte. Noch 30 Jahre nach der Wende riecht es hier nach DDR, ein wenig verstaubt. In einem knarzigen, windschiefen Aufzug zuckeln wir dicht aneinandergedrängt in das oberste Stockwerk.
Durch einen verwinkelten, dunklen Gang gelangen wir schließlich in Doktor Nehodas Büro, das er sich mit seinem 86 Jahre alten Doktorvater teilt. Wer Klischees über Wissenschaftler sucht, der findet sie hier, in diesem kleinen Eckzimmer, das vom Boden bis unters Dach mit Büchern, Papieren und Aktenordnern vollgestopft ist. Ein betagter Professor mit schlohweißem Haar und akkurat schief sitzender Baskenmütze empfängt uns herzlich und „verzieht sich“ sogleich, um uns Platz zu schaffen in seinem „Refugium“. Nicht jedoch, ohne uns stolz zu verkünden, dass er der einzige Professor der DDR war, der auch nach der Wende an der Humboldt-Universität seine Professur behalten konnte und kurz darauf einen vielversprechenden Doktoranden annahm: Hans Nehoda. Der wiederum ist Westdeutscher.
Was bringt einen westdeutschen Studenten dazu, direkt nach der Wende bei einem ostdeutschen Professor zu promovieren? „Ich hatte keine Lust auf diese selbstzufriedenen, arrivierten westdeutschen Professoren“, antwortet er mit einem verschmitzten Lächeln. Wir haben es offenbar mit einer Persönlichkeit zu tun, der die Auseinandersetzung mit der Wissenschaft und ihrem Dissertationsthema wichtiger ist als ihre Karriereperspektive. Heute ist Dr. Nehoda, Jahrgang 1953, Wissenschaftler und hat neben seiner Psychologieforschung auch in der Wirtschaft gearbeitet. Seit vielen Jahren schon pendelt er zwischen Berlin und seinem Wohnort in Westfalen, wo seine Familie lebt.
Nehoda: Ich habe extra Saft gekauft für Sie. Eine Kaffeemaschine haben wir nicht.
Beherzt gießt er uns ein und schaut uns erwartungsvoll an.
MB: Herr Nehoda, essen Sie Fleisch?
Nehoda: Ja, Huhn, das esse ich. Ich bin wahrscheinlich auch ein bisschen durch Indien beeinflusst, da gibt’s eben Huhn. Das ist in Indien Standard, wenn man Fleisch isst, dann gibt’s meistens Huhn. Es gibt auch noch Schaffleisch. Aber das esse ich schon nicht wegen meiner beiden Jungs, Dr. Klinker-Emden und Herrn Müller-Lüdenscheidt, das kann ich auch nicht mehr essen.
Das macht uns neugierig. Was haben diese beiden Herren Doktoren mit dem Schaffleischkonsum von Dr. Nehoda zu tun? Sind es Kollegen?
Nehoda: Ich habe auch selbst Schafe gehalten, als ich selbst mal einen Bauernhof gepachtet hatte, weil ich das mal erleben wollte. Und meine beiden Schafböcke haben auch auf ihren Namen gehört. Ich habe die immer gefüttert, wenn ich von der Arbeit kam. Die hießen Dr. Klinker-Emden und Herr Müller-Lüdenscheidt, aber es reichte auch, wenn ich „Jungs“ sagte.
Dr. Nehoda blickt aus dem Fenster und lacht kurz auf beim Gedanken an seine Schafe.
Nehoda: Weil ich die Böcke nicht kastriert hatte, waren sie nicht ungefährlich. Als sie einmal einen Nachbarn geboxt haben, wurde mir das Risiko zu groß. Außerdem lag die Weide auf dem Schulweg der Grundschule und regelmäßig haben die Kinder auf der Weide Äpfel gepflückt. Als ich dann einen Schlachter gerufen habe, sagte er: „Ach, jetzt müssen wir die noch einfangen!“ Und ich erwiderte: „Ich ruf die Böcke und dann kommen sie zu uns.“ Der Schlachter konnte das gar nicht glauben.
Dr. Nehoda schaut sehr ernst und versinkt kurz in seinen Gedanken.
Nehoda: An diese Situation denke ich noch heute. Meine Schafböcke hatten ja auch einen Namen und ich wusste nicht, was auf mich zukommt mit dem Schlachter. Nachdem die Schafe vom Schlachter verladen waren, habe ich etwas mehr als eine Woche gewartet. Danach rief er mich an und sagte, wir müssten über den Preis sprechen. Ich dachte, ich geh zu ihm und dann sagt er mir in seinem Büro, wie schwer die Tiere waren und wie viel Geld er mir pro Kilo zahlen kann. Aber der Termin bei ihm verlief völlig anders. Ich sah unerwartet, dass meine beiden Böcke dort an einem Haken hingen und der Schlachter wollte über die Qualität des Fleisches mit mir sprechen. Dieses Gespräch war an der Grenze des Erträglichen für mich, weil ich gleichzeitig Herrn Müller-Lüdenscheidt und Dr. Klinker-Emden an dem Haken sehen musste. Der Schlachter sagte mir dann, die beiden seien zu fett und deswegen müsse man da etwas rausrechnen, weil Fett weniger Geld bringt als Fleisch. Das kann ich mir selbst nicht verzeihen, dass ich das gemacht habe. Das nennt man dann wohl unethisches Verhalten.
Stille im Raum. Herr Nehoda blickt traurig aus dem Fenster.
MB: Was genau können Sie sich nicht verzeihen?
Nehoda: Das ich zu diesem Schlachter gegangen bin und mit ihm den Wert des Tieres verhandelt habe anhand der Fettstruktur. Mein Verhalten damals fand ich unentschuldbar.
MB: Unentschuldbar Ihren Schafen gegenüber?
Nehoda: Man sagt ja immer, man sollte Tieren keinen Namen geben, weil sich dann eine Beziehung aufbaut. Auch aus diesem Grund haben die Masttiere ja auch eine Nummer. Weil meine beiden Böcke einen Namen hatten, und fünf Jahre auf meinen Hof lebten, und von den Bauern der Umgebung im Winter mitversorgt wurden, weil ich mich zeitlich nicht kümmern konnte und auch kein Futter hatte, hat sich natürlich eine Beziehung zu ihnen aufgebaut. Ich kann sogar sagen, dass beide einen unterschiedlichen Charakter hatten.
Die Bauern sagten mir damals: „Bist du bekloppt? Die müssen geschlachtet werden!“, und ich sagte: „Nein, die gehören zur Familie.“ Und dann hatte ich einen Nachbarn, „Schulten-Hannes“, der zu mir zum Apfelpflücken gekommen ist. Ich hatte ungefähr zwei Hektar Obstwiese und er fragte mich an diesem Tag, ob er Obst für einen Apfelkuchen pflücken dürfte. Nachdem er die Weide betreten hat, sind meine beiden Böcke auf ihn losgegangen. Dann habe ich mir gedacht, dass die beiden Böcke zu einem Risiko werden können, weil auch Kinder sich manchmal Äpfel geholt haben. Das Risiko wurde mir einfach zu groß. Deswegen habe ich mich so entschieden, sonst hätten die noch viel länger gelebt.
Herr Nehoda greift zur Glaskaraffe und schenkt uns Wasser ein. Diese kurze Pause erlaubt es allen, kurz innezuhalten. Die Erinnerungen an seine geschlachteten Schafe wecken Schuldgefühle in dem Wissenschaftler, der es gewohnt ist, Dinge nüchtern und rational zu bewerten. Nehoda hat den Begriff „Ethik“ ins Spiel gebracht. Ist es unethisch, zwei aggressive Schafe zu schlachten? Oder ist es unethisch, den Fleischpreis von Tieren zu verhandeln, die einem ans Herz gewachsen waren? Es wäre an dieser Stelle interessant, den Schlachter dazu zu befragen. Für ihn waren Herr Müller-Lüdenscheidt und Dr. Klinker-Emden wahrscheinlich zwei Nutztiere wie die vielen anderen, die er jeden Tag tötet und für die Weiterverarbeitung zerlegt – nur fetter. Doch Dr. Nehoda hatte ihnen Namen gegeben, sie aus der Anonymität geholt und so eine Beziehung zu diesen Tieren aufgebaut. Das Fleisch seiner Schafe konnte er anschließend nicht essen. Auch das anderer Schafe seitdem nicht mehr.
Fast klingt es, als habe hier ein Städter zur Selbstverwirklichung einen Bauernhof gepachtet und sein erstes (traumatisches) Erlebnis mit der Lebenswirklichkeit der Nutztierverarbeitung gehabt. Doch dem ist mitnichten so. Nur auf den ersten Blick wirkt Nehoda, als sitze er den ganzen Tag im wissenschaftlichen Elfenbeinturmbüro der altehrwürdigen Humboldt-Universität. Nehoda ist auf einem Bauernhof groß geworden, zumindest teilweise. In mehreren Generationen hat seine Familie mütterlicherseits als Bauern gearbeitet. Sie hatten Schweine und Hühner zu Hause und vom Großvater hat er mit sieben Jahren gelernt, Hühner zu schlachten.
Nehoda: Das Huhn machte er erst bewusstlos, indem er es drehte. Dann hat er ihm den Kopf abgeschlagen. Das Huhn, das er damals schlachtete, hat sich befreit und flog weg. Das hat mich als Kind sehr schockiert.
Nehoda hat offenbar seit seiner Kindheit gelernt, dass, wer Fleisch essen will, vorher ein Tier töten muss.
Nehoda: Als Kind war ich auch beim Schweineschlachten dabei und meine Aufgabe war es, das Blut zu rühren, damit es nicht gerinnt. Bei der Herstellung der Bratwurst musste ich den Darm aufhalten und auf Zuruf wieder schließen. Mit der Verarbeitung des Tieres war die ganze Familie beschäftigt.
Interessant ist hier, welche Konsequenzen er aus seinen verschiedenen Schlachterlebnissen zieht. Schaf- oder Lammfleisch kann er seit der Tötung seiner beiden Böcke nicht mehr anrühren. Doch obgleich das Schlachten der Hühner mit seinem Großvater ihn abstieß, insbesondere die Tatsache, dass das Huhn nach seiner Enthauptung noch einige Sekunden wirr herumläuft, gehören Hühner zu den wenigen Tieren, die er heute noch verzehrt. Ist dies ein Widerspruch, oder gibt es dafür einen Grund, über den wir bislang noch nicht gesprochen haben? Darauf angesprochen, denkt Nehoda kurz nach, es scheint, als müsse er selbst ergründen, warum er das eine Tier verzehrt, das andere jedoch nicht. Dann antwortet er zögernd:
Nehoda: Nein, das hält mich nicht ab. Weil ich eben diesen Fleischer vom Wochenmarkt kenne. Bei uns auf dem Lande gibt es jetzt schon seit Jahren wieder die Freilandhaltung. Eine Zeit lang hat man ja gesagt, das geht nicht, weil die Hühner das Freiland zu sehr verkoten. Aber jetzt gibt es so ein System, wo die Hühner immer auf unverbrauchte Wiesen weitergeschoben werden. Und diese Freilandhühner können Sie dann auch auf dem Markt kaufen. Diese Freilandhühner leben schon unter guten artgerechten Bedingungen, eben unter erstklassigen Bedingungen. Da gibt’s dann unterschiedliche Preise. Die ich auch akzeptiere. Diese Freilandhühner esse ich schon, ja.
Hier bringt er einen weiteren Beweggrund ins Spiel: die Haltung der Tiere. Es fällt ihm offenbar leichter, Fleisch von Tieren zu verzehren, die unter „erstklassigen Bedingungen“ gehalten wurden. Der Widerspruch zu seinen Schafen, die fünf Jahre ein paradiesisches Leben auf seiner westfälischen Obstwiese geführt haben, ist damit nicht ganz aufgelöst. Es zeigt sich vielmehr, dass die Einstellung von Menschen zu Nutztieren und Fleischkonsum in kein Schwarz-Weiß-Schema eingepasst werden kann. Sie ist vielschichtig und geprägt von unterschiedlichsten Werten, die einem in der Familie mitgegeben werden, die man später für sich entdeckt, und von vielen Erfahrungen, die jeder im Laufe seines Lebens sammelt. All die Werte und Erfahrungen bilden zusammen, wie bunte Kristalle in einem Kaleidoskop, das individuelle Bewertungsschema eines jeden Einzelnen, bilden den oft unbewussten Kompass, der den einen dazu bewegt, Schweinefleisch aus dem Supermarkt zu verzehren, und den anderen, sich jeglichem Fleischkonsum zu versagen.
Wir möchten Nehodas individuellen „Kompass“ besser verstehen. Wenn es ihm leichter fällt, Fleisch von Tieren zu verzehren, die unter erstklassigen Bedingungen lebten, wie steht er dann zu Wildfleisch? Fleisch von Wildschweinen oder Rehen, die Zeit ihres Lebens wild und frei im Wald gelebt haben.
Nehoda: Ich hatte einen Bekannten, mit dem ich unterrichtet habe, der war Jäger. Und der hat mir mal zum Dank für irgendetwas einen Wildschweinschenkel geschenkt, den habe ich gegessen. Und ein anderer Freund ist auch Jäger und hat mir einmal eine selbst geräucherte Wurst geschenkt. Die habe ich auch nicht verkommen lassen. Aber ich würde das nicht kaufen.
MB: Warum nicht?
Nehoda: Für mich sind Rehe etwas Wunderbares. Wenn ich so übers Land laufe und sehe nicht mindestens ein Reh, dann war das kein guter Lauf. Also, Rehe würde ich auch niemals essen. Rehe und Wildschweine. Ich habe schon einmal eine Rotte aufgeschreckt beim Joggen.
Nehoda pausiert kurz und korrigiert sich.
Nehoda: Also, gegessen habe ich Wildfleisch schon, aber ich würde es nicht extra kaufen. Wenn ich es irgendwo serviert bekomme, weil ich eingeladen bin, und es gibt Wildschweinbraten, würde ich den auch essen, aber selbst kochen würde ich ihn nicht.
Wir diskutieren, worin diese Selektivität begründet ist und woher die Widersprüche kommen. Das eine Tier isst er guten Gewissens, das andere gar nicht, das dritte nur bei Einladungen. Vollständig identifizieren können wir den „individuellen Kompass“ nicht. Kulturelle Prägung ist ein Aspekt, den Nehoda hier selbst mit ins Spiel bringt, der uns wieder zurück auf die Werte bringt, seien diese nun individuell oder gesellschaftlich.
Nehoda: Ich war in den 1980er Jahren in China. Dort konnte man auch Hundefleisch essen, die werden auch extra gehalten. Zum Beispiel Golden Retriever, weil die besonders viel wiegen. Ich kann meine Gefühle gar nicht so ausdrücken, um zu beschreiben, was da bei mir innerlich abgeht. Ich bin ja mit Hunden groß geworden, auf dem Hof. Aber die Chinesen können sich auch nicht vorstellen, dass wir Kaninchen essen.
Wir wollen mehr erfahren über seine bewussten und unbewussten Auswahlkriterien und fragen nach. Gibt es weitere Tiere, die Sie nicht essen würden?
Nehoda: Ja, Pferdefleisch konnte ich noch nie essen. Da gab es einen Eklat in meiner Familie. Da hat man mir einmal eine Suppe aus Pferdefleisch vorgesetzt und hat nachher gesagt: „Hat die Suppe geschmeckt?“ Nachdem ich bejaht hatte, wurde mir offenbart, dass ich Pferdefleisch gegessen hatte. Da hat es echt einen Eklat gegeben, weil ich sehr sauer geworden bin.
Also, Pferd kann ich nicht essen. Außerdem esse ich kein Kalbfleisch, Fleisch von Milchlämmern esse ich auch nicht, weil ich weiß, die haben nur die Muttermilch gekriegt und dann werden die geschlachtet, weil das Fleisch dann als besonders gut gilt. Dieses Denken finde ich krank. In dieses Fleisch kann ich nicht reinbeißen. Also ich habe dann richtig eine Beißhemmung. Also Kalb, Lämmer, Pferd, Schwein, da ist das Ekelgefühl zu stark.
Das letzte Tier in der Aufzählung überrascht. Wieso kein Schwein?
Nehoda: Es ekelt mich zu sehr.
Wir wollen mehr erfahren.
Nehoda: Ich lebe ländlich und wenn ich jogge, komme ich an zwei Mastbetrieben vorbei. Seit einem Jahr möchte ich den Bauern fragen, ob er seine Tiere verwesen lässt, weil das so stinkt. Der Gestank ist nicht normal. Ich kenne den Geruch von Mist, weil ich immer auf dem Bauernhof gespielt habe. Mein Onkel hatte einen Bauernhof, und das roch ganz anders als die Gülle. Die Schweine und Kühe standen auf Stroh, keine Spaltböden.
Warum haben Sie den Bauer bislang nicht gefragt?
Nehoda: Weil ich denke, dann trete ich ihm zu nah. Ich bin nicht sauer, ich bin echt enttäuscht und völlig neben der Rolle, wenn ich da vorbeigehe. Ich weiß ja, dass dort Schweine gemästet werden. Die sehen nie natürliches Licht und stehen in ihrem kurzen Leben auf ihren eigenen Exkrementen. Das ist ein abstruser Gestank.
Beim Gedanken an den Mastbetrieb schaudert es ihn. Die Frage, ob man Schweinezucht und Schlachten generell verbieten solle, vernei...

Inhaltsverzeichnis

  1. Danksagung
  2. Inhaltsverzeichnis
  3. War mein Schnitzel glücklich? Der Diskurs über das Tierwohl und der Kampf um die Deutungshoheit
  4. Aufbau des Buches
  5. Porträts
  6. Ansichten von Experten
  7. Epilog Glaubens- und Wertesysteme bestimmen die Haltungen zum Tierwohl
  8. Autorinnen und Autoren
  9. Impressum