Tiefe
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Kulturgeschichte ihrer Konzepte, Figuren und Praktiken

  1. 340 Seiten
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Tiefe

Kulturgeschichte ihrer Konzepte, Figuren und Praktiken

Über dieses Buch

Was kann die kulturwissenschaftliche Rekonstruktion und Reflexion von Figuren und Narrativen, von Konzepten, Medien und Praktiken der Tiefe leisten, was soll sie leisten?
Die Tiefe zählt zu den ältesten und wichtigsten Metaphern der Kulturgeschichte. Dies verdankt sie ihrer engen Bindung an Konzepte von Wahrheit und Erkenntnis, Ursprung und Seele, Substanz und Grund, an Vorstellungen von Subjektivität, emotionaler Intensität und Echtheit. Diesen positiven Konnotationen stehen freilich ebenso zahlreiche negative Aufladungen gegenüber, in denen die Tiefe – die ikonographische Tradition von Hades und Hölle fortführend – als Projektionsraum für das Dunkle, Irrationale und Bedrohliche, für unkontrollierbare Kräfte dient. Diese konkurrierenden Besetzungen der Tiefe bestimmen sie zu einer hoch ambivalenten Figur, in der individuelle und kollektive Sehnsüchte nach einem Sicherheit, Gewissheit und Identität verbürgenden Grund auf Ängste vor verschiedenen Spielarten des Abgrunds treffen – eines Raums, der in der Geschichte der Neuzeit zu einem wachsenden, schrittweise säkularisierten Zielgebiet von Praktiken der instrumentellen Vernunft avanciert.
Nicht weniger ambivalent sind die Kodierungen eines zentralen, mit der Tiefe verknüpften Motivs – der Höhle, die ebenfalls verlangt, die spannungsreichen Verflechtungen zwischen literalen und metaphorischen, praktischen und theoretischen Dimensionen der Tiefe zu analysieren. Aus zivilisationsgeschichtlichen Gründen zunächst als Rückzugsort und Schutzraum, als sicheres Gehäuse und Sehnsuchtsort positiv konnotiert, fungiert die Höhle spätestens seit Platon zugleich als Sinnbild einer be- und gefangenen Erkenntnis und eröffnet damit die Geschichte epistemologischer Debatten über Wurzel und Rhizom, Ursprung und Hybridität.

Ziel des vorliegenden Bandes ist es, die Funktion der Figur der Tiefe in kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge der Vergangenheit wie der Gegenwart zu erkunden und das historiografische wie theoretische Potenzial des interdisziplinären, kulturwissenschaftlichen Gegenstands aufzuzeigen.

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Information

Jahr
2020
eBook-ISBN:
9783110635560

Mummelsee und Mundus subterraneus: Tiefenwissen bei Grimmelshausen und Athanasius Kircher

Jörg Robert

1 Tiefenwissen und Geokosmologie

Hans Blumenberg hat in seiner Legitimität der Neuzeit die Um- und Aufwertung der ‚theoretischen Neugierde‘ (curiositas) gegenüber der augustinischen Tradition als entscheidende epistemische Wendemarke zur Moderne beschrieben (Blumenberg 1998a, 263 – 509). Diese positivierte curiositas habe u. a. ein neues „Interesse am innerweltlich Unsichtbaren“ (Blumenberg 1998a, 422) und eine Abkehr von metaphysischen Tabus hervorgebracht, die sich zuvor an das „überweltlich“ bzw. „unterweltlich“ Unsichtbare, Himmel und Hölle also, hefteten.1 Dieses Interesse ist mit realen wie epistemischen Expansionsbewegungen verbunden. Im Zeitalter der frühen Globalisierung2 weitet sich der planetarische zum inter- wie zum innerplanetarischen Blick. Das Weltall besteht nunmehr aus einer ‚Pluralität von Welten‘. Die Kryptokosmologie, wie sie sich in der Tradition der literarischen Weltraumreisen seit dem sechzehnten Jahrhundert niederschlägt, spiegelt die globalen Kulturkontakte, Handels-, Kommunikations- und Informationsströme (grundlegend dazu Guthke 1983; Maus de Rolley 2011). Das Unsichtbare ist nun das noch nicht Sichtbare, über das sich spekulieren und literarisch phantasieren lässt. Expansion und Homogenisierung des neuzeitlichen Raumes der Sichtbarkeit erfolgen dabei in drei Richtungen: in die Weite des Universums, in die geographische Breite der neuen Länder und Kontinente sowie in die Tiefe der unterirdischen Welten.3
Neben dem Kosmos regt nun auch der ‚Geokosmos‘ die wissenschaftliche Spekulation an. Der jesuitische Polyhistor Athanasius Kircher prägt diesen Begriff in seinem epochalen zweibändigen Werk Mundus subterraneus (1665, 21678), der „erste[n] Enzyklopädie der Geologie“ (Kelber und Okrusch 2002, 131), und zwar als Synonym für ‚Erdball‘ („globus terrenus“); ‚Geokosmos’ bezeichnet die physisch-geologische Qualität des Planeten, eben jene ‚Welt unter der Welt‘ („sub Mundo mundus“; Kircher 1665, Bd. 1, praefatio unpag.), die das enzyklopädisch-polyhistorische Werk erstmals als eigenen Gegenstandsbereich zu erhellen versucht. Gott habe, so Kircher, im geocosmus wie „in einer Synthese“ („epitome“) den gesamten Kosmos zusammengefasst, damit der Mensch als „Herr der Welt“ ihn als Gottes Schöpfung erkennen und würdigen könne.4
Damit sind Ziel und Gegenstand der neuen Disziplin bezeichnet. Erst bei Kircher gewinnt die Geologie als ‚Geokosmologie‘ jene disziplinäre Geschlossenheit, die sie zum wissenschaftlichen Pendant der Kosmologie werden lässt. Erst im Mundus subterraneus konstituiert sich ein Tiefenwissen, das über das der modernen Geologie hinausgeht, weil es nicht nur die Tiefen der Erde, sondern auch die des Meeres und des Meeresbodens (samt seiner Bewohner) in einen Wissenshorizont integriert. Dabei nimmt Kircher empirisches Wissen, theosophische Spekulation und tradierte Wissensbestände – darunter auch Literatur – gleichermaßen auf und visualisiert sie in zahllosen Illustrationen. Seine „centrosophia“ (Kircher 1665, Bd. 1, 55) zeigt aber auch die Schwierigkeiten bei der Erhellung des ‚innerweltlich Unsichtbaren‘. Tiefenwissen ist stets prekäres Wissen5, das – wie das Wissen von den fernen Planeten – entweder auf Spekulation und Imagination oder auf die ambivalente Empirie des ungeprüften, subjektiven Augenzeugenberichts angewiesen bleibt. So ist der mundus subterraneus auch eine poetogene Zone: Zum einen findet die Literatur hier einen Spiel- und Imaginationsraum für Ander- und Gegenwelten, die die verkehrte Weltordnung über der Erde durch eine ideale unter der Erde kontrastieren. Zum anderen kann auch die Wissenschaft am Rande des Sichtbaren nicht auf literarische Strategien der Evidenzerzeugung verzichten.
Eine Literaturgeschichte des Wissens muss solche Wechselwirkungen zwischen Wissen und Literatur in beide Richtungen verfolgen: einerseits die Integration von Wissen in Narration, andererseits die Integration von Narration in Wissen. Sie muss also Wissensgeschichte der Literatur und Literaturgeschichte des Wissens verbinden. Während die erste Facette – d. h. die Literarisierung/Narrativierung von Wissensbeständen (= Wissensgeschichte der Literatur) – in quellenphilologischer, dann in wissenspoetologischer Hinsicht zuletzt verstärkt untersucht wurde,6 liegen zu einer Literaturgeschichte des Wissens, welche die Bedeutung genuin literarischer Elemente und Strukturen in Sachtexten (z. T. Kirchers Mundus subterraneus) behandelt, lediglich programmatische Vorüberlegungen und sporadische Einzeluntersuchungen vor (exemplarisch Vogl 1997). Weite Teile der literature and science-Debatte sind „implizit einem Einbahnstraßenmodell gefolgt.“ (Pethes 2003, 221) Eine Literaturgeschichte des Wissens zielt jedoch auch und gerade auf „die Poetologie ihrer Formen“ (Vogl 1997, 118). Diese umfasst Fragen der Narrativierung, der Gattungs- und Formengeschichte, der Metaphorologie oder der Speicherung von Wissen (Pethes 2003, 222 – 231). Als poetisch-rhetorische Apriori bestimmen sie den Möglichkeitshorizont der Erzeugung wissenschaftlicher Tatsachen. Dass dabei die Grenze zwischen fiction und non-fiction immer wieder brüchig wird, ist für das Tiefenwissen des siebzehnten Jahrhunderts charakteristisch.
Die folgenden Überlegungen zielen darauf, diese Wechselwirkung zwischen Textsorten und Wissensformen, wie sie das Tiefenwissen des siebzehnten Jahrhunderts bestimmt, an zwei prominenten Beispielen aufzuzeigen: Athanasius Kirchers Mundus subterraneus und Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens Roman Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch (1669)7, ein Text, in dem es „um Aneignung und Erprobung ganz unterschiedlicher Wissensbestände geht, anhand derer der Protagonist seine Position in der Welt zu klären sucht.“ (Neumeyer 2013, 306) Ihren Schnittpunkt haben beide Autoren bzw. Texte in ihrem Interesse an Tiefenwissen, ‚Geokosmologie‘ und ‚Centrosophie‘. Im Fall der berühmten ‚Mummelsee-Episode‘ im Simplicissimus Teutsch, die für die weiteren Überlegungen den Ausgangspunkt bildet, bestehen textgenealogische Beziehungen zu Kircher, die einen unmittelbaren Vergleich ermöglichen werden. Denn „der vermeintlich naive Erzähler stand den gelehrten Debatten seiner Zeit erstaunlich nahe“ (Martin 2010, 7). Grimmelshausen wie Kircher (hinzu kommt dessen Schüler Kaspar Schott) explorieren in ihren Texten das centrum terrae als jenen Ort, von dem aus sich die göttliche Ökonomie und die Position des Menschen in dieser erschließen lassen. Nahezu zeitgleich entstanden, zeigen beide Texte die epistemologischen und literarischen Entwicklungspotentiale des barocken Tiefenwissens: Bei Grimmelshausen ist das Zentrum der Erde, zu dem Simplicius in der Mummelsee-Episode vorstößt, erzählstrukturell ein exzentrischer Ort, weil er kurz vor Ende des Romans (d. h. der ersten fünf Bücher) den Protagonisten aus der Handlung abzieht, um die grundsätzlichen Fragen nach der Stellung des Menschen in der Welt und nach der Möglichkeit seiner Erlösung zu stellen. Steht Kirchers ‚Geokosmologie‘ am Anfang der Geologie als Wissenschaft, so setzt die Tradition der fiktiven Unterweltsreisen, der proto-science-fiction, unmittelbar bei Grimmelshausen an. Dass Kirchers Mundus subterraneus zur Quelle für Schillers Ballade Der Taucher (1797)8 wie für Jules Vernes’ Roman Vingt mille lieues sous les mers (1869/70) werden wird (Zanot 2011), zeigt, wie nachhaltig die Geokosmologie eine Austauschzone zwischen Wissen und Erzählen generiert. Blickt man aus der Rückschau auf beide Texte, so zeigen beide eine irritierende Hybridität und Heterogenität – in Form wie Gehalt. Sicheres und unsicheres, „narrativ und argumentativ geformtes Wissen“ (Struwe 2016, 16 – 23; Bruner 1986) durchdringen sich.
Während Kircher in seiner Widmungsvorrede an Papst Alexander VII. seinen Text als heroische Katabasis in die Nähe der Vergilischen Aeneis (Buch VI) rückt,9 reflektiert Grimmelshausen die Hybridität seines Romans in dem berühmten Titelkupfer der Erstausgabe (vordatiert 1669; tatsächlich 1668), die den Text als emblematisches argumentum einleitet (Abb. 1
Abb. 1. Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen: Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch (1669), Titelkupfer der Erstausgabe.
; zum Titelkupfer Gersch 2004; Bergengruen 2007, 267 – 285; Bergengruen 2008). Die monströse Kreatur – eine Chimäre mit Satyrkopf – lässt sich dreifach lesen: Einerseits (1) verweist sie auf die „moralische Monstrosität“ (ST, 794) des Protagonisten, der in der subscriptio spricht, andererseits (2) auf den monströsen Text selbst und dies zunächst (a) im Hinblick auf dessen hybride Form (mixtum compositum), dann b) im Hinblick auf dessen satirische Schreibart. Der Satyr repräsentiert nach zeitgenössischer Etymologie die Satire, die Grimmelshausen zu Beginn der Continuatio ausdrücklich gegen den trockenen „Theologische[n] Stylus“ (ST, 564) verteidigt. Der Autor rechtfertigt sich gegen den Vorwurf „ob gienge ich zuviel Satyricè drein“ (Continuatio I, ST 563).
Damit ist der Satyr (3) eine Verkörperung bzw. Vermummung des Autors selbst, eine auktoriale Meta-Maske: Denn sie ermöglicht es, eine Welt zu enthüllen, die – wie die auf dem Boden liegenden Th...

Inhaltsverzeichnis

  1. Title Page
  2. Copyright
  3. Contents
  4. Einleitung: Perspektiven einer aktuellen Kulturgeschichte der Tiefe
  5. Supranaturale Tiefen: Religiöse und philosophische Höhlenwelten in der antiken Literatur
  6. Topographien, Praktiken und Phantasien des Unterweltlichen
  7. Pascals Abgrund
  8. Grundlose Tiefe: Eine kleine Geschichte der Bodenlosigkeit von Ignatius und Luther bis Flusser und Derrida
  9. Mummelsee und Mundus subterraneus: Tiefenwissen bei Grimmelshausen und Athanasius Kircher
  10. Helle Kunst der Tiefe: Zur Autonomieästhetik von Karl Philipp Moritz
  11. Balladisches Erzählen und submedialer Raum um 1800: Eine Lektüre von Schillers „Der Taucher“
  12. Kreaturen der Tiefe
  13. Höhlen: Niemandsländer in der Tiefe
  14. „Alle Wissenschaft wäre überflüssig…“. Zu Marx’ Tiefe
  15. Haus Vaterland: Siegfried Kracauers Topodiagnostik der Moderne
  16. Vom kreatürlichen zum erinnernden Tiefsinn: Walter Benjamins Flucht aus der kafkaesken Moderne
  17. Verkehrende Praktiken vertiefter Kollektivität: Brecht und Benjamin, Kafka und Schönlank
  18. Euthanasie und individueller Tod in Franz Werfels Stern der Ungeborenen
  19. Die heilige Fläche oder die doppelte Stunde Null
  20. Beiträgerinnen und Beiträger
  21. Namenregister

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