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Vom Ende der Landwirtschaft
Wie wir die Menschheit ernähren und die Wildnis zurückkehren lassen. Plädoyer für eine Postlandwirtschaftliche Revolution
- 240 Seiten
- German
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Vom Ende der Landwirtschaft
Wie wir die Menschheit ernähren und die Wildnis zurückkehren lassen. Plädoyer für eine Postlandwirtschaftliche Revolution
Über dieses Buch
Um Klimakrise und Artensterben in den Griff zu bekommen, sind radikale Änderungen erforderlich. Etwa die halbe Erde müsse dazu der Natur zurückgegeben werden, fordern Experten. Doch wie soll das gehen? »Indem wir die Landwirtschaft abschaffen!«, sagt Oliver Stengel, denn industriell betrieben, stellt diese ein riesiges Umweltproblem dar.
Er entwirft eine provokante Zukunftsvision, in der Lebensmittel und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse aus dem Labor kommen – nicht als unappetitlicher Brei, sondern wie frisch vom Feld. Auf Äckern und Weiden darf sich dann die Natur wieder ausbreiten.
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Information
Kapitel 1
Die Landwirtschaftliche
Revolution
Revolution
Mit der Landwirtschaftlichen Revolution veränderte sich die Welt. Genauer: die natürliche Umwelt und die soziale Welt der Menschen. Erst mit der Einführung landwirtschaftlicher Praktiken konnten verschiedene Zivilisationen entstehen, die im Verlauf von Jahrtausenden anfingen, sich allmählich zu einer menschlichen Zivilisation zu vereinheitlichen – ein Prozess, der gegenwärtig andauert. Und auch die globale Umwelt wurde durch die Landwirtschaft zunehmend vereinheitlicht: Terrestrische Ökosysteme wurden vereinfacht, weltweit wurden die gleichen Nutztiere gehalten und dieselben Nutzpflanzen angebaut – und selbst diese Arten wurden überall biologisch neu gestaltet. Vor 12.000 Jahren setzten eine gesellschaftliche und eine ökologische Transformation ein, die mit dem brachen, was Millionen Jahre davor natürlich, normal und vertraut gewesen war. Die Landwirtschaftliche Revolution war der Beginn der Erde 3.0, und sie hob die Menschen auf das zweite Level ihrer Existenz, indem sie sie von den Jägern und Sammlern der Steinzeit zu Bauern eines neuen Zeitalters machte. Für den Anthropologen Carel Schaik und den Historiker Kai Michel ist dieser Übergang als »die größte Verhaltensänderung zu bezeichnen […], die je eine Tierart auf diesem Planeten vollzogen hat«.11
Die Disruption der Steinzeit und der Natur
Schon einmal, vor Jahrhunderttausenden, waren Menschen disruptiv, als sie ein neues Werkzeug erfanden: die Fackel. Sie war nicht nur ein wirksames Mittel, um Tiere auf Distanz zu halten, sie konnte auch als Waffe eingesetzt werden, mit der man Tiere in eine bestimmte Richtung treiben und in Fallen locken konnte. Mit der Fackel veränderte der Mensch seine Stellung in der Natur, da er nun etwas nutzen konnte, wovor alle Tiere Angst hatten. Zuvor mussten Menschen jedoch ihre eigene Urangst vor dem Feuer überwinden, und dabei halfen ihnen vermutlich ihre Neugier sowie ihre noch größere Angst vor den sie ständig bedrohenden Raubtieren. Wie auch immer: Mit der Fackel wurden Menschen von Gejagten zu Jägern. Wo Menschen mit Fackeln waren, mussten Tiere weichen. Auch brannten Menschen nun Flächen ab, damit jene Pflanzen besser wuchsen, die sie sammelten. Aborigines legten schon vor Zehntausenden Jahren Flächenbrände im australischen Outback, um anschließend verbranntes Fleisch aufzusammeln. Indianer brannten jahrtausendelang regelmäßig die Prärie ab, damit dort keine Bäume wachsen, stattdessen aber Bisons weiden konnten, die sie dann (u. a. mit Fackeln) jagten. Mit Fackeln gestalteten schon Menschen der Steinzeit Landschaften nach ihren Bedürfnissen.
Mit der Nutzung des Feuers veränderten sie aber nicht allein ihre Stellung in der Natur und natürliche Landschaften, auch ihr Sozialleben wandelte sich: Feuer spendete Licht, weshalb sich die Wachzeiten der Menschen verlängerten. Nun konnte man sich im Dunkeln noch um ein Feuer versammeln, anstatt sich bei Anbruch der Dämmerung zum Schlaf zusammenzukauern. Feuer spendete Wärme, und ohne die Zähmung des Feuers wäre es Homo erectus und nach ihm Homo sapiens nicht möglich gewesen, Afrika zu verlassen und kühlere Breitengrade jenseits der Tropen und Subtropen zu bewohnen. Mit der Fackel veränderte der Mensch folglich auch seine Stellung in der Welt, denn mit ihr konnte er sich globalisieren.
Und doch waren diese damaligen Disruptionen bloß ein laues Vorspiel.
Die Disruption der Steinzeit
Die zweite Disruption des Menschen stellte alles zuvor Gewesene in den Schatten. Formal steht sie für den Übergang vom Paläolithikum zum Neolithikum, d. h. von der Alt- zur Neusteinzeit. Diese Bezeichnungen jedoch sind fade und werden dem Umfang des tatsächlichen Übergangs nicht gerecht. Faktisch vollzog sich mit der zweiten Disruption eine gewaltige Transformation, die angemessener hervorgehoben wird, wenn man vom Ende der Steinzeit und vom Beginn eines neuen menschlichen Zeitalters, der Agrarzeit, spricht – oder eben vom Ende der Erde 2.0 und dem Anbruch einer neuen irdischen Epoche, der Erde 3.0. Denn der Mensch wandelte sich in der Agrarzeit vom Jäger zum Terraformer und vollbrachte, was in den 560 Millionen Jahren davor keine Lebensform auf der Erde vollbracht hatte: Er gestaltete die Erde neu, sodass sie zunehmend besser an seine Bedürfnisse angepasst war. Damit schuf er eine Technosphäre.
All dies begann mit der Landwirtschaft. Denn die Landwirtschaft begann mit der Zerstörung von allem, was dort wuchs, wo das Land bewirtschaftet werden sollte. Wo der Acker werden und bleiben sollte, musste Natur weichen und durfte nicht mehr zurückkehren. Auf diesen heute liebevoll »Kulturlandschaften« genannten Flächen begann vor ungefähr 12.000 Jahren die großräumige Umgestaltung der Biosphäre, die im Grunde eine große ökologische Vereinfachung ist: Die Landwirtschaft vereinfacht Ökosysteme, indem sie natürliche und artenreiche biologische Gemeinschaften durch einfache, vom Menschen geschaffene Landschaften ersetzt, in denen in der Regel nur eine Pflanzenart wachsen soll – und selbst die wurde von Menschen geschaffen. Auch Weideland wurde nun eine vereinfachte Landschaft, dazu geschaffen, nur eine Tierart zu nähren – und auch diese wurde vom Menschen kreiert.
Vermutungen über jene Gründe, die Menschen dazu bewogen haben, eine Landwirtschaft einzuführen und Landschaften zu vereinfachen, gibt es mehrere: Der besondere Geschmack von Brot12 oder die den Geist überwältigende Wirkung von Bier,13 die wohl beide schon vor dem systematischen Anbau von Getreide genossen wurden, zählen ebenso dazu wie die These von der Überjagung. Gleich, welcher Kontinent oder welche Insel von Menschen besiedelt wurde: Sie brachten Fackeln, Speere und knurrende Mägen mit, und kurze Zeit nach ihrer Ankunft begannen die großen und essbaren Tierarten auszusterben.14 Auch der Wunsch, ein leichteres Leben zu führen, ist als Grund für die Landwirtschaftliche Revolution genannt worden. Anstatt ihren Nahrungsmitteln hinterherzuwandern, bauten Sammler selbige fortan vor ihren Hütten an (Pflanzen), sperrten sie in Pferche (Tiere) und wurden nun sesshafte Bauern. Komfortmäßig war die Landwirtschaft jedoch ein deutlicher Rückschritt.
Argumente dafür nennt Samuel Bowles: Die frühen Bauern waren kleiner und kränklicher als Jäger und Sammler, da ihre Ernährung einseitiger war und überdies in Ermangelung ausgereifter Werkzeuge härter erarbeitet werden musste. Nicht zuletzt waren die Ernten weniger produktiv. Die späteren Bauern bauten ausschließlich neu gezüchtete Pflanzensorten an, welche die Natur so nicht hervorgebracht hatte. Diese waren das Resultat jahrtausendelanger künstlicher Selektion durch den Menschen. Die frühen, ursprünglichen, unveränderten Sorten jedoch hatten einen erheblich geringeren Ertrag pro Sameneinheit. Außerdem waren die Verluste bei der Lagerung damals hoch und betrugen etwa zehn Prozent bei Getreide und mindestens doppelt so viel bei Maniok und Knollenfrüchten.15 »Entgegen früherer Annahmen«, so der Politologe und Direktor des agrarwissenschaftlichen Programms der Yale University, James Scott, »ähneln die Jäger und Sammler – auch in den marginalen Refugien, die sie heute noch bewohnen – mitnichten den ausgemergelten, kurz vor dem Hungertod stehenden Desperados der Folklore. In Wirklichkeit waren Jäger und Sammler nie in so guter Verfassung – was ihre Ernährungsweise, ihre Gesundheit und ihre Muße angeht. Ackerbauern hingegen sahen niemals so schlecht aus – was ihre Ernährungsweise, ihre Gesundheit und ihre Muße betrifft.«16 Unter- oder fehlernährt, konnten die frühen Bauern ihre Populationen darum in den ersten Jahrhunderten nach der Landwirtschaftlichen Revolution noch nicht mehren.
Da die Landwirtschaft innerhalb weniger Jahrtausende an mindestens sieben verschiedenen Orten in Süd-, Mittel- und Nordamerika sowie in Afrika, im Nahen und Fernen Osten und auf Papua-Neuguinea unabhängig voneinander eingeführt wurde, gab es womöglich unterschiedliche Gründe für die Einführung landwirtschaftlicher Praktiken.
Ein Motiv dürfte aber in jedem dieser Fälle eine Rolle gespielt haben: der Wunsch, ein sichereres Leben zu führen. Die einigermaßen gesicherte Verfügbarkeit einer oder zweier wilder Spezies, die für das Überleben der Menschen wichtig waren, sollte das Hungerrisiko und die Unsicherheit reduzieren.17 Weniger Risiko, mehr Sicherheit – dafür konnte man dann auch Mehrarbeit in Kauf nehmen, und es ist eine Verkehrung der Geschichte, dass die Land- und Viehwirtschaft heute für beides steht: für Risiko und Unsicherheit.
Interessanter als die Gründe für die Landwirtschaftliche Revolution, sind darum ihre Folgen – und die betrafen einmal das Sozialleben und die Gesellschaft, zum anderen die Natur. In beiden Fällen waren die disruptiven Umwälzungen so beträchtlich, dass die Bezeichnung »Revolution« für den Übergang vom Sammeln und Jagen zur Landwirtschaft fürwahr angemessen ist.
Mit diesem Übergang erfolgte nämlich eine gleich dreifache Disruption der Vergangenheit. Diese zeigte sich im Übergang vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit und vom Leben in der Natur zum Leben außerhalb der Natur auf künstlichen Inseln sowie später vom Leben in Gemeinschaften, in denen alle Mitglieder einander vertraut waren, zum Leben in Gesellschaften, in denen so unübersichtlich viele Menschen zusammenlebten, dass man einander meistens fremd blieb. Außerdem mussten die neuen Gesellschaften anders organisiert werden, um das geordnete Zusammenleben vieler möglich machen zu können. Mit der neuen Lebensweise entstand ein neuer Menschentypus, der sich radikal vom vorherigen unterschied. »Wenn wir«, so der Historiker Alfred Crosby, »aus unserer heutigen Perspektive die Sumerer [die den Ackerbau vermutlich als erste einführten] mit den Jägern und Sammlern vergleichen, die vor oder auch nach ihnen gelebt haben, werden wir feststellen, daß zwischen diesem allerersten Kulturvolk und jedweder Art von Steinzeitmenschen ein größerer Unterschied besteht als zwischen den Sumerern und uns. Wenn wir Jäger und Sammler betrachten, sehen wir Menschen vor uns, die zutiefst ›anders‹ sind.«18 Im heutigen Irak, wo die Sumerer lebten, wurden die Lebensweise und Mentalität der Steinzeit zerstört und durch etwas qualitativ anderes ersetzt. Menschen bauten nun Häuser und Dörfer, erfanden Töpfe und Teller, das Alphabet, religiöse Systeme, die Metallurgie, Rechtsprechung, Berufe und vieles mehr, das heute noch Bestand hat. Zugleich legten die Sumerer die ersten Anthrome an, d. h. menschengemachte Lebensräume.
Als Bauern lebten sie nun ganzjährig auf künstlichen Inseln, denn das bäuerliche Leben wurde ja erst durch die Ausgrenzung der wild wachsenden Natur möglich. Die Bauern, so der Historiker Yuval Harari, »fällten Bäume, gruben Kanäle, legten Äcker an, bauten Hütten, pflügten Ackerfurchen und pflanzten Obstbäume in ordentlichen Reihen. Dieser künstliche Lebensraum war nur für die Menschen und ›ihre‹ Pflanzen und Tiere bestimmt und wurde oft mit Hecken und Mauern umzäunt. Die bäuerlichen Familien taten alles, um Unkraut oder Wildtiere fernzuhalten.«19 Und das war keine leichte Arbeit, im »Vergleich zum Sammeln und Jagen ist der Getreideanbau Schwerstarbeit, die legendäre Kainsarbeit ›im Schweiße des Angesichts‹. Roden, Unkraut jäten, Steine vom Feld auflesen, Düngen, Bewässern und Pflügen […] nach der Ernte mussten sie das Getreide dreschen, mahlen und sieben, bevor sie es mit Wasser zu Brei verrühren oder als Teig zu Fladen backen konnten.«20 Beschwerlich setzte damals in zunächst geringem Ausmaß die Umgestaltung der Erde nach den Bedürfnissen der Menschen ein.
Waren das Beackern der Felder und das Halten von Tieren schon nicht einfach, lagen die eigentlichen Schwierigkeiten jedoch woanders: Man musste einen Teil der Ernte zurücklegen, um im nächsten Jahr säen zu können, und es musste dafür gesorgt werden, dass niemand diese Reserve angriff. Außerdem musste man gesetzlich regeln, wer die Eigentumsrechte an der Ernte besaß – obwohl jeder in den sozialen Verhältnissen zuvor das Recht zum Sammeln hatte und an sich nehmen konnte, was er fand. Es war also weniger schwierig, die Landwirtschaft zu erfinden als vielmehr die Gesellschaft, die sie möglich machte.
Um die Landwirtschaft zu erfinden, musste man lediglich aus Wildgräsern Samenkörner schütteln, mit simplen Werkzeugen in den Boden einarbeiten und vier bis fünf Vollmonde abwarten. Die eigentlichen Schwierigkeiten traten beim systematischen Großanbau, bei der Pflege der Felder und vor allem nach der Ernte auf: Es musste Privatbesitz in Form von Ernteerträgen, Vieh und der eigenen Wohnung eingeführt und abgesichert werden. Letzteres gleich doppelt: zum einen juristisch, gegenüber den Mitgliedern der eigenen Gemeinschaft, damit sie sich unverdienterweise nicht nahmen, was andere erarbeitet hatten. Zum anderen militärisch, gegenüber den Räubern anderer Gemeinschaften – und Räuber gab es damals so zahlreich wie nie zuvor. Denn Bauern ziehen Räuber an, und aus Bauern werden Räuber.
Homo erectus und Homo sapiens sammelten Nahrung, wanderten dabei umher, verließen Afrika und breiteten sich aus. Sie taten dies 2,3 Millionen Jahre lang, und Hunderte Millionen Menschen lebten so in diesem Zeitraum. Dann führten einige Menschen die Landwirtschaft ein – und nach nur fünf Jahrtausenden gründeten sich erst Städte und dann Riesenstädte wie Alexandria, Rom oder Babylon. Während die menschliche Geschichte zuvor wenige bedeutsame Ereignisse kannte – eines von ihnen war die Nutzbarmachung des Feuers – und wie ein langer, ruhiger Fluss durch die Zeit mäandrierte, glichen die Jahrtausende nach den ersten Stadtgründungen einem rasenden, wilden, gurgelnden Fluss mit Untiefen, Stromschnellen, Schluchten und Wasserfällen. Kurz: Die Geschichte wurde nun ein Abenteuer. Und sie wurde auf neue Weise grausam. Grausam war sie zuvor gewesen, wenn Raubtiere wehrlose, verängstigte Menschenkinder fraßen. Grausam wurde sie nun, weil sich Menschen gegenseitig überfielen.
Das taten Menschen zwar schon als Jäger und Sammler. Die Mortalitätsrate durch Überfälle, Konflikte oder Kriege zwischen Stämmen lag im präkolumbianischen Amazonien bei etwa dreißig Prozent der Gesamtbevölkerung. Das bedeutet, dass damals jeder dritte Mensch erschlagen, erwürgt, vergiftet oder ertränkt wurde. Die Gründe für die Gewaltausbrüche wiederholten sich: Rache (z. B. für Frauenraub), Wiederherstellung der Ehre, Territorialansprüche und Eifersucht.21 Im Allgemeinen konnten sich Stämme aber aus dem Weg gehen, wenn sie mobil waren und das Gebiet groß und fruchtbar genug war, um ausweichen zu können.
Nun aber wurden die Menschen bäuerlich, sesshaft und konnten einander nicht mehr ausweichen. »Die Menschen hatten sich seit jeher bekämpft, doch in den bäuerlichen Gesellschaften waren mehr Menschen beteiligt und die Waffen tödlicher, da die Kämpfer sich mit Metallspeeren, Kampfwagen und Belagerungsmaschinen ausrüsteten.«22 Gleichzeitig mehrten sich die äußeren Gefahren, denn die Bauern konnten jetzt von anderen Menschen und von der Natur angegriffen werden. Die Launen des Wetters, Heuschrecken und anderes Geschmeiß bedrohten die Bauern unablässig. Zugleich benötigten sie immer mehr Flächen und Nahrungsmittel. Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften entnahmen der Natur lediglich, was sie zur Aufrechterhaltung ihrer Vitalfunktionen benötigten, und außerdem waren ihre Populationen klein. Wo sich jedoch der Übergang zur Agrargesellschaft vollzog, stieg der Bedarf an Nahrungsmitteln und anderen Erzeugnissen auf ein bis dahin unbekanntes Niveau. Das lag nicht allein daran, dass die Landwirtschaft mit der Zeit produktiver wurde und mehr Menschen ernähren konnte. Das lag vor allem daran, dass Menschen nun auf Höfen oder in Städten mit Nutztieren zusammenlebten. Damit mussten nicht nur Nahrungsmittel und Wasser für die Menschen, sondern auch für die Nutztiere beschafft werden.
Zudem stieg der Ressourcenbedarf von Agrargesellschaften an Gebäuden, Artefakten und Infrastruktur: Werkzeuge für die Feldarbeit, Gefäße, Gebäude zur Lagerhaltung, Transportgeräte, Schutzvorrichtungen und Waffen gegen Räuber. In agrarischen Verhältnissen war der Rohstoffverbrauch pro Kopf und Jahr um ein Vielfaches höher als in Jäger-und-Sammler-Gesellschaften.
Pflüge und Schwerter wurden nun zu Symbolen landwirtschaftlicher Gesellschaften. »Die agrarische Gesellschaft ist zur Gewalt verurteilt. Sie hortet Reichtümer, die verteidigt werden müssen und deren Verteilungsmodus mit Gewalt durchgesetzt werden muss«, resümiert Gellner.23 Als Reichtümer galten damals vor allem die eingelagerten Erntevorräte, die die ersehnte Lebensmittelsicherheit für die Bewohner garantieren sollten. Wahre Reichtümer besaß damals nur eine kleine Elite, die über weltliche Macht oder einen außerweltlichen Zugang zum Göttlichen verfügen konnte. Die Erntevorräte wurden in Kornkammern mit Lehmziegeln gelagert. Diese ersten Silos entstanden vor 11.000 Jahren, und sie galt es durch Wehranlagen zu schützen. Vor rund 10.000 Jahren entstanden aus diesem Grund die ersten Stadtmauern. Sie zu errichten war ebenfalls harte Arbeit: Die Steine mussten aus dem Fels geschlagen, abtransportiert, bearbeitet, gestapelt und verklebt werden. Aber die Mauern hatten eine wichtige Funktion, die die harte Arbeit wert war: Sie schützten Menschen vor anderen Menschen. Die fast 9.000 Kilometer lange Mauer Chinas sollte z. B. die Bauern und ihre fruchtba...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Impressum
- Inhalt
- Vorwort
- Einleitung: Die Erde 3.0 und der Flaschenhals
- Kapitel 1: Die Landwirtschaftliche Revolution
- Kapitel 2: Die Postlandwirtschaftliche Revolution
- Kapitel 3: Natur: Entfremdung und Relaunch
- Resümee: Nach dem Flaschenhals
- Über den Autor
- Danksagung
- Anmerkungen
- Literatur
Häufig gestellte Fragen
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