»Heimat« hat Konjunktur. Dabei wird erst ein interdisziplinärer und transkultureller Blickwinkel diesem vielschichtigen Konzept gerecht. Der Band beleuchtet verschiedene Facetten des umstrittenen Begriffs aus kultur- und literaturwissenschaftlicher Sicht und eröffnet interessante Perspektiven auf Praktiken und Diskurse, die mit ihm verknüpft sind. Im Kontext von aktuellen nationalistischen Tendenzen und globalen Krisen konstellieren sich auch Heimatverständnisse neu.

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Heimat Revisited
Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf einen umstrittenen Begriff
- 294 Seiten
- German
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Heimat Revisited
Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf einen umstrittenen Begriff
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Information
Globale Heimaten?
Heimat als Ortsbezogenheit: Zwischen lokaler Verortung und planetarer Beheimatung
Christoph Antweiler
Dieser Aufsatz argumentiert dafür, „Heimat“ auch im wissenschaftlichen Rahmen weiterhin zu benutzen, das Wort aber mit Bedacht zu verwenden und es begrifflich differenziert zu füllen. In öffentlichen Debatten, aber vielfach auch in wissenschaftlichen Texten werden drei raumbezogene Phänomene vermischt, die disparat sind bzw. entkoppelt sein können: (a) ein symbolischer Bezug seitens Akteuren auf Ortsnamen, (b) ein auf Primär- bzw. Kleingruppen bezogenes Gefühl und (c) eine emotionale Bezogenheit auf größere soziale Einheiten, i. d. R. Gemeinden oder Stadtteile. Innerhalb einer breiten kulturwissenschaftlichen Orientierung verwende ich vor allem ethnologische, geographische und psychologische, aber auch evolutionstheoretische Argumente und Befunde.
Dieser Beitrag beleuchtet zunächst (1) kurz die Problematik des Wortes und des Begriffs Heimat und argumentiert, dass es sich – neben allen sozialen und politischen Konstruktionen und Ideologien – um ein konkretes empirisches Phänomen handelt. Darauf baut (2) eine Systematisierung der genannten Ortsbezüge auf mit der Frage, inwieweit Heimat jenseits territorialer Bezüge verstanden werden kann. Dann erörtere ich (3) die Ausrichtung von Menschen auf mittlere Maßstäbe als universelle psychische Grundierung des Phänomens. Anschließend beleuchte ich (4) in Abgrenzung von traditionellen Heimatbegriffen die Frage, welche Formen von Beheimatung jenseits des Orts der Geburt oder des Aufwachsens empirisch bekannt sind. Darauf aufbauend frage ich (5), inwiefern Urbanität, verstanden als spezifische ortsbezogene Umgangsweise zwischen einander dauerhaft fremd bleibenden Menschen, ein Modell für Heimat im globalisierten Kontext abgeben kann. Schließlich erörtere ich Heimat als (6) Orientierung, welche lokale Lebensbezüge mit einer Perspektive auf die Menschheit als Ganze in Form eines lokalisierten Kosmopolitismus in realistischer Weise verbinden kann. Die Leitfrage dabei ist, ob wir im Zeitalter des Anthropozäns in der Einheit der Menschheit eine neue Form von planetarer Heimat finden könnten – jenseits von purem Wunschdenken.1
Heimat als ein empirisches Phänomen
Heimat ist ein Reizwort und zunehmend ein politischer Kampfbegriff, aber auch ein Schlüsselwort, das sich nicht in Ideologien erschöpft (Scharnowski 2019, 9–17). Der Begriff ist historisch vielfach belastet und steht unter prinzipiellem Ideologieverdacht, was angesichts seiner derzeitigen Renaissance nicht vergessen werden sollte. Hinzu kommt, dass „Heimat“ in öffentlichen Debatten fast standardmäßig in verengter Weise entweder mit dem Geburtsort assoziiert oder mit dem Land der „Herkunft“ gleichgesetzt wird. Trotz dieser Problematik gibt es gute Gründe, den wegen nationalistischer Konnotationen und nationalsozialistischem Missbrauch berechtigterweise verpönten Begriff heute in vorsichtiger Weise zu rehabilitieren.
Ist die spezifisch deutsche Prägung ein Hauptproblem des vielfältig schillernden Heimat-Begriffs? Das spezifisch Deutsche am Heimat-Begriff ist die historische Basis, nämlich die Kontinuität einer Ortsgemeinde als kleinster politisch institutionalisierter Einheit (Korfkamp und Strasser 2017, 17–18; Thiemeyer 2018, 75). Damit verbunden sind örtliche „Heimatrechte“, welche der wirtschaftlichen Sicherung der Gemeinden dienten und gleichzeitig einzelne Personen ökonomisch absicherten, etwa in Notlagen, wenn keine Verwandten da waren (Treinen 1965, 240). Die Voraussetzung, um diese Rechte zu haben, war die Geburt im Ort oder ein längerer dortiger Wohnsitz. Im Mittelpunkt steht hier also eine deutsche Tradition der Zugehörigkeit durch eine örtlich fixierte Kategorie der Rechte. Davon zu unterscheiden sind romantische und nostalgische Ideen der Lokalität, die im deutschsprachigen Raum in besonderer Ausformung seit dem 19. Jahrhundert entwickelt wurden, ohne dabei prinzipiell antimodern sein zu müssen (vgl. Applegate 1990; Blickle 2004).
Es ist nicht so, dass der gesamte Begriffsinhalt des gängigen Heimat-Konzepts per se auf Deutschland gemünzt ist. Heimat muss nicht auf ganze Länder bezogen sein; Heimat kann anders als nationalistisch bzw. patriotisch gedacht werden und auch historisch war Heimat oft nicht nationalistisch, anti-internationalistisch oder anti-globalistisch gemeint (Bsp. in Zöller 2015). Heimat muss nicht dörflich oder ländlich konnotiert sein, sie kann anders als traditionalistisch, bewahrend bzw. auf Beharrung fixiert oder gedacht werden. Heimat muss nicht nostalgisch gefärbt, dumpf oder spießig sein oder als heile Welt gesehen werden (Hülz et al. 2019; Scharnowski 2019; Costadura et al. 2019). Dieser Beitrag befasst sich mit Heimat als primär psychischer Ortsbezogenheit, die zumeist unterhalb der nationalen Ebene angesiedelt ist. Ein passender Terminus, der alle Konnotationen zu Familie, Verwandtschaft, Kleingruppe und auch das problematische Denken in Wurzeln bzw. „Verwurzelung“ (Bettini 2018) sowie auch eine unbedacht positive Wertung vermeidet, dabei aber den örtlichen Bezug wahrt, ist „Ortsbezogenheit“.
Auf Personen bezogen ist Heimat etwas Psychisches und vor allem affektiv-emotional charakterisiert. Heimat ist ein primär affektives Phänomen mit engem Bezug zu personaler Identität und zur Identifikation von Personen. Als psychische Orientierung ist Heimat aber zu dynamisch, um als rhetorisches Mittel der Ausgrenzung zu dienen (Ehmke 2015, 5). In erster Linie bedeutet Heimat ein Gefühl der räumlich bezogenen Zugehörigkeit, der Geborgenheit und der Sicherheit. Auch wenn Heimat als Generalnenner schillernd ist, verbirgt sich dahinter ein empirisch fassbares Phänomen, nämlich eine affektive Haltung, sich an einem Ort vertraut zu fühlen, sich zu diesem Ort hingezogen zu fühlen und sich in zumeist positiver und selektiver Weise an ihn zu erinnern (Zöller 2015). Dieser Ortsbezug ist von hoher Relevanz für Identität, denn das „ich bin“ bedarf eines „dorthin gehöre ich“. Dabei spielt neben Emotionen bzw. Affekten auch Kognition eine wichtige Rolle. Dies wird oft durch ein Erleben von Landschaft, von gewohnter gebauter Umwelt, von wiederholten sozialen Handlungen sowie Ritualen im Umgang mit anderen Menschen erzeugt. Hier fühlt man sich aufgehoben, hier ist man sicher, hier hinterfragt man nicht alles, hier wird nicht dauernd hinterfragt und hier kann ich sagen: „Hier bin ich unbeschwert“.
Auf den Ort bezogen bildet Heimat den Landschaftsausschnitt, der mir bekannt ist, wo ich von anderen ge-kannt bin und wo ich mich deshalb sicher bewegen kann. Ort und Zeit passen hier zusammen. In der subjektiven Zeiterfahrung ist das Geborgenheitsgefühl oft mit einem Gefühl der Entschleunigung verbunden (Rosa 2007). Wenn diese Resonanzachse, die in der Gegenwart Halt gibt und im Zeitverlauf Stabilität verspricht, fehlt oder verloren gegangen ist, äußert sich Heimat als Sehnsucht nach dieser Geborgenheit: Heimweh. Als Gefühl hängt Heimat damit an Örtlichkeiten, am eigenen Körper und an anderen Personen.
Der genannte Raumbezug besteht in einer biographisch basierten und oft sehr persönlich gefärbten Heimatbezogenheit (Schmitt-Roschmann 2010, 9–14). Dabei geht es aber eben gerade nicht um die Zugehörigkeit eines Menschen zum Raum selbst, sondern vor allem um einen psychischen Bezug zu verorteten sozialen Interaktionen und Sozialstrukturen. Im Mittelpunkt steht die psychische Bezogenheit auf einen dauerhaften örtlich basierten sozialen Interaktionsraum von der Größe einer Kommune (Treinen 1965; Kronenberg 2018, 14–47). Wenn man Menschen sozialwissenschaftlich zu ihrer Haltung befragt, stehen ganze Nationen, Länder oder andere Großräume – ganz anders als im traditionellen nationalistisch aufgeladenen deutschen Heimatbegriff – eher nicht im Zentrum von Heimatorientierung.
Heimat als Trias psychischer Ortsbezogenheit – Versuch einer Systematisierung
Heimat ist in mancher Hinsicht mehr als nur ein Ortsbezug, sondern kann auch etwa Nostalgie nach bestimmten früheren Sozialformen oder etwa das Sehnen (longing) nach der sozialen Atmosphäre an einem Strand in Bali oder der Stimmung in einer Osteria in Venedig beinhalten (für Bsp. aus der Literatur Gebhard et al. 2007; Frühwald 2011). Ferner spielen die öffentliche Präsentation und Repräsentation vielfach eine starke Rolle. Heimat sollte nicht mit jeglicher Form lokaler Verbundenheit gleichgesetzt werden. Heimat ist nicht einfach etwa gleich ethnische Identität oder regionale Zugehörigkeit. Die oben beschriebene örtliche Bezogenheit beinhaltet mehrere Facetten:
- Menschen identifizieren sich mit einem Ort (bzw. einem Gebiet),
- Menschen sind anhänglich an einen Ort,
- Menschen leiten ihre Herkunft von einem Ort ab und
- Menschen werden von anderen Menschen mit einem Ort identifiziert bzw. diesem zugeordnet.
Dieser Heimatort, auf den sich bezogen wird, ist prototypisch – aber eben nur das ...
Inhaltsverzeichnis
- Title Page
- Copyright
- Contents
- Einleitung: Revisiting ‚Heimat‘
- Politiken und Praktiken der Heimat
- Literarische (De-)Konstruktionen
- Globale Heimaten?
- Ausblick
- Personenregister
- Sachregister
Häufig gestellte Fragen
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