Der Nachlass Paul de Lagarde
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Der Nachlass Paul de Lagarde

Orientalistische Netzwerke und antisemitische Verflechtungen

  1. 236 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
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Der Nachlass Paul de Lagarde

Orientalistische Netzwerke und antisemitische Verflechtungen

Über dieses Buch

The series European-Jewish Studies reflects the international network and competence of the Moses Mendelssohn Center for European Jewish studies (MMZ). Thanks to the highly interdisciplinary character of the series, which is edited in collaboration with the Selma Stern Center for Jewish Studies Berlin-Brandenburg, particular emphasis is placed on the way in which history, the humanities and cultural sciences approach the subject, as well as on fundamental intellectual, political and religious questions that inspire Jewish life and thinking today, and have influenced it in the past.

The CONTRIBUTIONS publish excellent monographs and anthologies on the entire spectrum of themes from Jewish studies. The series is peer-reviewed.

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Information

III „Akademischer“ Antisemitismus und völkische Ideologie

Moderner Antisemitismus und Sattelzeit

Das Beispiel Paul de Lagarde
Gideon Botsch
Werner Treß
Der Orientalist und politische Publizist Paul Anton de Lagarde (1827 – 1891) war nicht nur einer der wichtigsten „Propheten des Nationalismus“1 in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und einer der zentralen Stichwortgeber des modernen Antisemitismus in Deutschland.2 Die Entfaltung seiner antisemitischen Gedanken fällt zudem in eine zentrale Periode der Entwicklung der Judenfeindschaft hin zum „modernen Antisemitismus“.3
Der höchst eigenartige Begriff „Antisemitismus“ bleibt umstritten. International steht das Wort in der öffentlichen Debatte stellvertretend für verschiedene Formen der Judenfeindschaft. Auch im wissenschaftlichen Sprachgebrauch hat sich der Begriff durchgesetzt. In den Politik-, Sozial- und Kulturwissenschaften umfasst er oft sämtliche Formen von Hass, Vorurteilen und Ressentiments gegen Juden, egal unter welchen historischen Kontexten sie auftreten. Er wird dann als analytischer Begriff aufgefasst und entsprechend definiert bzw. operationalisiert.4 Einer sozialwissenschaftlich-analytischen Begriffsverwendung, wenn sie als Universalisierung eines quasi zeit-, ort- und kontextlosen Phänomens auftritt, begegnet die historiographische Antisemitismusforschung zumindest hierzulande mit Unbehagen. Im Anschluss an die Forschungen von Reinhard Rürup, Thomas Nipperdey und Anderen hat sich in Deutschland seit den 1970er Jahren eine Auffassung etabliert, wonach Antisemitismus am besten zur Bezeichnung für eine spezifische Form der modernen Judenfeindschaft verwendet wird, die vom überlieferten, religiös grundierten Antijudaismus scharf abzugrenzen sei.5 Angelehnt an die begriffsgeschichtliche Methode wird dabei in Erinnerung gerufen, dass ein historisch-politischer Begriff eine Eigengeschichte hat, dass sein Auftreten in der Regel auch eine neue Entwicklung zum Ausdruck bringt und sein Begriffswandel als Anzeichen und Ausdruck historischen Wandels mit zu erforschen sei. Doch abweichend vom methodischen Zugriff des Großprojekts „Geschichtliche Grundbegriffe“, bei dem die Auswertung einschlägiger Enzyklopädien, Lexika und Wörterbücher einen hohen Stellenwert hatte, zogen Nipperdey und Rürup die seit dem 19. Jahrhundert in verschiedenen Sprachen erscheinenden jüdischen Enzyklopädien kaum zu Rate, so dass die darin gewonnenen, die Perspektive der vom Antisemitismus betroffenen reflektierenden Wissensbestände nicht hinreichend mit reflektiert wurden.6
Das Auftreten des Begriffes „Antisemitismus“ wird zumeist mit der Gründung der Antisemitenliga durch Wilhelm Marr im Jahr 1879 verknüpft. Als spezifischer Unterschied dieser Judenfeindschaft gilt die Ablösung von den religiösen Wurzeln. Marr habe dies auch selbst deutlich herausgestellt, als er im Jahre 1879 seine Schrift über den Sieg des Judenthums über das Germanenthum mit der Zeile untertitelte: „Vom nicht confessionellen Standpunkt aus betrachtet“.7 Moderne Judenfeindschaft im Sinne des Antisemitismus wäre insofern nicht mehr religiöser, christlicher Antijudaismus, sondern säkulare, politische Judenfeindschaft. Das hervorstechende Merkmal sei die Verbindung mit den modernen, als wissenschaftlich begriffenen Rasse-Theorien zum Rassenantisemitismus.
Wer das Fortleben älterer Traditionen im modernen Antisemitismus stärker herausstellt, sieht sich leicht dem Verdikt unterworfen, er rede einem unhistorischen Motiv des „ewigen Antisemitismus“ das Wort. Dies betrifft insbesondere wissenschaftliche Studien, die die scharfe Trennungslinie zum christlichen Antijudaismus nicht nachvollziehen wollen, und geschieht manchmal mit einer für den akademischen Diskurs ungewöhnlichen Schärfe. Dabei würde es sich durchaus lohnen der Frage nachzugehen, ob und inwieweit die „völkische Ideologie letztlich einen christlich-religiösen Kern hatte“8.
Nehmen wir zum Beispiel den Fall Paul de Lagarde.9 Dessen zweifelsfrei „moderner“ Antisemitismus ist in seinem Verhältnis zum Rassismus uneindeutig.10 Es ist interessant, welche Passagen der Eugen Diederichs Verlag unter dem Randtitel „Deutschtum u. Judentum“ in seine einflussreiche, von Friedrich Daab besorgte Lagarde-Auswahl aus dem für den Antisemitismus in Deutschland so bedeutsamen Jahr 191311 aufgenommen hatte: Auf nur drei Druckseiten bringt Daab überwiegend Textstellen, in denen eine Assimilation der Juden dann als möglich erachtet wird, wenn diese ihr Judentum restlos aufgeben würden. Sie stammen zumeist aus dem Programm für die konservative Partei Preußens von 1884.12 In der Diederichs-Auswahl findet sich an prominenter Stelle aber auch jener Satz, den die späteren Völkischen von „ihrem“ Lagarde nicht so gern hörten: „Das Deutschtum liegt nicht im Geblüte, sondern im Gemüte“.13 Ähnlich steht es um die These einer Ablösung von den religiösen Grundlagen: Gerade bei dem Theologensohn und Theologen Lagarde lässt sich die protestantische Primär- und Berufssozialisation nicht wegdenken; was aber schwerer wiegt: Lagardes politischer Antisemitismus, den Ina Ulrike Paul als „Komplement seines religiösen“14 Antisemitismus bezeichnet hat, ist aufs Engste verbunden mit einer seiner zentralen kulturpolitischen Forderungen: der Beseitigung der bestehenden konfessionellen Gegensätze zu Gunsten einer deutschen Nationalreligion.15 Er knüpfte damit an Motive an, die bereits Jahrzehnte zuvor im Kontext des deutschen Frühnationalismus erhoben und ebenfalls zugleich mit einer radikalen Ablehnung des Judentums verbunden wurden. So forderte etwa Karl Follen 1819 in seiner Schrift Grundzüge für eine teutsche Reichsverfassung die Auflösung der Konfessionen „in eine christlich-deutsche Kirche“, während andere „Glaubenslehren, welche den Zwecken der Menschheit zuwider sind, wie die jüdische […] in dem Reiche nicht geduldet“ werden sollten.16 Und auch bei Lagarde selbst muss die strenge Scheidung an der Wegmarke „1879“ relativiert werden: so bedeutsam es ist, dass seine wegweisenden Deutschen Schriften erstmals 1878 erschienen sind,17 so deutlich muss auch darauf hingewiesen werden, dass gerade die Lagarde’sche Judenfeindschaft bereits im Vortrag Über die gegenwärtigen Aufgaben der deutschen Politik aus dem Jahr 1853 erstmalig zusammenhängend entwickelt wird.18
Lagarde dient uns hier als ein Beispiel, an dem deutlich wird, dass die mit dem Begriff „moderner Antisemitismus“ verbundene scharfe Zäsur des Jahres 1879 im Lichte der Empirie zunehmend zweifelhaft wird. In der gängigen historiographischen Betrachtung, vor allem im Rahmen der deutschen Diskussion, wird der um 1880 entstandene Antisemitismus zumeist als Reaktion auf miteinander verwobene „fundamentale gesellschaftliche Umwälzungen“19 begriffen. Reinhard Rürup hatte diese These wiederholt bekräftigt. Im Rückgriff auf Hans Rosenbergs einflussreiche – und bis heute anregende und lesenswerte – Studie Große Depression und Bismarckzeit20 plädierte er für die Lokalisierung der Entstehung des Antisem...

Inhaltsverzeichnis

  1. Title Page
  2. Copyright
  3. Contents
  4. Geleitwort
  5. Vorwort
  6. Paul Anton de Lagarde und „die Juden“
  7. I Quellenkunde/Quellenedition
  8. II Paul de Lagarde und die deutsche (Alt‐)Orientalistik
  9. III „Akademischer“ Antisemitismus und völkische Ideologie
  10. Personenregister