Notizen aus Trumpland
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Notizen aus Trumpland

Alltag in Amerika zwischen Virus und Wahl

  1. 292 Seiten
  2. German
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Notizen aus Trumpland

Alltag in Amerika zwischen Virus und Wahl

Über dieses Buch

Wieso geht Flaschenbier auf der Strasse nur an Halloween und warum schlafen viele noch in Konföderierten-Bettwäsche - und: kann man ohne deutsche Brot überhaupt überleben? Diese Fragen und viele andere beantwortet Michael Kranefeld in seinen "Notizen aus Trumpland". Für fünf Jahre ist der deutsche Journalist mit seiner Familie in die USA gezogen und hat ein Land erlebt, dass von zwei Plagen geschüttelt wurde: Zuerst Trump, dann Corona. In der heissen Phase zwischen Virus und Wahl gibt er einen Einblick in die Politik, aber auch in die Überraschungen des Alltags. Wir erfahren, warum Amerikaner so gute Verkäufer sind, schlechte Witze von Vätern in den USA eine Kunstform darstellen und warum die Kölner als die Amerikaner Deutschlands durchgehen könnten.

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Information

Jahr
2021
ISBN drucken
9783751994088
eBook-ISBN:
9783753428888

Amerikaner*innen

(44 Tage bis zur Wahl) 20. September 2020
Sie heissen “Average Joe” oder “Average Jane”, die statistischen Durchschnittsamerikaner*innen. Es gibt massenweise Daten über sie: Einkommen, Wohnort, politische Vorlieben, Hautfarbe, Beruf, Ausbildung. Der Durchschnittsamerikaner ist statistisch eine Amerikanerin, eine Jane. Denn etwas mehr als die Hälfte der Bewohner*innen der USA sind weiblich. Jane ist weiß, knapp 38 Jahre alt, hat einen Bachelor-Abschluß eines Colleges, sie verdient etwas mehr als 50.000 Dollar im Jahr, sieht sich politisch als unabhängig mit Hang zu den Demokraten, ist verheiratet und wohnt mit ihren 2,62 Personen-Haushalt in einem eigenen Haus mit knapp 160 Quadratmetern in einer Stadt oder den Vororten.
So weit so ungefähr die reinen Daten (von denen es natürlich noch viel mehr gibt), doch eine Frage bleibt offen: Gibt es sie überhaupt, die Amerikaner*innen? Kann man bei einer Bevölkerung von 330 Millionen Menschen überhaupt sagen, was “die Amerikaner” glauben, fühlen, denken, wählen? Immerhin gelten die USA als das vielfältigste Land der Erde. „Die Amerikaner“ gibt es genausowenig wie „die Europäer”. Schon bei “die Deutschen” habe ich immer Probleme, wenn ich hier mal nach Einschätzungen gefragt werde. (“Die Kölner” ist einfacher: FC, Kölsch und Karneval.) Da verheddert man sich dann gerne in Klischees und Vorurteilen.
Aber - und jetzt kommen ein paar statistisch natürlich überhaupt nicht belegte und völlig persönliche Erfahrungen: Man kann schon sagen, dass “die” Amerikaner*innen durch die Bank immer sehr freundlich, hilfsbereit, zuvorkommend, zugewandt und kommunikativ sind. So entsteht ganz schnell eine Wohlfühlatmosphäre. Könnte man das auch von “den” Deutschen sagen? Und manchmal weht noch der Pioniergeist der Gründertage, wenn ganz pragmatisch einfach angepackt, Rückschläge weggesteckt werden und weitergemacht wird. Eine gehörige Portion Optimismus gehört dazu. Könnte man das auch von “den” Deutschen sagen? Oder sind das wieder alles nur Klischees?…

Suburbs

(43 Tage bis zur Wahl) 21. September 2020
Wir wohnen im Speckgürtel von Washington D.C. Es ist ein Bullerbü, gerade mal zehn Kilometer vom Weißen Haus entfernt. Hier stehen meist Einfamilienhäuser, die Menschen sind überwiegend weiß und verdienen mehr als das amerikanische Durchschnittseinkommen. Suburbs, Vororte wie diese, gibt es in fast allen amerikanischen Großstädten. Es ist die weisse Mittelschicht wie unsere Nachbarn, die eine entscheidende Wählergruppe bei dieser Präsidentschaftswahl stellt. Donald Trump versucht, diesen Menschen gerade ziemliche Angst zu machen. Die gute Nachricht: Es scheint nicht zu klappen.
Es sind die zum Teil auch in Gewalt und Plünderungen umgeschlagenen Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt, die Trump hemmungslos zu einer Kampagne der Furcht ummünzt. Wenn Joe Biden an die Macht kommt, so die präsidiale Fiktion, werden Plünderer kommen und die Vororte brennen. Dann bauen die Demokraten neue billige Wohnungen (unausgesprochen: für schwarze Amerikaner), in denen sich kriminelle Elemente einnisten - aus der Traum vom schönen ruhigen Vorort.
Zielgruppe dieser Angstvision sind vor allem weiße Frauen. Doch die Rechnung scheint nicht aufzugehen. Bei einer Umfrage in den wichtigen Swing-States Minnesota und Wisconsin haben die Vorort-Frauen zwar überwiegend gesagt, dass sie die Kriminalität in den USA für ein großes Problem halten (64 Prozent). Aber in ihrer eigenen Gegend fühlen sie sich nicht bedroht und fürchten auch keinerlei Unruhen. Schlecht für Trumps ist auch, dass sich die Frauen ebenfalls nicht bei neuem sozialem Wohnungsbau in ihrer Nachbarschaft sorgen würden. Im Gegenteil: In einer US-weiten Umfrage wollen sogar 84 Prozent der weißen Vorort-Frauen mehr gemischte Nachbarschaften. Und dass der moderate Joe Biden Vororte niederbrennen lässt, erkennen die meisten als das, was es ist: Nonsens. Es könnte also gut sein, dass Trumps düstere Angstvisionen nur die mobilisieren, die ohnehin schon für ihn stimmen.
Unsere liberalen Nachbarn haben indes andere Ängste: Sie fürchten, dass nach der Wahl bewaffnete militante Trump-Anhänger nach Washington kommen, um „ihren“ Präsidenten zu beschützen…

Die jungen Türken

(42 Tage bis zur Wahl) 22. September 2020
Sie haben knapp fünf Millionen Abonnenten auf YouTube, jeden Monat schauen mehr als 50 Millionen Menschen ihre Programme an: Die „Young Turks“ (TYT), die jungen Türken, sind die erfolgreichste linksalternative Medienorganisation in den USA. Das Programm von TYT ist liberal und progressiv und setzte ganz klar auf Bernie Sanders als Präsidentschaftskandidaten der Demokraten.
Der Name „The Young Turks“ ist allerdings erstmal ein wenig irritierend: Aber er ist auch Programm: Denn „Jungtürken“, das hiess schon im Osmanischen Reich des 19. Jahrhunderts: radikale Ideen und Reformeifer. Sogar in Deutschland gab es in den 1950er Jahren den Begriff „Jungtürken“- für eine Gruppe innerhalb der FDP um den späteren Bundespräsidenten Walter Scheel.
Jung und rebellisch, so startete der aus der Türkei stammende Gründer Cenk Uygur unter dem Namen „The Young Turk“ erst eine Radioshow, später wurde eine Internet- und Fernsehshow daraus, inzwischen ist es ein Netzwerk mit zahlreichen Ablegern. Sie nennen sich alle „die Heimat der Fortschrittlichen“ und sie eint der Blick von ganz weit links auf die Zustände in den USA. Klar, dass in diesen Zeiten Donald Trump das Hauptziel der durchaus populistischen und wenig journalistischen Beiträge ist. Aber auch Ungleichheiten im Wirtschaftssystem, die Macht von Konzernen, der latente Rassismus in den USA und die ausufernde Polizeigewalt werden angeprangert. Während die demokratische Abgeordnete Alexandra Ocasio-Cortez und Bernie Sanders gefeiert werden, wird Joe Biden durchaus kritisiert. Lieblingsgegner sind allerdings die stramm auf Trump-Kurs sendenden Moderatoren von Fox News, wie Tucker Carlson, Sean Hannity oder Laura Ingraham, deren Sendungen genüßlich seziert werden.
Konzept ist auch, dass „normale Menschen“ ausführlich zu Wort kommen. Auch Trump-Anhänger - man will zeigen, wie der Gegner denkt. Schräg wird’s dann, wenn Evangelikale allen Ernstes behaupten, dass Donald Trump der von Gott Gesandte ist. Da bleibt dem linken TYT-Reporter nur ein fassungsloses: „Really?!”

Barbecue

(41 Tage bis zur Wahl) 23. September 2020
Es mag zwar stimmen, dass die USA zur Zeit so tief gespalten sind wie noch nie in der Geschichte seit dem Bürgerkrieg. Doch wenn es eine gemeinsame amerikanische Leidenschaft gibt, dann sicher dies: Barbecue. Die Grills sind einfach überall. Sie stehen hinter den Häusern, auf Balkonen, auf Booten, werden zum Camping mitgenommen, manche haben sogar einen hinten auf ihren Pickup montiert. In den Parks sind sie sogar fest installiert und warten auf Besucher. Egal ob mit Gas oder Kohle gegrillt oder mit Holz gesmoked wird - der Grill gehört zum Lebensgefühl einfach dazu. Im Sommer kann man es sogar riechen: Irgendwo grillt immer jemand.
An dieser Stelle allerdings könnte es mit der Einigkeit schon wieder vorbei sein. Dass Barbecue die Zubereitung von Fleisch mit der Hilfe von Feuer bedeutet, auf diese Mindestformel könnten sich wohl alle noch einigen. Aber es geht auch um Regionalstolz. Denn Barbecue ist mehr als das profane deutsche Grillen mit ein paar Würstchen und Fleisch. Richtig zelebriert ist es eine Kunstform bei der die Expertise von Generation zu Generation weitergegeben wird. So gibt es im Süden der USA nicht nur den bible-belt, den Bibelgürtel, sondern auch den barbecue-belt. Da gibt es dann Barbecue-Hauptrichtungen: Memphis-style, Texas-style, Carolina-style und Kansas-style.
Memphis ist bekannt für seine Schweinerippchen, Carolina für sein pulled pork. In Texas kommt hauptsächlich Rind auf den Grill. Die Spezialität hier ist smoked brisket, ein Stück der unteren Brust, eingerieben mit Kräutern und Gewürzen. Alles super lecker - kann ich glücklicherweise aus eigener Reise-Erfahrung sagen.
Der Kansas City-style gilt als das Beste aus beiden Welten - Schwein und Rind. Kein Wunder, dass die Stadt jedes Jahr auch Ausrichter der "World Series of Barbecue" ist - mit mehr als 500 Barbecue-Experten. Die Meisterschaft fiel in diesem Jahr allerdings aus - wegen Corona. Ersatz gibt´s aber bei Netflix: Neben dem toll gedrehten "Chefs Table - Barbecue" mit Köchen aus aller Welt ist jetzt auch "The American Barbecue Showdown" erschienen. Da will man gleich ein Steak auf den Grill legen…

Soccer

(40 Tage bis zur Wahl) 24. September 2020
In Detroit wurde ich vor zwölf Jahren ausgelacht, als ich sagte, dass ich Fußball spiele. “Das ist doch ein Mädchensport!” Dafür hat dann Reporter Rob Wolchek von Fox 2 einen lustigen Beitrag gemacht über den Deutschen, der zum ersten Mal den Männersport Baseball versucht. Denn das ist neben Football die Lieblingssportart der Amerikaner. Unser Fußball heisst hier Soccer und spielt nicht wirklich eine Rolle - auch wenn die amerikanischen Frauen das erfolgreichste Team sind und schon viermal Weltmeister waren.
Letzte Saison konnte man bei unserem lokalen Männerteam DC United zumindest noch Wayne Rooney gucken, der hier zwei Spielzeiten kickte. Als Rooney nicht weit von hier in unserer Gegend ein Haus bezog, waren nur die Europäer aufgeregt - den meisten Amerikanern sagte das nichts: “Wer soll das sein?” Allerdings konnte DC United sich auch mit Rooney nicht wirklich aus der dauernden Mittelmäßigkeit befreien. In dieser Saison krebsen sie sogar ziemlich unten rum - glücklicherweise gibt es in der amerikanischen Major League Soccer (MLS) keine Absteiger.
Allerdings haben die Amerikaner den europäischen Fußball als Geldanlage entdeckt. Gerade erst übernahm die amerikanische Familie Krause, die mit Gemischtwarenläden im mittleren Westen ihr Vermögen gemacht hat, den italienischen Erstligisten AC Parma. Damit haben mittlerweile 23 der 100 wertvollsten Fußballvereine der Welt amerikanische (Mit-)Eigentümer, darunter Arsenal, Liverpool, Manchester United, AS Rom, AC Florenz und Girondins Bordeaux.
Das amerikanische Verhältnis zum Fußball lässt sich ganz wunderbar in meiner Lieblingsserie “Ted Lasso” besichtigen. Ted ist ein amerikanischer Football-Coach, der als Trainer eines englischen Fußball Erstligisten verpflichtet wird. Zwei Welten prallen aufeinander! Großartig und sehr lustig, aber auch rührend. Ein Gute-Laune-Format. Die Idee für die Serie stammt aus zwei Werbespots für die NBC Sports Premier League-Sendungen. Die Bundesliga indes gibts zur neuen Saison jetzt bei ESPN plus. Ein Schnäppchen: Nur 5,99 Dollar im Monat für die FC-Dauerkarte…

Klinken putzen

(39 Tage bis zur Wahl) 25. September 2020
Der Mann klang äusserst überzeugend: „Das ist eine große Gefahr! Wenn die erstmal da sind, dann haben Sie keine Chance! Ihre Nachbarn sehen das auch so.“ Es ging um Ameisen, die sich offenbar schon ganz bald gewaltsam Zutritt zu unserem Haus verschaffen würden. Rettung in letzter Sekunde versprach der Mann, der an unserer Tür klingelte. Er blieb nicht der einzige: Es kamen Leute wegen der Einfahrt („da müsste mal was ausgebessert werden“), wegen des Rasens („keiner mäht günstiger“) oder wegen des Hauses insgesamt („Totalrenovierung - dann sieht das hier wieder aus wie neu“). Dazu noch Aboverkäufer, Spendensammler, die Girlscouts mit ihren Cookies (die wir natürlich gekauft haben - thin mints sind die besten) und die Kids von der Highschool, die Weihnachtsdeko anbieten (haben wir jetzt auch). Vor Corona kam alle naselang mal jemand an die Tür. Das ist hier weitaus üblicher als in Köln - und es ist auch durchaus üblich, regelmäßig für den guten Zweck zu spenden.
Amerikaner sind es offensichtlich gewohnt, dass man sie zu Hause aufsucht, wenn man etwas von ihnen möchte. Insbesondere, wenn man ihre Stimme will. Canvassing, frei übersetzt; Klinken putzen heißt es im Wahlkampf, wenn Politiker oder ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Trumpland - Was bisher geschah
  3. Independence
  4. Europa
  5. Die Corona-Falle
  6. Vorhölle
  7. Aluhüte
  8. Recht von rechts
  9. Rote Illusion
  10. Amerikaner*innen
  11. Nervös
  12. Historisch
  13. Eigentlich…
  14. Zum Schluss…
  15. Impressum

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