Jenseits der Epigonalität
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Jenseits der Epigonalität

Selbst- und Fremdbewertungen im Artusroman und in der Artusforschung

  1. 358 Seiten
  2. German
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Jenseits der Epigonalität

Selbst- und Fremdbewertungen im Artusroman und in der Artusforschung

Über dieses Buch

Arthurian research, which created a forum for itself with the founding of the International Arthurian Society in 1948, serves to explore the common cultural foundations of Europe. With around 250 medieval works in ten different languages, the Arthurian romance is undoubtedly one of the most successful epic genres of the European Middle Ages - with an unbroken tradition of productive reception to this day. Arthurian literature, which originated as regional-political poetry with reference to an older oral narrative tradition, soon became a forum for the supra-regional discussion of values, a space for finding social or cultural identity or a field for experimenting with literary forms.

The volumes of the German-Austrian section of the Arthurian Society bring together the various research perspectives of the philologies dealing with Arthurian literature, each focusing on a central question. The volumes examine the relevance of concepts discussed in current literary and cultural studies (such as "myth" and "body concepts") for Arthurian research and the contribution that Arthurian research, which is fundamentally multi-perspectival due to its diversity of subjects and interdisciplinarity, can make to worldwide cultural and literary research.

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Information

Jahr
2020
eBook-ISBN:
9783110698275

II Bescheidenheitstopoi mit Potential

Kronenschmiede

Überlegungen zur poetischen ›Fertigung‹ der Crône Heinrichs von dem Türlin
Katrin auf der Lake

Abstract

Metaphors describing composition processes are a regular phenomenon of medieval German literature: ›flowers‹ represent picturesque language, ›tailoring‹ illustrates the medieval German phenomenon of re-telling, references to the ›book‹ as a text-supporting medium vouch for the story’s truth. Against this background, Heinrich von dem Türlin uses the image of forging to depict the poetic style of his text. The metaphor of ›forging‹ a crown involves working its material into a specific shape. Heinrich calls this material exemplar, thus distancing himself from the conventional term for a written text template, buoch (book). By referring non-specifically to material as a substance that is shaped during forging he distances himself from the traditional idea of retelling, as it is no longer a question of renewal but rather of a new formation of the material itself as a new quality. Based on the forging metaphor, the article asks questions about awareness of epigonality in the production of Diu Crône and in its reception.

1 Dichten als Schmieden

Um den Vorgang des Dichtens zu verbildlichen, werden im mittelalterlichen Roman unterschiedliche Metaphern eingesetzt. Zumeist handelt es sich dabei um solche aus dem handwerklichen Kontext, die die Prozesshaftigkeit der Entstehung von Objekten aus natürlichen Materialien in den Vordergrund stellen. Heinrich von dem Türlin gebraucht in seinem Roman die Metapher vom Schmieden einer Krone für das Dichten, wobei das Produkt, die Krone, schließlich titelgebend wird und den Roman somit entschieden als Ergebnis des Dichtungsvorgangs auszeichnet.1 Für den Prozess des Dichtens selbst ist die Krone demgemäß kein Sinnbild – wenngleich sie bereits im Prolog als Gebilde eingeführt wird –, hierfür wird allein die Metaphorik des Schmiedens bemüht. Ihr Herstellungsprozess wird dort zunächst nicht eigens thematisiert, sondern in den die Krone-Nennung rahmenden Versen bloß angedeutet, indem auf ihre Materialien referiert wird. Dort erfolgt die erste Verwendung der Kronenmetapher als Reichskrone; sie ist nicht nur als Gegenstand, sondern ganz konkret auf Textebene in ihre Materialien Edelsteine und Metall eingefasst:
Wan hœrt daz ofte sagen,
Daz etswenne gevalle
Ein swachiu cristalle
Nahen ze einem smareise.
Auch bevahet niht der weise
Gar des reiches chrone.
Daz ist war, im ligent schone
Ander sein vngenoz bei.
Beidiu chupfer vnt plei
Wirt mit silber versmit.
Ouch wont dem roten golde mit
Oft pleicher messinch.
Disiv misleichiv dinch
Behabent oft genozschaft,
Da in gebristet werdes chraft. (V. 49–63, Hervorhebung K. a. d. L.)2
Man hört häufig davon, dass zuweilen ein wertloser Kristall und ein Smaragd nah beieinanderliegen. Auch umfasst der Waise die Reichskrone nicht gänzlich. Es ist doch so, dass auch ihn unebenbürtige Steine umgeben. Beide, Kupfer wie Blei, werden mit Silber zusammengeschmiedet. Auch rotes Gold enthält blasses Messing. Diese unhomogenen Dinge begeben sich oft in Gesellschaft miteinander, wodurch es ihnen an Wert mangelt.
Eine solche heterogene Wertigkeit, wie sie hier verhandelt wird, thematisieren auch die darauffolgenden Verse im Hinblick auf die Schmiedematerialien der Krone. Die erste Erwähnung einer Krone findet sich demzufolge in der genozschaft misleicher dinch, die Krone ist mithin eingerahmt von ungleichen, heterogenen Elementen. Aber nicht nur ihre Umgebung, auch sie selbst steht für Heterogenität, insofern auch ihre Materialien selbst heterogenen Wertes sind. Mit Blick auch auf das syntaktische Umfeld des hier evozierten Bildes lässt sich dieser Gedanke weiterführen: Das Verb bevâhen, das als Prädikat mit der ersten Erwähnung der Krone in unmittelbarer syntaktischer Verbindung steht, kann ›umfassen‹, ›einfassen‹, ›einnehmen‹, aber auch ›in sich begreifen‹ bedeuten; letztgenannte Bedeutung hat das Verb vorrangig in der Verbindung mit worten bevâhen.3 Die beiden Verse selbst (V. 53f.), mitsamt ihrer ersten Erwähnung der Kronen-Metapher, sind demnach eingefasst von den für sie konstitutiven Materialien und thematisieren dies selbstreflexiv, indem sie sowohl inhaltlich wie auch mittels der syntaktischen Konstruktion ihr Produkt – die Krone – mit worten bevâhen. Damit reflektieren die beiden Verse auch implizit die Herstellung der Krone als Objekt aus heterogenem Material. Dieser Prozess wird im Anschluss thematisiert, nämlich über die Metapher des Schmiedens: Im Schmieden als Herstellungsvorgang werden dabei nicht nur erneut misleichiv dinch zusammengefügt (V. 57–60), sondern auch die Bildlichkeit vom Schmieden der Krone wird textuell eingewebt. Auf diese Weise wird wiederum das Schmieden der Krone als eine Dichtungsmetapher in den Fokus gerückt, die – so die hier zugrunde gelegte These – die Werkpoetik von Heinrichs Roman ins Bild setzt. Dabei stehen aber nicht die bereits mehrfach untersuchte Edelsteinsymbolik oder bloß die Kronensymbolik im Vordergrund;4 stattdessen richtet sich der Blick primär auf das im Bild des Schmiedens illustrierte Dichten, insofern das Schmieden als eine der artes mechanicae den Vorgang des Dichtens verbildlicht. Die auch in den Poetiken Galfrieds von Vinsauf und Matthäus’ von Vendôme5 und in anderen Romanen vielfach in metaphorischer Anlehnung an die artes mechanicae genutzte textile Metaphorik vom Weben und Schneidern sowie die architektonische des Bauens6 bleiben in der Crône zugunsten der Schmiedemetapher ausgeklammert. Diese Metaphorik taucht hier zum ersten Mal als explizite und in solcher Weise exponierte in der deutschen volksprachigen erzählenden Literatur auf.7 Heinrich reiht sich mit dieser Wahl in einen höchst traditionsreichen gelehrten Diskurs über den Zusammenhang von Kunst und Schmieden ein – sowohl im Hinblick auf den mittelalterlichen Roman als auch hinsichtlich seiner kulturhistorischen Bedeutung. Mit der Entscheidung für die Schmiedemetaphorik knüpft Heinrich schließlich gleich in mehrfacher Hinsicht an verschiedene literarische wie gelehrte Diskurse an. Ein kurzer Überblick zeigt, dass nicht etwa nur die textile (Dichtungs-)Metaphorik, indem sie Anklänge an das lateinische textus provoziert, sondern auch das Rekurrieren auf den künstlerisch-schöpferischen Akt des Schmiedens auf zentrale Wissensbestände zurückgreift: Die der griechischen bzw. römischen Mythologie angehörigen Götter der Schmiedekunst – Hephaistos und Vulcanus – gelten immer auch als Götter einer Handwerkskunst und als kreative Künstler.8 Hephaistos erschafft Dinge, die für ihre Schönheit und Kunstfertigkeit gerühmt werden, wie z. B. Götterpaläste im Olymp oder Achills Rüstung.9 Vulcanus taucht auch in zahlreichen mittelalterlichen Texten, v. a. in den Antikenromanen, als Schmied diverser prächtiger Gegenstände auf, insbesondere von Rüstungen und Waffen.10 In Heinrichs von Veldeke Eneasroman dient die Erwähnung Vulcans der Aufwertung des Helden; seine Rüstung stammt von »Volkâne / [...] deme smidegote« (V. 5602f.):11
dô schûf her daz man worhte
der got von deme fûre
einen halsperch sô tûre,
daz ê noch sint nehein man
deheinen bezeren gewan. (V. 5666–70)
Daraufhin verfügte der Gott des Feuers, dass man eine solch kostbare Rüstung fertigte, wie sie noch nie ein Mann getragen hatte und tragen würde.
Vulcanus ist hier zugleich Garant für Qualität und Repräsentant überbordender Kunstfertigkeit. In intertextueller Auseinandersetzung mit dem Eneasroman bezeichnet Gottfried von Straßburg im Tristan »Vulkân / de[n] wîse[n]« (V. 4932f.)12 als »listmachære« (V. 4934) und als Handwerker und macht somit die Verschränkung von Kunstfertigkeit und Schmiedehandwerk augenfällig:13
Wan kêrte ich alle mîne craft
ze ritters bereitschaft,
als weizgot maneger hât getân,
und seite iu daz, wie Vulkân
der wîse, der mære
der guote listmachære
Tristande sînen halsperc,
swert unde hosen und ander werc,
daz den ritter sol bestân,
durch sîne hende lieze gân
schône und nâch meisterlîchem site (V. 4929–39).
[...] würde ich all mein Können für die Ausstattung der Ritter aufbringen, so wie es wahrlich viele getan haben, und erzählte euch, wie der weise, allseits bekannte Vulkan, der begabte Schmiedehandwerker, Tristans Brustpanzer, Schwert, Beinlinge und die anderen Teile, die zur Ausstattung eines Ritters gehören, mit seinen Händen gefertigt hat, in sorgfältiger und kunstvoller Art und Weise.
Während Gottfried hier, so Kern, einen »Kunstmythos«14 entstehen ließe, indem er die Kunst, das Handwerk und das Schmieden als Metapher verknüpfe, bezeichnet Konrad von Würzburg in der Goldenen Schmiede dann Gottfried selbst als »houbetsmit«, der »guldin getihte worhte« (V. 98f.):15
ich sitze ouch niht uf grüenem cle
von süezer rede touwes naz
da wirdeclichen ufe saz
von Strazburc meister Gotfrit
der als ein wæher houbetsmit
guldin getihte worhte. (V. 94–99, Hervorhebung K. a. d. L.)
Auch ich sitze nicht auf grünem Klee, der von dem Tau süßer Worte bedeckt ist. Darauf saß würdevoll der Meister Gottfried von Straßburg, der als kunstreicher Meisterschmied goldene Verse schuf.
Mit Blick auf andere Huldigungen Gottfrieds als dem Dichter unter den Dichtern zeigt sich in dessen Erhöhung zum ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Title Page
  2. Copyright
  3. Contents
  4. I Interessengesteuerte Werturteile
  5. II Bescheidenheitstopoi mit Potential
  6. III Wege jenseits der Epigonalität

Häufig gestellte Fragen

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