Poetologien des Rhythmus um 1800
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Poetologien des Rhythmus um 1800

Metrum und Versform bei Klopstock, Hölderlin, Novalis, Tieck und Goethe

  1. 222 Seiten
  2. German
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Poetologien des Rhythmus um 1800

Metrum und Versform bei Klopstock, Hölderlin, Novalis, Tieck und Goethe

Über dieses Buch

The series Studien zur deutschen Literatur (Studies in German Literature) presents outstanding analyses of German-speaking literature from the early modern period to the present day. It particularly embraces comparative, cultural and historical-epistemological questions and serves as a tradition-steeped forum for innovative literary research.

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Information

Jahr
2020
eBook-ISBN:
9783110693140

1 Ursprünge

1 Ursprünge

Clemens Brentanos Märchen von dem Schulmeister Klopfstock und seinen fünf Söhnen (posthum veröffentlicht 1847) parodiert bestimmte Grundannahmen von Friedrich Gottlieb Klopstocks Schriften zur Metrik.1 Es führt so etwa die in der fragmentarischen Abhandlung Vom deutschen Hexameter umrissene These einer der poetischen Sprachform inhärenten Bedeutung mit dem Verweis auf Klopstocks eigenen Namen ad absurdum. Der Schulmeister Klopfstock trägt in Brentanos Märchen seinen fünf Söhnen mit den lautmalerischen Namen Gripsgraps, Pitschpatsch, Piffpaff, Pinkepank und Trilltrall auf, die von ihren Namen suggerierte Berufung zu verfolgen, woraufhin die Söhne ihrem Vater die Frage entgegnen, wozu ihn der Name ‚Klopfstock‘ bestimme.
Da fragten die Söhne wieder: „Aber, Vater! was ruft uns dann?“ und der Schulmeister sagte: „Euer Name ruft euch.“ Da sagten die Söhne wieder: „Ihr, Vater, heißt Klopfstock, Euer Name ist Klopfstock, was ist nun Euer Beruf?“ Da wurde der Vater ungeduldig und sagte: „Ein Narr kann mehr fragen, als zehn gelehrte Leute beantworten können; ja, mein Name ist Klopfstock, und mein Beruf ist Klopfstock, nämlich ich soll so dumme Narren mit dem Stocke recht ausklopfen“ – und da nahm er seinen Stock und wollte seinen Söhnen einen Denkzettel mitgeben; aber sie nahmen die Beine auf die Schultern und liefen, so schnell sie konnten, davon.2
Nicht allein die Semantisierung poetischer Form wird zum Gegenstand von Brentanos Märchen-Satire, auch die von Klopstock im Detail schematisierte Affektwirkung der Versform wird aufs Korn genommen. Der jüngste Sohn, Trilltrall, Student der Vogelsprache, beschreibt so in übertriebenen Vergleichen die Wirkung, die der Versgesang eines im Wald lebenden Einsiedlers auf ihn ausgeübt habe:
[M]eine Seele, welche gewesen war wie ein Meer, in welches ein großer Felsen hineinstürzte, verwirrt und trüb voll niederschlagender Wellen, wurde nach dem ersten Verse schon wie ein See, in den ein Fisch, den ein Geier herausgeraubt, frisch und gesund wieder hineinfällt; und nach dem zweiten Vers wie ein See, auf welchen ein singender Schwan niederfliegt und schimmernde Gleise zieht; und nach dem dritten Vers wie ein See, in welchen ein vorüberziehendes Lüftlein ein Rosenblatt weht; und nach dem fünften Vers war es mir, als sei ich wie ein müdes Bienlein, das über den See fliegen wollte und gar nicht weiter konnte und in großer Angst war, da es zum Wasser herabfiel, auf dieses Rosenblatt gefallen, und als schiffe ich sicher und ruhig auf dem Rosenblättlein hinüber und lande jenseits in einem blumenvollen Garten, aus dem mir die Nachtigallen entgegenschmetterten[.]3
Trilltrall geht im Laufe der Erzählung in die Lehre bei einem Einsiedler und Meister der Vogelsprache, der jedoch im Augenblick seines Todes erkennen muss, dass seine Theorie der Vogelsprache reine Spekulation war. Sein letzter Gesang endet mit den Versen:
Da fing ich an zu hören,
Da fing ich an zu sehn,
Daß wir gar vieles lehren
Und wenig doch verstehn.
Die ganze Vogelsprache
Nebst der Grammatika
In meinem Tränenbache
Ich da ersaufen sah.
Wie Butter an der Sonnen
In lauter Ach und Weh
Ist mir allda zerronnen,
Das Vogel-ABC.4
Eine Pointe von Brentanos satirischem Märchen ist, dass Klopstocks Versuch, die poetische Sprache, oder genauer: den modernen deutschen Vers auf verbindliche Gesetzlichkeiten zu gründen, gescheitert war. Die Vorstellung, des Ursprungs der poetischen Form habhaft zu werden, lässt sich für Brentano nicht einmal mehr im Märchen aufrechterhalten. Um nichts weniger ging es dem historischen Klopstock in seinen poetologischen Texten: Seine Absicht war es, die Regeln des modernen Verses zu ergründen und den Ursprung des deutschen Hexameters und seiner Überlegenheit über die antike Metrik zu bestimmen.
Mit einer onomatopoetischen Äquivalenz von Wortbedeutung und Wortklang – diese Idee mag der romantischen Rezeption von Klopstocks Schriften geschuldet sein – hatte Klopstocks eigentliche metrische Theorie jedoch wenig zu tun. Die zwei Grundthesen seiner Metrik, die Brentano in dem Märchen vom Schulmeister Klopfstock aufgreift – die Semantik und die Affektwirkung des Versmaßes – arbeitete Klopstock in seiner Abhandlung „Vom deutschen Hexameter“ (1779) anhand der „Wortbewegung“ aus, d. h. der metrischen Struktur des Verses. Die „Wortbewegung“ sei die „Hauptsache, worauf es in der Verskunst ankommt“5. Onomatopoetisches Sprechen – Klopstock nennt das „Wohlklang“ – hingegen zähle nicht zu den strukturellen Eigenschaften der Verssprache und stelle einen Ausnahmefall dar.
Der Wohlklang, oder der Klang der Wörter, wie er überhaupt, und im Einzelnen, durch Stärke, oder Sanftes zum Inhalte paßt, der Wohlklang ist der Verskunst zwar auf keine Weise gleichgültig; allein er ist schwächerer Ausdruck. Überdies ist er im einzelnen auch selten anzutreffen. Denn es sind eben nicht viel Wörter in den Sprachen, deren Klang mit dem Sinne übereinkomme.6
Klopstocks „Wortbewegung“ stattdessen vermag zweierlei: Zum einen sei sie „begriffmäßig“, d. h. die deutsche Metrik erkläre sich – anders als die „mechanische“ der alten Griechen – aus der Bedeutung der Wörter.7 Grundbausteine einer derart semantisch fundierten Metrik sind die „Wortfüße“, minimale metrische Einheiten, in denen Semantik und Metrik zur Deckung gebracht werden. Zum anderen produziere die metrische Versform eine affektive Wirkung, die Klopstock in tabellarischen Schemata systematisiert. Nicht nur die Bedeutung eines Wortes, auch die Empfindungen, die es auslöse, würden durch die „Wortbewegung“ hervorgerufen. Klopstock verquickt in diesem Begriff die semantische und affektive Belegung der metrischen Form auf mitunter schwer nachvollziehbare Weise.
Karl Philipp Moritz hat in seinem Versuch einer deutschen Prosodie (1786) die Ansätze von Klopstocks Metrik aufgegriffen und systematisch weiterentwickelt. Dem semantischen und dem affektiven Vermögen des deutschen Verses entsprechen bei Moritz zwei Tendenzen der poetischen Sprache, die Tendenz zum „Gedankenausdruck“ und die zum „Empfindungsausdruck“.8 Wenngleich die deutsche Sprache, im Gegensatz zu den antiken Sprachen, zum „Gedankenausdruck“ neige, ermögliche sie letztlich einen Kompromiss beider Tendenzen, was ihre Superiorität als Dichtungssprache begründe9 – so die Argumentation Euphems, der seinen Gesprächspartner Arist in Moritz’ fiktivem Dialog von der Überlegenheit des deutschen Verses überzeugen möchte.
Bei uns ist die Poesie nur halb Empfindungssprache, und halb noch Gedankensprache: denn sie giebt nicht allen, sondern nur allen bedeutendern Silben neben den unbedeutendern ein gleiches Interesse […]. Unsre Poesie ist also bei dem Uebergange von der Gedanken- zur Empfindungssprache gleichsam auf dem halben Wege stehen geblieben.10
Die Balance zwischen Gedanken- und Empfindungsausdruck stellt Karl Philipp Moritz dadurch her, dass er jeder Silbe einen prosodischen Wert zuspricht, der vom „Gewicht ihrer Bedeutung“11 abhänge. Doch ist dieser prosodische Wert für Moritz kein absoluter, sondern ein relativer: er konstituiert sich nach dem „Differenzprinzip“12 in Abhängigkeit von den anderen Silben und ihren prosodischen Wertigkeiten im jeweiligen Vers.13 Das Bedeutungsgewicht systematisiert Moritz anhand von grammatischen Kategorien: das größte Gewicht trügen Substantive, gefolgt von Adjektiven, denen als weitere Wortgruppen mit abnehmendem Gewicht folgten: Verben, Interjektionen, Adverbien, Hilfsverben, Konjunktionen usw.14 Die möglichen Kombinationen aller Wortgruppen legt Moritz in ausführlichen Tabellen dar. Die Relativierung der semantischen Prämisse durch das Differenzprinzip ermöglicht es, bei der Erklärung der metrischen Versform nicht nur die Bedeutung, sondern ebenso die Konstitution der Versform in ihrem jeweiligen Kontext zu berücksichtigen, und dadurch den „Gedankenausdruck“ mit dem „Empfindungsausdruck“ zu vermitteln.
Dieser nur kursorische Umriss der Versprogramme von Klopstock und Moritz genügt hier, um anzudeuten, dass es beiden um eine letztgültige Begründung des deutschen Verses zu tun war; es ging ihnen darum, den Ursprung der modernen Versform im Deutschen freizulegen.15 Dass in diesem Bemühen mitunter konkurrierende Ursprungsszenarien in Konflikt miteinander geraten, zeigt sich eindrücklich am Widerstreit verschiedener Metaphernkomplexe in Klopstocks Eislaufgedichten.
Hölderlin, der in seiner Dichtung in freien Rhythmen sowie in der Aneignung und Modifikation antiker Odenmaße an Klopstock anschließt, beschäftigt die Ursprungsproblematik des Versrhythmus auf eine andere Weise, nämlich in ihrer ethischen Dimension. Das der metrischen Versform zugrundeliegende Gesetz ist für ihn ein heteronomes, dem sich Dichter zu beugen hat. Was bedeutet diese Auffassung des Metrums als eines unverfügbaren Gesetzes für den „Dichterberuf“, genauer: für das Selbstverständnis des modernen Dichters als einem autonomen Schöpfer? Eine mögliche Antwort auf diese Frage stellt Hölderlins Versuch dar, in seiner Hymne „Wie wenn am Feiertage …“ individuelle Form und metrisches Gesetz in Deckung zu bringen.

1.1 Eisbahn und Quelle. Klopstocks doppelte Poetik des Versmaßes

In Klopstocks Gedicht „Der Nachahmer, und der Erfinder“ (1796) streiten zwei Dichter darüber, welche Art zu dichten die beste sei. Der Nachahmer gefällt sich darin, das „gekohrene Urbild“ der Griechen nachzuahmen (V. 11 f.: „Ich geh, nachahmend, den sichern / Pfad; was ich auserkohr, hat schon gefallen!“), während der Erfinder sich seine eigenen Quellen schafft (Nachahmer zum Erfinder, V. 5 f.: „[D]u freust mit Stolze dich, daß in dem Haine / Du dir selber Quellen hervorrufst.“).1 Mit dem Verhältnis der Dichter zu den poetischen Formen der Antike stehen in dieser dialogisch inszenierten Querelle des Anciens et des Modernes auch zwei Auffassungen des Versmaßes auf dem Spiel, die anhand der Metaphern des Eislaufs und der Quelle verhandelt werden. Im Eislauf wird die metrische Form des Gedichts aus der Bewegung des Menschen abgeleitet, der seinen Tanz in das Eis einschreibt. Im Bild des Quellstroms wird das Versmaß mit der natürlichen Bewegung des fließenden Wassers gleichgesetzt, das einer tiefen Quelle entspringt. Der Nachahmer und der Erfinder diskutieren, welche Art der Versbewegung zu bevorzugen sei. Dabei versteht sich der Nachahmer als Eisläufer, der Erfinder beruft sich hingegen auf die „Freuden […] des Quells“.
N. Stolz blickt nieder auf mich dein lächelndes Auge...

Inhaltsverzeichnis

  1. Title Page
  2. Copyright
  3. Contents
  4. Einleitung
  5. 1 Ursprünge
  6. 2 Rhythmus zwischen Poesie und Prosa
  7. 3 Moderne Metrik
  8. Personenregister

Häufig gestellte Fragen

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