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Zeitschrift für kritische Theorie, Heft 50/51
26. Jahrgang (2020)
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Zeitschrift für kritische Theorie, Heft 50/51
26. Jahrgang (2020)
Über dieses Buch
Die »Zeitschrift für kritische Theorie« ist ein Diskussionsforum für die materiale Anwendung kritischer Theorie auf aktuelle Gegenstände und bietet einen Rahmen für Gespräche zwischen den verschiedenen methodologischen Auffassungen heutiger Formen kritischer Theorie. Sie dient als Forum, das einzelne theoretische Anstrengungen thematisch bündelt und kontinuierlich zu präsentiert.
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Information
ABHANDLUNGEN
Jan Müller
Idee und Wahrheit
Benjamins sprachphilosophischer Beitrag und seine Einheit
0.
Benjamins sprachphilosophische Überlegungen sind die systematische Klammer seines Werks,1 gelten aber als so sperrig und ›esoterisch‹, dass sie ohne umfängliche historische Kontextualisierung unverständlich seien.2 Dieser erstaunlich hartnäckigen Vormeinung folgend wurde Benjamins Sprachphilosophie zwar gekonnt in unterschiedlichste Traditionslinien gestellt,3 aber selten als eigenständig oder gar sachlich tragfähig diskutiert. Deshalb will ich zunächst das sachliche Problem umreißen, mit dem Benjamin ringt (Abschnitte 1-2). Vor diesem Hintergrund wird die argumentative Funktion nachvollziehbar, die seine manchmal eigenwilligen Verwendungen von ›Wahrheit‹, ›Idee‹, ›Darstellung‹ und ›Sprache‹ haben. Benjamin erweist sich so als seriöser Gesprächspartner in der Frage, wie sich die Einsicht in die sprachliche und historische Perspektivierung unseres Denkens einerseits mit einer auf objektivem Sachbezug gründenden Vorstellung von begrifflichem Gehalt und sprachlicher Bedeutung andererseits zusammendenken lässt.
1.
Unsere Selbst- und Weltverhältnisse haben sprachliche Form; Sprechen ist – ob ausdrücklich oder als stilles Selbstgespräch – das Medium und die Fortbewegungsweise des Denkens. Alles Weitere hängt daran, wie man mit dieser Einsicht umgeht. Richard Rorty etwa folgert: »what appears to us, or what we experience, […] is a function of the language ›We customarily use F in making non-inferential reports about X’s‹.«4 Die Möglichkeit, eine Sache überhaupt aufzufassen, hängt vom verfügbaren Vokabular ab: in Sprache S nutzt man F, um auf X Bezug zu nehmen. Nun sind Vokabulare in die Vielzahl ›natürlicher Sprachen‹ differenziert, unterliegen historischer Veränderung und sozialer Varianz. Spätestens als Übersetzer, bemerkt Walter Benjamin, steht man so vor dem Problem, dass bei zwei Worten verschiedener Sprachen »das Gemeinte zwar dasselbe [sein kann], die Art, es zu meinen, dagegen nicht«5: Verschiedene semantische Verwandtschaftsverhältnisse, typische Assoziationen und Konnotationen – sie alle können bewirken, dass in »der Art des Meinens […] beide Worte [in ihren jeweiligen Sprachen…] je etwas Verschiedenes bedeuten, daß sie für beide nicht vertauschbar sind«, während sie doch in der »Intention vom Gemeinten«, der Ausrichtung des Bezugnehmens, »das Selbe und Identische bedeuten«6 sollen.
Könnte man sich Bedeutung als Beziehung der Rede auf einen außersprachlichen Gegenstand vorstellen, dann ließe sich einer einfachen Idee von Wahrheit leicht Rechnung tragen. Wesentliche Merkmale von Wahrheit sind (u. a.), dass eine Rede dadurch wahr ist, dass sie ihren Gegenstand auf richtige Weise trifft; dass das tatsächliche Bestehen eines solchen Treffens an der Sache bemessen wird; und dass verschiedene wahre Aussagen über die Sache sich wenigstens nicht einfach widersprechen.7 Man versteht einen Satz (und die ihn bildenden Ausdrücke), wenn man versteht, was es heißt, dass der Satz wahr ist. Wüsste man, was Sätze in verschiedenen Sprachen wahr macht, dann wüsste man auch, welche Ausdrücke hinsichtlich ihrer »Intention vom Gemeinten« äquivalent sind; die verschiedenen »Arten des Meinens« wären nur beiläufiger Zierrat.
Wenn Sprache aber unhintergehbar ist, verkompliziert sich dieses Bild. Einerseits möchte man sagen, dass Ausdrücke in verschiedenen Sprachen dieselbe Bedeutung haben, insofern Sätze, in denen sie auftauchen, durch dieselbe Bezugnahme wahr sind. Andererseits ist, dass sie auf eine Sache Bezug nehmen, dadurch bestimmt, wie die Sache im Vokabular einer bestimmten Sprache ansprechbar ist.8 Wenn die Bedeutung von »ist wahr« nicht unabhängig von der »Art des Meinens« ist, wird die Idee, dass die Güte einer Rede und eines Nachdenkens ihr Maß an dem hat, wovon sie handeln, und nicht am Reden oder Nachdenken, jedenfalls komplizierter.9
2.
Man wird dieses Problem nicht los, indem man pragmatisch meint: ›Das Gelingen einer Bezugnahme lässt sich eben nur im faktischen Einzelfall beurteilen.‹ Es wäre ununterscheidbar, ob eine Bezugnahme pragmatisch gut genug ge-, oder nur zufällig folgenlos misslingt – weil ununterscheidbar würde, ob eine Rede ihren Gegenstand wirklich trifft, oder ihn nur im Licht eines Vokabulars zu treffen scheint. Da hülfe auch die Verlängerung in eine fortgesetzte Klärungspraxis nicht: Zwar könne man sich vorstellen, so Benjamin, dass sich die »Arten des Meinens« verschiedener Vokabulare wechselseitig »ergänzen«, sodass im fortschreitenden Prozess ihrer wechselseitigen Übersetzung mehr und mehr ein stabiler Bezug auf die »gemeinte Sache«, »die reine [d. h. von der »Art des Meinens« unabhängige] Sprache herauszutreten vermag«10. Dafür müsste man aber glauben, dass am »messianischen Ende ihrer Geschichte« tatsächlich ein holistischer Zusammenhang »der Harmonie all jener Arten des Meinens«11 die Fremdheit der Sprachen untereinander und zur Welt aufgehoben haben wird. Diesseits solcher religiösen Gewissheit ist die »augenblickliche und endgültige […] Lösung dieser Fremdheit […] unmittelbar nicht anzustreben«12.
Der faktische Einzelfall ist prinzipiell unsicher; man braucht eine Idee von gelingendem Sachbezug überhaupt. Eine solche Idee wird innerlich gespannt sein müssen: Einerseits muss sie das Gelingen des Sachbezugs an der Sache selbst bemessen – ohne sie aber als sprachunabhängig gegeben vorauszusetzen. Andererseits muss sie also die wesentlich sprachliche Vermitteltheit jedes Sachbezugs festhalten – ohne aber darum die Konstitution begrifflicher Gehalte auf ein bloß konventionelles Sinngeschehen zu reduzieren oder zu behaupten, dass unser faktisches Sprechen den Bezug zur Welt nicht nur zu stiften versuche, sondern im selben Akt garantiere.
Originell ist nicht diese Diagnose, sondern wie Benjamin mit ihr umgeht. Er motiviert seine Kritik an der »bürgerlichen« Konzentration auf faktische Einzelfälle des Sprechens (Abschnitt 3) durch eine Erinnerung an die einfache Idee der Wahrheit. Sie besagt: Die Güte des Gedankens von einer Sache bemisst sich an der Sache. Diese Idee der Wahrheit ist in allem Erkennen vorausgesetzt, und deshalb selbst nicht erkennbar (Abschnitte 4-5). So erklärt sich exemplarisch Benjamins Verwendung des Ausdrucks Idee: die treffende und erfüllte begrifflich-konstellative Konzeption einer Sache (Abschnitte 6-7), die dargestellt, nämlich: in ihrer Erfüllung nachvollzogen werden muss (Abschnitte 8-9). Dass die Idee der Wahrheit in jeder Vorstellung gelingenden Sachbezugs präsupponiert ist, garantiert aber ihre Erfüllung nicht. Deshalb sucht Benjamin die Idee gelingenden Sachbezugs in der Sprache auf (Abschnitte 10-12): Zur Idee von Sprache gehört, dass eine Koinzidenz von Sprache und Sache möglich ist – und dass die Verwirklichung dieser Koinzidenz je schon in unserer Sprachpraxis und ihrer Geschichte exemplifiziert und bezeugt ist (Abschnitte 13-15). Benjamin löst die Spannung in der Idee gelingenden Sachbezugs nicht reduktiv oder therapeutisch auf, sondern hält sie als zu einer materialistischen Idee von Sprache dazugehörend fest.13
3.
Dass Sprache methodisch wie sachlich unhintergehbar ist, schließt nicht aus, den Sachbezug als internen Maßstab begrifflicher Gehalte zu verstehen. Im Gegenteil: Dass Bezugnahmen und Urteile fehlgehen können, zeigt, dass wir schon eine Idee gelingenden Sachbezugs haben, die den Unterschied zwischen (mehr oder weniger) ge- und misslingendem Sprechen überhaupt erklärt – auch wenn sie aus der methodischen Binnenperspektive schwer erkennbar ist.14
Im ersten Schritt heißt Sprechen: Jemandem mittels Sprechakten (›dass p‹) einen Gehalt (p) mitteilen. Benjamin nennt das »die bürgerliche Auffassung der Sprache […]: Das Mittel der Mitteilung ist das Wort, ihr Gegenstand die Sache, ihr Adressat ein Mensch.«15 Dabei meint der paronyme Ausdruck »das Wort« nur abgeleitet schulgrammatische (syntaktische oder lexikalische) Elemente. Primär ist die Verwendung als »Mittel der Mitteilung«, und das heißt: als Sprechakt, als »Handlung in Gestalt von Sätzen«16. Analog zur biblischen Verwendung17 sind beide Bedeutungen verschränkt, wenn Benjamin schreibt, man teile eine Sache »durch das Wort [mit], durch das ich ein Ding bezeichne«18: Ich teile jemandem zum Beispiel mit dem »Wort« ›Auf dem Tisch steht Kaffee!‹ mit, dass Kaffee auf dem Tisch steht, indem ich mit den verwendeten Ausdrücken auf die fragliche Sache Bezug nehme und prädikativ Begriffe beilege. Denn auch die »abstrakten Sprachelemente […] wurzeln im richtenden Wort, im Urteil«19: Das begriffliche Element des »richtenden Worts« ›F(a)‹ ist abstrakt, insofern es zur Grammatik eines Begriffs F gehört, prinzipiell nicht nur einem Subjekt zugesprochen werden zu können. Einen Begriff verstehen heißt wissen, was es für irgendeine Sache hieße, unter ihn zu fallen. Zugleich wurzelt der Sinn eines derart allgemeinen Begriffs im »richtenden Wort«: man versteht einen Begriff nur insofern, als man ihn exemplarisch in Urteilen F(a), F(b), … verwenden kann; man versteht umgekehrt solche Exemplifikationen, insofern man versteht, wie die darin auftauchenden Individuen a, b, … prinzipiell unter ungezählte Begriffe F(x), G(x), … fallen können. Einen Begriff verstehen heißt schon, Begriffe verwenden, oder »im richtenden Wort« urteilen zu können.20 Sprachliche Ausdrücke haben Sinn und Bedeutung im Gebrauch, paradigmatisch: im »richtenden Wort«, dem prädikativen, urteilsförmigen Satz.21
»Unhaltbar«22 ist diese »bürgerliche« Auffassung nicht deshalb, weil sie das Sprechen als Mittel der Mitteilung von Gehalten beschreibt23 – sondern weil sie der Idee des Maßstabs für wahres Sprechen eine ganz und gar unselbstverständliche Schlagseite gibt. »Dem richtenden Wort«, schreibt Benjamin, ist »die Erkenntnis von gut und böse unmittelbar«24: Zum Begriff des Urteilens gehört unmittelbar der normative Maßstab, dass eine Sache richtig beurteilen heißt, ihr urteilend gerecht zu werden. Weil die »bürgerliche« Sprachauffassung aber meint, »daß das Wort zur Sache sich zufällig verhalte, daß es ein durch irgendwelche Konvention gesetztes Zeichen der Dinge (oder ihrer Erkenntnis) sei«25, überführt sie die Frage, ob »das Wort« seinen Gegenstand angemessen trifft, in die andere Frage, ob die Sprecherin ihren Mitteilungszweck den sprachlichen Konventionen gemäß realisiert, und ob sie den Gegenstand zu diesem Zweck hinreichend »erkannt« hat. Falsch ist nicht, Sprechen überhaupt als Mittel zu verstehen – sondern als durch »Spiel und Willkür«26 eines bürgerlichen Erkenntnissubjekts bestimmtes Mittel, dem objektiver Sachbezug beiläufig ist.
4.
Üblicherweise versteht man ›erkennen‹ (analog zu Verben wie ›auffassen‹ und ›wissen‹) faktiv, also so, dass sein grammatisches Objekt als wirklich vorgestellt wird: ›X erkennt p‹ genau dann, wenn tatsächlich p; andernfalls glaubt X nur, p erkannt zu haben. Von dieser Üblichkeit weicht Benjamin ab. Etwas ›erkennend‹ zu denken folgt, schreibt er, einem eigentümlichen »Weg, den Gegenstand des Innehabens […] zu gewinnen«. »Erkenntnis ist ein Haben«; sie hat »Besitzcharakter«27: Erkennen, dass p, heißt sagen können, auf welche Weise man zur Überzeugung ›dass p‹ gekommen, und warum man gerechtfertigt ist, sie zu »haben«. »Erkennen« ist also intentional und begrifflich: Es »richtet sich auf das Einzelne«28, und zwar als Urteil der Form ›F(a)‹ und mit der Frage, ob a unter den Begriff F fällt. Benjamin nennt das die »Begriffsintention«, im Sinne der Gerichtetheit des Begreifens. Dabei ist der »Gegenstand der ...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titelseite
- Impressum
- Inhaltsverzeichnis
- Vorbemerkung der Redaktion
- Abhandlungen
- Schwerpunkt
- Besprechungen
- Kritische Theorie – Neue Bücher des Jahres 2019 in Auswahl
- Autorinnen und Autoren
- Endnoten
Häufig gestellte Fragen
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