Der zwangspensionierte Gott
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Der zwangspensionierte Gott

Ein Blick aus der Zukunft in die Vergangenheit und Gegenwart

  1. 64 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
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Der zwangspensionierte Gott

Ein Blick aus der Zukunft in die Vergangenheit und Gegenwart

Über dieses Buch

Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern. Das ist ein bekanntes Wort aus Goethes Drama Faust. Der Alte war zu Goethes Zeiten offenbar nur teilpensioniert; sein schrittweiser Ausstieg wurde erst vorbereitet. Selbst in meiner Generation erschien er zunächst noch täglich im Betrieb. Er erkundigte sich nach unserem Wohlergehen, hatte ein gutes Wort, brachte ein Geschenk. Die Juniorchefs liessen sich gerne von ihm beraten. Heute ist das anders. Wir haben ihn pensioniert. Er hat sich gewehrt, doch wir haben ihn entmündigt und zur Ruhe gezwungen. Bei einer Taufe laden wir ihn nach wie vor gnädig ein, bei Trauungen immer seltener. Bei Trauerfeiern war er bis vor kurzem noch jedes Mal dabei, doch heute bemühen wir ihn nicht mehr. Was soll er auch an Abschiedsfeiern von Ur-Ur-Urenkeln, die ihn gar nicht gekannt haben?

Häufig gestellte Fragen

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Lieder gestern und heute

Als Kinder sangen wir oft und gerne: beim Abwaschen, wenn wir der Mutter beim Abtrocknen halfen, beim Burgen-Bauen im Sandkasten, aber auch auf der Toilette und beim Velofahren. Es gab nichts Herrlicheres, als sich beim Velofahren den Wind um die Ohren pfeifen zu lassen und dazu zu singen. Die allerersten Lieder, an welche ich mich erinnere, drückten aus, dass die Zeit des Hungerns noch nicht lange zurücklag und wir uns mitten im Krieg befanden. Ich sass auf dem Mäuerchen vor unserem Haus und sang. Die Nachbarn hörten zu. Sie blieben stehen und forderten mich auf, zu ihnen nach Hause zu kommen und zu singen. Ich bekam zwanzig Rappen, manchmal gar fünfzig Rappen, wenn ich zum Singen antrat.
Ich sang:
Mutter, Mutter, es hungert mich, gib mir Brot, sonst sterbe ich.
Warte nur, mein liebes Kind, morgen wird geerntet sein.
Mutter, Mutter, es hungert mich, gib mir Brot, sonst sterbe ich.
Warte nur, mein liebes Kind, morgen wird gedroschen sein.
Mutter, Mutter, es hungert mich, gib mir Brot, sonst sterbe ich.
Warte nur, mein liebes Kind, morgen wird gemahlen sein.
Mutter, Mutter, es hungert mich, gib mir Brot, sonst sterbe ich.
Warte nur, mein liebes Kind, morgen wird gebacken sein.
Als das Brot gebacken war, lag das Kind in seinem Sarg.
Das Hungerlied kannte ich von Mama und den Tanten, die als Kind gehungert hatten. Oft hatte es bei ihnen nur zu einer einzigen Mahlzeit am Tag gereicht.
Bei meinem kleinen Cousin Peter wurde nicht nur das Hungerlied gesungen: Wenn das verwöhnte Söhnchen sich weigerte, die tägliche langweilige Gerste zu essen, griff Tante Trudi dramatisch nach dem Vorhang, kaute schauspielerisch daran und rief dazu: «Peter, auch du wirst vielleicht noch einmal am Hungertuch nagen.» Sie und ihre sechs Schwestern hatten als Kinder buchstäblich am Hungertuch genagt.
Doch nicht nur der Hunger lag uns nahe, sondern auch der Krieg. Wenn ich in den Nachbarhäusern das Lied vom sterbenden Krieger und seinem Mütterlein sang, brachen vor allem die älteren Menschen in Tränen aus.
Leise tönt die Abendglocke,
alles neigt sich schon zur Ruh,
Vöglein singet Abendlieder,
Sonne sank dem Westen zu.
An dem Bette kniet leise
eine Nonn’ in schwarzer Tracht,
betet für den armen Krieger,
der verwundet in der Schlacht.
Beide Beine abgeschossen
und dazu die rechte Hand,
tapfer hatte er gefochten,
für sein teures Vaterland.
Leise klopft es an die Pforte
und ein Mütterlein tritt ein.
Liegt mein Sohn nicht schwer verwundet,
möchte seine Pfleg’rin sein.
Und die Nonne spricht zur Mutter:
Euer Sohn, der lebt nicht mehr.
Eben hat er ausgelitten,
seine Leiden war’n zu schwer.
Leise tritt sie an die Bahre,
hob das Leichentuch herab
ein Schrei, dann sank sie nieder,
und man grub für zwei ein Grab.
In der Schule lernten wir selbst in der Kriegszeit eher fröhliche Lieder. In der ersten Klasse lehrte uns die Lehrerin:
Jitz chöimer id Schuel gah
Jitz c...

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort
  2. Inhalt
  3. Der Chef und die Juniorpartner
  4. Die Kriegsjahre
  5. Lieder gestern und heute
  6. Die lachende Leiche
  7. Die Hand von Bruder Klaus
  8. Hier spricht London! Hier spricht London!
  9. Aujourd'hui ce n'est pas samedi
  10. Immer wieder dieses blöde Kenya
  11. Wunder
  12. Kinderspiele
  13. Tramrestaurants und lauwarmer Kakao
  14. Fliegeralarm und Körperstrafen
  15. Waschfrauen, Diakonissen und das Frauenstimmrecht
  16. Die Sonntagsbeschäftigung
  17. Die Zwangspensionierung Gottes
  18. Der Regenbogen
  19. Nachwort
  20. Bücher von Marcel Dietler
  21. Impressum