Der Menschenfreund Helmut Wichlatz meldet sich mit dem zweiten Band seiner Kolumnen zurück. Sie entstanden zwischen 2016 und 2020 unter anderem für das Mönchengladbacher Guru-Magazin. Das Ergebnis ist eine Sammlung ebenso tiefsinniger wie erheiternder und entlarvender Texte, in der Sie den Autor als wahren Freund der Menschen kennenlernen.Stimmen zu Helmut Wichlatz: "Der Martenstein vom Niederrhein" - Krimiautor Kurt Lehmkuhl "Der hat hier Hausverbot" - Ein Gastwirt aus Erkelenz"Helmut ist der Beste" - Schwager Jochen Schäfer

- 148 Seiten
- German
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- Über iOS und Android verfügbar
eBook - ePub
Über dieses Buch
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Information
April 2019
How tobe German, lesson 1:
Vom Brexit, Rasenmähzeiten und den Hits von
Modern Talking
Der Brexit beschäftigt derzeit allenthalben die Gemüter wie sonst nur die Aufstellung der Nationalmannschaft. Man mag ja dazu stehen wie man will. Ich persönlich sage mir, dass es schon nicht so schlimm wird, sind ja Engländer, weißt schon. Das Geschacher, Gejohle und die Ignoranz der Parlamentarier an der Themse und das immer wieder anders lustige „Ordääääää!“-Gebrüll vom Ringrichter John Bercow mögen wegen mir noch lange weitergehen. Noch sind sie nicht draußen, die Briten. Und noch will sie von uns ja auch noch keiner so richtig rausschmeißen. Also Abwarten und Tee trinken. Mein von der nebligen und regnerischen Insel stammender Freund … nennen wir ihn der Einfachheit halber Tommy, weil früher alle Engländer Tommy hießen … hatte das hin und her leidlich satt und beschloss daher, dem Common Wealth den Rücken zu kehren und ein Bundesbürger mit Brief, Siegel und allen Privilegien zu werden. Das wäre sicher ein Leichtes, dachte ich mir. Denn er ist ja an sich so deutsch wie Sie und ich. Er hat vier Kinder, eine nette und dazu noch deutsche Frau, ein Haus und geht seit Jahrzehnten einer geregelten Arbeit nach. Das kann nicht jeder Deutsche von sich sagen. Deshalb glaubte ich, dass es sicher nur ein sogenannter Verwaltungsakt sei und Tommy wäre schwuppdiwupp ein „Kraut“. Er seinerseits zeigte sich mehr als willig, so dermaßen derbe deutsch zu werden, dass es eine wahre Lust wäre für dackelkrawattentragende Senioren und dergleichen Zeitgenossen. Er gelobte sogar, sich ab dem Tag seiner Einbürgerung an die geltenden Vorschriften über den Betrieb von Motorrasenmähern in Verbindung mit den dafür vorgesehenen Zeitkorridoren zu halten und dies ebenso bei den nicht minder deutschen Nachbarn einzufordern. Auch wollte er künftig Kindern und Jugendlichen, die sein Grundstück passierten, allerhand Drohungen und Verwünschungen nachrufen. Das empfanden seine Gattin und auch ich gleichermaßen als nicht notwendig, doch er bestand darauf, weil er es bei einem Nachbarn beobachtet hatte. Es ist schon erschreckend, was Deutsche ihren unbedarften Nachbarn mit Migrationshintergund vorleben. Zum Glück gibt es wohl aus diesem Grund den Einbürgerungstest, und zu diesem wurde Tommy auch eingeladen. Am angegebenen Termin erschien er also in der Kreisverwaltung und wurde dort von 24 weiteren zukünftigen Deutschen erwartet. Zum Glück fühlte er sich gleich wie zu Hause, denn bis auf fünf verirrte Restausländer waren die Briten an diesem Vormittag weitestgehend unter sich und ließen es sich im Wartebereich gutgehen.
Der Test selbst war nicht so schlimm, meinte er. Welche Farben sind in der NRW-Fahne? Wie viele Bundesländer kamen 1990 dazu? Wer schrieb wo den Text der Nationalhymne? Wie viele verschiedene Melodien hatten die Hits von Modern Talking? Kann man schaffen. Auch wenn Tommy sich über Fragen nach Trainerwechseln in der Bundesliga, der Transferliste oder der derzeit gültigen Abseitsregelung mehr gefreut hätte. Aber man kann nicht alles haben und Deutscher zu werden ist kein Wunschkonzert. Immerhin hat er ja schon einige deutsche Eigenarten angenommen, auf die er recht stolz ist. So stellt er sich zum Beispiel nicht mehr typisch britisch an und wartet, bis er an der Reihe ist. Nein, jetzt drängelt er sich deutscher als deutsch überall nach vorne und fühlt sich endlich ein bisschen mehr wie wir alle. Ich wünsche ihm von ganzem Herzen, dass er alle Fragen richtig geraten hat und endlich ein echter Deutscher werden darf. Und dass er das mit den Rasemähzeiten ebenso schnell wieder vergisst wie die dämliche Drängelei, die mir bei Geburtstdeutschen der x-ten Generation schon gehörig auf den Sack geht. Vielleicht wird dies für ihn ja eine unglaubliche und fantastische Reise in eine neue Welt, in ein Paradies mit Kehrkalender und Schneeschiebepflicht, einer deutschen Leiterverordnung aus dem Jahr 1937, dem unbedingten Rechtsfahrgebot bei Mehrspurigkeit und Nachtruhe ab zehn. Kurz: in eine Welt der Bekloppten und Bescheuerten. Hach, ich freu mich so für ihn! Und ich werde Sie regelmäßig auf dem Laufenden halten.
GURU Mai 2019
Rauchen einstellen und anschnallen, es wird jetzt ausgestorben
Das war´s, liebe Menschenfreunde im Geiste. Wir pfeifen aus dem letzten Loch. Der Homo Sapiens wird bald vom schönen Erdenrund verschwunden sein, wie einst die Dinosaurier. Doch im Gegensatz zu den Dinos bedarf es bei uns keines galaktischen Auffahrunfalls oder anderer interstellarer Unannehmlichkeiten. Nein, bei uns reicht ein einfacher genetischer Bluttest, um den Stein des Aussterbens ins Rollen zu bringen. Über das Thema wurde im Bundestag in dreiminütigen Redebeiträgen und durchaus kontrovers diskutiert, bevor es dann auf Wunsch dieses Spahns per Abstimmung zur künftigen Realität wurde. Und das war´s dann für die Menschheit. Die Büchse der Pandora ist geöffnet, jetzt geht´s rund. Denn mittels dieses Tests, auf den man demnächst im Leistungspaket der Krankenkasse Zugriff hat, kann nach einem kleinen Piekser festgestellt werden, ob das Kind im Leibe der Mutter „normal“ ist oder eine sogenannte Trisomie 21 aufweist. Das Ergebnis dieser gar nicht so häufig auftretenden Chromosomenkonstellation ist ein Mensch, der das Down Syndrom hat. Das ist keine Krankheit, denn sonst könnte man sie ja heilen. Es ist eine Ausformung menschlichen Seins, ähnlich der vorbestimmten Veranlagung zu Plattfüßen, abstehenden Ohren oder einer Zahnlücke. Im Gegensatz zu eben genannten Lappalien ist die Diagnose Trisomie 21 künftig einem Todesurteil gleichzusetzen. Denn wer einen solchen Test machen will, der hat auch klare Vorstellungen im Kopf, wie denn der Nachwuchs bitte auszusehen habe. Und wenn man schon die Möglichkeit hat, weshalb sollte man da nicht früh genug diesem undankbaren Racker den Garaus machen und einen erneuten Versuch starten? Klingt sonderbar, verwirrend und leider auch ein bisschen logisch. Denn ob eine Idee gut oder sinnvoll ist, hängt ja zuerst einmal von den „Usern“ ab. Und die wollen ganz im Stile von „kostenlos overnight liefern, Design-Qualität zum Lidl-Preis, Umtauschgarantie und die ersten sechs Monate keine Raten“ nur das Beste. Die besten Tattoos, Flugreisen, Plasma-Fernsehwände, Fitness-Abos und Kreuzfahrten. Und auch Kinder. Am besten welche, um die man sich nicht kümmern muss, die einmal am Tag per Blue Tooth upgedatet werden und garantiert hochbegabt sind, um mal Chef zu werden. Das ist natürlich mit einem Kind nicht zumachen, das man liebevoll „Downie“ nennt oder abfällig auch „Mongo“. Dieses Kind braucht Zuwendung und sein Leben muss intelligent organisiert werden. Es wird immer ein bisschen hilfloser sein als seine Geschwister und die Gewissheit viel länger brauchen, dass Mama und Papa da sind.
Das kann man anscheinend nicht mehr von modernen Eltern erwarten. Denn sonst würde das Existenzrecht von Downies nicht so kackfrech zur Disposition gestellt. Von denselben Herzjesu-Demokraten, die bei der Erwähnung des Paragrafen 218 automatisch Schnappatmung und heftigen Puls bekommen. Schutz des Lebens ja, aber nur des Lebens, das wir für schützenswert halten. Niemand käme auf die Idee abzutreiben, wenn der Arzt einem in einem vertraulichen Gespräch mitteilen würde, dass das Kind einmal Füße haben wird wie eine Ente, rothaarig oder strohdoof würde oder bei heftigem Gegenwind Gefahr laufen könnte abzuheben und davonzugleiten. Man schämt sich also für vielleicht sehr hässliche Kinder mit der Gesichtsphysiognomie von Comicfiguren weniger als für jemanden, der bei der Chromosomen-Lotterie eines zu viel abbekommen hat. Das Leben von Downies kann sehr schön sein. Das hängt von den Menschen in ihrem Umfeld ab. Doch wahrscheinlich werden wir es nicht mehr erfahren, weil wir ja, wie eingangs erwähnt, aussterben. Es hat schon begonnen. Auf Island hat seit der Einführung des pränatalen Gentests vor einigen Jahren kein einziger Mensch mit Trisomie 21 mehr das Licht der Welt erblickt. Und so wird das weitergehen. Wer weiß, was man in einigen Jahren schon vorgeburtlich mit Gentests alles über den zukünftigen Erdenbürger feststellen kann. Und vielleicht bewegen wir uns auf eine Gesellschaft von DIN-genormten Chefs, Influencern und RTL-Bachelors zu, die dann ihrerseits definieren wird, wer zukünftig leben darf und wer nicht. Ganz ehrlich? Dann lieber zügig aussterben!
C´EST LA VIE
Mai 2019
Hallo, Viersen
Du zeigst Herz! Und das sollte auch mal gelobt werden. Deine Bürgermeisterin Sabine Annemüller hat in einem Brief an die Kanzlerin deine Bereitschaft zum Ausdruck gebracht, Bootsflüchtlinge aus dem Mittelmeer aufzunehmen. Derzeit beherbergst du um die 220 Flüchtlinge, es waren auch schon mal viel mehr. Und bestimmt war das einigen Bürger gar nicht recht. Trotzdem kommst du deiner Pflicht zur Menschlichkeit nach und rettest Leben. Denn darum geht es, um Menschenleben. Wenn die Liberalen und die Nationalen das im Rat anders sehen, dann haben sie nicht lang genug drüber nachgedacht. Zumindest die Liberalen. An sich können deine Viersener jetzt mächtig stolz auf ihre Stadt sein. Und hoffentlich machen sie auch den Mund auf, wenn die sogenannten Asylkritiker wieder Asyl kritisieren. Denn das werden sie. Aber ich bin mir sicher, dass du dich von deiner Position nicht abbringen lässt. Das imponiert mir. Kurz über lang kommen wir beide nicht um eine Facebook-Freundschaft herum. Ich freu mich drauf!
Juni 2019
Der Stein muss sein
Es gibt ja immer wieder neue Trends, die mich in Erstaunen versetzen. Einige, weil sie wirklich clever sind und ich mich frage, weshalb das vorher noch keiner zum Trend erhoben hat. Einige aber auch, weil sie komplett gaga und vor allem auch gefährlich sind. Steingärten gehören zu diesen neuesten und irgendwie unsinnigen Errungenschaften des Lebens. Was für Hipster „irgendwie buddhistisch“ klingt und schöne Bilder im Kopf hervorruft, wie man sie in teuren Reisemagazinen sieht, verkommt jedoch in der deutschen Vorstadt schnell zur lebensfeindlichen Geschmacklosigkeit, über die sich nur die Baumärkte neben den Besitzern noch freuen können. Man hat bald das Gefühl, die Steingärten sind wie Drahtkleiderbügel und vermehren sich selbständig. Diese Haufen stellen eine ästhetische Kriegserklärung dar. Doch überall in den Vororten sieht am sie aus dem Boden sprießen – falsch! Blühwiesenmischungen oder Unkraut können sprießen, wenn man mal nicht aufpasst auch Hanfpflanzen, aber Steine nicht. Denn Steine können nicht sprießen, sie werden platziert. Von Menschen, die sich wahrscheinlich nicht einmal was dabei gedacht haben. Oder zumindest nichts Schlimmes. Die Steinkreationen sind dann auch noch eingefasst in „Steinhecken“, also in Drahtkäfigen eingesperrte Steine. Gegen widerspenstiges Grün gibt es dann noch bei Amazon Round Up von Monsanto Schrägstrich Bayer. Ungelogen, das Zeug kann man immer noch kaufen und kostenlos bis zum nächsten Mittag nach Hause geliefert bekommen. Aber zurück zu den Steingärten. Ich frage mich immer öfter, weshalb jemand das tut. Weshalb pflastert sich einer den Vorgarten voll mit leblosen Steinen, nachdem er ein Heidengeld für ein Haus „im Grünen“ bezahlt hat? Dann wird beim Grillen darüber schwadroniert, dass man der Betonwüste in der Stadt entkommen und den Kindern eine Kindheit in der Natur ermöglichen wollte. Das ist einleuchtend. Und weshalb dann eine leblose Steinwüste anstelle der ersehnten Natur? „Weil es weniger Arbeit macht“, sagt der Steingartenliebhaber und freut sich scheckig, dass er nicht wie seine Nachbarn mit dem Rasenmäher oder der Heckenschere ausrücken muss, um den Garten in Schuss zu halten. In der Zeit kann er ganz gemütlich mit den Kindern im Auto in die Natur fahren oder drinnen hocken und … ja, was eigentlich tun? Vielleicht eine Online-Petition gegen das Bienensterben anklicken und teilen. Das ist ja derzeit modern. Das kann man bei einem Mail-Check in einem Aufwasch erledigen: Für Menschenrechte in China, gegen Bürokratie in Brüssel und natürlich das Bienensterben. Was er scheinbar völlig ignoriert, ist die Tatsache, dass die Bienen, um deren Überleben er sich online so bemüht, in seinem „Garten“ keine Chance hätten. Denn Blumen und Pflanzen aller Art gehören zu einer funktionierenden Umwelt dazu. An sich ganz einfach: Keine Blumen, keine Bienen. Und in der Folge: Keine Bienen, keine Blumen. Dann werden alle Gärten zu Steingärten. Und in den Städten geht die Temperatur hoch. Denn Steine, wenn sie im Sommer erst einmal richtig schön aufgeheizt sind, geben diese Hitze nur zu gerne wieder ab. Dann wird es unangenehm heiß und schattenspendender Trost ist natürlich schon längst ausgestorben oder besteht aus Silikon und stammt ebenfalls aus dem Baumarkt. Dann steht man abends an der Terrassentür und schaut zufrieden in die Natur und hört – nichts. Denn auf, an, neben und über Steinen gibt es kein Leben. Kein Tirili, Piep und Tschiep-Tschiep. Totenstille. Bis man Alexa den Befehl gibt, die Tonschleife „Ländliche Abendstimmung“ abzuspielen, bei der einem das beruhigende Gesumme der Bienen am besten gefällt. Aber wenigstens braucht man nicht Rasenmähen und Unkrautzupfen.
Juli 2019
Evolution? Für mich persönlich uninteressant
Die Welt ist im Wandel und wir wandeln uns mit, passen uns an. Wir lernen den Umgang mit Dingen, von denen wir in der Grundschule nicht zu träumen wagten. Wir entwickeln uns, was ja auch gut ist. Wer nicht mit der Herde läuft, wird hinten von den Wölfen gefressen. Also dran bleiben und sich verändern. Wir nutzen Apps, die uns zeigen, wo eine Frittenbude ist. Das erkannte man früher am Geruch und der damit einhergehenden ästhetischen Beschilderung. Notfalls hat man irgendwen gefragt, eine Auskunft bekommen und sich artig bedankt. Heute bewertet man die Empfehlung der App und gibt darüber hinaus alle relevanten persönlichen Daten preis. Naja, denke ich oft, es dient ja auch dem Erhalt der Spezies. Und wenn dazu gehört, dass man einer asiatischen App mehr traut als der eigenen Nase, dann ist das halt so. Das Ganze verfolgt ja einen Sinn und man nennt es Evolution. Das bedeutet, dass sich die nachfolgende Generation mechanisch für neue Herausforderungen wappnet. Deshalb haben es unsere Vorfahren irgendwann mal mit dem aufrechten Gang versucht und können in Folge dessen heute sinnvolle Dinge tun wie Einkäufe tragen und gleichzeitig weitestgehend würdevoll vorankommen. Das ergibt einen Sinn. „Hör mal, Menschenfreund“, höre ich Sie sagen. „Jetzt übertreibst du aber. Das mit dem aufrechten Gang ist ja schon `ne Weile her.“ Gut erkannt, aufmerksamer Leser, erwidere ich da und habe natürlich unvorbereitet wie ich bin ein aktuelleres Beispiel zur Hand. Unsere Nachgeborenen haben bereits nachgewiesenermaßen viel ausgeprägtere Fähigkeiten in der fast schon akrobatischen Nutzung der Daumen, mit denen sie in Hammergeschwindigkeit Nachrichten in ihre Smartphones hacken, während man selbst mit abgespreiztem Zeigefinger Einzelbuchstaben aneinanderreiht. Es scheint fast so, dass mit jedem digitalen Gerät, das unseren Alltag erobert, eine neue Stufe der Evolution beschritten wird. Das kann auf Alte wie mich oft befremdlich wirken und ich frage mich immer öfter: „“Muss das sein?“ Muss man zum Beispiel neuerdings mit dem Kinn telefonieren? Wäre es nicht viel praktischer, das Telefon an das Körperteil zu halten, das quasi prädestiniert ist zum Hören? Und dann haben die meisten von uns auch noch zwei davon, eins links und eins rechts. Mir reicht das, um mich zu überzeugen. Andere scheinbar nicht. Das mag daran liegen, dass sie ihre Ohren mit Muffelstücken und anderem Klempnerbedarf dekorieren, damit sie möglichst bizarr aussehen. Da vergisst man schon mal schnell, wozu die Lauschlappen eigentlich da sind.
Mich persönlich erinnern die Kinntelefonierer immer an Patienten des Zahnarztes, denen ein Spuckschälchen vor den Mund gehalten wird, wenn es bei der Wurzelbehandlung fies, blutig oder eitrig zu werden droht. Vielleicht trifft das ja im übertragenen Sinne zu, obwohl ich noch nie jemanden von denen auf sein Smartphone habe speien sehen. Darüber hinaus sieht es nicht nur irgendwie bescheuert aus, es zwingt den Nutzer auch, das Gespräch mittels Lautsprecher zu führen. Immerhin hat er verstanden, dass sein Kinn taub ist wie ein Stein. Bleibt die Frage nach dem warum. Wo genau liegt der Sinn in diesem Verhalten? Ist es gar der unstillbare Trieb, alte und liebgewonnene naturwissenschaftliche Erkenntnisse ad absurdum zu führen? „Schaut her, ich kann sehr wohl mit dem Kinn zuhören, bätschi!“ Wenn es das wäre, dann gönne ich es ihnen, vor allem für später. Gerade im fortgeschrittenen Alter ist es nämlich tröstlich und schön, wenn man auf Überzeugungen zurückblicken kann, die man mal hatte. „Ich wollte der Welt beweisen, dass die funktionale Zuordnung der Körperorgane nicht zwingenden Charakters ist“, klingt so viel edler als: „Ich Blödkopp habe eine Saison lang mit dem Kinn telefoniert, weil Heidi Klum das im Fernsehen auch mal gemacht hat.“ Natürlich folgt man einfach dem Herdentrieb. Alle tun das jetzt so, dann tu ich das auch. Vor ein paar Jahren war es hip, die Sonnenbrille falsch herum am Kopf zu tragen, damit sie dem Nacken ermöglichte, auch im grellsten Sonnenlicht noch scharf und gut zu sehen. Das hat sich zum Glück überholt, weil es sich aus evolutionstechnischer Sicht nicht als Vorteil herausgestellt hat, der die Spezies Mensch dem Warp-Antrieb näherbringt. Vielleicht ergeht es dem Kinntelefonieren ja auch so.
August 2019
Von Cowboyautos und Nagelstudios
Neulich stand ich an der Ampel. Die Sonne schien und ich pfiff eine fröhliche Melodie vor mich, als sich auf einmal alles um mich herum verdunkelte. Die Sonne war weg und die Vögel verstummten. Nichts Gutes ahnend schaute ich mich um und sah – nichts. Glänzendes Schwarz. „Schwarze Löcher, es gibt sie doch“, entfuhr es mir, als die Ampel auf Grün umschlug und das Loch sich laut brummend in Bewegung setzte und verschwand. Seine seitlichen Ausmaße entsprachen exakt der Fahrbahnbreite und weil der Fahrer/die Fahrerin/“da Blötschkopp“ wohl Angst hatte, die Fußgänger auf seiner Seite oder mich in meinem wehrlosen Kleinwagen zu wegzurasieren, zog er weiter in Richtung Straßenmitte und zwang den Gegenverkehr seinerseits auf den Radweg auszuweichen, um einer Kollision zu entgehen.
„SUV“ heißen diese Dinger. Das steht für „scheiß unpraktische Vahrzeuge“ – nein, es heißt „Special Utility Vehicles“, also Fahrzeuge, die man für spezielle Anlässe braucht. Zum Beispiel, um sein Segelflugzeug, Boot oder Pferd von A nach B zu transportieren. Oder weil man Forstwirt ist oder selbständiger Bauhandwerker und als solcher Unmengen an Zeug herumkarren muss. Nun ist die Zahl der Segelflieger jedoch ebenso stagnierend wie die der Forstwirte, Reiter und Segler. Und trotzdem sind die Städte, Straßen und Parkhäuser vollgestopft mit Fahrzeugen, die sich für manche „special utility“ eignen, aber nicht zum Abholen des Nachwuchses aus der Kita oder störungsfreien Abstellen in Wohnstraßen. Für jede Art von Parkplatz (Außer LKW-Plätzen) sind die Dinger völlig ungeei...
Inhaltsverzeichnis
- Inhaltsverzeichnis
- Vorwort
- Mit den Neo-Osmanen in der Kreisliga B
- Blicken wir zurück auf 2017 – ein Jahr, das …
- Männergrippe – „Stell dich nicht so an!“
- Die vegetarische Bratwurst im Oval Office
- Auf diese Steine können Sie schauen
- April, April!
- Ein dreifaches Hoch auf die Heimwerkerei!
- Jedem seine Extrawurst
- „Ich sag mal … äääähm …!“
- Echte Monstertrucks und Bier
- Wer nicht wählen geht, ist doof
- Gebt euren Kindern doch wenigstens eine …
- Lieber achter Guru-Leser
- Das hat man davon, wenn man Kollegen fragt
- Das Zeitalter der Doofen!
- „Il faut être absolument moderne!“
- Drei Minuten Unmut über das politische …
- „Ich #%§ deine Mutter in den #+*% …“
- Im Land der HB-Männchen
- Hallo Viersen
- Ja, wie hätten wir es denn gerne?
- Nationalstolz light: Schwarzrotgelb vom …
- Das Wort zum Alltag
- Hallo Viersen 2
- Wer hat am Gehirn gedreht? Ist es …
- Erntedank im Hauptrechner
- Sprit ist zu teuer und echte Sauereien
- Mein 2019 macht einen knackigen Po ;-)
- Ein Hoch auf den Muttizettel
- Der Geist ist ja willig …
- Hallo, hilflose Senioren im Kreis Viersen
- How tobe German, lesson 1
- Rauchen einstellen und anschnallen, es …
- Hallo Viersen 3
- Der Stein muss sein
- Evolution? Für mich persönlich ...
- Von Cowboyautos und Nagelstudios
- Ich zahl´ schließlich Steuern!
- Weniger ist nicht immer mehr und blau …
- Das Böse hat Zöpfe und eine Prima-…
- Zwanzig-zwanzig, Nachdenk-Jahr!
- Wenn Neugier Schule macht
- „Hallooo, wir kommen von Shopping …“
- Nachtgedanken
- Ein Virus zeigt uns, was wichtig ist
- Corona, ein haariges Thema
- Drei-Generationen-Heimwerken oder …
- Ohne Mundschutz durch Vogelnester, …
- Von Roibusch-Rebellen und Pferdeäpfeln …
- Weitere Informationen
- Impressum
Häufig gestellte Fragen
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