Diebstahl und Raub in den Isländersagas
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Diebstahl und Raub in den Isländersagas

Einfallstore in die norröne Erzähl- und Vorstellungswelt

  1. 339 Seiten
  2. German
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Diebstahl und Raub in den Isländersagas

Einfallstore in die norröne Erzähl- und Vorstellungswelt

Über dieses Buch

Germanische Altertumskunde Online (Germanic Antiquity Studies Online) – just like the Reallexikon that has merged with it – is accompanied by supplementary volumes. This series comprises both monographs and edited volumes on specific topics from the fields of archaeology, history, and literary studies. It thus expands the database with the inclusion of aspects that require comprehensive analysis. More than 100 volumes have now appeared, from Germanenproblemen in heutiger Sicht (The Problems of Germanic Peoples from a Contemporary Perspective) to Germanische Altertumskunde im Wandel (Germanic Antiquity Studies in Flux).

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Information

Jahr
2020
eBook-ISBN:
9783110699371

1 Einführung

1.1 Die Faszination des Diebstahls

Geschichten um listenreiche Diebstähle sind seit jeher Publikumslieblinge: Duelle zwischen gerissenen Dieben und klugen Ermittlern werden zu jeder Zeit und in jeder Altersklasse voller Spannung verfolgt. Die künstlerischen Bearbeitungen des Motivs sind vielfältig und reichen von Herodots Diebesgeschichte vom Schatzhaus des Rhampsinit über die Abenteuer Robin Hoods, das Grimm’sche Märchen vom Meisterdieb bis hin zum beliebten Genre des Heist-Films, in dem besonders kunstfertige Diebe spektakuläre Überfälle durchführen.1
Doch geht mit der Bewunderung auch die Furcht einher. Ein Kind, das soeben Emil und die Detektive gelesen hat, wird vielleicht eine Weile jeden Geldschein wie einen Schatz hüten und Fremden möglicherweise mit Argwohn begegnen. Auch jedem Erwachsenen graut es davor, beim nach Hause kommen eine verwüstete Wohnung vorzufinden - ganz gleich, wie viele vergnügliche Abende er mit dem Computerspiel Thief verbracht haben mag.2 Die Faszination des Diebstahls entsteht im Wechselspiel von Spannung und Furcht. Es handelt sich um eine Form der Kriminalität, vor der niemand gänzlich sicher sein kann, auch wenn im Laufe der Jahrhunderte von Bannformeln und Diebessegen bis zu moderner Alarmtechnik allerlei Mittel zur Abwehr ersonnen wurden.3
Der faszinierendste Dieb des Nordens ist zweifelsohne der Göttervater Óðinn selbst. Mit Hilfe von List und Verwandlung - der höchsten Kunst der Maskerade - gelingt es ihm, den einzigartigen Dichtermet an sich zu bringen. Dieser besteht aus Honig und dem Blut des weisen Geschöpfs Kvasir, das einst aus einem Gemisch des Speichels aller Götter entstand. Óðinn verwandelt sich in eine Schlange und kann so durch ein kleines Loch in jenen Berg schlüpfen, in dem das wundersame Getränke aufbewahrt wird. Drei Nächte verbringt er mit der Hüterin des Mets, die ihm zum Dank erlaubt, drei Schlucke des Gebräus zu trinken. Óðinn jedoch leert mit seinen Schlucken alle drei Kessel, entkommt mit seiner Beute in Adlergestalt und speit den Met in Behälter, die die Götter bereitgestellt haben. Ein kleiner Teil jedoch entfleucht in die Welt der Menschen und inspiriert jene, die dichten können. Daher bezeichnen die Skalden die Dichtung selbst als feng Óðins (»Beute Óðinns«)4 oder Víðurs þýfi (»Óðinns Diebesgut«).5 Nach nordischer Vorstellung ist es ein Diebstahl, der die Dichtkunst und damit die Literatur in die Welt bringt.6
Die Faszination des Diebstahls scheint die Wissenschaft bis vor Kurzem jedoch nicht erfasst zu haben. Während andere Formen des Gütertransfers - allen voran die Gabe - in der Soziologie ebenso wie in den Kultur- und Literaturwissenschaften breite Aufmerksamkeit erfahren haben, ist erst im Jahr 2016 die erste umfassende kulturwissenschaftliche Studie zum Diebstahl erschienen.7 Andreas Gehrlach stellt darin einleitend fest: »Das zwanzigste Jahrhundert war das Jahrhundert der Gabe«8, der Diebstahl »als ein ähnliches Motiv mit vergleichbarer Komplexität«9 sei dagegen bisher ignoriert worden. Dies trifft auch auf die Altnordistik zu: Während zur Gabe und zu anderen Formen des Austausches einige Untersuchungen vorliegen, wurden die Verbrechen Raub und Diebstahl kaum beachtet. Dies verwundert umso mehr, als zum einen die Dichtung durch Óðinns Diebstahl in die Welt kam, und widerrechtliche Aneignungen zum anderen schon auf den ersten Blick zu den zentralen Themen einer ›Wikingerliteratur‹ zählen.
Auch abseits der wikingischen Beutezüge enthält die altnordische Literatur ein facettenreiches Spektrum des Diebstahls, das von simplen Ratschlägen, man solle sich vor Dieben in Acht nehmen (Hávamál 131), bis hin zu Erzählungen von spektakulären Entwendungen und Wiederbeschaffungen göttlichen Eigentums reicht.10 Beispielsweise muss Þórr in der Þrymsqviða beim Aufwachen feststellen, dass sein Hammer Mjǫlnir von einem Riesen gestohlen wurde, worauf er diesen unter einigem Aufwand zurückerobern muss. Das Eigentum der Götter wird nicht nur von außen bedroht; sogar innerhalb des Pantheons geschehen Diebstähle, wie etwa Lokis Raub des Brísingamen, eines Kleinods der Göttin Freyja.11
Im Zentrum dieser Arbeit stehen die weit profaneren Eigentumsdelikte der Isländersagas, der bekanntesten altnordischen Prosagattung. Diebstähle markieren dort oft den Beginn langwieriger Fehden und ziehen Mord, Totschlag oder Gesetzlosigkeit nach sich. Diese handlungsauslösende Funktion des Verbrechens bespricht Theodore M. Andersson in seinem Aufsatz »The Thief in Beowulf« (1984), der bisher einzigen Studie, die die Rolle des Diebes in der altnordischen Literatur streift:
In the sagas, the thief has a rather well-defined narrative function. He exists to instigate trouble, which then develops a life of its own and eventually engulfs everyone. […] These texts exemplify how momentous events unfold from trivial causes.12
Daneben erarbeitet Andersson eine ›Semantik des Diebstahls‹, die Feigheit, Unmännlichkeit und eine Nähe zu anderen zwielichtigen Verbrechen wie der Zauberei umfasst. Diese Konnotationen erwachsen nicht zuletzt aus der altnordischen Rechtsvorstellung, die von einem Offenkundigkeitsgedanken geprägt ist. In Ermangelung einer exekutiven Gewalt oder neutraler Ermittlungsinstanzen baute die norröne Gesellschaft auf Ehre und Ansehen als regulierende Faktoren, wie der Rechtshistoriker William Ian Miller betont:
[T]here were strong normative inducements to wrong openly; one’s name was at stake. There was absolutely no honor in thievery, only the darkest shame; the ránsmaðr [i. e. robber], on the other hand, suffered no shame for his successful raids, even if he did not always achieve honor in the process.13
Miller spricht hier sowohl den entscheidenden Unterschied zwischen Raub und Diebstahl an als auch den engen Verbund zwischen Verbrechen und persönlicher Ehre - auf beides soll im Folgenden ausführlich eingegangen werden.
Das Ziel dieser Arbeit ist es, einen Gesamtüberblick der bisher wenig beachteten Verbrechen Diebstahl und Raub im Korpus der Isländersagas und -þættir zu geben, um ein möglichst umfassendes Bild ihrer Ausprägungen, Konnotationen und Auswirkungen zu zeichnen.14 Eine literaturwissenschaftliche Analyse bringt dabei ein doppeltes Erkenntnisinteresse hervor, das den zwei Ebenen einer Erzählung entspricht; der Handlungsebene und der Ebene der erzählerischen Darstellung.
Zum einen wird daher gefragt, wie sich Diebstahl und Raub innerhalb der erzählten Welt auswirken. Diese Verbrechen berühren zwei zentrale Themenkomplexe der Isländersagas: Eigentum und Ehre. Beide sind entscheidende Faktoren des sozialen Ansehens einer Figur und müssen fortwährend verteidigt und neu erworben werden. Diebstähle und Raubüberfälle öffnen Einfallstore, durch welche das zugrundeliegende Wertesystem sichtbar wird, indem diese Verbrechen eine Neubewertung der Position aller beteiligten Parteien erzwingen. Eigentumsdelikte konstituieren damit nicht nur für die einzelne Saga richtungsweisende Episoden, sie versprechen auch Erkenntnisse über die Mechanismen und Werte der in den Isländersagas dargestellten Gesellschaft.
Zum anderen soll nach den Funktionen und Einsatzmöglichkeiten von Diebstahl und Raub als Ereignisse oder Motive auf der Erzählebene gefragt werden. Es soll einerseits gezeigt werden, dass sich das Offenkundigkeitsprinzip des altnordischen Rechts in der Erzähltechnik der Isländersagas widerspiegelt, die bewusst Marker für Öffentlichkeit und Heimlichkeit einsetzt, um Anhaltspunkte für die Bewertung der Episoden zu liefern, die sich heutigen Rezipienten nicht mehr intuitiv erschließen. Andererseits haben Eigentumsdelikte auch an der Motivierung des Geschehens, der Charakterisierung von Figuren und der Modellierung besonderer Gegenstände entscheidenden Anteil.
Der Fokus auf Diebstahl und Raub ermöglicht insgesamt eine korpusweite Analyse beider Ebenen, die als Baustein zu einem tiefergehenden Verständnis der Funktionsweise der Isländersagas als literarische Texte ebenso dienen soll wie zur Perspektivierung der jeweiligen Verbrechen im Kontext der Werte- und Moralvorstellungen, die diesen Texten innewohnen.

1.2 Quellen und Korpus

Das Christentum brachte zu Beginn des 11. Jahrhunderts die lateinische Schrift und Sprache ebenso wie die Buchkultur nach Island. Schon früh begannen die Isländer, auch in ihrer eigenen Sprache zu schreiben und das lateinische Alphabet ihren Bedürfnissen anzupassen.15 Bereits Mitte des 12. Jahrhunderts entstand mit dem Ersten Grammatischen Traktat ein Werk, das die Verwendung des geborgten Alphabets für die eigene Sprache reflektiert, und neue Grapheme vorschlägt.16 Der anonyme Autor dieses Werkes zählt die verschiedenen Gattungen auf, die im Isländischen geschrieben werden: lǫg ok áttvísi (»Gesetze und Genealogien«), þýðingar helgar (»biblische Exegese«), und in spakligu frœði (»das kluge Wissen«), wie es Ari Þorgilsson niedergeschrieben habe.17 Ari Þorgilsson inn fróði (»der Gelehrte«) ist der Verfasser der Íslendingabók (»Buch der Isländer«, wohl um 1125 verfasst), dem ältesten erhaltenen Geschichtswerk Islands.18 Ebenso wie die Landnámabók (»Buch der Landnahme«)19 entspricht dieses Werk zwar nicht den modernen Vorstellungen von Historiographie, zeigt aber sowohl das starke Interesse an der eigenen Geschichte als auch das im europäischen Vergleich gesehen außergewöhnliche Selbstbewusstsein, in der eigenen Landessprache anstelle von Latein zu schreiben.20
Der ›erste Grammatiker‹ berichtet noch nicht von niedergeschriebenen Sagas, und tatsächlich ist es umstritten, wann die Isländer begannen, solche zu verschriftlichen. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts dürfte die Aufzeichnung von Geschichte(n) in Prosaform begonnen haben.21 Das Wort saga (pl. sǫgur) leitet sich von an. segja (»sagen, erzählen, berichten«) her, und enthält zunächst keine Wertung darüber, ob das Gesagte wahr oder erfunden, historisch oder fiktiv, mündlich oder schriftlich ist. Als literarische Gattung meint der Begriff ›Saga‹ in einem weiten Verständnis erzählende Prosaliteratur, die in Island und Norwegen bis zur Reformation entstanden ist.22 Diese große Gattung wurde unterschiedlich untergliedert. Während Kurt Schier eine...

Inhaltsverzeichnis

  1. Title Page
  2. Copyright
  3. Contents
  4. 1 Einführung
  5. 2 Zur Erzähl- und Vorstellungswelt der Isländersagas
  6. 3 Die ›Semantik des Diebstahls‹
  7. 4 Erzählen vom Diebstahl
  8. 5 Narrative Funktionen von Diebstahl und Raub
  9. 6 Figur und Typus: Diebe, Räuber, Wegelagerer
  10. 7 Diebstahl, Raub und Macht: Soziale und narrative Hierarchien
  11. 8 Ausblick: Vorenthaltenes und geraubtes Erbe
  12. 9 Fazit
  13. Bibliographie
  14. Stichwortverzeichnis

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