Kunst und Krankenhaus
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Kunst und Krankenhaus

Interdisziplinäre Zusammenarbeit und Perspektivwechsel in Gesundheitsförderung und Prävention

  1. 203 Seiten
  2. German
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Kunst und Krankenhaus

Interdisziplinäre Zusammenarbeit und Perspektivwechsel in Gesundheitsförderung und Prävention

Über dieses Buch

Das Thema Kunst und Krankenhaus hat zwar eine längere Geschichte, doch fehlt es bislang an einer mehrperspektivischen Aufarbeitung der Möglichkeiten von Kunst bzw. künstlerischen Interventionen. In diesem Buch werden konkrete Potenziale von künstlerischen Projekten und künstlerisch-therapeutischen Arbeitsansätzen im Krankenhaus als Institution und kultureller Ort nachvollziehbar aufgezeigt. Im Sinne der Entwicklung multiprofessioneller Zusammenarbeit wird diese Thematik sowohl fachspezifisch und interdisziplinär als auch theorie- und praxisbezogen beleuchtet und diskutiert. Dabei verweisen vielfältige Perspektivwechsel insbesondere auf den Stellenwert der Kombination wissenschaftlicher und künstlerischer Forschungszugänge und auf die Wirkmöglichkeit zeitgenössischer Kunst im Krankenhaus.

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Information

Jahr
2020
ISBN drucken
9783170363809
eBook-ISBN:
9783170363823
Teil III: Künstlerische Forschungszugänge im Krankenhaus

6 Kunst ohne Zweck im Krankenhaus: Performative Projekte zur Gestischen Forschung

Peer de Smit

6.1 Einleitung

Die Verbindung von Kunst und Krankenhaus hat eine lange Tradition: Sie reicht bis ins antike Asklepios Heiligtum von Epidauros zurück, zu dessen kulturellen Angeboten ein 14.000 Personen Platz bietendes Amphitheater gehörte. Auch heutzutage ist Kunst in klinischen Institutionen kaum ein Fremdkörper, und sie erfüllt hier in der ganzen Spannweite zwischen institutioneller Profilbildung, therapeutischem Angebot und äußerem Erscheinungsbild sehr unterschiedliche Funktionen. Kunst scheint jedenfalls in den meisten Krankenhäusern erwünscht oder immerhin toleriert zu sein, solange sie keine Probleme schafft. Das ist unter dem Blickwinkel, dass Institutionen, die Probleme lösen sollen, sich keine ins Haus holen wollen, auch problemlos einzusehen.
Was aber, wenn Formate des künstlerischen Agierens mit möglichen Auswirkungen in Zusammenhang gebracht werden können, die den Klinikalltag durchkreuzen, Abläufe unterbrechen, hierarchische Strukturen in Frage stellen, Verunsicherungen schaffen? Was, wenn Kunst im Krankenhaus aus der Pflicht genommen wird, therapeutisch oder gefällig zu sein? Was, wenn Kunst Probleme löst, indem sie welche schafft? Und was, wenn all dies doch der Gesundheitsförderung nicht ganz und gar abträglich wäre?
Der nachfolgende Beitrag geht einer Reihe von solchen Fragen nach, die mich und all diejenigen, die mit mir zusammengearbeitet haben, während und nach einer längerfristigen künstlerischen Projektarbeit zu Gestischer Forschung und Resonanzphänomenen in einer psychiatrischen Klinik bewegt haben. Dieses seit 2016 laufende Projekt unter der Leitung von Peer de Smit und Rée de Smit ist in den Forschungsschwerpunkt »Künstlerische Interventionen in Gesundheitsförderung und Prävention« der Hochschule für Künste im Sozialen, Ottersberg eingebunden. Das kooperierende Klinikum Dr. Heines der Ameos-Gruppe in Bremen verfügt über mehrere Stationen, in denen Patient*innen in der Regel fünf bis sechs Wochen verbringen. Darüber hinaus gibt es eine geschlossene Abteilung für Drogenkranke und ein Haus für ehemals Drogenabhängige. Im Rückblick auf die durchgeführten Theaterarbeiten will ich versuchen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten künstlerischer Praxis an einem Klinikum herauszuarbeiten.
Die performativen Projekte sind zusammen mit wechselnden Teams von Studierenden vorbereitet und realisiert worden. Die ursprünglich mit der Klinikleitung vereinbarte Workshopreihe für eine gemischte Gruppe von Mitarbeiter*innen, die hierfür von ihrer Arbeit freigestellt werden sollten, erwies sich schon bald als undurchführbar, da sowohl eine kommunikative Plattform für einführende Informationen fehlten als auch notwendige Strukturen oder vorangehende Projekte, an die man hätte anknüpfen können.
Überdies muss die Chance, durch rein verbale Informationen Interesse und Verständnis für eine Theaterpraxis zu gewinnen, die mit den gängigen Vorstellungen von Theater nicht übereinstimmt, als sehr gering eingeschätzt werden. Das Wissen, das es zu vermitteln gälte, ist auf die künstlerische Praxis angewiesen, in der es sich einzig vermitteln könnte. Dem Circulus vitiosus, der sich damit andeutet, versuchten wir im weiteren Vorgehen mit kleinen Schritten zu begegnen. Wir veranstalteten einen Nachmittagsworkshop, an dem wenige Mitarbeiter*innen teilnahmen, trugen im Folgejahr mit verschiedenen Aktionen und Aufführungen zum Programm eines Tages der Offenen Tür bei, hospitierten in verschiedenen Stationen, führten ein ästhetisches Feldforschungsprojekt mit performativer Präsentation der Ergebnisse durch und begannen mit Blick auf die praktische Zusammenarbeit dort, wo es Anknüpfungspunkte gab (
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Abb. 6.1). Diese boten zunächst einmal die Patient*innen der Klinik, zumal für sie das Theaterprojekt ein wählbares Angebot unter zahlreichen anderen war.
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Abb. 6.1: ZeitGesten. Performance im Rahmen des gleichnamigen Projekts am Tag der Offenen Tür der Klinik (Foto: Peer de Smit)
Die kleinen Schritte und die praktische wie organisatorische Unterstützung seitens der Klinik ermöglichten schließlich die Realisierung einer Theaterarbeit, in der Projektleitende und Studierende der Hochschule mit Mitarbeiter*innen und Patient*innen aus mehreren Abteilungen der Klinik erfolgreich zusammengearbeitet haben. Das Projekt festhalten. berühr mich nicht und die performativen Dokumentationen, die ihm folgten, lassen zum einen die besonderen Potenziale eines solchen Formats von künstlerischer Praxis und Zusammenarbeit im Krankenhaus hervortreten, die nicht zuletzt in den abschließenden Gesprächen von den Beteiligten unterstrichen wurden, zum anderen geben sie auch die enormen Probleme zu erkennen, die sich einer solchen Praxis und vor allem deren Akzeptanz und Verstetigung entgegenstellen.

6.2 Gestische Forschung in der Klinik

Die Verbindung von Kunst und Krankenhaus muss für die hier angesprochenen Theaterarbeiten und das ihnen zugehörige Konzept eines künstlerischen Aktions- und Begegnungsraums innerhalb einer Institution unter dem Blickwinkel eines forschenden Verständnisses von künstlerischer Praxis differenziert werden.8 Ein solches Verständnis kann an die Definition von Forschung durch die UNESCO anschließen, die darunter »jede kreative systematische Betätigung zu dem Zweck, den Wissensstand zu erweitern […] sowie die Verwendung dieses Wissens in der Entwicklung neuer Anwendungen« (Zit. nach Klein 2011, S. 1) versteht. Damit wird Forschung, wie die Soziologin Anke Abraham angemerkt hat, als eine »etwas Neues, Anderes erzeugende Tätigkeit beschrieben, die ein Wissen generiert, das bisher nicht existiert hat« (Abraham 2016, S. 20). In einer solchen Perspektive wird es möglich, »all jene menschlichen Aktivitäten als forschende Tätigkeiten anzuerkennen, die auf eine insistierende (sprich: systematische) Weise an einem Prozess des Entdeckens und der Gewinnung von neuen Einsichten interessiert sind, um diese (ggf.) für weitergehende Entwicklungen fruchtbar zu machen« (ebd.). Dem entspricht wie Anke Haarmann festgestellt hat, eine in der zeitgenössischen Kunst zu beobachtende Tendenz, »künstlerische Produktion nicht nur vom abgeschlossenen Werk her« (Haarmann 2011, S. 1) zu begreifen, sondern die Werkgenese als einen Prozess ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken, der »von Erkenntnisinteresse geleitet ist und einer systematischen Form-Inhalt Korrelation folgt« (ebd.). Eine Auffassung von künstlerischer Praxis, die das »gesamte Spektrum menschlicher Erkenntnisfähigkeiten« (Abraham 2016, S. 20) miteinbezieht, wirkt sich im Theater sowohl auf die Zusammenarbeit als auch auf die Produktionen aus. Dies umso mehr dann, wenn auch Aufführungen als Teil der Werkgenese begriffen werden und das Publikum in ihr Zustandekommen mit einbezogen wird.
Angesichts der Tatsache, dass eine solche Auffassung von Kunst sich auch im zeitgenössischen Kunstschaffen und Kulturbetrieb keineswegs von selbst versteht, liegt nahe, dass sie in einer Institution, die ein eher traditionelles Verständnis von Kunst prägt, kaum mit Resonanz rechnen kann.9
Unsere Erfahrungen in der Klinik haben ergeben, dass es vor allem dem medizinischen Fachpersonal schwerfällt, ein Verständnis für den forschenden Charakter künstlerischer Praxis aufzubringen, während es sich für die meisten Patient*innen, mit denen wir zusammengearbeitet haben, geradezu von selbst ergab. Vielleicht ist dies u. a. darauf zurückzuführen, dass viele Menschen, die eine psychiatrische Klinik aufsuchen, mit Fragen an ihr Selbst und das Leben hierherkommen. Fragen und Forschen gehören gewissermaßen zu ihrer Lebenslage, während die Mitarbeiter*innen der Klinik ihren Tätigkeiten – diesen Eindruck hinterlassen sie zumindest – sehr viel fragloser nachgehen und möglicherweise auch nachgehen müssen (
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Abb. 6.2).
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Abb. 6.2: ZeitGesten. Performance im Rahmen des gleichnamigen Projekts (Foto: Peer de Smit)
Die (anonymen) Antworten auf einem Fragebogen, den wir im Rahmen des Projektes festhalten. berühr mich nicht an die Mitarbeiterschaft verteilt hatten, blieben vergleichsweise unergiebig und gaben kaum Anzeichen dafür, dass die Mitarbeiter*innen solche Begriffe mit ihrem persönlichen oder beruflichen Alltag in Verbindung bringen konnten, was den Patient*innen hingegen mühelos gelang. Die drei Fragen waren so offen wie schlicht formuliert: (1) Wann und wo spielt Festhalten für Sie eine Rolle? (2) Wo oder wann hat Berühren oder Berührt-Werden für Sie eine Bedeutung? (3) Was verbinden Sie mit den Begriffen von Berühren oder Festhalten in Bezug auf das Klinikum?
Im spezifischen Kontext der hier vorgestellten Gestischen Forschung lässt sich Forschung nicht getrennt von der Praxis betreiben, auf die sie sich bezieht. Körper und sinnliche Wahrnehmung bilden ein Forschungsinstrument an allererster Stelle. Gestische Forschung wird demnach als eine Praxis des Wissensgewinns verstanden, die nicht getrennt von der künstlerischen stattfindet.10 Was erkannt werden kann, kann nicht anders als im Vollzug einer spezifischen aisthetischen und künstlerischen Praxis erkannt werden. Daher sind Produktion, Präsentation und Dokumentation eng aufeinander bezogen. Formen und Formate, in denen Forschungsergebnisse gewonnen werden, können nicht abgelöst werden von denen, die sie vermitteln sollen.
Mit dem Begriff der Gestischen Forschung ist ein Zugang zur Welt unter einem bestimmten Blickwinkel angezeigt (Darian und de Smit 2020). Nicht nur kann sich eine solche Forschung letztlich aus jeder Disziplin heraus auf jeden erdenkbaren materiellen oder immateriellen Gegenstand oder Vorgang richten, sie kann prinzipiell auch an jedem Ort stattfinden. Insofern die hier in Rede stehende Gestische Forschung sich aus der Beziehung zu ihren Gegenständen und Feldern heraus versteht, werden Orte, Personen und Bezugsgegenstände die Forschungsprozesse entsprechend beeinflussen.11 Methoden sind nicht notwendig vordefiniert, sondern können sich im Gang der Forschung erst entwickeln.
Mit der Wahl einer Klinik als Ort eines Forschungsprojektes geht daher auch die Akzeptanz oder zugestandene Einflussnahme der maßgeblichen institutionellen Rahmenbedingungen einher, innerhalb derer Beziehungen zustande kommen können oder nicht. Das wäre nicht anders in einer Schule, einer Justizvollzugsanstalt oder einem Start-Up Unternehmen für die technische Umsetzung von künstlicher Intelligenz. Die Institutionen geben nicht nur den Rahmen vor, in den etwas gestellt werden kann. Sie nehmen auch Einfluss darauf, wie es hineingestellt wird.
Schließlich unterscheidet sich die hier vorgestellte Arbeit in den Theaterprojekten zur Gestischen Forschung zweifelsohne von den gängigen Praktiken und Formen der Zusammenarbeit, die sowohl das institutionelle Theater als auch die klinische Forschung bestimmen.

6.3 EchoRaum

Für den konzeptionellen Raum, der einer solchen künstlerischen Begegnung und Zusammenarbeit offensteht, haben wir den Namen EchoRaum gewählt. EchoRaum ist ein von Rée de Smit und Peer de Smit in den 1990er Jahren geschaffenes interaktives Produktionskonzept, das seither kontinuierlich und praxisnah weiterentwickelt wurde.
Der Begriff Echo wird hier im Sinne einer Haltung und Geste verstanden. Mit ihnen öffnet sich ein strukturierter Raum, in dem künstlerisches Agieren – ganz gleich ob konfrontativ oder kollaborativ – in dem Sich Einlassen auf Andere, im Zusehen und Zuhören gründet: Bevor ich reagiere, teile ich mit, wie ich die Aktion einer anderen Person wahrgenommen habe. Künstlerische Interaktion und Kommunikation vollziehen sich solcherart in der Responsivität (Waldenfels 2007) und in der Transformation eines Vorangegangen, die Erweiterung und Fortsetzung bedeuten können, aber ebenso Umwendung und Gegenentwurf.
Eine mit dem Konzept EchoRaum verbundene Kernidee besteht darin, an kunstfernen Orten und Institutionen Räume zu etablieren, in denen die Formen einer künstlerischen Begegnung und Zusammenarbeit nach Spielregeln definiert werden, di...

Inhaltsverzeichnis

  1. Deckblatt
  2. Die Herausgeberinnen
  3. Titelseite
  4. Impressum
  5. Inhaltsverzeichnis
  6. Vorwort
  7. Autor*innenverzeichnis
  8. Einführung: Kunst und Krankenhaus: Interdisziplinäre Zusammenarbeit und Perspektivwechsel in Gesundheitsförderung und Prävention
  9. Teil I: Was macht Kunst im Krankenhaus?
  10. Teil II: Kunstprojekte und Ateliers im Kontext institutioneller Wandlungsprozesse
  11. Teil III: Künstlerische Forschungszugänge im Krankenhaus
  12. Teil IV: Schnittstellen von Kunst und Therapie im Krankenhaus
  13. Stichwortverzeichnis

Häufig gestellte Fragen

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