Angesichts von Herausforderungen wie massiven Gefährdungen der Demokratie durch Expertokratien steigt Arendts Denken zur gegenwärtig wegweisendsten politischen Philosophie auf. Aus der Erfahrung des Antisemitismus, von Vertreibung und lebensgefährlicher Flucht geboren, fußt es auf der Analyse des Totalitarismus, der sich im normalen gehorsamen Menschen realisiert. Das entlarvt die Normenethik als Untertanenethik und ruiniert Arendts Ruf: Welches politisches System stützt sich nicht auf den Untertan! Das reiht sie neben Sartre, de Beauvoir, Foucault, Derrida und Butler unter die bösen Philosophinnen ein, die Diktatur, gelenkter, repräsentativer oder ökologischer Demokratie die Mündigkeit der Bürgerinnen entgegenstellen. So heißt denn Politik für Arendt Kommunikation in der Öffentlichkeit, die von den Bürgerinnen ausgeht, die in die öffentlichen Angelegenheiten eingreifen. Das führt zu einem partizipatorischen Verständnis von Demokratie als Involution, keinem elitären, entsteht Macht nicht durch Gewalt, sondern Kommunikation.Da die Bürgerinnen einzigartig sind, was jeder Gesellschaft eine pluralistische Struktur verleiht, kann es keine festen ethischen und politischen Orientierungen mehr geben. Vielmehr braucht die Bürgerin Vorstellungs- Reflexions- und Urteilskraft, worüber die Gehorsamen gemeinhin nicht verfügen. Ergo geht es um politische Freiheit, die heute umso gefährdeter erscheint.

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- German
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Arendt als politische Philosophin
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Information
V. KAPITEL
DIE POLITISCHE ROLLE DER PHILOSOPHIE BEI JASPERS, HEIDEGGER, ARENDT UND HABERMAS
Das Verhältnis von Philosophie und Politik ist kein originärer Gegenstand der politischen Philosophie, wie man vorschnell meinen könnte. Auch wenn das analytische Philosophen für absurd halten mögen, man kann auch eine Linie von der Wissenschaftstheorie zur Politik legen, nämlich als dekonstruktives Geschäft – wie am Ende des letzten Kapitels vorgeführt –, was die Zunft der Wissenschaftstheoretiker sicher ablehnen würde.
Die politische Philosophie fragt nach dem Guten und nach dem Gerechten, womit Beziehungen in alle Bereiche des Lebens hergestellt werden, in die Kunst, in die Technik, in die Theologie, etc. Daraus ergibt sich auch ein kritisches Geschäft. Leo Strauss unterscheidet in seiner programmatischen Schrift aus dem Jahr 1959 What is political philosophy? eine klassische von einer modernen Antwort auf diese Frage. Im Zentrum der klassischen Antwort steht die Frage nach dem guten Leben, für das der Staat zu sorgen hat. Das gute Leben bringt alle Fähigkeiten des Menschen zu ihrer Blüte und realisiert folglich das Gute, also primär ethische Vorstellungen, die dadurch der Politik zugrunde liegen. So stellt Leo Strauss fest, dass es „eine fundamentale und gleichzeitig spezifische Übereinkunft unter allen klassischen politischen Philosophen gab: das Ziel des politischen Lebens ist die Tugend, und die dazu dienlichste Ordnung ist die aristokratische Republik, oder anders formuliert das gemischte Regime.“128
Die moderne Antwort auf diese Frage unterscheide ich jenseits von Strauss formal und nicht essentialistisch. Die moderne politische Philosophie im engeren Sinn, die die antike nicht einfach fortschreiben möchte, fragt daher überwiegend nicht mehr nach dem Guten, sondern primär nach formalen Grundlagen des Gerechten, ergeben diese sich entweder durch das politische Handeln, deontologisch ethisch, dekonstruktiv gemäß der Strukturen der Sprache oder in der medialen Kommunikation. Zu den wichtigsten Vertretern der politischen Philosophie im 20. Jahrhundert zählen im konservativen Lager Schmitt, Strauss und Voegelin; im liberalen Lager Dewey, Rawls und Charles Taylor; im linken Lager Michael Walzer, Habermas, Oskar Negt; im existentialistischen Jaspers, Arendt und Sartre, im postmodernen Foucault, Lyotard und Derrida.
Ob klassisch oder modern, die politische Philosophie stellt zwar eine der letzten philosophischen Disziplinen dar, die sich mit allen Lebensbereichen beschäftigt. Sie kann sich vor diesem Hintergrund auch mit dem Verhältnis von Philosophie und Politik auseinandersetzen. Aber man muss dieses Verhältnis nicht immer schon aus politisch philosophischer Perspektive betrachten, also als ein entsprechendes Geschäft. Das Verhältnis von Philosophie und Politik lässt sich auch jenseits der Frage nach dem Guten oder dem Gerechten analysieren, nämlich allein aus der Philosophie heraus z.B. der Sprachphilosophie, genauso wie nur von der Politik aus.
128 Leo Strauss, What is Political Philosophy? and other studies, New York, London 1959, 40 (eigene Übersetzung)
1. Widerständiges „Denken ohne Geländer“
Obwohl Arendt sich selber als politische Theoretikerin bezeichnet hat, ich sie aber primär als politische Philosophin verstehe, da sich weite Teile ihres Werkes mit den Grundlagen der Gerechtigkeit, also mit Fragen rings um das Politische beschäftigen, lässt sich bei Arendt das Verhältnis von Philosophie und Politik auch unmittelbar, also jenseits der politischen Philosophie betrachten. Denn, obwohl viele Arendt gemäß der Unterscheidung von Leo Strauss ob ihrer Orientierung an der Athenischen Demokratie der klassischen politischen Philosophie zurechnen würden, geht sie philosophisch – nicht politisch – weder von Platon noch von Aristoteles aus, sondern von Kant, Heidegger und Jaspers, damit von originären Vertretern der Moderne, auch wenn die letzten zwei nicht mehr dem Fortschrittsoptimismus der Aufklärung huldigen. Sie stützt sich somit auf ein philosophisches Denken, das die Frage nach dem Guten längst hinter sich gelassen hat und das auch keine Einsicht in eine stabile Ontologie voraussetzt, so dass man daraus im Sinne des Aristoteles die Ethik ableiten könnte.
Arendt bekundet stattdessen 1972, dass sie „ohne Geländer“ denke.129 Damit schließt sie an Nietzsches Wort aus dem Zarathustra an: „Oh meine Brüder, ist jetzt nicht Alles im Flusse? Sind nicht alle Geländer und Stege in’s Wasser gefallen? Wer hielte sich noch an ‘Gut’ und ‘Böse’?“130 Kant trennt nicht nur theoretische und praktische Philosophie, so dass man weder aus der praktischen heraus die theoretische beurteilen könnte, noch dass man aus der spekulativen Erkenntnis moralische Maxime ableiten dürfte. Vielmehr zieht er die subjektiven Grenzen objektiver Erkenntnis und erschüttert wider Willen dadurch als zweiter nach David Hume in seinem Frühwerk Traktat über die menschliche Natur (1739-40) nachhaltig die Einsicht in die wahre Wirklichkeit, die in der klassischen Philosophie nur relativistisch hinterfragt wurde, in der Scholastik durch die Bibel, bei Thomas zusätzlich durch Aristoteles, dann bei Galilei durch Mathematik und Experiment stabilisiert erschien. Für Nietzsche erweist sich dann nicht nur das Gute genealogisch als Produkt des Bösen, sondern er stellt die naturwissenschaftliche Erkenntnis nur als eine Interpretation im engen Gefängnis der Sinne dar. Gewissheiten, also Sicherheit verleihende Geländer wie im Sinne von Strauss das Gute bei Platon als das seiner Natur entsprechende Leben besitzt das moderne Denken weder in theoretischer noch in praktischer Hinsicht. Vor diesem philosophischen Hintergrund eröffnet sich bei Arendt das Verhältnis von Philosophie und Politik durchaus in einer skeptischen Perspektive, wie sie vor allem von Hume in seinem Frühwerk entworfen wurde, über das sich sein Biograph Gerhard Streminger abwertend äußert: „Im Traktat über die menschliche Natur hatte der Autor eine terra incognita betreten, nur um nach einiger Zeit unter Lebensgefahr zu bemerken, dass dieses unbekannte Land völlig unbewohnbar ist.“131 Nietzsche wird indes als erster einsehen, dass man sich nicht einbilden sollte, man wüsste mehr als das. Arendt wird schließlich einsehen, dass man im Politischem auf einer wackeligen Erdscholle balanciert, die auf einem Magma-See schwimmt.
Daher beseelt Arendt auch kein klassisches Politik-Verständnis, nach dem Politik die Aufgabe hat, das gute Leben zu ermöglichen, sowenig wie ein mittelalterliches, nach dem es die göttliche Ordnung realisieren soll. Arendt weiß, dass sich Politik nicht auf Moral stützen kann, helfen gegen die nazi-deutschen Armeen nur die alliierten Panzer und keine moralischen Appelle. Andererseits herrscht in der Politik weder schlichte Willkür noch reiner Dezisionismus, leitet sie sich vielmehr durchaus von den Bürgerinnen, deren Urteilen und Interessen ab. Arendt vertritt gerade keine aristokratische Republik im Stile von Strauss, in der eine Elite über Einsicht in das Gemeinwohl verfügt, während die Masse nur ihren egoistischen Interessen folgt und daher von dieser Elite auch gegen ihren Willen gelenkt werden muss und darf – nach dem frühen Hume und Nietzsche eine Illusion und höchstens noch konstruktivistisch projektierbar. Solche Gewissheiten über die öffentlichen Angelegenheiten gibt es aus philosophischen Gründen nicht und sie können auch durch keinen Ausnahmezustand ersetzt werden. Trotzdem folgt Arendt Nietzsches Vorstellungen genialer politischer Führer nicht – woher immer diese Genialität auch kommen mag –, denen sich aber just ob solcher Irrationalitäten die Bevölkerung unterwirft oder unterworfen werden muss. Wenn es keine Gewissheiten gibt, dann müssen geniale politische Führer nach Schmitt diese dezisionistisch bestimmen.
Das Gegenteil ist jedoch der Fall, jeder einzelne muss sich im Chaos der Welt seinen eigenen Weg suchen. Wenn sich die Zeitgenossinnen von der hierarchischen Gesellschaftsstruktur verabschieden würden, könnte sich die menschliche Evolution entfesseln, die durch das Beharren auf traditionellen ethischen Orientierungen und auf hierarchischen Gesellschaftsstrukturen gehemmt wird. Die Intelligenz einzelner Führer oder Experten bleibt immer beschränkt und prägt dann die ganze Gesellschaft in einer Richtung, so dass evolutionäre Sprünge praktische ausgeschlossen sind, weil diese sich gemäß Darwin individuellen Entwicklungen verdanken.
Gemeinsame Probleme entstehen, weil die Menschen nun mal zusammen leben, so dass also die einzelnen zwangsläufig immer selber daran beteiligt sind. Politik geht von den Bürgern aus und rekurriert damit notwendig auf sie. Politik leitet sich bei Arendt aus ihrem Verständnis von Macht her, die sie streng von der Gewalt trennt. Macht hat ein Politiker gerade nicht, wenn er im Sinne von Carl Schmitt als Souverän den Ausnahmezustand ausrufen kann, d.h. wenn er die Bürgerinnen durch die Androhung rechtloser Gewalt zum Gehorsam zwingen kann. Macht hat er vielmehr, wenn die Bürgerinnen freiwillig die Gesetze befolgen, genauer aus Einsicht darein, dass es bei diesen Gesetzen zumindest tendenziell gerecht zugeht, auch nicht um Einsicht in den Genialität von Führern, die sich im Sinne von Hegel bestenfalls historisch erläutern lässt, niemals aber in der jeweiligen aktuellen Situation. Genialität ob in der Kunst oder Politik ist immer die Ausrede dafür, dass man nicht genau sagen kann, warum etwas gelungen scheint. Oder es handelt sich um den Glauben von Untertanen, dass ihnen der Führer Reichtum und Sinn im Leben verschafft – für alle anderen ist das ein gefährlicher Glaube.
Damit entwickelt Arendt ein prinzipiell demokratisches, kein elitäres Politikverständnis, mögen sich auch nicht alle Bürger dementsprechend politisch verhalten. Jedenfalls kommt die Macht nicht aus den Gewehrläufen und legitimiert sich nicht durch Weisheit. Bürgerproteste können solche Weisheit sehr schnell verblassen lassen. Just damit entspricht dieses Verständnis von Politik dem philosophischen „Denken ohne Geländer“. Auch in der Politik bewegt man sich ständig und um so mehr auf instabilem Grund, nicht allein weil die Gesetze den zerbrechlichen menschlichen Angelegenheiten häufig nicht genügend Halt zu verleihen vermögen, sondern weil auch die Macht letztlich von den Bürgerinnen abhängt, die sich nicht hinlänglich steuern und kontrollieren lassen. Der mediale Aufwand, der heute dazu betrieben wird, den schon Arendt kritisiert, zeugt von der Einsicht Sartres 1943, dass die Menschen frei und in der Lage sind, sich gegen jede Bevormundung aufzulehnen, auch gegen jeden Ausnahmezustand. Oder wie es de Beauvoir formuliert: „Für den Existentialismus hingegen gehen die Werte nicht vom unpersönlichen, universellen Menschen aus, sondern von der Vielzahl konkreter, einzelner Menschen, die sich aus Situationen heraus, deren Besonderheit ebenso vollkommen, ebenso unaufhebbar ist wie die Subjektivität, auf die von ihnen gesetzten Ziele hin entwerfen.“132
2. Heideggers Einheit von Ontologie und Ethik
Das Verhältnis von Philosophie und Politik lässt sich also nicht nur jenseits der politischen Philosophie bestimmen. Ja umgekehrt, die politische Philosophie kann sich nicht mehr primär als Frage nach dem Guten und Gerechten konstituieren wie bei Leo Strauss, da sie damit zumindest den Voraussetzungen der Moderne nicht mehr entspricht. Zumindest die moderne politische Philosophie muss sich mit Rücksicht just auf diese philosophischen als auch politischen Hintergründe entwerfen, d.h. einerseits sich sprachphilosophisch zu orientieren und andererseits von der realen politischen Kommunikation auszugehen und nicht wie Strauss vom idealen Programm Platons. Und darauf wird auch Arendts Denken hinauslaufen, nämlich aus der Politik – man denke an ihre Studien über Rahel Varnhagen und den Totalitarismus – und aus der Philosophie – Vom Leben des Geistes – eine politische Philosophie zu generieren, die sich zunächst politisch in Vita activa und später unvollendet philosophisch in ihren Bemerkungen zu Kants Kritik der Urteilskraft präsentiert. Wenn Arendt vermutet, dass Kant seine politische Philosophie im Anschluss an die dritte Kritik nicht mehr schreiben konnte, antizipiert sie damit ihr eigenes Schicksal, war ihr das schließlich gleichfalls nicht vergönnt, so dass die Aufgabe der Arendtianer eigentlich sein müsste, an diesem offenen Ausgang ihres Denkens weiterzuarbeiten – vorausgesetzt man versteht das „Denken ohne Geländer“ nicht bloß als eine Individualität, die sich der Einordnung in Schulen entzieht, son...
Inhaltsverzeichnis
- Über das Buch
- Über den Autor
- Widmung
- Inhaltsverzeichnis
- Vorwort: Arendt und die politische Philosophie
- I. Kapitel Wahrheit und Urteilskraft im politischen Handeln: Herodot und Kant
- II. Kapitel Der Anfänger als Chance außerinstitutioneller Politik: Arendt und der Existentialismus
- III. Kapitel Politisches Engagement und Emanzipation: Arendt und Butler t
- IV. Kapitel Gewalt und Macht bei Arendt und Benjamin
- V. Kapitel Die politische Rolle der Philosophie bei Jaspers, Heidegger, Arendt und Habermas
- VI. Kapitel Metaphysik und Politik bei Rawls, Leo Strauss und Arendt
- Nachwort Arendt und die Zivilgesellschaft
- Literatur
- Personenregister
- Impressum
Häufig gestellte Fragen
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