Nietzsche und die Reformation
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Nietzsche und die Reformation

  1. 416 Seiten
  2. German
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Über dieses Buch

Die Reformation von 1517 wird oft genug monumentalisch als Auftakt der Moderne erinnert. Demgegenüber setzt Nietzsches Kritik an der Revitalisierung des Christentums durch Luther und die Gegenreformation einen Gegenakzent. Wer sich in der Vergangenheit auf dieses Thema eingelassen hat, verfolgte oft nicht bloß gelehrte Interessen, sondern eine eigene weltanschauliche Agenda. Während manche Luther gegen die Kritik Nietzsches verteidigten, sahen andere im 'Tod Gottes' die konsequente Fortsetzung des reformatorischen Zerstörungswerkes. Zugleich erkannte Nietzsche die Reformation als fragwürdiges und folgenreiches Ereignis, rühmte die Sprachgewalt Luthers und strebte selbst nach einer grundlegenden Umgestaltung der Kultur. Das Thema ist daher noch immer nicht nur von historischem, sondern auch von aktuellem Interesse. Was lässt sich an der Beschäftigung Nietzsches mit der Reformation über Nietzsche, über die Reformation, über das Christentum und über unsere Gegenwart lernen? Diesen und weiteren Fragen widmen sich Volker Gerhardt, Beatrix Himmelmann, Gerald Hödl, Sebastian Kaufmann, Dagmar Kiesel, Duncan Large, Enno Rudolph, Michael Schmidt-Salomon, Christoph Türcke und weitere Forscher aus aller Welt.

Häufig gestellte Fragen

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Information

Nietzsches christliche Jugendlyrik

Armin Thomas Müller

Abstract

Nietzsche’s Christian Adolescent Poetry. Young Nietzsche left a vast amount of Christian poetry which at least partly justifies the well-known image of ‘the little pastor’. However, as poetry hardly serves as a key to analysing the author’s personal beliefs, surveying it from a historical perspective looks the most promising. By adopting such an approach, it is possible to find out much about the reception of canonical Christian lyric around 1850. The article gives an overview of Nietzsche’s Christian adolescent poetry and also contains an exemplary interpretation of two particular poems against the background of literary tradition. Additionally, an index of Nietzsche’s Christian adolescent poetry is attached.

1 Methodischer Vorgriff

Das Bild vom ‚kleinen Pastor‘ Nietzsche mag in der Eindeutigkeit, in der es ursprünglich gezeichnet und danach affirmiert wie auch abgelehnt worden ist, nicht haltbar sein.1 Es birgt dennoch einen wahren Kern, zumindest insofern der junge Nietzsche eine Vielzahl christlicher Gedichte hinterlassen hat. Diese ermöglichen zwar keine Rückschlüsse auf den Privatglauben der Person, da Gedichte als Texte mit stark ausgeprägter Literarizität besonders unzuverlässige Dokumente sind, wenn es um die Rekonstruktion des Lebens und der Meinungen ihres Autors geht.2 Auch kann im Fall der christlichen Jugendlyrik schwerlich davon die Rede sein, dass Motive des späteren Werks antizipiert werden.3 Aus historischer Perspektive, besonders im Hinblick auf mentalitäts-, sozial- und kulturgeschichtliche Fragestellungen, ergeben sich jedoch valide Ansatzpunkte, die eine Untersuchung der christlich-lyrischen Juvenilia interessant machen.4 Zudem erweitert die Betrachtung von Nietzsches christlicher Jugendlyrik die bekannte Rolle Nietzsches als ‚Antichrist‘, Renaissance-Bewunderer oder Luther-Kritiker um eine weniger prominente Facette: die des geistlichen Jungdichters, der sich nicht zuletzt von Kirchenliedern Luthers inspirieren lässt.
Dieser ‚andere‘ Nietzsche beschließt ausweislich seiner autobiografischen Schrift Aus meinem Leben von 1858, sich selbst zum Dichter auszubilden (vgl. NL 1858, KGW I/1, S. 307 und NL 1862/63, KGW I/3, S. 24; vgl. hierzu Pestalozzi 1984, S. 103). Er verordnet sich ein tägliches Dichtungspensum und integriert Poesiestunden in seinen Arbeitsplan (vgl. NL 1861/62, KGW I/2, S. 301 u. 302). Mit seinen Jugendfreunden Wilhelm Pinder und Gustav Krug gründet er einen ‚literarischen Verein‘ namens Germania, der die drei Mitglieder dazu verpflichtet, in regelmäßigen Abständen künstlerische oder wissenschaftliche Leistungen zu erbringen (vgl. NL 1860, KGW I/2, S. 196 und KSA 1, S. 653 – 654; vgl. hierzu Hödl 1999). Nicht zuletzt verfasst dieser ‚andere‘ Nietzsche lyrische Bußgebete und Choräle, benutzt die Bibel – ohne parodistische Absicht – als Stoffvorlage und widmet seiner Mutter christlich aufgeladene Geburtstagsgedichte.
Dass im Folgenden von ‚christlicher‘ statt von ‚religiöser‘ oder ‚geistlicher‘ Dichtung gesprochen wird, ist zum einen auf den Überblickscharakter meines Beitrags zurückzuführen, der sowohl geistliche Lyrik im gattungspoetologischen Sinn – etwa Kirchenlieder, Festtagsgedichte oder Gebetslyrik – als auch im weiteren Sinn mit christlichen Glaubensvorstellungen angereicherte Verse sowie weltlich-geistliche Mischformen behandelt, wie sie etwa auch die vom jungen Nietzsche oft und gerne als Vorlage konsultierte Dichtung der (Spät‐)Romantik oder des Barock hervorgebracht hat (vgl. Schmitz-Emans 2016, S. 414 – 415 und Meid 2008, S. 115). Zum anderen findet sich im Nachlass der 1850er und frühen 60er Jahre auch religiöse Lyrik nichtchristlicher Art, beispielsweise eine größere Menge antikisierender, auf die griechische und römische Mythologie rekurrierender Gedichte (vgl. z. B. Olympos, NL 1857, KGW I/1, S. 181 – 182), von denen das hier vorgestellte Korpus mit Blick auf die formalen wie inhaltlichen Traditionsbezüge abzugrenzen ist. Innerhalb der topisch differenzierbaren Jugendlyrik Nietzsches bildet die christliche Dichtung einen eigenen Themenkreis, dessen Grenzen das Label ‚religiöse Lyrik‘ zu weit, die Bezeichnung ‚geistliche Lyrik‘ hingegen zu eng setzt.5 Dass es zu Überschneidungen mit anderen möglichen Themenkreisen kommen kann, wie die Analyse des Gedichts Der Geist (NL 1858, KGW I/1, S. 241) beispielhaft zeigt, liegt in der Natur der Sache.

2 Christliche Lyrik: Bestandsaufnahme eines lyrischen Themenkreises beim jungen Nietzsche

Innerhalb seiner autodidaktischen Dichterausbildung übt sich der junge Nietzsche ganz bewusst in christlicher Lyrik, wie aus mehreren nachgelassenen Aufzeichnungen hervorgeht. Eine der zahlreichen Gedichtlisten, die er anlegte, versammelt ausdrücklich „Geistliche Gedichte“ ab 1858, wobei er in diesem Fall ausschließlich Festtagsgedichte zu einigen – nur teilweise christlichen – Feiertagen von Neujahr über Pfingsten bis hin zu Weihnachten und Silvester darunter verstanden zu haben scheint (vgl. NL 1858, KGW I/1, S. 257). Drei bis vier Jahre später entsteht eine Liste, in der von „2 Kirchenlieder[n]“ die Rede ist (NL 1861/62, KGW I/2, S. 324). Und im Brief an Raimund Granier vom 28. J...

Inhaltsverzeichnis

  1. Title Page
  2. Copyright
  3. Contents
  4. Siglenverzeichnis
  5. Nietzsche, Luther und die Geschichte Jesu von Nazareth
  6. Noblest of Men, Great Egoist or Idiot? Nietzsche on Jesus
  7. „Vom unfreien Willen“? Nietzsches Fabel von der intelligibelen Freiheit (MA I 39) vor dem Hintergrund von Luthers Disput mit Erasmus von Rotterdam
  8. Nietzsche, Luther und die Frage nach dem Bösen
  9. Luther war kein Idiot. Über mehrerlei Schichten in Nietzsches genealogischer Bestimmung der Reformation
  10. Need for God? On Nietzsche’s fundamental disagreement with Luther
  11. Der „logische Christ“ und der „unmögliche Mönch“
  12. Reformation und „Barbarenblut“: Nietzsches Reaktivierung eines gegenreformatorischen Topos und Luther als ,Herrscher-Individuum‘ in FW 149
  13. Nietzsche im Spiegel seiner Selbstbeschreibung – mit dem Bewusstsein seiner „innigsten Abhängigkeit vom Geiste Luthers“
  14. Nietzsche als Enkel der Lutherischen Reformation: Dürers Ritter, Tod und Teufel als Sinnbild des nordischen Christentums
  15. Nietzsches christliche Jugendlyrik
  16. Christianity and the Fate of Intellectual Conscience
  17. Ein Verhängnis für die Welt? Luther bei Dostoevskij und Nietzsche
  18. Sexualpädagogik der Einfalt? Über die Hintergründe und die Aktualität von Nietzsches Kritik am „Bauernaufstand des Geistes“ – ein Interpretationsversuch zu Wir Furchtlosen (FW V) 358 im erweiterten Kontext
  19. Doppelte Prädestination und Ewige Wiederkehr
  20. Philologie und Gegenphilologie: Die „Erfindung“ des Philologen in der Reformation und Nietzsches Humanismus der „klassischen Studien“
  21. Reformation und Regierungskunst: Wahrheit als Grundlage normalisierender Macht bei Nietzsche und Foucault
  22. Die Experimental-Philosophie Friedrich Nietzsches und das Schicksal des Christentums
  23. Was bedeutet Nietzsches Kritik am Christentum in der postsäkularen Gesellschaft?
  24. Nietzsche on the Banishment of Supererogation by Luther and its Influence on Modern Ethical Life and Moral Theorizing
  25. Umwertung der Umwertung: Zur christlichen Umdeutung von Motiven Nietzsches beim frühen Bonhoeffer
  26. „Feigheit vor jedem rechtschaffnen Ja und Nein“: Warum Nietzsches Kritik an Christentum und Idealismus noch immer aktuell ist
  27. Personenregister
  28. Sachregister