Die in diesem Themenheft versammelten zwölf Beiträge decken inhaltlich eine breite Palette von Möglichkeiten ab, die Entwicklung und Qualität von Lehre zu betrachten und zu bearbeiten. Jeder der Texte thematisiert mehrere Dimensionen von Lehrentwicklung und Lehrqualität, und zwar theoretisch, konzeptionell, über empirische Befunde oder konkrete Praxisbeispiele; insgesamt werden die fünf Akzente Lehrkompetenzentwicklung, Lehrauszeichnung, Qualitätsentwicklung, Hochschulentwicklung, Digitalisierung und Theorieentwicklung adressiert. Die Ausgabe enthält darüber hinaus drei freie Beiträge, die verschiedene Themen aus der Hochschulentwicklung allgemein aufgreifen.

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Lehrentwicklung anregen, Lehrqualität auszeichnen
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Thomas FISCHER42 (Flensburg)
Nutzenvorstellungen zu Praktika von Studierenden – eine Frage des Berufsfeldbezuges?

Freier Beitrag · DOI: 10.3217/zfhe-15-04/14
Zusammenfassung
Der vorliegende Beitrag untersucht die Nutzenvorstellungen zu Praktika von Studierenden aus unterschiedlichen Fachkulturen. Auf der Basis einer sekundäranalytischen Auswertung des Konstanzer Studierendensurveys soll die Frage beantwortet werden, ob und inwiefern sich die Differenzen in den Nutzenvorstellungen durch fachkulturelle Unterschiede erklären lassen. Die Fachkulturen wurden anhand des Berufsfeldbezuges des Studienganges operationalisiert. Die Ergebnisse der MANOVA zeigen, dass die Nutzendimensionen zwar überzufällig nach dem Ausmaß des Berufsfeldbezuges der untersuchten Fachkulturen differieren, sich jedoch kein klares Muster für die Gruppenunterschiede identifizieren lässt.
Schlüsselwörter
Schlüsselwörter: Fachkultur, Berufsfeldbezug, Praktika, Theorie-Praxis-Verhältnis
Student conceptions of the usefulness of internships
Abstract
This paper examines student conceptions regarding the usefulness of internships across different disciplinary cultures. Secondary data from the German Student Survey were utilized. A MANOVA was conducted to compare the effect of the disciplinary culture, which was measured by the degree of the occupational focus in the field of study. Altough the conceptions examined showed significant statistical diffrences, no clear pattern could be detected.
Keywords
disciplinary cultures, occupational focus, internships, theory-practice relationship
1 Einleitung
Hochschulische Praxisphasen wurden lange Zeit weniger als genuiner Gegenstand der Hochschulforschung betrachtet (vgl. EGLOFF, 2004, S. 264). In jüngerer Zeit sind Praktika durch die Zunahme der Employabilityorientierung der Hochschulen in den Mittelpunkt hochschulbezogener Reformbemühungen gerückt und stellen zugleich ein zentrales „Leitmotiv“ (WILDT, 2012, S. 261) der Studiengangsentwicklung dar. Praktika werden als „Schlüsselelement“ (ULBRICHT & SCHUBARTH, 2017, S. 88) zur Sicherung der Beschäftigungsfähigkeit beschrieben, da diese konzeptionell als „intensivste Form der Theorie-Praxis-Verknüpfung“ (ebd., S. 90) gelten und zugleich „eine bessere Vorstellung vom angedachten Berufsfeld“ vermitteln (APOSTOLOW, WIPPERMANN & SCHULZE-REICHELT, 2017, S. 101). Diese Entwicklung wird als Paradigmenwechsel von der Fächer- zur Berufsfeldorientierung gedeutet (SCHUBARTH et al., 2012, S. 49) und betrifft im Kern die Relationierung von Wissenschaftslogik einerseits sowie der Qualifikationsfunktion der Hochschulen andererseits (vgl. TREMP, 2015, S. 13)
Aus theoretischer Perspektive wird davon ausgegangen, dass der Diskurs um Beschäftigungsfähigkeit mit dem Grad des Berufsfeldbezuges der jeweiligen Fachkultur korrespondiert (vgl. SCHUBARTH & SPECK, 2014, S. 33). Folglich schlagen aktuelle Debatten der Hochschulentwicklung eine stärkere Berücksichtigung des Berufsfeldbezuges bei der konzeptionellen Ausgestaltung von Praxisphasen vor. SCHUBARTH & SPECK et al. (2016) plädieren z. B. dafür, dass „bei Fächern mit einem klaren Berufsfeldbezug [die] integrationstheoretische Perspektive“ (ebd., S. 8) eine stärkere Berücksichtigung erfahren sollte, wohingegen Fächer mit unklarem Berufsfeldbezug eher an differenztheoretischen Modellen zu orientieren seien. Dieser Vorschlag lässt sich in Anlehnung an HANFT (2015) als homogenitätsorientierter Ansatz einordnen, bei welchem strukturell von einer Gleichartigkeit der Studierenden ausgegangen wird. Die Diversität der Vorstellungen der Studierenden bleibt dabei unberücksichtigt. Erste Hinweise darauf, dass fachkulturelle Orientierungen von Studierenden heterogen sind, liegen bereits für einige Fächergruppen vor (vgl. für sozialwissenschaftliche Studiengänge z. B. HESSLER & OECHSLE, 2012, für naturwissenschaftliche Studiengänge z. B. SCHUBARTH et al., 2016). Es ist daher fraglich, ob eine homogenitätsorientierte Ausrichtung der Praktika den Heterogenitätsanforderungen gerecht wird. Dies gilt auch deshalb, weil „die Verzahnung von Berufstätigkeit und Studium zu einem wichtigen Heterogenitätsfaktor geworden [ist]“ (HANFT, 2015, S. 13)
Wie in empirischen Untersuchungen hinlänglich belegt wurde, schreiben Studierende Praxisphasen eine hohe Bedeutung zu, welche u. a. auf unterschiedliche Vorstellungen zum (antizipierten) Berufsfeld basieren. Da der Berufsfeldbezug in seinem Grad fachkulturell variiert, ist die Annahme plausibel, dass sich auch die Nutzenvorstellungen dementsprechend unterscheiden. Die Berücksichtigung des Berufsfeldbezuges in verschiedenen Fachkulturen spielt in vorliegenden Untersuchungen eine untergeordnete Rolle. Insbesondere liegen kaum belastbare Befunde vor, welche die Nutzenvorstellungen Studierender unterschiedlicher Fachkulturen systematisch in den Blick nehmen. Die vorliegende Studie greift dieses empirische Desiderat auf und zielt darauf ab, den wahrgenommenen Nutzen Studierender zu Praktika nach dem Grad des Berufsfeldbezuges zu untersuchen und damit das Verhältnis von Fachkultur und Berufsfeldbezug zu erhellen.
2 Theoretischer Hintergrund und vorliegende Forschung
2.1 Nutzenvorstellungen von Studierenden zu hochschulischen Praxisphasen
Studierende schreiben Praxisphasen eine hohe Bedeutung zu. Die Nutzenkonzepte zu Praktika werden als mehrdimensional und komplex beschrieben (EGLOFF, 2004) und lassen sich der Ebene der persönlichen bzw. der beruflichen Komponente zuordnen. Während erstere sich auf die Persönlichkeitsentwicklung (z. B. Autonomiegewinn) der Studierenden in Praxisphasen beziehen, fokussiert die zweite Komponente unterschiedliche strategische Dimensionen, welche die Erhöhung bzw. Förderung der beruflichen Chancen betrifft (BARGEL, 2012; BLOCH, 2007; SARCLETTI, 2007; SCHUBARTH et al., 2016) und sich dabei an den antizipierten Anforderungen des Arbeitsmarktes (BLOCH, 2007, S. 89) orientiert. Zentrale Nutzenvorstellungen der beruflichen Komponente sind der Erwerb fachlicher und überfachlicher Kompetenzen (z. B. Qualifikation), das Kennenlernen von Normen und Werten des Berufsfeldes sowie der Aufbau von sozialen Kontakten (z. B. späteren Arbeitgeber*innen) (vgl. SCHUBARTH et al, 2016, S. 66).
2.2 Fachkulturen und Berufsfeldbezug
Fachkulturen wurden lange Zeit, sowohl national wie international, auf Basis disziplinär differierender „epistemologischer Charakteristika“ (HUBER, 1991, S. 9; TROWLER, 2008, 182 ff.) beschrieben. Während damit klassifikatorisch wissenschaftsinterne Merkmale im Vordergrund standen, mehren sich in den letzten Jahren empirische Untersuchungen bzw. theoretisch-konzeptionelle Beiträge (HESSLER & OECHSLE, 2012; HESSLER, 2013; OECHSLE & HESSLER, 2011; SARCLETTI, 2009, TREMP, 2015), die Fachkulturen nach dem Grad des jeweiligen Berufsfeldbezuges in den Blick nehmen und damit wissenschaftsexterne Merkmale als Bestimmungsgröße für Fachkulturen in den Vordergrund stellen.
HESSLER & OECHSLE (2012, S. 115) konkretisieren diesbezüglich folgende Studiengangstypologien:
- „Das Studium ist der allein mögliche Zugangsweg für bestimmte Berufe, die als Professionen verstanden werden (z. B. Medizin und Lehramt)
- Das Studium ermöglicht eine Bandbreite unterschiedlicher, klar beschreibbarer Berufe- und Positionen (z. B. BWL, Ingenieurswissenschaften)
- Das Studium ist vor allem eine wissenschaftliche Ausbildung, konkrete Berufsbilder sind nicht automatisch zugeordnet (z. B. Geistes- und Sozialwissenschaften).“
Die Grundannahme hierbei ist, dass sich Disziplinen nach dem Grad des Berufsfeldbezuges in unterschiedliche Fachkulturen bzw. Studiengangstypologien unterscheiden lassen. Implizit basiert die Stärke des Berufsfeldbezuges auf dem Grad der Wissenschafts- und Forschungsorientierung bzw. auf dem Verhältnis von Studium und Beruf der jeweiligen Fachkultur (TREMP, 2015, S. 16). LANGEMEYER & MARTIN (2018) zeigen auf Basis von Mikrozensusdaten mittels Clusteranalysen auf, dass sich der Berufsfeldbezug des Studiums durch den Zusammenhang von Akademisierungsgrad auf der einen Seite sowie der berufsfachlichen Dichte auf der anderen Seite beschreiben lässt (vgl. ebd., S. →). Die Klarheit des Berufsfeldbezuges resultiert aus einer hohen Ausprägung beider Dimensionen (z. B. Medizin). Das Zusammentreffen eines hohen Grades an Akademisierung bei geringer Ausprägung der berufsfachlichen Dichte führt wiederum zur Zunahme der Diffusität des Berufsfeldbezuges (z. B. Geistes- und Sozialwissenschaften).
2.3 Orientierungen von Studierenden unterschiedlicher Fachkulturen zu Praxisbezügen
Untersuchungen zu Orientierungen von Studierenden unterschiedlicher Fachkulturen liegen auf der Grundlage differenter methodischer empirischer Zugänge vor. Neben der quantitativen Analyse von Survey - und Panelerhebungen (vgl. z. B. BARGEL, 2012; MULTRUS, 2013; SARCLETTI, 2009) liegen auch qualitativ orientierte Analysen vor, die das in der Studierenden- und Hochschulforschung längere Zeit konstatierte „subjektorientierte Defizit“ (OECHSLE & HESSLER, 2011, S. 216) einzulösen vermögen und theoretisch-konzeptionell subjektive Theorien (HESSLER & OECHSLE, 2012; HESSLER, OECHSLE & HECK, 2013; OECHSLE & HESSLER, 2010, 2011) bzw. Deutungsmuster (EGLOFF, 2002) von Studierenden in den Mittelpunkt der Analysen stellen.
HESSLER & OECHSLE (2012) zeigen im Rahmen einer qualitativen Studie auf, dass die Praxiskonzepte von Studierenden weniger vom Berufsfeldbezug des Studiums abhängig sind als vielmehr von der Heterogenität innerhalb der Studiengänge. Zu ähnlichen Ergebnissen gelangen auch SCHÜSSLER & KEUFFER (2012) in einer Interviewstudie mit Lehramtsstudierenden. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass Praxiskonzepte von Studierenden nicht deterministisch durch den Berufsfeldbezug des Studiums erklärt werden können.
In einem Überblicksbeitrag der Arbeitsgruppe für Hochschulforschung stellt BARGEL (2012) zur Bedeutung von Praxisbezügen im Studium fest, dass „[sich nach] der Zugehörigkeit zu den verschiedenen Fachrichtungen [keine] größeren Unterschiede bei der Gewichtung des Nutzens [von] Praktika außerhalb der Hochschule [ergeben]“ (ebd., S. →). MULTRUS (2012) hingegen stellt fachbezogene Differenzen innerhalb professionsorientierter Studiengänge der untersuchten Nutzenfacetten fest.
Mit Blick auf die vorliegenden Untersuchungen lässt sich festhalten, dass die Bedeutung des Berufsfeldbezuges auf die Orientierung von Studierenden zu hochschulischen Praxisphasen unterschiedlich und sogar teilweise konträr bewertet wird. Ein Grund hierfür könnte in der unterschiedlichen Systematik der Erfassung des Berufsfeldbezuges liegen, da einige Studien singuläre Studiengänge einzelner Fächergruppen fokussieren, aber nur wenige Untersuchungen Disziplinen mit unterschiedlichem Berufsfeldbezug miteinander vergleichen. Aus empirischer Perspektive besteht das zentrale Desiderat darin, dass das Kontinuum von Klarheit und Diffusität angemessen zu berücksichtigen ist.
Der vorliegende Beitrag adressiert daher folgende Fragestellungen:
- Unterscheiden sich die von Studierenden eingeschätzten Nutzenvorstellungen zu hochschulischen Praxisphasen nach dem Grad des Berufsfeldbezuges unt...
Inhaltsverzeichnis
- Inhaltsverzeichnis
- Vorwort
- Editorial: Lehrentwicklung anregen, Lehrqualität auszeichnen Gabi Reinmann, Peter Tremp
- Wie planen und steuern hochschuldidaktische Arbeitsstellen die Lehrkompetenzentwicklung? - Annika Greinert, Jan Hense
- Tutor*innenqualifizierung als Instrument der wissenschaftlichen Nachwuchsförderung: Max Bauer, Rebecca Sommer, Silke Traub
- Die Bedeutung von Lehrpreisen für Preisträger*innen und ihr Beitrag zur Lehrentwicklung – Befunde der Schweizer Lehrpreisstudie: Falk Scheidig, Peter Tremp
- Studierenden eine Stimme geben – der Lehrpreis als Auszeichnung guter Lehre: Johanna Woll, Hanna Hettrich, Kathrin Kilian
- Von studentischer zu professioneller Dialogischer Evaluation – theoretische Überlegungen zur Weiterentwicklung eines Evaluationsformats: Stefan Bauernschmidt, Myriam Stenger
- Let’s talk – mit Gruppengesprächen zur Qualitätsentwicklung in Studium und Lehre: Rochelle Alsleben-Borrozzino, Carolin Wagner
- Lehrentwicklung als organisationaler Veränderungsprozess: Elke Bosse, Grit Würmseer, Uwe Krüger
- Agiles Arbeiten im strategischen Handlungsfeld Lehrentwicklung an der Hochschule Niederrhein: Silke Kirberg, Alexandra Eßer-Lüghausen, Nadine Garrido Mira, Frederike Königs, Laura Markert, David Peters, Sylvia Ruschin
- Kollaborative Bildungsräume – Digitalität als strukturelles Element des Pädagogischen: Inga Truschkat, Sabrina Volk, Sophie Domann
- Framework zum Einsatz digitaler Medien in der Hochschullehre: Tina Talman, Laura Schilow
- Überlegungen auf dem Weg zu einer Theorie lehrbezogenen Wandels an Hochschulen: Tobias Jenert
- Lehrqualität entwickeln als immanentes Transzendieren: Ines Langemeyer
- Freie Beiträge
- Impressum
Häufig gestellte Fragen
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