Von der Ursache, dem Princip und dem Einen
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Von der Ursache, dem Princip und dem Einen

Band 170

  1. 128 Seiten
  2. German
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Von der Ursache, dem Princip und dem Einen

Band 170

Über dieses Buch

Giordano Brunos philosophisch-kosmologische Abhandlung Von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen erschien 1584 in London.Er legt damit den Grundstein zu einer neuen Metaphysik.

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Information

Jahr
2021
ISBN drucken
9783752688153
eBook-ISBN:
9783752656916

Dritter Dialog

GERVASIO. Die Stunde ist doch schon da, und sie sind nicht gekommen! Weil ich eben nichts anderes vorhabe, was mich reizte, so möchte ich mir das Vergnügen gönnen, ihre Verhandlungen mit anzuhören. Dabei habe ich, ausser dass ich diesen oder jenen philosophischen Schachzug lernen kann, noch obendrein einen köstlichen Zeitvertreib an den Grillen, die in dein wunderlichen Gehirn jenes Pedanten, des Poliinnio, herumspucken. Erst erklärter, er wolle darüber richten, wer gut redet, wer am besten disputirt, wer sich Widersprüche und Irrthümer im Philosophiren zu Schulden kommen lässt; und nachher, wenn die Reihe an ihm ist, seinen Part aufzusagen, weiss er nicht, was er vorbringen soll, und schüttelt in seiner windigen Schulfuchserei einen Salat von Sprüchwörtlein, von Redensarten auf lateinisch oder griechisch aus dem Aermel, die niemals zu dem was die andern sagen, die mindeste Beziehung haben. Jeder Blinde kann deshalb ohne allzu grosse Schwierigkeit sehen, was für ein grosser Narr er ist bei aller seiner Gelehrsamkeit, während andere in ihrem schlichten Menschenverstand Weise sind. Doch, da, ist er ja bei meiner Treue! Wie er daher kommt, dass es scheint, als wisse er selbst die Bewegung seiner Schritte philosophisch zu regeln! Willkommen sei der dominus magister!
POLIINNIO. Aas diesem »Magister« mache ich mir sehr wenig; sintemalen in dieser abgeschmackten und verkehrten Zeit solcher Titul ebensowohl wie meines Gleichen auch jedem beliebigen Barbier, Professionisten und Sauschneider beigeleget wird; derohalben auch ergehet an uns der Rath: Nolite vocari Rabbi!
GERVASIO. Wie wollt ihr denn, dass ich euch anrede? Gefiele euch:
»Hochehrwürdigster«?
POLIINNIO. Dieses conveniret denen Presbytern und dem Clero.
GERVASIO. So habt ihr vielleicht Sehnsucht nach dem Titel:
»Erlauchtester«?
POLIINNIO. Cedant arma togae! Sothaner Titul gebühret mehr Leuten von ritterlichem Stande, sowie solchen vom Hofe.
GERVASIO. »Kaiserliche Majestät«, – wie wär's?
POLIINNIO. Quae Caesaris, Caesari!
GERVASIO. Ei, so nehmt denn für euch das »domine« schlechtweg, mein Lieber; lasst' den Schwerdonnernden, den divûm pater aus dem Spiel! Kommen wir auf uns; warum stellt ihr euch alle so spät ein?
POLIINNIO. Ich vermeine, die andern werden in irgend ein anderes Geschäft compliciret sein, gleich wie ich, um nicht diesen Tag ohne seine Linea vorüberzulassen, mich mit der Betrachtung des Conterfeis der Erdkugel abgegeben habe, was man so vulgariter einen Atlas benamset.
GERVASIO. Was habt ihr mit Atlanten zu schaffen?
POLIINNIO. Ich contemplire die Erdtheile, die Climate, Provinzen und Landschaften, die ich alle insgesammt nur idealiter in der Vorstellung, viele auch mit meinen Schritten perlustriret habe.
GERVASIO. Besser wär's, du hieltest ein wenig in dir selber Umschau; denn das, scheint mir, wäre dir viel wichtiger, und ich glaube, darum bemühst du dich allzu wenig.
POLIINNIO. Absit verbo invidia; ohne mich selber zu berühmen; denn auf jenem Wege gelange ich viel wirksamer dahin, mich selber zu erkennen.
GERVASIO. Wie möchtest du mir das beweisen?
POLIINNIO. Sintemalen man von der Betrachtung des Makrokosmus leicht – so man nämlich gebührendermaassen per analogiam weiter schliesset – zu der Erkenntnis des Mikrokosmus gelangen kann, dessen Theilchen den Theilen von jenem correspondiren.
GERVASIO. So fänden wir also in euch den Mond, den Mercur, und andre Sterne, Frankreich, Spanien, Italien, England, Calecut und andre Länder wieder?
POLIINNIO. Quidni? Per quandam analogiam!
GERVASIO. Per quandam analogiam glaube ich, dass ihr ein grosser Monarch seid: aber wenn ihr eine Dame wärt, so würde ich euch fragen, ob bei euch Platz ist, ein Büblein zu beherbergen, oder eines jener Pflänzchen aufzubewahren, von denen Diogenes sprach.
POLIINNIO. Ah, ah, quodammodo facete! Ein lustiger Spass! Aber solche Frage schickt sich nicht wohl für einen weisen und hochgelahrten Mann!
GERVASIO. Wenn ich ein Gelehrter wäre oder mich für weise hielte, würde ich nicht hierher kommen, um in Gemeinschaft mit euch zu lernen.
POLIINNIO. Mögt ihr doch! Ich komme nicht um zu lernen, denn nunmehro ist es meines Amtes zu lehren. Und sothanermaassen fällt es mir auch zu, solche die da dociren wollen, zu judiciren. Ich komme daher in anderer Intention, als in der ihr kommen müsst, dieweil euch die Rolle des Anfängers, Neulings, Lehrlings so wohl conveniret.
GERVASIO. In welcher Intention denn? POLIINNIO. Um zu judiciren, sage ich.
GERVASIO. In Wahrheit, eures gleichen steht es besser an als anderen, über Wissenschaften und Theorien euer Urtheil abzugeben, weil ihr die einzigen seid, denen die Freigiebigkeit der Gestirne und die Spendelaune des Geschickes das Vermögen zuertheilt hat, aus den Worten den süssen Saft heraus zu destilliren.
POLIINNIO. Und in Folge dessen auch aus den Sententiis, welche mit den Worten verbunden sind.
GERVASIO. Wie die Seele mit dem Leibe.
POLIINNIO. So man nur die Worte richtig verstehet, so kann man auch den Sensum wohl erfassen. Derohalben entspringet aus der Kenntnis der Sprachen – und in dieser bin ich mehr bewandert als irgend ein anderer in dieser Stadt, und ich schätze mich für just so gelehrt, als jeden anderen, der eine Stätte für den Dienst der Minerva offen hält, – also, was ich sagen wollte, aus der Kenntnis der Sprachen geht die Kenntnis jeder beliebigen Wissenschaft hervor.
GERVASIO. So werden also alle diejenigen, welche italienisch verstehen, die Philosophie des Mannes von Nola begreifen?
POLIINNIO. Jawohl, aber freilich gehört dazu auch noch sonst einige Fertigkeit und einiges Judicium.
GERVASIO. Mitunter ist mir der Gedanke gekommen, diese Fertigkeit wäre eigentlich die Hauptsache. Kann doch einer, der kein Griechisch versteht, die ganze Lehre des Aristoteles verstehen und viele Irrthümer in ihr erkennen. Der Götzendienst, der mit dem Ansehen diese Philosophen besonders in Bezug auf die Naturwissenschaft getrieben wird, ist ganz offenbar bei allen denen gänzlich beseitigt, welche die Lehren dieser andern Schule verstehen; und einer, der weder Griechisch noch Arabisch, vielleicht nicht einmal Lateinisch kennt, wie Paracelsus, kann die Natur der Heilmittel und der Heilkunst besser erkannt haben, als Galenus, Avicenna und alle, die sich in römischer Sprache vernehmen lassen. Die Philosophie und die Rechtswissenschaft geräth nicht in Verfall durch den Mangel an Worterklärern, wohl aber durch den Mangel an solchen, welche Gedanken gründlich zu erfassen mögen.
POLIINNIO. So zähltest du also einen Mann wie mich unter den ungebildeten Pöbel?
GERVASIO. Das wollen die Götter nicht! Weiss ich doch, dass vermöge der Kenntniss und des Studiums der Sprachen – und das ist gewiss etwas seltnes und ausgezeichnetes – nicht nur ihr, sondern alle euresgleichen sehr befähigt seid, über die Systeme ihr Urtheil abzugeben, nachdem ihr die Ansichten derer, die dergleichen auf die Bahn bringen, gehörig durchgesiebt habt.
POLIINNIO. Ihr redet da so wahr, dass ich mich leicht persuadire, ihr sagt das nicht ohne guten Grund; diesen zu expliciren möge euch, wie es euch nicht schwer sein wird, so auch nicht beschwerlich fallen.
GERVASIO. Ich will es thun; doch unterwerfe ich mich immer dem Richterstuhl eurer Einsicht und eurer Sprachkenntnis. Es ist ein vielgebrauchtes Sprichwort, dass diejenigen, die ausserhalb des Spieles sind, mehr davon verstehen als die, welche dabei betheiligt sind; diejenigen z.B., welche im Theater sind, urtheilen besser über den Gang der Handlung, als die Personen auf der Bühne; und eine Musik kann der besser durchkosten, der nicht zum Orchester oder den Sängern gehört. Aehnliches beobachtet man im Karten-, im Schachspiel, im Fechten und dergl. Und so ist's auch mit euch, ihr Herren Schulfüchse. Da ihr von jedem Eingreifen in die philosophische Forschung schlechtweg ausgeschlossen seid und niemals an Aristoteles oder Plato und ähnlichen irgend welchen Theil gehabt, könnt ihr sie besser beurtheilen und mit eurer silbenstechenden Selbstgenügsamkeit und dem Hochmuth eures Naturells verurtheilen, als der Nolaner, der sich auf dem Schauplatz selbst, in ihrem vertrauten Umgang und ihrer Freundschaft selber befindet, so dass er sie leicht bekämpft, nachdem er ihre innersten und tiefsten Meinungen erkannt hat. Ihr, sage ich, weil ihr ausserhalb jeder Handthierung von Ehrenmännern und ernsthaften Geistern steht, könnt sie natürlich besser beurtheilen.
POLIINNIO. Ich kann nicht so im Augenblick diesem unverschämten Menschen antworten. Vox faucibus haesit!
GERVASIO. Dennoch sind eures Gleichen so anspruchsvoll, wie die anderen, die mit beiden Fassen drinnen stehn, es nicht sind; und insofern versichere ich euch, dass ihr gebührendermaassen euch das Amt anmaasst, dies zu billigen, jenes zu missbilligen, zu diesem eine Glosse zu machen, hier einen locum parallelum und ein Citat, dort einen Appendicem zu geben.
POLIINNIO. Dieser ignoranteste aller Menschen will daraus, dass ich in den schönen humanen Wissenschaften erfahren bin, schliessen, dass ich in der Philosophie ein Ignorant sei!
GERVASIO. Mein hochgelahrtester Herr Poliinnio, ich will sagen, dass wenn ihr alle Sprachen hättet, deren es, wie unsere Hauptredner angeben, zweiundsiebenzig giebt, ...
POLIINNIO. Cum dimidia: ist zu sagen, noch eine halbe mehr.
GERVASIO. ... daraus nicht allein nicht folgt, dass ihr deshalb geschickter wäret, über Philosophen zu urtheilen, sondern noch mehr: damit beseitigt ihr nicht einmal die Möglichkeit, dass ihr das ungeschliffenste Vieh seid, welches irgend menschliches Antlitz trägt. Andererseits aber hindert nichts, dass einer, der kaum eine der Sprachen und überdies eine Bastardsprache kennt, der weiseste und gelehrteste Mann der ganzen Welt sei. Bedenkt doch nur, welche Erfolge zwei solche Männer errungen haben, der eine ein Franzos, ein Erzpedant, der Scholien über die freien Künste und Bemerkungen gegen Aristoteles geschrieben hat, der andere ein Italiener, ein wahrer Unflath von Pedantenthum, der so viel schönes Papier mit seinen Discussiones peripateticae besudelt hat. Jedermann sieht leicht, dass der erste mit grosser Beredsamkeit nachweist, wie wenig Verstand er hat, der zweite in einfacher Sprache zeigt, wie viel er von einem Rindvieh und Esel hat. Vom ersten können wir doch wenigstens sagen, dass er Aristoteles verstanden, aber übel verstanden hat, und wenn er ihn gut verstanden hätte, vielleicht das Genie gehabt haben würde, ihm einen ehrenvollen Krieg zu machen, wie ihn etwa der höchst scharfsinnige Telesius von Consentia geführt hat. Vom zweiten könnten wir nicht sagen, dass er ihn weder gut noch schlecht verstanden habe, sondern dass er ihn gelesen und wieder gelesen, genäht, aufgetrennt und mit tausend anderen griechischen Schriftstellern, Freunden und Feinden von ihm, verglichen und endlich eine höchst gewaltige Mühe sich gegeben hat, nicht nur ohne irgend welchen Nutzen, sondern auch zu der allergrössten Enttäuschung. Wer daher sehen will, in welche Thorheit und hochmüthige Nichtigkeit pedantische Gewohnheit stürzen und versenken kann, der sehe jenes Buch an, bevor es mit Stumpf und Stiel verloren geht. Aber sieh, da ist ja Teofilo und Dicson!
POLIINNIO. Adeste felices, domini! Eure Anwesenheit ist Ursache, dass meine Zornesgluth nicht blitzende Verdammungsurtheile gegen die nichtigen Sätze sprüht, die dieser geschwätzige Tagedieb da vorbringt.
GERVASIO. Und mir hat sie den Genuss verkürzt, mich an der Majestät dieses hochwürdigsten Kauzes zu ergötzen.
DICSON. Das mag alles hingehen, nur gerathet euch nicht in die Haare.
GERVASIO. Was ich sage, das sage ich im Scherz, denn eigentlich habe ich den Herrn Magister von Herzen lieb.
POLIINNIO. Ego quoque quod irascor non serio irascor, quia Gervasium non odi: ist zu sagen, ich mein's nicht schlimm, ich hasse Herrn Gervasio nicht.
DICSON. Wohl denn. Lasst mich also mit Teofilo mich weiter unterreden!
TEOFILO. Democritus also und die Epicureer, welche überhaupt für nichts halten, was nicht körperlich ist, nehmen demzufolge an, dass die Materie allein die Substanz der Dinge und zugleich die göttliche Wesenheit sei; und ein Araber, Namens Avicebron, ist derselben Meinung, wie er in einem Buche, »Quelle des Lebens« betitelt, näher darlegt. Ebendieselben nehmen in Uebereinstimmung mit den Kyrenaikern, Kynikern und Stoikern an, dass die Formell nichts anderes sind, als gewisse zufällige Beschaffenheiten an der Materie. Ich nun bin lange Zeit ein Anhänger dieser Meinung gewesen nur deshalb, weil sie der Wirklichkeit mehr entsprechende Grundlagen hat, als diejenige des Aristoteles. Aber nachdem ich reiflicher und mit Rücksicht auf eine grössere Anzahl von Erscheinungen der Sache nachgedacht habe, finde ich, dass man in der Natur zwei Arten von Substanzen anerkennen muss: Erstens die Form und zweitens die Materie. Denn es muss beides geben: ein höchstes durchaus substantielles Wirkendes, in welchem aller Dinge wirkendes Vermögen, und ein höchstes Vermögen, ein Substrat, in welchem grade ebenso aller Dinge leidendes Vermögen enthalten ist; in jenem die Anlage zu wirken, in diesem die Anlage gewirkt zu werden.
DICSON. Jedem Denkenden muss die Unmöglichkeit klar sein, dass jenes immer alles wirkte, ohne dass etwas vorhanden wäre, aus dem alles werden kann. Wie kann die Weltseele, – d.h. alle Form, – selber ein Untheilbares, Gestalten bilden ohne ein Substrat der Ausdehnungen und Quantitäten, d.h. ohne die Materie? Und wie kann die Materie geformt werden? Etwa durch sich selbst? Offenbarwerden wir sagen können, die Materie wird durch sich selber gestaltet, wenn wir das gestaltete Ganze Materie nennen wollen, in der Erwägung, dass es so Materie ist, wie wir etwa einen thierischen Organismus mit allen seinen Anlagen Materie nennen, nicht um den Unterschied von der Form, sondern allein den von der bewirkenden Ursache zu bezeichnen.
TEOFILO. Niemand kann euch hindern, euch des Ausdrucks Materie nach eurer Weise zu bedienen, wird er doch auch innerhalb der verschiedenen Schulen in vielen verschiedenen Bedeutungen gebraucht. Aber die von euch angegebene Art die Sache zu fassen würde doch eigentlich nur einem Mann vom Handwerk, etwa einem Arzt, welcher in der Praxis steht, wohl anstehen; z.B. einem solchen, der den ganzen Leib in Mercur, Salz und Schwefel theilt. Eine solche Annahme beweist nicht gerade, dass der Arzt ein göttliches Genie ist, sondern möglicherweise dass er sehr wenig Verstand hat, aber sich gern einen Philosophen nennen möchte. Denn des Letzteren Absicht ist nicht, blos zu derjenigen Unterscheidung der Principien zu gelangen, welche physisch durch die Scheidung vermittelst der Kraft des Feuers vollzogen wird, sondern auch zu derjenigen Unterscheidung der Principien, an welche nichts wirkendes von materieller Art heranreicht. Die Seele nämlich, die nicht weiter auflösbar ist, ist das formale Princip für Schwefel, Mercur und Salz; sie ist kein Substrat für materielle Eigenschaften, sondern sie ist durchaus die Herrscherin über die Materie; sie wird von dem Werk des Chemikers nicht berührt, dessen Scheidekunst bei den drei genannten Dingen endet, und der eine andre Art von Seele kennt, als die Weltseele, die wir näher erklären wollen.
DICSON. Ganz vortrefflich und mir ganz aus der Seele gesprochen. Es giebt wirklich Leute von so wenig Einsicht, dass sie den Unterschied nicht beachten, ob man die natürlichen Ursachen absolut nach dem ganzen Umfange ihres Wesens nimmt, wie sie von den Philosophen betrachtet werden, oder ob man sie in einem eingeschränkten und besonderen Sinne auffasst. Jene erste Art ist für den Arzt als solchen allerdings überflüssig und werthlos, die zweite dagegen für den Philosophen als solchen höchst mangelhaft und unzulänglich.
TEOFILO. Ihr habt da den Punkt berührt, in welchem Paracelsus zu loben ist, der eine auf Arzneikunde beruhende Philosophie getrieben hat, und in welchem Galenus zu tadeln ist, weil er eine auf Philosophie beruhende Arzneiwissenschaft aufgebracht hat, um eine widerliche Mischung und ein so verwickeltes Gewebe herzustellen, dass er schliesslich einen ziemlich werthlosen Arzt und einen sehr verworrenen Philosophen abgiebt. Doch sei das immerhin mit einiger Zurückhaltung gesagt, weil ich nicht Müsse gehabt habe, alle Seiten, die dieser Mann bietet, gleichmässig ins Auge zu fassen.
GERVASIO. Um Verzeihung, Teofilo, erweist mir zuerst den Gefallen, – denn ich bin in der Philosophie nicht so geübte – erklärt mir, was ihr unter jenem Namen Materie versteht, und was dann eigentlich an den Naturerscheinungen Materie ist.
TEOFILO. Alle diejenigen, die die Materie abgetrennt fassen und sie rein an sich ohne die Form betrachten wollen, berufen sich auf die Analogie der Künste. So die Pythagoreer, so die Platoniker, so die Peripatetiker. Nehmt irgend eine Kunst, z.B. die des Zimmermanns. Sie hat für alle ihre Formen und bei allen ihren Arbeiten zum Substrat das Holz, wie der Hufschmied das Eisen, der Schneider das Tuch. Alle diese Künste bringen in der ihnen zugehörigen Materie verschiedene Bilder, Anordnungen und Gestalten hervor, von denen keine der Materie eigenthümlich und natürlich ist. Gerade so muss die Natur, welcher die Kunst gleicht, zu ihren Wirksamkeiten eine Materie haben. Denn es ist nicht möglich, dass es ein wirkendes gebe, welches, wenn es etwas machen will, nichts hätte, woraus es das machen könnte, oder wenn es wirken will, nichts hätte, um daran zu wirken. Es giebt also eine Art von Substrat, aus welchem, mit welchem und in welchem die Natur ihre Wirksamkeiten, ihre Arbeiten vollzieht, und welches durch diese in so viele Formen gebracht wird, wie sie sich in der grossen Verschiedenheit der Arten den Blicken des Betrachters darbieten. Und wie das Holz an sich keinerlei künstliche Form hat, aber durch die Thätigkeit des Zimmermanns alle haben kann, so hat die Materie, von welcher wir sprechen, an sich und in ihrer Natur keine natürliche Form; aber durch die Thätigkeit des wirkenden Agens, des Princips der Natur, kann sie alle haben. Diese Materie in der Natur ist freilich nicht ebenso etwas wahrnehmbares, wie die Materie des Künstlers; denn die Materie in der Natur hat schlechtweg keinerlei Form, die Materie der Kunst dagegen ist etwas schon von der Natur geformtes, weil die Kunst nur an der Oberfläche der von der Natur geformten Dinge wirken kann, wie in Holz, Eisen, Stein, Wolle und dergl., die Natur hingegen so zu sagen aus dem Mittelpuncte ihres Subs...

Inhaltsverzeichnis

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Widmungsschreiben [Ausz.] Giordano v. Nola an die Prinzipien des Universums
  3. An den eignen Geist
  4. An die Zeit
  5. Von der Liebe
  6. Ursach' und Grund und Eins...
  7. Erster Dialog
  8. Zweiter Dialog
  9. Dritter Dialog
  10. Vierter Dialog
  11. Fünfter Dialog
  12. Titelliste Taschenbuch-Literatur-Klassiker
  13. Weitere Informationen
  14. Impressum

Häufig gestellte Fragen

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