Black Box | Steuerungsdispositiv
Cybersyn oder das Design des Gestells
Was ist ein Dispositiv? – Seit Michel Foucaults Machtanalysen der 1970er Jahre gehört der Begriff ‚Dispositiv‘ zum geläufigen Wortschatz der Gesellschaftskritik. Mit Blick auf Foucaults flexiblen Begriffsgebrauch verwundert es kaum, dass sich lediglich an einer Stelle seines umfangreichen Werks eine Festlegung, eine Art Definition oder eher eine Charakterisierung des ‚Dispositivs‘ findet:
Was ich unter diesem Titel festzumachen versuche ist erstens ein entschieden heterogenes Ensemble, das Diskurse, Institutionen, architekturale Einrichtungen, reglementierende Entscheidungen, Gesetze, administrative Maßnahmen, wissenschaftliche Aussagen, philosophische, moralische oder philanthropische Lehrsätze, kurz: Gesagtes ebenso wohl wie Ungesagtes umfasst. Soweit die Elemente des Dispositivs. Das Dispositiv selbst ist das Netz, das zwischen diesen Elementen geknüpft werden kann. Zweitens möchte ich mit dem Dispositiv gerade die Natur der Verbindung deutlich machen. […] Kurz gesagt gibt es zwischen diesen Elementen, ob diskursiv oder nicht, ein Spiel von Positionswechseln und Funktionsveränderungen […] Drittens verstehe ich unter Dispositiv eine Art von – sagen wir – Formation, deren Hauptfunktion zu einem gegebenen historischen Zeitpunkt darin bestanden hat, auf einen Notstand (urgence) zu antworten. Das Dispositiv hat also eine vorwiegend strategische Funktion.1
Unter dem Titel unserer einleitenden Frage hat wiederum Giorgio Agamben knapp 30 Jahre später diese Ausführungen Foucaults zum Anlass genommen, einige weithin beachtete Anmerkungen vorzunehmen, die sich zum einen auf die Genealogie dieses Terminus in Foucaults eigenem Werk und zum anderen auf dessen Begriffsgeschichte beziehen.
Wie Agamben darlegt, dürfte der konzeptuelle Vorläufer bei Foucault im Begriff der „Positivität“ zu finden sein, der seinerseits auf Jean Hyppolites Hegellektüre in Raison et histoire. Les idées de positivité et de destin zurückweist: Gerade der junge Hegel von Die Positivität der christlichen Religion aus dem Jahre 1795/96 fasst unter dem Begriff der Positivität all dasjenige, was sich erst mit der Vernunft zu versöhnen habe: „die Gesamtheit der Glaubenssätze, Vorschriften und Riten, die in einer bestimmten Gesellschaft zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt den Individuen von außen auferlegt sind“ – mithin all dasjenige, was dem frühen Hegel zufolge das „unmittelbare und natürliche Verhältnis der menschlichen Vernunft zur Gottheit“2 unterbrochen, entzweit habe.
Dieser Hinweis kommt nun insofern mit der allgemeinen Begriffsgeschichte zur Deckung, als die dispositio in der christlichen Heilslehre eine zentrale Stellung einnimmt und zwar als lateinische Übersetzung der göttlichen Heilsökonomie selbst, der oikonomia im Sinne der Haushaltung.3 Ohne nun tiefer in die scholastischen Details der Trinitätslehre einsteigen zu können, lässt sich zumindest so viel sagen, dass hier einer unversöhnlichen Spaltung des dem Wesen oder der Substanz nach einen Gottes (homoousios) in seine drei Personen vorgebeugt werden sollte. In der Zusammenfassung Agambens:
Bezüglich seines Seins und seiner Substanz ist Gott fraglos eins; was jedoch seine oikonomia betrifft, also die Weise, in der er sein Haus, sein Leben und die Welt, die er geschaffen hat, verwaltet, ist er dreifach. Wie ein guter Vater seinem Sohn die Ausführung gewisser Funktionen und Aufgaben anvertrauen kann, ohne deshalb seine Macht und seine Einheit zu verlieren, so vertraut Gott Christus die ‚Ökonomie‘, die Verwaltung und die Regierung der Menschheitsgeschichte an.4
Aus der Hausverwaltung des väterlichen ‚Anwesens‘ (im Griechischen ebenfalls ousia) wird eine göttliche Heilsverwaltung, deren Wesen oder Unwesen sich vom Gottvater über den Sohn und den heiligen Geist bis zu seinen Geschöpfen und deren Geschicke erstreckt. So scheint an dieser Stelle zum ersten Mal auf, dass mit der Frage: „Was ist ein Dispositiv?“ zugleich mehr zur Antwort drängt und zwar nicht weniger als die allumfassende Ökonomie der Schöpfung inklusive ihrer heilsgeschichtlichen Entwicklung bis ans Ende der Zeiten. Mag das auch nicht der Rahmen sein, in dem Foucault seinen Begriff des Dispositivs platziert, so eröffnet sich dadurch doch die Perspektive auf einen erweiterten Begriff, den Agamben in Anschlag bringt:
Als Dispositiv bezeichne ich alles, was irgendwie dazu imstande ist, die Gesten, das Betragen, die Meinungen und die Reden der Lebewesen zu ergreifen, zu lenken, zu bestimmen, zu hemmen, zu formen, zu kontrollieren und zu sichern. Also nicht nur die Gefängnisse, die Irrenanstalten, das Panoptikum, die Schulen, die Beichte, die Fabriken, die Disziplinen, die juristischen Maßnahmen etc., deren Zusammenhang mit der Macht in gewissem Sinne offensichtlich ist, sondern auch der Federhalter, die Schrift, die Literatur, die Philosophie, die Landwirtschaft, die Zigarette, die Schiffahrt, die Computer, die Mobiltelefone und – warum nicht – die Sprache selbst […].5
Dieser auf den ersten Blick inflationäre Begriffsgebrauch gewinnt dadurch zumindest etwas an Trennschärfe zurück, dass Agamben in der Folge drei Klassen benennt: „Lebewesen/Substanzen“, ferner die benannten Dispositive und drittens Subjekte. Durchaus in Übereinstimmung mit Foucaults eigenem Verständnis erkennt auch Agamben hier ein Wechselspiel am Werk, in dem die jeweiligen Lebewesen bzw. Substanzen erst durch die jeweiligen Dispositive zu Subjekten werden, mithin eher als variable Resultate eines Subjektivierungsprozesses zu denken sind denn als konstante Ausgangsgrößen.6 Der entscheidende Gesichtspunkt im Hinblick auf die Gesamtdisposition unserer eigenen Gegenwart wird von Agamben jedoch erst dadurch aufgezeigt, dass mit der fortschreitenden kapitalistischen ‚Ökonomisierung‘ der Lebensverhältnisse die Vielzahl und Dynamik der Subjektivierungsprozesse einen nie gekannten Höhepunkt erreiche: Der Inflation der Dispositive entspreche eine Inflation von Subjektformen, die sich der einzelnen Lebewesen bemächtigen und sie so in eine Mannigfaltigkeit von Lebensformen zerstreuen.
An diesem Punkt angelangt, dürfte bereits erkennbar sein, was die Frage nach dem Dispositiv mit dem Cybersyn-Projekt der Allende-Regierung unter Stanford Beer verbindet. Nicht nur bietet sich die Erprobung von cybernetic management-Strategien in einer Volkswirtschaft von der Größe und Geographie Chiles geradezu als Paradefall dafür an, die bewusste Implementierung eines Steuerungsdispositivs zu untersuchen. Darüber hinaus lässt sich an diesem Beispiel verdeutlichen, wie sich der Begriff des Dispositivs wandelt, will sagen: wozu das Dispositiv seinerseits disponiert ist, wenn es eine Vervielfältigung, Miniaturisierung und spätere Digitalisierung im Zeichen einer allumfassenden kapitalistischen Ökonomisierung durchläuft: Es wird zum Design – sei es das eines Federhalters, eines Mobiltelefons oder auch der Sprache selbst.
Wenn es im Folgenden also darum geht, am Beispiel des Cybersyn-Projekts, gerahmt von seinem Vorspiel an der hfg ulm und seinem Nachspiel im heutigen China des sozialen Bonitätssystems, die Brauchbarkeit und Tragweite des Dispositiv-Begriffs zu erproben, dann nicht zuletzt in der Absicht, ein Exempel zu statuieren, woran sichtbar wird, was es gewissermaßen mit dem Design dieses Begriffs selbst auf sich hat. Nach den bisherigen Andeutungen sollte zumindest so viel klar geworden sein: Wenn wir den Begriff des Dispositivs in der Folge von Foucault und Agamben aufgreifen, um Dispositive in unserer Umwelt ausfindig zu machen, dann folgen wir selbst schon einer Disposition, nämlich unsere Umwelt als unseren oikos, als einen Haushalt denkend zu verwalten. Ein kurzer Blick auf unsere heutige Lebenswelt lässt keinen Zweifel daran, dass wir dies nicht mehr nach dem Hausbrauch oder den Hausgebräuchen der neolithischen Revolution tun. Unsere Techniken und ihre Handhabung, man könnte allgemeiner sagen: das Design unserer...