Umstrittene Helden
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Umstrittene Helden

Heroisierungen in der Bundesrepublik Deutschland

  1. 200 Seiten
  2. German
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Umstrittene Helden

Heroisierungen in der Bundesrepublik Deutschland

Über dieses Buch

Die Deutschen und ihre Helden ist ein Thema, das zwischen Heldenabwehr, Heldenverehrung und lauten Rufen nach Helden changiert. Anna Kavvadias entfaltet in ihrem Buch ein vielschichtiges Spektrum von Heldenfiguren, untersucht ihre Genese und beschreibt in dichten Szenen Heroisierungsbemühungen seit der Gründung Preußens bis zur deutschen Wiedervereinigung.

Das Buch richtet sich an Studierende und Lehrende der Geschichts-, Politik- und Sozialwissenschaften, an Gedenkstätten, Museen und Stiftungen.

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1 Einleitung

1.1 Umstrittene Helden

Die Palette von Heldenfiguren ist heute so mannigfaltig wie noch nie. Alte Helden in Form von Statuen auf Prachtboulevards kontrastieren dabei mit neuen Helden, deren Konterfeis neben unzähligen anderen Meldungen auf eine Zeitungsseite gedruckt und in einen Plastikaufsteller gesteckt einen Tag lang vom Kiosk aus zu den in Bronze gegossenen und in Stein geschlagenen Heroen hochschauen. Redaktionen unterschiedlicher Blätter suchen täglich eifrig nach Menschen, deren Taten heldenwürdig erscheinen und küren diese zum „Helden des Tages“ oder „Alltagshelden“. Die Bandbreite der Heldentaten umfasst das Retten einer Katze vom Baum bis hin zum Einschreiten gegen Gewaltexzesse Einzelner oder ganzer Gruppen.
Die Resonanz auf diese Heldenzuschreibungen ist vielfältig und changiert zwischen Bewunderung und offener Ablehnung. Gerade durch die Ablehnung der neuen Helden wird greifbar, was Heldentum für viele bedeutet: selbstloser Einsatz für andere unter Inkaufnahme eigenen Schadens physischer und psychischer Natur. Dieser Definition entsprechen die sogenannten Alltagshelden – als diese werden Menschen, die sich für Obdachlose, Pflegebedürftige oder Flüchtlinge einsetzen, Katzen retten oder öffentliche Grünanlagen vom Müll befreien – nicht, da das eigene Wohlergehen während der Heldentat keinesfalls gefährdet war. Trotzdem ist der selbstlose Einsatz für andere vollkommen ausreichend für die Anerkennung von Alltagshelden, eines Heldentums, das von jedem ausgefüllt werden könnte.1
Kritiker dieser Entwicklung stören sich nicht nur am Mangel einer Gefahrenzone, die sie als Voraussetzung für heroische Taten als unabdingbar ansehen, sie bemängeln, dass wahres Heldentum durch die Erhebung von Alltagshelden zu Helden deklassiert werden würde. Die positive Resonanz und Anerkennung von „Helden des Alltags“ wird gar als „aktuelle Schwundstufe“2 des Heroischen begriffen. Als Indiz für die Bedeutungslosigkeit von Alltagshelden gilt neben der als nicht heroisierungswürdig angesehenen Tat die Dekonstruktion ebendieser: Alltaghelden werden nicht nur durch das Aufkommen neuer Schlagzeilen, neuer Heldenfiguren, die den Rezipienten vorgestellt werden, in den Hintergrund gedrängt und vergessen. Sie werden durch die mediale Durchleuchtung ihrer Vergangenheit auf eventuelle, eines Helden nicht ziemende Vortaten, nicht demokratische Einstellungen und persönliche Vorlieben entheroisiert. Bei diesem Prozess wird nicht die Heldentat an sich, sondern der gesamte Mensch unter die Lupe genommen und auf Heldenwürdigkeit hin durchleuchtet. Dieser Vorgang, die Dekonstruktion der neuen Helden, so die Kritiker einer Heroisierung von Alltagshelden, sei wiederum ein Beleg dafür, dass Helden innerhalb der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland keinen Platz mehr hätten.
Die Frage nach Heldenwürdigkeit ist für das Verständnis dafür, was Individuen und Gesellschaften unter heroisch verstehen, von großer Bedeutung, da sie die jeweiligen Wertesysteme in den Fokus der Betrachtung zieht. Die homerischen Helden Achill und Odysseus, deren Rezeption sich bis heute verfolgen lässt, sind mit Makeln und Fehlern behaftet – der Zorn des Achill gilt als eine der sieben Todsünden, die List des Odysseus ist recht umstritten.3 Trotz dieser Makel gelten Achill und Odysseus als „strahlende Urbilder des Heldentums, der eine, weil er Taten durch außergewöhnliche körperliche Kräfte, der andere durch außergewöhnliche geistige Fähigkeiten vollbringt“.4 Beide Helden haben nicht nur Makel, sie sind auch grundverschieden und beziehen aus unterschiedlichen Gründen das Heldenpantheon.
Zeitgenössische Helden scheinen auf eine vergleichbare Gelassenheit der Rezipienten in Bezug auf Charakterschwächen und Pluralität der Gründe, die für eine Heroisierung antiker Helden ausschlaggebend waren, nicht zu stoßen.5
Hat die anthropologische Grundkonstante nach der Suche nach Vorbildern, ja sogar nach Helden, von Homer über Carley und Hirsch bis hin zu zeitgenössischen Autoren vielfach beschrieben und vor allem genährt, nun doch ausgedient?6 Wie ist die ablehnende Haltung gegenüber Helden einerseits, die Popularität von Alltagshelden andererseits zu erklären? Impliziert diese gar eine Sehnsucht nach Helden jenseits von Trivialisierung, Veralltäglichung und Zivilisierung?
Zwei scheinbar gegenteilige Tendenzen prallen aufeinander: Heldensuche versus Heldenablehnung. Die Heldensuche mündet wiederum häufig in der Entzauberung des Helden. Diese Ablehnung lässt darauf schließen, dass die ambivalente Haltung gegenüber zeitgenössischen Helden aus festen Vorstellungen über das Heroische genährt wird, denen heutige Alltagshelden schlicht nicht entsprechen. Diesen Vorstellungen auf die Spur zu kommen, ist kein leichtes Unterfangen.
„Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“, ein Zitat von Berthold Brecht aus seinem Werk Galileo Galilei, ist oft die spontane Reaktion auf die Frage, welche Bedeutung Helden für die Gesellschaft haben, ob sie gewollt, gebraucht werden. Damit scheint die Frage abgetan zu sein. Doch lohnt es sich, über das Zitat und über die Gründe für seine Anwendung nachzudenken. Ob es Helden gibt oder geben sollte, steht in diesem Zitat nicht zur Debatte. Mit der Aussage, nur Länder im Unglück bräuchten Helden, legt Brecht einen Fokus auf die Frage nach der Erfordernis von Helden. Durch das Beantworten von Fragen nach der Bedeutung von Helden mit dem Zitat von Brecht wird durch die Lokalisierung von Heldentum in Situationen des Unglücks einerseits eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Heldentum vermieden, andererseits der Begriff des Helden eben doch ein wenig mit Inhalt gefüllt. Zurück bleibt der Beigeschmack einer Vermeidungsstrategie und Fragen nach Gründen für diese.
Eines der Hindernisse für eine wertfreie analytische Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Helden ist die negative Konnotation, die der Begriff Held aufgrund seiner massenhaften Verwendung durch die Nationalsozialisten hat. Die Vereinnahmung der Deutungshoheit über die Bedeutung des Heroischen durch die Nationalsozialsozialisten wurde vielfach hinterfragt. Bereits 1946 kritisierte Viktor Klemperer vehement die Desavouierung des Heldenbegriffs durch seine inflationäre Verwendung und seine Verengung auf „Mut und Aufsspielsetzen des eigenen Lebens“7 während der nationalsozialistischen Diktatur. In den einleitenden Bemerkungen zu seinem Buch „LTI. Notizbuch eines Philologen“ attestierte Klemperer seinen Gesprächspartnern beim Aufkommen des Themas Heroismus völlige Befangenheit in der „fragwürdigsten Auffassung des Heldentums“ und forderte, sich vom „nazistischen Heldentum“ zu lösen. Die Ablehnung von Helden würde auf einem falschen, nämlich nationalsozialistischen Heldenbegriff beruhen, so Klemperer, und ebendieser würde durch die Ablehnung jeglichen Heldentums weiterhin Bestand haben. Klemperer erklärte: „Durch zwölf Jahre ist der Begriff und ist der Wortschatz des Heroischen in steigendem Maße und immer ausschließlicher auf kriegerischen Mut, auf verwegene todverachtende Haltung in irgendeiner Kampfhandlung angewandt worden.“8 Heroismus sei dagegen „umso reiner und bedeutender, je stiller er ist, je weniger Publikum er hat, je weniger rentabel er für den Helden selber, je weniger dekorativ er ist“.9 Ein echtes Heldentum hätte der Nationalsozialismus gar nicht gekannt. Dennoch hätte es auch in Deutschland zwischen 1933 und 1945 Heroismus gegeben – und zwar auf der Gegenseite von Nazideutschland, in den Konzentrationslagern, bei den Unterstützern und Rettern der verfolgten Juden. Das Verständnis von Heroismus, der Begriff des Helden müsse entnazifiziert werden, so Klemperer.
Teilweise scheinen Klemperers Bemühungen um ein neues Verständnis von Heldentum auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein. Bemühungen von staatlicher Seite um die Anerkennung von Widerstandskämpfern gegen die nationalsozialistische Diktatur fanden in der jungen Bundesrepublik Deutschland durchaus statt, wobei die Bemühung um Anerkennung die Grenze zur Heroisierung überschritt. Doch im Vergleich zum größten politischen Widerpart, der DDR, die sozialistische Helden en masse propagierte, waren die Bemühungen in Westdeutschland, Heldenfiguren als gesellschaftliche Leitbilder zu etablieren, recht zurückhaltend, wie ein Blick sowohl auf die westdeutsche, als auch auf die seit 1989 entstandene gesamtdeutsche Gedenkstättenlandschaft zeigt: Nicht der Held, sondern das Opfer10 steht im Mittelpunkt der Gedenkkultur Westdeutschlands aber auch des wiedervereinigten Deutschlands.11 Beschrieben wird dieser Befund als „Paradigmenwechsel von der historischen Heroisierung zur historischen Viktimisierung“,12 bedingt durch die Erfahrung von Krieg und Tod, der nicht mehr als „Bestandteil des Gesellschaftsvertrages“13 angesehen werde. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und einem Mentalitätswandel, der sich durch die Abwertung von Krieg und Gewalt auszeichnete, hatte „die soldatische und heroische Vergangenheit als Modell für die Zukunft ausgedient“,14 was sich nicht nur im politischen Bereich, sondern auch in der Lebenswelt und im Habitus der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland widerspiegele. Dass Heroismus sowohl im Bereich in der Kriegsführung selbst als auch auf zivilgesellschaftlicher Ebene ausgedient habe, beschreibt Herfried Münkler: Die westlichen Gesellschaften seien „post-heroisch“, sie seien gekennzeichnet durch das „Verschwinden bzw. die schwindende Bedeutung eines Kämpfertyps, der durch gesteigerte Opferbereitschaft ein erhöhtes Maß gesellschaftlicher Ehrerbietung zu erwerben trachtet“.15 Auf heroische Zeiten und ihre Überreste – Gedenksteine und Mahnmale – würden postheroische Gesellschaften „aus einem Selbstverständnis des Fortgeschritten-Seins und Gelernt-Habens“ zurückblicken.16
Nicht Helden, sondern „demokratische Deliberationsprozesse, Wohlstand und Massenkonsum“17 würden als Integrations- und Loyalitätsfaktoren der Bevölkerung Deutschlands dienen. Diese seien die neuen Mythen, die entstanden sind, nachdem fast alle vor 1945 im Umlauf befindlichen Mythen und damit ihre Helden desavouiert worden waren.18 Die neuen, teils rein auf materiellen Werten beruhenden Mythen waren gleichzeitig Ausdruck für eine starke Aversion der Bonner Republik gegen historische politische Mythen.19 Von Verklärung und Überformung, Ästhetisierung und pathetischen Inszenierungen, Kennzeichen alter mythischer Großerzählungen, war bei diesen neuen Mythen nicht viel zu spüren, vielmehr entsprachen sie einem „Pathos der Nüchternheit“20, der für einen demokratischen Verfassungsstaat als angemessen angesehen wurde. Denn nicht nur das Heroische hatte seit den massenhaften Zuschreibungen des Adjektivs „heldenhaft“ im Zusammenhang mit Kampfhandlungen um die Vorrangstellung der Rasse und Nation, mit Gewalt, Tod und Soldatentum im nationalsozialistischen Deutschland einen negativen Beigeschmack, sondern auch die Inszenierungen und Rituale, die mit der Heroisierung von Personen einhergingen. Die neuen politischen Mythen der Bundesrepublik Deutschland kamen dagegen ohne Helden aus, also diejenigen Protagonisten, deren Handeln narrativ überformt aus einem Ereignis einen Mythos werden lässt. Doch auch wenn Wohlstand und Massenkonsum als Gründungsmythen der Bundesrepublik eine gewisse Geltung hatten, sie identitätsstiftend und integrativ wirkten, so blieben sie doch ohne die symbolische Verdichtung in einer Person, die quasi zusammenfassend als Synonym für den gesamten Mythos steht, blutleer. Als Symbole galten Dinge: der Mercedesstern, die D-Mark. Die Akzeptanz und der teils hohe Stellenwert dieser nicht personengebundenen Gründungsmythen innerhalb der Gesellschaft bestätigen die Annahme Karl-Heinz Bohrers: „Die Abneigung gegen Heldentum ist keine Nebensache, sondern essentiell für postheroische Gesellschaften.“21
Der eingangs erfolgte Blick auf von Massenmedien erkorene Alltagshelden,22 aber auch mehrere Untersuchungen über das deutsche Familiengedächtnis stellen diese Annahme infrage.23 Helden scheinen, folgt man der Terminologie Jan Assmanns,24 aus dem kommunikativen in das kulturelle Gedächtnis vorzudringen; so haben „Stille Helden“ – Menschen, die verfolgten Juden zur Zeit der nationalsozialistischen Diktatur halfen – seit November 2008 in der Berliner Gedenkstättenlandschaft ihren Platz gefunden. Eine Ausstellung im Industriemuseum in Hattingen brachte unterschiedliche Heldentypen dem interessierten Betrachter näher.25
Auch in Wissenschaft und Forschung sind Heroisierungen, Heldenkonstruktionen und Heldenfiguren zunehmend en vogue und werden in einer immensen zeitlichen und geographischen Spannbreite, die vom antiken Griechenland und dem Römischen Reich über neuzeitliche und zeitgeschichtliche Heldenkonstruktionen im westeuropäischen Raum bis zur Untersuchung von Formen des Heroischen in China, Russland und dem Nahen Osten im 19. und 20. Jahrhundert reichen, untersucht.26 Andere Publikationen stechen durch ihre explizite Bemühung heraus, die Deutungshoheit über Begriffe wie Held, heroisch und damit zusammengehörig über die für die Gesellschaft als verbindlich angesehenen, durch Helden symbolisierten Normen und Werte wiederzugewinnen. So bemängelt Susan Neiman, dass nicht nur evangikale und konservative Bewegungen darüber entscheiden dürften, was heroisch sei, und plädiert für die Entwicklung einer normativen politischen Theorie.27 Auch in den USA scheint vor allem die Verbindung von Nation und Held – auch ohne die Desavouierung alles Heroischen durch ein verbrecherisches Regime wie den Nationalsozialismus – einer der Gründe für die Scheu zur Auseinandersetzung mit der Bedeutung des Heroischen beim linken politischen Lager und bei linksorientierten sozialen Bewegungen zu sein. Neimanns Buch ist ein Beispiel dafür, dass die Suche nach Wertorientierung, nach moralischer Klarheit, wie der Titel ihres Buches lautet, öffentlichen Raum gewinnt. Der Apell Neimanns für die Entwicklung einer normativen politischen Theorie, aktuelle Kritik an der „moralischen Obdachlosigkeit der Deutungseliten“28 und eine breite Bevölkerungsschichten umfassende positive Rezeption von Alltagshelden umreißen ein Bild einer Gesellschaft, die auf der Suche nach neuen Wertorientierungen ist.29
Zeitgenössische Heldenfiguren entsprechen zumindest in einem Punkt Klemperers Vorstellung von Heldentum. Sie werden nicht aufgrund kriegerischer todesverachtender Kampfhandlungen zum Helden gekürt, so Klemperers Umschreibung nationalsozialistischer Heldenfiguren, sondern aufgrund außergewöhnlichen und uneigennützigen Engagements. Selbst die Eintagsfliegen unter den Helden, gekürt und gestürzt von der Boulevardpresse, entsprechen diesem Punkt. Die ambivalenten Reaktionen, die sogenannte Alltagshelden nach sich ziehen, machen deutlich, dass die Bedeutung von Heldenfiguren in der Gesellschaft recht unterschiedlich ist. Die Reaktionen zeigen aber auch, dass eine sachliche Auseinandersetzung über Vorstellungen des Heroischen gemieden wird. Anstatt die Bedeutung der einzelnen Heldenfiguren in ihrem Entstehungskontext und ihrer Wirkung zu analysieren, werden diese je nach p...

Inhaltsverzeichnis

  1. Title Page
  2. Copyright
  3. Contents
  4. 1 Einleitung
  5. 2 Vorstellungen über das Heroische, Heroisierungen und Helden in den Vorgängerstaaten der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR
  6. 3 Helden und Heroisierungen, ihre Bedeutungen und ihre Funktionen in der Bundesrepublik Deutschland bis 1989
  7. 4 Epochenübergreifende Merkmale von Helden und Heroisierungen, ihren Funktionen und ihren Bedeutungen