In der Frühe des nächsten Tages. Schenks Zimmer. Mansardenstübchen. Der Dachstuhl bildet an der rechten Seite die schräge Zimmerdecke über dem kleinen Fenster, an dem saubere Gardinen hängen. Auf dem Fensterbrett eine leere Blumenvase. An der Hinterwand rechts die Ausgangstür mit Kleiderhaken. In der Mitte der Wand Kleiderschrank. Weiter links einfache Waschkommode, daneben Eimer. Viereckiger kleiner Spiegel. An der linken Seite hinten Tür zur Küche. In der Ecke links runder Eisenofen mit langem Rohr. An der Wand links eiserne Bettstelle. Unter dem Fenster langes Brett mit Büchern. In der Mitte des Zimmers ungedeckter Tisch und ein paar Rohrstühle. Im Vordergrund rechts ein stark abgenützter Liegestuhl. Auf dem Tisch Schreibzeug und Papier. Über dem Bett hängen ungerahmte »Jugend«-Bilder. Unter dem Tisch Strohmatte. Das Bett ist aufgewühlt.
SCHENK (in Hemdsärmeln vor dem Spiegel. Er wäscht sich die letzten Spuren der Rasierseife ab, trocknet das Gesicht und legt das Rasiermesser in die Schublade des Waschtisches): Mutter!
FRAU SCHENK (von der Küche): Ja, mein Junge! Gleich kriegst du Kaffee. Ist's schon warm im Ofen?
SCHENK: Ja, Feuer hab' ich gemacht. – Hast du die Rosette aufgenäht?
FRAU SCHENK (öffnet die Tür links): Da – zieh mal an. (Gibt ihm den schwarzen Rock.) An der linken Seite – ist's recht so?
SCHENK: Natürlich links. – Aber wart. Ich muss mir doch erst den Kragen umlegen.
FRAU SCHENK: Ja, mach' dich nur fein für den großen Tag.
SCHENK: Aber Mutter, an den Überzieher muss auch eine Rosette.
FRAU SCHENK: Sei nur unbesorgt. Rosa Fiebig hat gleich zwei hergegeben, deinen Mantel hab' ich schon in der Küche. So, mach' dich fertig, Ralf, ich hol' den Kaffee. (Ab.)
SCHENK (legt den Kragen um und bindet die Krawatte. Zieht den Rock an und besieht die Rosette vor dem Spiegel. Ruft): Sieht gut aus, Mutter.
FRAU SCHENK (bringt Tablett mit Kaffeekanne, Tassen, Brot, Messer und Marmelade; stellt es auf den Tisch): Lass dich mal anschauen, Junge.
SCHENK: Sitzt der Kragen ordentlich?
FRAU SCHENK (zupft die Krawatte zurecht): So. – Richtig schmuck siehst du aus. – Aber jetzt komm' frühstücken.
SCHENK: Ach, Mutter, möchtest du vielleicht erst das Bett machen? – Ich kriege vielleicht bald Besuch.
FRAU SCHENK: So früh schon?
SCHENK: Ich sage dir gleich, wer kommt.
FRAU SCHENK: Na, wie du willst. (Macht das Bett in Ordnung.)
SCHENK (sieht sich im Zimmer um): Ach, der Eimer! (Er gießt das Waschwasser in den Eimer und trägt ihn hinaus.)
FRAU SCHENK: Was hat er bloß heute? (Streicht das Bett glatt.)
SCHENK (zurück): So, Mutter, jetzt können wir Kaffee trinken.
(Setzen sich an den Tisch.)
FRAU SCHENK (streicht Brot): Nein – die Marmelade ist auch ein Zeug. Das reine Viehfutter, und dann muss man noch betteln, dass man's für das Sündengeld überhaupt kriegt.
SCHENK: Mutter, noch mal aufkehren ist wohl nicht nötig – meinst du?
FRAU SCHENK: Aber, Ralf, ich hab' doch erst gestern Abend bei dir ausgefegt. Du tust ja, als wenn Ostern wäre. Was ist das bloß heute mit dir?
SCHENK: Ja, Mutter, wenn du wüsstest!
FRAU SCHENK: Du – Schlingel – ich glaube bald, du bist verliebt. – Kommt dein Schatz her?
SCHENK: – Nein – so darf man Flora nicht nennen.
FRAU SCHENK: Flora? – Was ist das für ein ausgefallener Name!
SCHENK: Flora Severin heißt meine – meine Freundin.
FRAU SCHENK: Ist das nicht die Studentin, von der du schon erzählt hast?
SCHENK: Ja, Mutter.
FRAU SCHENK: Nein – und die ist jetzt deine – ? – Ihr wollt euch doch nicht heiraten?
SCHENK: Wer kann wissen, was noch wird!
FRAU SCHENK: Nein, sag doch! – Aber so was! – Und die kommt hierher – zu uns?
SCHENK: Sie wollte ganz früh hier sein. – Ach, dass ich keine Blumen in der Vase habe.
FRAU SCHENK: Mein Gott, nein – mitten im Winter! – Aber du, ich will mir dann doch lieber das gute Kleid anziehen. So im Arbeitskleid – das geht doch nicht.
SCHENK: Du bleibst, wie du bist, Mutter. Flora soll sehen, dass sie zu Proletariern kommt. Und das will sie auch sehen.
FRAU SCHENK: Wird sie denn auch dabei sein, heut' Nachmittag?
SCHENK: Das kannst du glauben? Sie hat auch die Flugblätter geschrieben.
FRAU SCHENK: Ist's möglich? Das sollte man nicht meinen, dass die von einer Frau geschrieben sind.
SCHENK: Sie ist auch keine Frau wie die andern. – Sie denkt und lebt nur mit dem Volk. Sie will es aufwiegeln zum Aufstand – zur Revolution.
FRAU SCHENK: Aber Ralf – Revolution, – das ist doch etwas Schreckliches?
SCHENK: Ehe wir die Revolution nicht haben, hört der Krieg nicht auf, Mutter.
FRAU SCHENK: Dieser abscheuliche Krieg! – Ja, wenn das wahr ist, was du sagst, dann muss man ja selbst die Revolution wünschen.
SCHENK: Wenn das glückt, was Flora und ich wollen, dann haben wir sie heute noch.
FRAU SCHENK: Ach du mein Gott, – es ist aber doch keine Gefahr dabei für dich?
SCHENK: Mutter! Wenn ich mein lahmes Bein und die kranke Lunge nicht hätte, wäre ich doch immer in Gefahr. Das müsstest du auch aushalten.
FRAU SCHENK: Ja, du gehst überhaupt viel zu leichtsinnig um mit deiner Gesundheit. Du wirst dich wieder schrecklich aufregen, – und du weißt ja, dann kommt das Husten wieder.
SCHENK: Was du dir doch einbildest! – Mir geht es jetzt viel besser. – Ich habe heute Nacht kaum einmal gehustet. (Er hüstelt.)
FRAU SCHENK: Siehst du – siehst du!
SCHENK: Na ja, man muss nicht daran denken. – Wenn ich Flora sehe, vergesse ich meinen ganzen Husten.
FRAU SCHENK: Bei deinem Vater war es geradeso. Als er noch jung war und recht verliebt in mich, hat er oft tagelang gar nicht gehustet Und dann, als du geboren warst, da war er vor Freude beinahe ganz gesund. Aber 2 Jahre drauf hat ihn die Schwindsucht doch hingeworfen.
SCHENK: Sag', Mutter, war Vater eigentlich Sozialist?
FRAU SCHENK: Gott, wie das so war damals. In der Gewerkschaft war er ja, und bei den Wahlen hat er immer den Sozialdemokraten geholfen. Aber sonst hat er sich nicht viel um das Ganze gekümmert.
SCHENK (schaut auf die Taschenuhr): Es ist gleich 8 Uhr.
FRAU SCHENK: Ja, natürlich. – Ich hab' dich doch heut' nicht früher geweckt, weil du doch nicht zur Arbeit gehst wegen dem Streik. – Du hast mir aber noch gar nicht erzählt von gestern Abend.
SCHENK: Ach – ich hab' mich geärgert.
FRAU SCHENK: Wohl wieder über die Malerinnen und die vornehmen Herrschaften?
SCHENK: Die durften sich gestern gleich drücken. Das Generalkommando hatte ja alles verboten. – Nein, über Seebald selber.
FRAU SCHENK: Über den Professor selber? Aber wie kann das sein, Ralf?
SCHENK: Na ja, er sollte heute reden vor der Wachsmannschen Fabrik und dann den Zug anführen. Aber da hat er plötzlich so viel Bedenken, so viele Wenn und Aber –
FRAU SCHENK: Wird er denn nun hingehen?
SCHENK: Ich soll mir um 1 Uhr bei ihm Bescheid holen. – Ich hätte Lust, ihn einfach laufen zu lassen.
FRAU SCHENK: Ist's möglich?
SCHENK (sieht...




