Georg Simmel: Philosophie des Geldes
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Georg Simmel: Philosophie des Geldes

  1. 256 Seiten
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Über dieses Buch

Georg Simmels philosophisches Werk steht quer zu etablierten Fachgrenzen. Das gilt auch für die "Philosophie des Geldes" (1900), in dem sein Interesse an unterschiedlichen Phänomenen des Sozial- und Kulturlebens – Freiheit, Weltanschauung, Gesellschaft, Politik, Religion, Kunst u.v.m – sich bereits abzeichnet, bevor es in den folgenden Jahren in Schriften zur Soziologie, Psychologie, Ästhetik, Kulturtheorie entfaltet wird. Schon der Titel einer "Philosophie des Geldes" ist ein Novum. Hier wird nämlich ein Bereich des sozialen Lebens, das wirtschaftliche Leben, zum Gegenstand der Analyse gemacht, um nicht die Einheit des kulturellen Lebens, sondern um dessen geistige Grundlagen zu untersuchen. In der Selbstanzeige des Buches für den Verlag Duncker & Humblot (Leipzig) schreibt Simmel, dass er mehrere Zielsetzungen verfolgt. Zum einen will er die Einseitigkeiten von Idealismus und Materialismus korrigieren und Geschichte respektive Kultur als ein Wechselspiel zwischen materiellen und ideellen Faktoren begreifen. Zum anderen will er den Beweis führen, dass sich von jedem Punkte der gleichgültigsten, unidealsten Oberfläche des Lebens ein Senkbeil in seine letzten Tiefen des menschlichen lebens werfen lässt. Damit ist gemeint, dass jedes Lebensphänomen als ein Aspekt und ein Träger einer Einheit von Sinn angesehen werden kann. Die These ist, dass sich menschliches Leben als Sinngeschehen vollzieht, was sich in allen Lebensvollzügen – vom ästhetischen über das wirtschaftliche bis zum religiösen Handeln – überprüfbar sein muss. Die "Philosophie des Geldes" besteht aus zwei Teilen, einem analytischen und einem synthetischen Teil. Im analytischen Teil wird die systematische und historische Explikation einer allgemeinen Kulturtendenz dargestellt. Es geht um den Befund eines Nebeneinanders zweier Welten, dort die Natur und hier die Welt der Werte, die sich aufeinander beziehen und doch voneinander getrennt entwickeln. Auf die Welt der Werte bezogen, also unsere menschliche Welt, die wir im Denken und Handeln erzeugen und die wir sinnverstehend erschließen können spricht Simmel von einer Entwicklungstendenz, einem Übergang von Substanz- zu Funktionsvorstellungen – vom einem sich verändernden Gebrauch der Kategorien, beispielsweise Mittel/Zweck. Im synthetischen Teil geht Simmel auf die Probleme der menschlichen Lebensführung ein, wozu das Problem von Freiheit und Verpflichtung und auch die Frage gehört, wie wir unserem Leben eine Form geben können, Im instruktiven, das Werk abschließenden Kapitel über den Stil des Lebens mündet die Diagnose der modernen Kultur in die Überlegung, was es für uns heißen könnte, unter den bedingungen eines relativistischen Weltbildes dem eigenen Leben eine Form und Richtung zu geben. Die "Philosophie des Geldes" ist ein großes Werk der Philosophie, in dem es, diesseits der üblichen Trennung in theoretische und praktische Fragen der Philosophie, noch einmal um die letzten Probleme der Philosophie geht.

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Information

Jahr
2020
eBook-ISBN:
9783110652109

Kapitel 1 Simmels Philosophie des Geldes im Kontext [Kontext, Vorwort]

Gerald Hartung
Georg Simmel hat als Autor der Philosophie des Geldes (1900) eine zweifelhafte Berühmtheit erlangt. Zum einen ist es so, dass Simmel aus der Ferne als Ökonom und Soziologe wahrgenommen wird, zum anderen reiht sich sein Buch in die Reihe ungelesener Bücher ein, deren Titel wie ein Markenname wirkt, obwohl sich kaum ein Leser auf die lange Lektürestrecke begibt. Werk und Autor stehen im Schatten einer großen Bekanntheit zu Lebzeiten, aber einer weitgehend ausgebliebenen Rezeption. In der Person Georg Simmel und in seinem Denken treffen einige Widersprüche aufeinander, wie schon Max Weber auf nachdenkliche Weise festgehalten hat (vgl. Weber 1991, 9). Obwohl Simmel die letzten Jahre seines Lebens in Straßburg als Universitätsprofessor für Philosophie lehrt, ist seine Rolle doch eher die eines erfolgreichen philosophischen Schriftstellers und außerplanmäßigen Dozenten, ohne festes Gehalt, aber vor großem Publikum an der Berliner Universität. Als Lehrer hat Simmel eine junge Generation, von Georg Lukács über Siegfried Krakauer und Ernst Bloch bis zu Margarete Susman und Bernhard Groethuysen, beeinflusst, doch ohne Schüler zu formen. Während er von Verlagsseite zu Lebzeiten wie ein Klassiker der Philosophie behandelt wird, schafft es bis heute keines seiner Werke in den Kanon philosophischer Texte. Gleichwohl er immer betont, dass sein ganzes Werk der Philosophie verpflichtet ist, wird er doch eher als Soziologe rezipiert.
Vor diesem Hintergrund verlangt die Behauptung, dass die Philosophie des Geldes eine philosophische Abhandlung ist, obwohl dies eigentlich schon der Titel nahelegt, eine eigene Begründung. Diese soll hier nachgereicht werden, indem das Werk durch Einbettung in Kontexte, durch den Hinweis auf seine Verstrickung in Debatten der Zeit um 1900 und einen Aufriss des Gesamtentwurfes als ein genuin philosophisches Werk profiliert wird (vgl. Müller, 2018, 74–77).

1 Das Werk im Kontext des Lebens

Georg Simmel wird am 1. März 1858 in Berlin in eine Kaufmannsfamilie geboren. Als Heranwachsender erlebt er den Aufstieg Berlins zur Hauptstadt des Deutschen Reiches. Nach dem Besuch des Gymnasiums studiert er ab 1876 an der Berliner Universität, Geschichte bei Mommsen, Droysen, Grimm, Sybel und Treitschke, Völkerpsychologie bei Lazarus und Bastian, Philosophie bei Zeller und Harms. Seine Nebenfächer sind Kunstgeschichte und Altitalienisch. Im Studium der Philosophie widmet er sich der Philosophie Kants und wird, wie eine ganze Generation von Philosophen, die in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hineingeboren werden, im Zeichen des dominierenden Neukantianismus ausgebildet. Nach Promotion – Zeller und Helmholtz sind Gutachter – und Habilitation nimmt Simmel im Jahr 1885 seine Lehrtätigkeit mit einer Vorlesung über Kant auf. Trotz großen Lehrerfolgs stellt die Fakultät erst 1898 den Antrag, Simmel ein Extraordinariat mit Gehalt zu verleihen, das im zweiten Anlauf zum Erfolg führt. Von Beginn an sind Simmels Lehrveranstaltungen außerordentlich gut besucht. Ein Hörer seiner Vorlesungen berichtet, dass bei Simmel nicht „nur Gedankliches gelehrt wurde, man lernte denken, man erfuhr nicht nur von Geistigem, man erlebte unmittelbar Geist, erlebte das Wirken eines Geistes“ (Gassen et al. 1958, 302).
Legendär sind die gescheiterten Berufungsverfahren an verschiedenen Universitäten. Besonders die Fälle Heidelberg (1908) und Greifswald (1910) sind gut dokumentiert. Hier spielen sowohl disziplinäre Grenzkonflikte und fachliche Pseudoargumente als auch antisemitische Stereotypen eine Rolle. Ob es nun heißt, dass Simmel eher der Soziologie zuzurechnen sei, oder ob behauptet wird, sein Denken sei eher analytisch-zersetzend, denn organisch-gestaltend, ob seine familiäre Herkunft mit seinem Denken, Handeln, angeblichen Charakterzügen oder Verhaltensweisen verbunden oder ob seine akademische Außenseiterstellung als Ausdruck einer Pariaexistenz oder selbstgewählter Exklusivität gewertet wird, im Ergebnis lässt sich diese Mixtur aus Behauptungen und Gerüchten wahllos oder strategisch kombinieren (vgl. Köhnke 1996, 9–153).
Im Jahr 1914 wird Simmel auf eine Universitätsprofessur für Philosophie an die Reichsuniversität Straßburg berufen. Einerseits kommt er hier an seinem Ziel an, das er über viele Jahre angestrebt hat. Andererseits hat Simmel den Übergang von Berlin nach Straßburg als Abschied von der Stätte seiner Wirksamkeit als akademischer Lehrer aufgefasst. In einem Brief an Margarete Susman vom 28. Januar 1914 schreibt er, dass ihm der Abschied von Berlin, also von seinen Freunden und „meinem Auditorium“ (GSG 23, 287) sehr schwer fallen wird. Und paradoxerweise beschreibt er in einem weiteren Brief vom 05. Mai 1918 den Umzug von Berlin nach Straßburg rückblickend als Verlust von Entfaltungsmöglichkeiten (vgl. GSG 23, 946). Die Tatsache, dass seine langjährige Tätigkeit als Hochschullehrer keine sichtbaren Folgen hat in Form einer Schulgründung oder von bekennenden „Simmelianern“, hat Simmel in seinem nachgelassenen Tagebuch in die paradoxe Formulierung gegossen, dass er einerseits ohne geistige Erben sterben wird, dass aber andererseits seine Hinterlassenschaft, vergleichbar mit barem Geld, an viele Erben verteilt wirksam sein wird, ohne ihre Provenienz offenzulegen (vgl. GSG 20, 261 sowie hierzu Hein 1990).

2 Die Philosophie des Geldes als Etappe eines Denkweges

Die Philosophie des Geldes (1900) ist die Etappe eines verschlungenen, quer zu den disziplinären Verortungen verlaufenden Denkweges, den Simmel seit der Zeit um 1890 einschlägt. Es ist verkürzt gedacht, die Schrift als Simmels zweites soziologisches Hauptwerk (neben der Sociologie von 1908) zu deklarieren (vgl. Müller, 2018, 74). Der Startschuss fällt mit einem Vortrag zur Psychologie des Geldes, den Simmel am 20. Mai 1889 im staatswissenschaftlichen Seminar des Nationalökonomen Gustav Schmoller (1838–1917) hält. Während er in den Folgejahren an seiner Einleitung in die Moralwissenschaft arbeitet und diese 1892 publiziert, eine Fülle von kleineren Arbeiten zur Philosophie Kants, zu soziologischen Themen und zur Psychologie des Pessimismus als einer prominenten Debatte ebendieser Jahre (vgl. Beiser 2016) vorlegt, bereitet er im Hintergrund seinen großen Coup vor: Die entstehende Philosophie des Geldes ist mit dem Anspruch verbunden, eine Philosophie des ganzen geschichtlichen und sozialen Lebens zu liefern, wie Simmel in einem Brief an Célestin Bouglé (1870–1940) vom 13. Dezember 1899 bekennt (GSG 22, 342; vgl. Schlitte 2012, 193 u. 197). Simmel investiert auch einige Anstrengungen, um sein Werk als genuin philosophische Arbeit und eben weder als soziologische noch nationalökonomische Studie zu bewerben. In einer Antwort auf ein Schreiben des Nationalökonomen Schmoller, in dem dieser anmerkt, ihm seien bei der Lektüre einige wichtige Gesichtspunkte aufgefallen, die für die Nationalökonomie bemerkenswert sein könnten, antwortet Simmel am 20. Mai 1901 in einer für ihn geradezu typischen paradoxen Weise: „Mit Ihrem Urtheil, daß auch die Staatswissenschaften eine Förderung aus meinem Buche ziehen können, haben Sie mir ein ganz unerwartetes Geschenk gemacht: denn meine Absicht ging ausschließlich auf Philosophie“ (GSG 22, 379).
Einen besonderen Hinweis zur Einordnung der „Absicht“ Simmels, die in der Philosophie des Geldes möglicherweise transportiert wird, geben zwei späte Zeugnisse. Das ist zum einen das Fragment einer Einleitung, das wahrscheinlich auf die Zeit um 1910 zu datieren ist; und das ist zum anderen die Notiz Wenn ich Bilanz ziehe, die auf das letzte Lebensjahr Simmels datiert wird. Der frühere Text legt einen Übergang von den soziologischen Arbeiten zu einer metaphysischen Problemstellung nahe. Von der Analyse der Wechselwirkungen zwischen Individuen sowie zwischen diesen und sozialen Institutionen ist Simmel zu der Frage übergegangen, was Wechselwirkung als Prinzip bedeutet. Auf eindrucksvolle Weise beschreibt er seinen Weg zur Philosophie des Geldes als Überwindung einer radikal-skeptischen Grundhaltung. „Die Zentralbegriffe der Wahrheit des Wertes, der Objektivität etc. ergaben sich mir als Wechselwirksamkeiten, als Inhalte eines Relativismus, der jetzt nicht mehr die skeptische Lockerung aller Festigkeiten, sondern die Sicherung gegen dieses vermittels eines neuen Festigkeitsbegriffes bedeutete (‚Philosophie des Geldes‘).“ (GSG 20, 304 f.)
Auch wenn diese Textpassage einigermaßen rätselhaft bleibt, lässt sich doch eine These präparieren: Simmel hat in der Phase der Vorbereitung und Durchführung des Programms seiner Philosophie des Geldes erkannt, dass der Vorgang der Wechselwirkung zwar alle soziokulturellen und wissenschaftlichen Substantialitäten und Selbstverständlichkeiten (Prinzipien, Werte usw.) in einen relativistischen Strudel zieht, weil jeder Standpunkt abhängig von intra-subjektiven und über-individuellen Prozessen ist. Aber der Vorgang selbst ist in seiner Funktionalität stabil und seine Resultate – wie bspw. Werte und wissenschaftliche Objektivität – erhalten eine relative Festigkeit. Die Herausarbeitung der Entstehung von Werten, Überzeugungen, wissenschaftlichen Modellen führt zur Klärung – und nicht Auflösung – der mit ihnen verbundenen Geltungsansprüche.
Anders gewichtet das zweite, allerdings nicht autorisierte, Fragment Wenn ich Bilanz ziehe. Hier wird der Soziologie ein „aus dem Leben entwickelte[r] Wahrheitsbegriff“ und der „Geldphilosophie der Versuch, an der Entwicklung eines einzelnen Kulturelementes die ganze äussere und innere Kulturentwicklung abzurollen, die einzelne Linie als Symbol des Gesamtbildes zu begreifen“ (GSG 24, 71) attestiert. Der erste Punkt bezieht sich direkt auf die vorausgehende Analyse, nur dass das Konzept „Vorgang der Wechselwirkung“ durch den Begriff „Leben“ ersetzt wird. Diese Ersetzung ist keineswegs zu vernachlässigen, da sie eine Veränderung der philosophischen Problemstellung Simmels signalisiert. Fortan geht es Simmel um die Frage, wie die Momente der Genese und Geltung von Werten, der Überzeugungen, wissenschaftlichen Objektivitäten usw. miteinander verwoben sind. Die Rede vom „Leben“ steht für die Behauptung, dass es einen Einheitspunkt gibt, der sich anhand einer einzelnen Linie – im individuellen Tätigsein und in sozialen Interaktionen – zeigen und in ein Gesamtbild der Kultur überführen lässt. Und zwar in symbolischer Form, wie beispielhaft die Philosophie des Geldes vorführt.
Die hier nur andeutungsweise erfassten Linienführungen, die auch der Quellenlage und Simmels mangelndem Interesse an eindeutigen methodologischen und gegenstandsbezogenen Festlegungen geschuldet sind, stehen quer zu den Bemühungen, Simmels Denkweg in Perioden und Phasen einzuteilen. Aus den vielen Beschreibungen, die einen soziologisch-wissenschaftlichen von einem späteren metaphysisch-unwissenschaftlichen Denker abgrenzen – die soziologische Forschungsliteratur zum Werk Simmels hat verständlicher- und auch berechtigterweise kaum ein Interesse an den Arbeiten, die in den Jahren 1908 bis 1918 entstanden und die den Hauptproblemen der Philosophie (1910), Goethe (1912), Rembrandt (1916) und der Lebensanschauung (1918) gewidmet sind – ragt weiterhin Michael Landmanns (1913–1984) Analyse heraus (vgl. Landmann 1976). Landmann unterscheidet drei Phasen des Simmelschen Denkweges. In der ersten Phase geht der junge Simmel vom Pragmatismus, Sozialdarwinismus und Spencerismus und einem naturphilosophisch-ästhetischen Differenzierungsprinzip (Fechner) aus. Bereits in seiner Dissertation stößt er auf das Problem des Individuellen, kommt in Kontakt mit Moritz Lazarus (1824–1903) und Heymann Steinthal (1823–1899), entdeckt das Problem des Überindividuellen (objektiver Geist) und entwirft Denkformen wie bspw. die Wechselwirkung. In der zweiten Phase tritt Simmel nach Landmanns Auffassung in Kontakt zum südwestdeutschen Neukantianismus (Windelband, Rickert) und wendet sich dem Themenkomplex Wert und Kultur zu. In dem Zusammenhang seiner soziologischen und geschichtsphilosophischen Arbeiten stellt er sich dem Problem des Relativismus. Verschiedene Welten gehen auf verschiedene Organisationsprinzipien unseres Geistes zurück, jede dieser Welten hat eine eigene Logik, ist nicht auf eine andere zurückführbar, steht mit jeder anderen auf der gleichen Stufe und hat ihre eigene Wahrheit. Der Mensch wird von den jeweiligen Wahrheitsansprüchen dieser Welten durchkreuzt und gerät in existentielle Konflikte. Für die Philosophie entsteht eine neue Aufgabe: Philosophieren heißt für Simmel, so deutet Landmann die Schriften der Jahre 1900 bis ungefähr 1910, sich in Konflikten zu bewegen, deren Aufhebung weder möglich noch erstrebenswert ist (Landmann 1976, 4). Die dritte Etappe des Simmelschen Denkweges sieht Landmann mit dem Jahr 1908 und dem sich abzeichnenden Einfluss von Henri Bergsons Werk erreicht. Simmel wird zum Lebensphilosophen. Der Grundgedanke dieser Wendung zum Leben ist, dass die Begrenzung des Lebens und Erfüllung in seinen selbstgeschaffenen Formen thematisiert wird. Auf diese Weise ist Lebensphilosophie immer auch Kulturphilosophie, insofern die Unterordnung des Lebens als einem Bewegungs- und Schöpfungsprinzip unter seine selbstgeschaffenen, objektiven Formen analysiert wird. Jetzt rücken die Spannungen zwischen dem Lebensfluss und seinen Objektivitäten ins Zentrum des Werkes. Dieser Verschiebung oder Erweiterung des Perspektive hat auch eine existenzphilosophische Note avant la lettre, denn Simmel behandelt die Frontstellung des Einzelnen gegenüber einer übermächtigen objektiven Kultur und die Unmöglichkeit der restlosen Integration von individuellen Bedürfnislagen und objektivierten Kulturformen, von subjektiver und objektiver Kultur. Das paradoxale Moment des Lebens, seine antinomische, gleichsam tragische Grundstruktur rückt für Simmel ins Zentrum seiner philosophischen Reflexionen (vgl. Landmann 1987).
Auch wenn das Drei-Phasen-Modell Landmanns nicht restlos überzeugen kann, so bietet es doch für einen Zugang zum Werk Simmels einen hilfreichen heuristischen Ansatz. Seine Schwächen sind allerdings markant, denn weitestgehend unklar bleibt, ob die einzelnen Phasen distinkte Grenzen haben, ob es sich um Perspektivenerweiterungen oder -wendungen handelt. Zudem impliziert das Modell einen Übergang von einer erkenntnistheoretischen und soziologischen Orientierung zu einer lebens- und kulturphilosophischen Programmatik. Nimmt man die Phasen als Stufen linearer Zeitfolgen, dann würde die Philosophie des Geldes wiederum in die eher soziologische, also vor-(lebens)philosophische Etappe des Denkweges fallen. Diese Zweifelsfragen sind hinreichend gewichtig, um das Drei-Phasen-Modell trotz seiner unbestreitbaren Verdienste als ein erster Orientierungsrahmen beiseite zu schieben und einen neuen Ansatz der Simmel-Forschung in der Philosophie zu wagen. Auf diesem neuen Weg soll auf die Frage nach der Klassizität des Simmelschen Werkes, insbesondere der Philosophie des Geldes, eine Antwort gefunden werden.

3 Die Philosophie des Geldes – in Debatten verstrickt

Die Philosophie des Geldes nimmt auf eine ganze Reihe innerphilosophischer Debatten Bezug, deren Ergebnisse zum Teil integriert, zum Teil analysiert und verworfen werden. Prominent ist dabei sehr früh schon der Versuch Simmels, die neukantianische Konzeption apriorischen Erkenntnis mit einem psychologisch-historischen Ansatz zu verbinden (vgl. Köhnke 1996, 213–243; Schlitte 2012, 181–211). Die Pointe dieser Synthese liegt bereits für den jungen Simmel darin, dass er den Grundgedanken Kants von der Apriorität unserer Verstandeskategorien – die Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung, bspw. die Kategorie der Kausalität, werden nicht durch Erfahrung gewonnen, sondern sind in diese strukturell eingeschrieben – mit einer psychologischen Analyse verknüpft. Damit verbindet er das logische Moment im ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Title Page
  2. Copyright
  3. Contents
  4. Kapitel 1 Simmels Philosophie des Geldes im Kontext [Kontext, Vorwort]
  5. Kapitel 2 Die Ordnung der Dinge: Wirklichkeit und Wert [Kap. 1.I]
  6. Kapitel 3 Die Gesellschaft: Tausch und Objektivation der Werte [Kap. 1.II]
  7. Kapitel 4 Die Verteidigung des Relativismus [Kap. 1.III]
  8. Kapitel 5 Die neue Logik (1): von der Substanz zur Funktion [Kap. 2.I und 2.III]
  9. Kapitel 6 Die neue Logik (2): Geld als Zeichen und Symbol [Kap. 2.II und 2.III]
  10. Kapitel 7 Die neue Kategorienlehre: Mittel und Zweck [Kap. 3.I und 3.II]
  11. Kapitel 8 Eigentum an Geld. Die eigentumstheoretische Analyse der Geldwirtschaft [Kap. 4.I und 4.II]
  12. Kapitel 9 Die materielle Wertlehre: Personale Werte und individuelle Freiheit [Kap. 5.I, 5.II und 5.III]
  13. Kapitel 10 Subjektive und objektive Kultur: der Stil des Lebens [Kap. 6.I und 6.II]
  14. Kapitel 11 Die Theorie der modernen Kultur [Kap. 6.III]
  15. Kapitel 12 Systematischer und wirkungsgeschichtlicher Ausblick
  16. Personenregister
  17. Sachregister

Häufig gestellte Fragen

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