Klassiker der Doxastischen Ethik
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Klassiker der Doxastischen Ethik

  1. 292 Seiten
  2. German
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Klassiker der Doxastischen Ethik

Über dieses Buch

Menschen haben von den verschiedensten Sachverhalten in der Welt eine Meinung, sind von ebenso vielen überzeugt, dass sie wahr, falsch oder unsinnig sind, und glauben an manches, zum Beispiel an Gott oder an "das Gute". Mentale Zustände wie Meinungen, Überzeugungen und die verschiedensten Arten des Glaubens, ihre Rechtfertigungen und Ursachen sowie die auf ihnen aufbauenden Äußerungen und Handlungen sind der primäre Gegenstand der Doxastischen Ethik. Doch welche Merkmale machen eine Meinung oder Überzeugung ethisch gut oder schlecht? Ist es beispielsweise ihre Eigenschaft wahr und mit Belegen ausgestattet zu sein, durch sie in einer Gemeinschaft akzeptiert zu werden, bestimmte Gefühle auszulösen, keinen Schaden anzurichten oder zur Verwirklichung des eigenen Glücks beizutragen? Neben diesen Fragen beschäftigt sich die Doxastische Ethik mit den klassisch ethischen Themengebieten, zum Beispiel, ob wir hinsichtlich von Meinungen und Überzeugungen bestimmte Rechte und Pflichten haben, ob wir ihnen gegenüber laster- oder tugendhaft sein können, oder inwiefern wir für ihre Entstehung, Aufrechterhaltung oder Veränderung die Verantwortung tragen?Sieben ausgewählte und aus dem Englischen teilweise zum ersten Mal ins Deutsche übersetzte Texte, verfasst von bekannten und unbekannten Autoren der Psychologie- und Philosophiegeschichte, widmen sich jenen Fragen in diesem Sammelband.

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Information

Jahr
2021
ISBN drucken
9783752620276
eBook-ISBN:
9783753483566

Samuel Bailey
Überzeugungen, Moral und
Doxastische Pflichten

Überzeugungen als Gegenstand der Moral
Nach dem allgemeinen Konsens der menschlichen Vernunft und Empfindungen kann das, was unfreiwillig getan wird, Lob oder Tadel für den Handelnden nicht zur Folge haben. Wirkungen, die keine Konsequenzen des Willens sind, können somit nicht die richtigen Gegenstände moralischen Lobes und moralischer Schuld sein.7 Dies ist ein Gebot der Natur und daher eine Wahrheit, die von allen gleichermaßen empfunden wird. Selbst ein Kind, das von seinen Eltern wegen eines unbeabsichtigten Fehlverhaltens getadelt wird, präferiert instinktiv die Entschuldigung oder den Vorwand, dass es nicht anders konnte; und wenn wir nach der ultimativen Ursache dieses Teils unserer Natur fragen, d. h. nach dem Grund, warum unsere Natur so eingerichtet ist, dass wir nur bei jenen Handlungen moralische Akzeptanz oder Ablehnung empfinden, die aus freien Stücken ausgeführt werden, dann werden wir die Antwort darauf wahrscheinlich in dem offenkundigen Umstand finden, dass es eben allein willensbasierte Taten sind, die Lob bzw. Tadel verdienen bzw. verhindern können. Daraus folgt, dass jene Zustände unseres Geistes, die wir als Überzeugung, Zweifel, Glaube oder Unglaube bezeichnen, insofern sie nicht beabsichtigt und auch nicht das Ergebnis irgendeiner Willensäußerung sind, weder Verdienst noch Verwerflichkeit für diejenigen nach sich ziehen, deren Träger sie sind. Was auch immer der mentale Zustand eines Menschen in Bezug auf einen möglichen Sachverhalt in der Welt sein mag, es ist ein Zustand, der gleichermaßen frei von Abtrünnigkeit und Schuld ist. Die Natur einer Überzeugung steht jenseits der Strafe. Hinsichtlich ein und desselben Sachverhalts mag der eine von diesem überzeugt, ein anderer an ihm zweifeln und ein dritter vom exakten Gegenteil überzeugt sein, doch alle drei sind gleichermaßen unschuldig.
Es stimmt, dass die Art und Weise, wie die Prüfung oder Untersuchung eines Sachverhaltes durchgeführt wird, beträchtliche Lobeshymnen oder Verwerflichkeiten aufweisen kann. Die Forschungsarbeit und Mühe, die jemand aufwendet, um eine wichtige Frage zu klären, und die Unbefangenheit, mit der dieser seine Untersuchung durchführt, können einerseits unseren aufrichtigsten Beifall verdienen. Andererseits ist es jedoch verwerflich, wenn sich jemand in ihrer Durchführung von eigenen Interessen oder starken Gefühlen beeinflussen lässt, Gelegenheiten weitere Informationen zu bekommen ablehnt, bei der Prüfung von Belegen vorsätzlich Stellung bezieht, taub für das ist, was auf der anderen Seite der Fragestellung geäußert wird, oder der anderen Seite seine ganze Aufmerksamkeit schenkt. Solche Handlungen, auch wenn sie zur Gänze wirkungslos sein mögen ihr Ziel zu erreichen, sind allesamt angemessene Gegenstände moralischer Verurteilung und können jener Empörung und Verachtung überlassen werden, die sie verdienen; jedoch bezieht sich dies auf jenes menschliche Verhalten, das auf die Auswahl der Umstände oder Gedanken, die auf den Geist einwirken, Bezug nimmt, und welches nicht mit den Zuständen oder Regungen unseres Geistes zu verwechseln ist, auf welche wir möglicherweise nicht die geringste Wirkung haben.8
Vielleicht bestreitet niemand, dass, wenn jemand bei der Prüfung einer Fragestellung ohne vorsätzliche Befangenheit agiert, er für die Konsequenzen, die daraus folgen, überhaupt nicht schuldig sein kann – ob seine Überprüfung nun in einer Überzeugung oder ihrem Gegenteil endet –, denn sie ist, ohne den geringsten Einfluss einer bewussten Entscheidung, die notwendige und unfreiwillige Folge jener Auffassungen, die seinem Geist und Verstand präsentiert werden. Wahrscheinlich wird jemand jedoch anmerken, dass, falls eine Überzeugung o. Ä. das Ergebnis vorsätzlicher und voreingenommener Betrachtungen waren, jemand angemessen als schuldig angesehen werden könne, weil es üblich ist, eine Person für Sachverhalte verantwortlich zu machen, die, obwohl an sich nicht willensbasiert, das Ergebnis willensbasierter Handlungen sind. Darauf ließe sich indes antworten, dass es, gelinde gesagt, einem Mangel in Präzision entspricht, in solch einem Fall Schuld zuzuschreiben. Es ist zwar stets moralisch richtiger, einen Menschen aufgrund seiner vorsätzlichen Handlungen als schuldig anzusehen, als aufgrund der Folgen, über die sein Wille keine unmittelbare Kontrolle hat. Es gäbe jedoch kaum Einwände dagegen, Überzeugungen als verwerflich anzusehen, falls sie das Ergebnis einer unredlichen Untersuchung sind, oder dies zu einem nützlichen oder praktischen Prinzip gemacht werden würde.
Bei allen Fällen, bei denen wir Wirkungen, die nicht auf dem Willen basieren, zum Gegenstand moralischer Verwerfungen machen, liegt der Grund jedoch darin, dass sie als Beweis oder eindeutige Anzeichen für die ihnen vorausgegangenen willentlichen Handlungen fungieren. Überzeugungen sind jedoch keine Wirkungen dieser Art; d.h. sie sind keine eindeutigen Kennzeichen willensbasierter Handlungen; sie liefern kein Kriterium für die Redlichkeit oder Unredlichkeit einer Überprüfung oder Untersuchung, weil sich auch die konträrsten Ergebnisse oder die konträrsten Überzeugungen aus dem gleichen Grad an Unbefangenheit oder Einsatzbereitschaft ergeben können. Die willentliche Ausrichtung unserer Aufmerksamkeit kann zwar im höchsten, aber auch nur in einem geringen und beiläufigen Maße eine Wirkung auf die Ausbildung unserer Überzeugungen haben, oftmals hat sie jedoch kaum eine Wirkung, und ihr Einfluss wird sich immer mit dem von stärkeren Ursachen vermischen. Daher lässt sich der Anteil, den sie in der Ausbildung von Überzeugungen o. Ä. hatte, niemals anhand des bloßen Ergebnisses feststellen. Ob ein Mensch in dem Prozess, in dem er sich seine Überzeugungen angeeignet hat, befangen oder unbefangen, parteiisch oder unparteiisch gewesen ist, muss durch externe Umstände bestimmt werden und nicht durch die Eigenschaften der Überzeugungen selbst. Überzeugungen o. Ä. können daher niemals, auch nicht anhand der Merkmale, die als Anzeichen vorausgegangener willentlicher Handlungen dienen, die eigentlichen Gegenstände moralischer Verurteilung oder Anerkennung sein. Unsere moralische Akzeptanz oder Ablehnung sollten, falls sie überhaupt irgendwo hingehören, auf das Verhalten der Menschen bei ihren Forschungen und Nachforschungen, auf den Gebrauch von Informationskanälen sowie auf die durch ihr Handeln sichtbare Befangenheit oder Unbefangenheit gerichtet sein.
Falls Überzeugungen o. Ä. also unwillkürliche Zustände unseres Geistes sind, die durch Interessen und Motive nicht beeinflusst werden können, und die auch keine moralischen Verdienste oder Verfehlungen beinhalten können, dann folgt daraus notwendigerweise, dass sie nicht in den Zuständigkeitsbereich der moralischen Gesetzgebung fallen, und damit auch keine angemessenen Gegenstände von Lohn und Strafe sind.
Das einzig rationale Ziel von Lohn und Strafe liegt darin, Handlungen oder Ereignisse, auf die sie angewandt werden, zu fördern oder zu unterbinden. Wenn Lohn und Strafe allerdings keine Tendenz haben, diese Wirkungen hervorzubringen, dann ist es offensichtlich absurd, sie anzuwenden, da es sich um den Einsatz von Mitteln handelt, die in keinem Zusammenhang mit dem zu erzeugenden Zweck stehen. Und in genau diesem Dilemma befindet sich die Anwendung von Lohn und Strafe auf Überzeugungen. Deshalb sind auch die Verlockungen und Drohungen der Obrigkeit gleichermaßen unfähig, Überzeugungen in unserem Geist festzusetzen oder bereits vorhandene zu entfernen. Jene möge aus Habsucht und Ehrgeiz heuchlerische Berufe ins Leben rufen oder aus Angst und Schwäche verbale Entäußerungen erpressen, aber das ist auch schon alles, was sie erreichen könne. Der Weg, Überzeugungen zu ändern, besteht nicht darin, Motive an den Willen, sondern Argumente an den Intellekt zu richten. Lohn und Strafe oder etwas anderes auf Überzeugungen o. Ä. anzuwenden, ist genauso absurd, wie Menschen wegen ihres rötlichen Teints in den Adelsstand zu erheben, sie wegen ihrer Gicht zu peitschen oder ihrer Skrofulose zu erhängen.1 Die fatalen Folgen, die sich aus der Wiederaufnahme von Überzeugungen als zentrale Objekte der Strafgesetze ergeben, werde ich an anderer Stelle darlegen.2 Im Augenblick wird es genügen, die Schlussfolgerung zu ziehen, dass alle Schmerzen, seien sie geistiger oder körperlicher Natur, die einem Menschen zugefügt werden, um ihn für seine Überzeugungen zu bestrafen, nichts anderes als nutzlose und mutwillige Grausamkeiten sind, die gegen das schlichte Diktat der Natur verstoßen, welches die Ausführung böser Taten in all jenen Fällen verbietet, in denen sie nicht durch eindeutig positive Wirkungen gerechtfertigt ist.
Mit der Behauptung, dass man niemanden weder Verdienst noch Verwerflichkeit für seine Überzeugungen zuschreiben kann, behaupte ich aber keinesfalls, dass es keine Rolle spielt, welche Überzeugungen wir haben und vertreten. Ich trete für die Unschuld der Menschen ein, nicht für die Harmlosigkeit ihrer Ansichten. Irrtümliche Überzeugungen sind ihrer Natur nach schädlich für die Gesellschaft, und während derjenige, der diese tatsächlich aufweist, als völlig schuldlos anzusehen ist, hat jeder, der jene in einem anderen Licht betrachtet, das Recht, mit geeigneten Mitteln zu versuchen, ihren Einfluss zu verringern; dies soll jedoch nicht durch die Anwendung von Verleumdung und Bestrafung geschehen, sondern indem dem Verstand Argumente vorgebracht werden.
Auch ist zu unterscheiden zwischen dem Geisteszustand als solchem und der Herstellung dieses Zustands, oder zwischen dem Haben von Überzeugungen als solchem und Äußerungen, die sie betreffen. Während erstere unabhängig vom Willen und damit frei von moralischer Schuld sind, sind letztere immer willensbasierte Akte und können, obwohl an sich neutral, je nach den Umständen, unter denen etwas stattfindet, moralisch lobenswert oder verwerflich sein.
Über die Nachteile von Irrtümern
und die Vorteile der Wahrheit
Eine Untersuchung über die Schäden von Fehlern und Irrtümern und die Vorteile der Wahrheit lässt sich vereinfachen, wenn wir die Naturwissenschaften beiseitelassen, da niemand daran zweifeln wird, dass Irrtümer in diesem Gebiet schädlich und ihre Behebung nützlich sein muss. Aber auch wenn wir annehmen, dass es in diesen Wissenschaften Irrtümer geben kann, die das menschliche Glück nicht beeinträchtigen, so ist es ebenfalls unbestreitbar, dass auch die Entdeckung von Irrtümern unbedenklich sein muss; auch wird kaum ein Einwand dagegen erhoben, dass der Nutzen dieser Wissensgebiete darin liegt, dass ihre Gesetze und Sätze wahr sind und ihre praktische Anwendung richtig ist.
Demzufolge können wir unsere Nachforschungen über die Auswirkungen der Wahrheit auf jene Wissenschaften beschränken, die sich mit den Fähigkeiten, Verhaltensweisen, der Natur und den Bedingungen intelligenter Lebewesen beschäftigen. Das ultimative Problem, welches in all diesen Wissenschaften gelöst werden muss, ist die Frage, was dem wirklichen Glück der Menschheit am meisten zuträglich ist. Inmitten der zahllosen Fragen der Theologie, Philosophie, Ethik und Politik mag es nicht immer leicht sein zu erkennen, dass ihr ultimatives und einzig rationales Ziel die Lösung dieses Problems ist. In Wirklichkeit hängt ihr ganzer Wert aber von dem Erfolg ab, durch den sie den wahren Weg des Glücks aufzeigen; und dies reicht weit über das hinaus, was sie als Aufgaben ihrer Fakultäten zu erfüllen haben – die mit Schachspielen oder akademischen Debatten einhergehen oder was ihnen sonst als Quelle erhabener und lustvoller Emotionen dient, die den Fiktionen der Dichter und Maler gemeinsam sind –. Denn was ist die Theologie sonst, wenn nicht eine umfassende Untersuchung jener Handlungsweisen und mentalen Zustände, die jenen Wesen behaglich sind, die das Schicksal der Menschheit in ihren Händen tragen? Was ist die Philosophie sonst, wenn nicht die Untersuchung der Natur des Menschen, des Umfangs seiner Fähigkeiten, seiner Beziehungen zu den Entitäten um ihn herum und der Auswirkungen all dessen auf seinen Zustand? Was ist die Ethik sonst, wenn nicht der Versuch, herauszufinden, welches Verhalten letztlich zu Glück und Glückseligkeit führt? Und was ist der Gegenstand der Politik sonst, wenn nicht der, herauszufinden, welche öffentlichen Maßnahmen jenes Ziel fördern? Wenn das Ziel all dieser Wissenschaften also darin besteht, zu erforschen, was dem Glück der Menschheit am meisten dienlich ist, und wenn ihr Wert im Verhältnis zum Erfolg dieser Untersuchung liegt, dann müssen Fehler und Irrtümer selbstverständlich schädlich oder zumindest nutzlos sein. Diese Aussage ist allerdings bereits begrifflich gegeben, denn dass wir von Fehlern und Irrtümern hinsichtlich der Mittel, die zu unserem Glück führen, begünstigt werden, ist eine so offensichtliche Absurdität, wie man sie sich nur vorstellen kann.
Bei solchen moralischen Untersuchungen gilt also: Je näher die Menschheit der Wahrheit kommt, desto glücklicher wird sie sein, desto besser wird sie in der Lage sein, Schädliches zu vermeiden und Maßnahmen von eindeutigem Nutzen zu ergreifen. Alle Irrtümer müssen Abweichungen vom Weg des wahren Guten sein. Ob sie nun dazu neigen, dem Menschen eine zu hohe oder zu niedrige Meinung von seiner Natur und seinem Schicksal zu geben, seinen Geist mit eingebildeten Zusammenhängen, die es nicht gibt, zu füllen, seine Überzeugungen von dem, was es gibt, zu zerstören, ob sie ihm falsche Vorstellungen von moralischer Verpflichtung oder einen falschen Maßstab moralischen Verhaltens auferlegen, oder ob sie ihn in seinen sozialen und politischen Entscheidungen irreführen – sie alle sind gleichermaßen schädlich; auch wenn sie sich darin graduell unterscheiden können. Kurz gesagt, was auch immer der wirkliche Zustand, die Natur und die Bestimmung des Menschen ist, es ist wichtig, dass er die Wahrheit kennt, dass sein Verhalten entsprechend ausgerichtet wird, dass sein Streben nach Glück richtig gelenkt wird, dass er weder trügerischen Hoffnungen noch unbegründeten Ängsten nachhängt und dass er nicht unter heilbaren Missständen versinkt oder bereits erworbene Güter verliert.
Zu behaupten, dass die Wahrheit nicht nützlich ist, bedeutet zu behaupten, dass es nutzlos ist, den direkten Weg zu dem Ort zu kennen, der das Ziel einer Reise ist; und zu akzeptieren, dass der Irrtum nicht schädlich ist, bedeutet, die Harmlosigkeit oder die Vorteile zu befürworten, sich durch eine Täuschung in die Irre führen zu lassen und in Unwissenheit umherzuwandern.
Es gibt tatsächlich Irrtümer, die zufällig nützlich sind oder die Quelle des partiell Guten in sich tragen, indem sie bis zu einem gewissen Grad die Stellen markieren, wo Wahrheiten zu finden sind, und deren Beseitigung von vorübergehenden Nachteilen begleitet sein kann. Die Entdeckung einer Wahrheit ähnle in ihren Konsequenzen gelegentlich der Entwicklung technischer Verbesserungen, welche bei ihrer Einführung manchmal Verletzungen Einzelner oder sogar vorübergehende Unannehmlichkeiten für eine ganze Gesellschaft mit sich bringen. Partielle und vorübergehende Übel können jedoch keine starken Einwände gegen die Einführung des allgemein und dauerhaft Guten sein. Es gibt nicht den Hauch einer Rechtfertigung, warum das Wohlergehen der Gemeinschaft als Ganzes dem Vorteil einiger weniger geopfert werden sollte, oder warum eine kleine und vorübergehende Verletzung um eines großen und dauerhaften Nutzens willen nicht ertragen werden sollte. Wenn Irrtümer jemals einen Nutzen aufweisen, so ist dieser geringer als der der Wahrheit und daher absolut übel. „Nützlichkeit und Wahrheit sind nicht zu trennen,“ sagt Bischof Berkeley, „wobei das allgemeine Wohl der Menschheit die Richtlinie oder der Maßstab der moralischen Wahrheit ist.“3
Hinsichtlich der Nebeneffekte, die die verschiedenen Wissenszweige ungeachtet ihrer weitergehenden Nützlichkeit sofort vermitteln, und die sowohl in der Verbesserung von Fähigkeiten als auch in freudvollen Empfindungen liegen, wird es kaum notwendig sein zu beweisen, dass die Wahrheit gegenüber beiden nicht feindlich gesinnt sein kann. Zumindest wird eingeräumt, dass die Leistung jeder Wissenschaft, die in der Verbesserung der mentalen Fähigkeiten liegt, von Sachverhalten, die falsch bzw. inkorrekt sind, nichts entlehnen kann. Aus diesem Grund können wir sogleich zum zweiten Nebeneffekt übergehen und uns fragen, ob der Irrtum als Quelle unmittelbarer Genugtuung, der Wahrheit überlegen sein kann.
Zugegeben, plausible jedoch fehlerhafte Thesen bzw. Theorien können dem Verstand in manchen Fällen ein Vergnügen bereiten, während sie sich ihm als wahr oder als gleichwertig mit dem, was sich aus den genauesten Mutmaßungen ableiten lässt, aufdrängen. Aber auch wenn sie manchmal Freude bereiten, kann von ihnen in der Regel nicht angenommen werden, dass sie Ausdruck der höheren Freuden sind. Wenn wir zugestehen, dass Descartes4 Thesen den Astronomen jener Tage...

Inhaltsverzeichnis

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Vorwort Worum geht es in der „Doxastischen Ethik“?
  3. Epistemischer Schwerpunkt
  4. Pragmatischer Schwerpunkt
  5. Impressum

Häufig gestellte Fragen

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