Träume und Träumen
  1. 114 Seiten
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Über dieses Buch

Modern dream studies began when Sigmund Freud=s book?The Interpretation of Dreams= was first published more than 100years ago. For the first time in cultural history, dreams were regarded as individual creations arising from the life of the mind and became a way of exploring the unconscious. From then on, dream interpretation was a core element of psychoanalytically based psychotherapy. Originally based on purely psychological findings, it developed further to become a comprehensive dream science in which psychological and neuroscientific approaches meet. The author traces these developments. He takes different depth-psychological approaches into account and discusses findings from neuroscientific dream research. Finally, he explains the special features of the treatment using low-structured dreams, which occur in individuals with severe personality disorders and in a state of deep regression.

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Information

Jahr
2020
Auflage
3
eBook-ISBN:
9783170355552

1. Vorlesung
Freuds »Traumdeutung«

Flectere si nequeo superos, acheronta movevo
Motto von Sigmund Freuds Traumdeutung2
Als vor mehr als hundert Jahren am 4. November 1899 in Leipzig Freuds später so berühmtes Buch Die Traumdeutung3 erschien, wurde es – an der Auflage gemessen – eine Enttäuschung. Bis zur zweiten Auflage wurden nur knapp über 100 Exemplare verkauft. Dennoch hat Freud es schon damals für ein überragendes Werk gehalten und wohl deshalb darauf bestanden, dass es den Beginn eines neuen Jahrhunderts markieren sollte: Es trug das Erscheinungsjahr 1900, obwohl es noch im vorangehenden Jahrhundert erschienen war.
Tatsächlich gehört es zu den großen Werken, die das 20. Jahrhundert geprägt haben. Es gibt keine Kultursprache, in die es nicht übersetzt worden ist. Allein der Fischer Verlag, der über die deutschsprachigen Rechte verfügt, erzielte mit der Traumdeutung beeindruckende Jahresauflagen: 80.000 als Taschenbuch, 30.000 als Studienausgabe und immerhin 10.000 gebundene Exemplare.
Was macht die Traumdeutung zu einem so besonderen Werk, von dem man behaupten kann, dass es einen Durchbruch in der Geistesgeschichte des Abendlandes und einen Markstein in der westlichen Kulturgeschichte darstellt?
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Abb. 1: Sigmund Freuds »Traumdeutung« sollte das neue Jahrhundert einläuten. Obwohl 1899 bei Franz Deuticke erschienen, trug es auf Drängen von Freud das Erscheinungsjahr 1900.

Die Bedeutung der Traumdeutung

Verschiedene Kulturen haben über Jahrhunderte hinweg Traditionen in der Traumdeutung entwickelt. Wir kennen solche Traditionen in Persien, in China und im Zwei-Flüsse-Land des alten Arabien. Berühmt sind die biblischen Träume, die weitreichende Deutungen erfahren haben, beispielsweise der Josef-Traum des Alten Testaments. Auch unsere abendländische Kultur hat ein traditionsreiches Interesse an Träumen. Vor allem die mitteleuropäische Romantik widmete Träumen eine besondere Aufmerksamkeit. Was aber all diesen Traumlehren vor Freud gemeinsam ist, ist ihr überindividueller Ansatz. Sie alle betrachten Träume als Ausdruck transzendenter, schicksalhafter oder mystischer Kräfte, die den Menschen zum Sprachrohr jenseitiger oder überzeitlicher Botschaften machen, und interessieren sich nicht für individuelle Motive. Sie alle »deuten« Träume gleichsam ohne den Träumer.
Erst mit Freud veränderte sich die Vorstellung, dass sich in Träumen irrationale, überirdische Botschaften Ausdruck verschaffen. Er war der Erste, der dieser Sichtweise eine wissenschaftlich fundierte Traumdeutung entgegensetzte, indem er die Entstehung, die Funktion und die Bedeutung von Träumen auf eine theoretische Grundlage stellte. Darin liegt die wegweisende Bedeutung seiner Traumlehre für die Wissenschaft vom Traum.
Doch die Bedeutung der Traumdeutung als Markstein der Kulturentwicklung geht weit darüber hinaus. Mit Freuds Annäherung an Träume und an das Träumen sind nämlich weitreichende Entdeckungen verbunden, die ein fundamental neues Verständnis des Menschen im 20. Jahrhundert eröffnet haben. Indem er das Individuum, d. h. den einzelnen Träumer, in das Zentrum seiner Überlegungen stellte, rückte er nicht nur vom mystisch-transzendentalen Ansatz früherer Traumlehren ab. Dieser auf das Individuum zentrierte Ansatz eröffnete ihm grundsätzliche Einsichten in die Struktur und Dynamik der Psyche und führte dazu, dass seine Traumtheorie zur Grundlage einer neuen Theorie des Seelenlebens wurde, die sich mit den Prozessen des individuellen Seelenlebens befasst – der Psychoanalyse.
Die Grundlage dafür bildet eine besondere Technik der Traumdeutung, in der die Einfälle des Träumers zu einzelnen Traummotiven, die »Assoziationen«, wie Freud es nennt, zum Ausgangspunkt der Deutung werden. Der Träumer ist für die Deutung seiner Träume also mindestens genauso wichtig wie der Traumdeuter. Statt Träume gewissermaßen von außen her »objektiv« zu deuten, etwa auf der Basis einer überindividuellen Symbolik, nähert Freud sich ihrer Bedeutung über die Einfälle des Träumers gleichsam von innen an.
Zugleich widmet er sich den einzelnen Details, die in den komplexen Traumbildern und -geschichten enthalten sind, und ihrer höchstpersönlichen, aus dem Alltag und der Lebensgeschichte des Träumers entlehnten Bedeutung. Diese Detaildeutung ist ein weiteres Charakteristikum seiner Deutungstechnik und unterscheidet sie von der bis dahin vorherrschenden Globaldeutung – dem Deuten »en masse«, wie er es nennt.
Mit der Traumdeutung gelang Freud der endgültige große Durchbruch zur Psychoanalyse. Darin liegt ihre größte Bedeutung. Freud selbst bezeichnete sie später in seinem »Abriss der Psychoanalyse«4 als den Eckpfeiler der jungen Wissenschaft.
Es besteht kein Zweifel, dass es bereits vor 1900 in Freuds Schriften bedeutende Bausteine zur Psychoanalyse gab. Insbesondere die »Studien zur Hysterie«5 sind ein wegweisender Beitrag in ihrer Entwicklung. Doch die Traumdeutung enthält im berühmten siebenten Kapitel die erste umfassende Ausarbeitung, in der Freud eine komplexe, in sich schlüssige Lehre von den Funktionen des Unbewussten vorlegte, mit denen er die Psychoanalyse als Wissenschaft etablierte.
Im literarischen und wissenschaftlichen Werk von Freud ist die Traumdeutung ein Monolith. Für ihn war sie in sich abgeschlossen. Anders als in der unermüdlichen Fortentwicklung seiner anderen Ideen, nahm er später an ihr keine substanziellen Veränderungen mehr vor.6 Er begann zwar mehr als 30 Jahre später seine »Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse«7 mit einem Kapitel, das er »Revision der Traumdeutung« überschrieb. Es handelte sich dabei aber nicht um eine eigentliche Revision, d. h. um maßgebliche Veränderungen der ursprünglichen Konzepte auf der Grundlage neuerer Erkenntnisse und Ideen, sondern vielmehr um ein Plädoyer für eine hinreichende Berücksichtigung von Träumen in der psychoanalytischen Behandlung, die in der Zwischenzeit unter seinen Mitarbeitern und Schülern mit der Entwicklung der Ich-Psychologie deutlich an Bedeutung verloren hatte.

Biographischer Hintergrund

Wissenschaftliche Errungenschaften und Vermächtnisse sind – wie die meisten schöpferischen Leistungen der Menschheit – nicht nur auf dem Hintergrund des Zeitgeistes zu sehen, sondern auch vor dem Hintergrund der persönlichen Biographie ihrer Schöpfer. Vergegenwärtigen wir uns deshalb zunächst Freuds Lebenssituation zu der Zeit, in der er seine Traumdeutung schrieb (
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Tab. 1).
Tab. 1: Lebensdaten von Sigmund Freud bis zum Erscheinen der Traumdeutung
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Sigmund Freud (1856–1939) hatte sich als Mediziner zunächst der Neurophysiologie zugewandt und war 1885 Privatdozent der Neuropathologie an der Wiener Universität geworden, wo er ursprünglich eine akademische Laufbahn anstrebte. Während eines viermonatigen Stipendiats an der Salpétiêre, dem Armenkrankenhaus in Paris, lernte er bei Jean Martin Charcot (1825–1893), der die Abgrenzung zwischen epileptischen und hysterischen Anfällen entdeckt und begonnen hatte, Hysterikerinnen in Hypnose zu behandeln. Charcot gilt als bedeutender Neurologe des 19. Jahrhunderts. Er vertrat als Erster die Auffassung, dass Neurosen durch unbewusste »fixe Ideen« hervorgerufen werden können.
Diese Idee entwickelte Freud weiter, nachdem er nach seiner Rückkehr – vor allem aus wirtschaftlichen Gründen – eine Privatpraxis in Wien eröffnete. Anfangs behandelte er neurotische Patientinnen und Patienten mit Elektrotherapie und Hypnose. Später entwickelte er die Methode der freien Assoziation, die ihn zu der Auffassung gelangen ließ, dass verdrängte sexuelle Motive eine bedeutende Ursache der Hysterie darstellen.
Es gab zwei Freundschaften, die in dieser Zeit sehr wichtig für ihn waren. Die eine war die Freundschaft zu Joseph Breuer (1842–1925), der deutlich älter und beruflich erfahrener war als er und den man als seinen Mentor bezeichnen kann. Breuers Hauptinteresse galt der Physiologie und der Frage, welchen Zweck biologische Vorgänge haben. Damit wandte er sich gegen das einseitig mechanistische Denken der Medizin der damaligen Zeit. Auf diese Weise erkannte er in der Behandlung der »Anna O.«, dass hysterische Symptome durch Kränkungen motiviert sein und durch »kathartische« Abreaktion der aufgestauten Gefühle günstig beeinflusst werden können.
Von Breuer erhielt Freud entscheidende Anregungen für die Behandlung seiner hysterischen Patientinnen. Einige behandelten sie sogar gemeinsam. Ihre Erfahrungen legten sie 1895 in dem gemeinsamen Buch »Studien über Hysterie« nieder. Es beschreibt die Verdrängung traumatischer Erfahrungen als Grundlage für die Entstehung hysterischer Krankheitssymptome und markiert als wichtigstes Buch vor der Traumdeutung den Beginn der Psychoanalyse. Doch die Freundschaft ging bald darauf auseinander, weil Breuer sich der Radikalität und Ausschließlichkeit nicht anzuschließen vermochte, die Freuds damals der Sexualität für die Entstehung seelischer Krankheiten zuerkannte – eine Auffassung, mit der er 1896 bei seinem Vortrag vor dem Wiener Verein für Psychiatrie und Neurologie heftige Ablehnung hervorgerufen hatte.8
Die andere Freundschaft war die sehr enge, man möchte sagen liebevolle Beziehung zu Wilhelm Fließ (1858–1928), der über lange Zeit Freuds persönlicher und wissenschaftlicher Vertrauter war und in Berlin als HNO-Arzt arbeitete. Sie standen in einem langjährigen Briefwechsel9 miteinander, der die verschiedenen Stufen von Freuds Selbst-Analyse und seiner Ideen zur Traumdeutung – ja zur Psychoanalyse überhaupt – dokumentiert. Freud schenkte ihm Anfang November 1899 zum 50. Geburtstag das erste Vorausexemplar seiner Traumdeutung. Bei diesem Anlass spekulierte
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Abb. 2: Freud und der Berliner HNO-Arzt Wilhelm Fließ, der Vertraute, Freund und Berater während der Entstehung der Traumdeutung (© akg-images).
er, von der Bedeutung seiner Ideen überzeugt, ob man nicht irgendwann an dem Hause, in dem er seinerzeit den berühmten Traum von Irmas Injektion hatte, eine Tafel mit dem Text anbringen würde: »Hier enthüllte sich am 24. Juli 189510 dem Dr. Sigm. Freud das Geheimnis des Traums.« Tatsächlich wurde diese Tafel mehr als ein dreiviertel Jahrhundert später dort angebracht: Das war im Jahr 1977 in dem kleinen Vorort am Kahlenberg bei Wien.
Freud hatte nach seiner Rückkehr aus Paris im September 1886 die Hamburger Kaufmannstochter Martha Bernays (1861–1951) geheiratet. In den darauffolgenden Jahren bekamen sie sechs Kinder. Das älteste, Mathilde, wurde 1887, das jüngste, Anna, 1895 geboren. 1891 bezog die Familie die Wohnung in der Wiener Berggasse, in der Freud bis zu seiner Emigration im Jahre 1938 wohnte und praktizierte. Sie ist heute als Museum zu besichtigen.
Eine Zäsur in seiner inneren Entwicklung war der Tod seines Vaters im Jahre 1896. »Der Tod eines Vaters ist das wichtigste Ereignis im Leben eines Mannes«, schrieb er später dazu in der Traumdeutung. Dieses »wichtigste« Ereignis bewirkte, dass er anfing sich intensiv mit seinen seelischen Prozessen zu befassen. Dazu dienten ihm vornehmlich seine Träume und er begann sie systematisch zu analysieren. Diese Beschäftigung mündete in eine Selbst-Analyse – die erste »Lehranalyse« der Geschichte.

Freuds Selbst-Analyse

An dieser Stelle muss man betonen, dass »Analyse« damals – äh...

Inhaltsverzeichnis

  1. Deckblatt
  2. Titelseite
  3. Impressum
  4. Vorwort
  5. Inhalt
  6. 1. Vorlesung Freuds »Traumdeutung«
  7. 2. Vorlesung Zur Metapsychologie des Träumens und der Träume
  8. 3. Vorlesung Traumdeutung nach Freud: Weiterentwicklungen – Alternative – Neuerungen
  9. 4. Vorlesung Der Traum und die Neurowissenschaften: Träumen, Gehirn und Gedächtnis
  10. 5. Vorlesung Archaische Ich-Zustände und niederstrukturiertes Träumen
  11. Schlusswort
  12. Literatur
  13. Sachverzeichnis
  14. Personenverzeichnis

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