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Rhetorische Ethik
Über dieses Buch
Wenn Rhetorik die Theorie der Wirkung einer Äußerung ist, dann ist rhetorische Ethik die Theorie des moralischen Umgangs mit dieser Wirkung. Auf diese kurze Formel lässt sich die These des vorliegenden Buches bringen. Die Legitimation dafür liegt in der Ambivalenz rhetorischer Wirkungsmacht, denn was dem Redner nützt, kann den Zuhörern schaden, wenn er sie nur überredet, ohne sie auch respektieren und überzeugen zu wollen.
Ziel dieses Buches ist eine philosophische Reflexion des rednerischen Handlungsanspruchs, dessen persuasives Interesse zweifellos legitim ist, der aber gegenüber den Zuhörern auch moralisch glaubwürdig sein muss. Zunächst beschäftigt sich der Autor mit der kulturbegründenden Ambivalenz rednerischer Wirkung zwischen der Vermeidung physischer Gewalt und der Erzeugung neuer psychischer Gewalt. Danach werden auf kulturtheoretischer Basis ein rhetorischer Handlungsbegriff und ein rhetorisches Ethikmodell entwickelt sowie Überlegungen zur rhetorischen Güterlehre, den rhetorischen Moralnormen und Tugenden präsentiert. Abgerundet wird das Buch schließlich durch die Interpretation zweier Beispielreden, die das vorgeschlagene Ethikmodell auch praktisch illustrieren sollen.
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VII. Fazit und medienethischer Ausblick
Wenn Rhetorik die Theorie der Wirkung einer Äußerung ist, dann ist rhetorische Ethik die Theorie des moralischen Umgangs mit dieser Wirkung. Das ist, wie einleitend gesagt, die diesem Buch zugrundeliegende These; sie soll im Rückblick noch einmal kurz zusammengefasst und erläutert werden. Der Grund für den Entwurf einer rhetorischen Ethik liegt im latenten Gewaltcharakter rhetorischer Einwirkung. Die rhetorische Tradition hat diese Einwirkung als eine Dialektik zwischen Gewaltvermeidung und Gewalterzeugung verstanden, und zwar vermittelt durch die sprachliche Kultivierung des Menschen in der Urzeit. Danach verhalf die Entdeckung, dass der persuasive Sprachgebrauch gegenseitige Verständigung herbeiführen kann, den Menschen zwar zu der Möglichkeit, den Austrag von Konflikten durch körperliche Gewalt zu vermeiden, bot ihnen aber andererseits auch die Chance, sich mithilfe einer neuen Form von Gewalt, die diesmal von der Rede ausging, durchzusetzen. Sprachliche Kultivierung erlaubte also einerseits die Vermeidung physischer Gewalt, schuf andererseits aber auch neue, psychische Formen von Gewalt. Damit war zwar eine elementare Stufe der Zivilisierung im menschlichen Zusammenleben erreicht, aber es fehlten ethische Überlegungen zur Zähmung auch der Redegewalt. Da nicht nur Spracherwerb und Sprachgebrauch, sondern verbunden damit auch die Entstehung von Rationalität und Vernunft Resultate der Kulturentwicklung waren, formulierte schon die antike Rhetorik ethische Normen, die das Gewaltpotential der Rhetorik beschränken und den Redner zu einem moralisch verantwortlichen Gebrauch der Redekunst veranlassen sollten. Unter dem Einfluss der Philosophie entwarf sie daher das Leitbild vom tugendhaften »Ehrenmann, der reden kann« (vir bonus dicendi peritus).
Die Ambivalenz persuasiver Wirkung zwischen Gewaltvermeidung und Gewalterzeugung ist auch heute noch das ethische Kernproblem der Rhetorik. Allerdings entspricht das antike vir-bonus-Ideal nicht mehr den Anforderungen der Gegenwart, sondern diese braucht ein neues Ethikmodell. Ausgangspunkt dafür muss ein Konzept rhetorisch-ethischen Handelns sein, das wiederum an der menschlichen Kultivierung ansetzt. Da die Rhetorik nicht nur Teil der Kultur ist, sondern auch Kultur erzeugt, ist sie selbst ein Mittel kulturellen Handelns, eine unter vielen »symbolischen Formen«, die nach Ernst Cassirer die Kultur hervorbringen und repräsentieren. Das Handeln des Redners mit der symbolischen Form »Rhetorik« lässt sich unter zwei Aspekten betrachten: zum einen als hervorbringende – poietische – Tätigkeit, die verschiedenste Äußerungsformen zur Beeinflussung eines Publikums produziert; zum anderen als praktische Tätigkeit, die sich in einer bestimmten Weise vollzieht und sich so in die Handlungen anderer Menschen eingliedert. Der zweite Aspekt betrifft die Ethik, denn hier geht es nicht mehr nur um das »Was«, sondern auch um das »Wie« des Gebrauchs der Rhetorik. Zum hervorbringenden Handeln gehört der Einsatz von ethikaffinen und kulturspezifischen Darstellungsformen in der Rede; hier wurden Beispielgebung und Gestaltung des Redegegenstandes genauer untersucht. Praktisches rhetorisches Handeln wird durch die unterschiedlichen ethischen Perspektiven von Redner und Hörer bestimmt, denn der Redner trifft seine ethischen Entscheidungen schon beim Entwurf der Rede, also vor der Präsentation, während die Hörer ihre ethischen Einschätzungen erst vornehmen, nachdem sie gehalten wurde.
Das hier vorgelegte systematische Modell einer rhetorischen Ethik will dem Redner eine Orientierung beim Entwurf seiner Rede bieten, die er genauso wie die Anweisungen der rednerischen Arbeitsschritte bei der Planung seiner Rede berücksichtigen sollte. Ansatz für rednerisches Handeln ist zunächst einmal das Bestreben, mithilfe der Rede ein bestimmtes Handlungsziel zu verwirklichen als Beitrag zur Sicherung der Grundlagen des eigenen ›guten Lebens‹ bzw. des ›guten Lebens‹ seiner Klientel. Doch zur Realisierung dieses Lebens gehört nicht nur der Nutzen, den er von der Rede hat, sondern auch eine Antwort auf die Frage, ob seine rhetorische Handlung moralisch in sich stimmig ist, also beispielsweise keine unlauteren Mittel der Persuasion verwendet, und ob ihre Folgen auch mit Blick auf die Wohlfahrt anderer Menschen zu rechtfertigen sind. Streben, Nutzen und moralisches Sollen im Handeln des Redners oder teleologischer, utilitaristischer und deontologischer Aspekt seiner Tätigkeit lassen sich damit zu einem integrativen Ethikmodell verbinden; sie können so zur Grundlage einer Bewertung seines Handelns werden. Gerade durch die Kombinat...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Impressum
- Inhalt
- Vorwort
- Einleitung: Wozu heute (noch) rhetorische Ethik?
- I. Rhetorik, Ethik und die Beherrschung sprachlicher Gewalt
- II. Ethische Aspekte rhetorischen Handelns
- III. Systematischer Grundriss der rhetorischen Ethik
- IV. Güter und moralische Normen
- V. Tugenden
- VI. Rhetorisch-ethische Interpretation eines Beispiels
- VII. Fazit und medienethischer Ausblick
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