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Das Junge Wien – Orte und Spielräume der Wiener Moderne
- 286 Seiten
- German
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Das Junge Wien – Orte und Spielräume der Wiener Moderne
Über dieses Buch
Der als Jung-Wien bezeichnete Literatenkreis, dem Hermann Bahr, Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Richard Beer-Hofmann, Felix Salten, aber auch Karl Kraus zugerechnet werden, schöpfte einen guten Teil seiner produktiven Kraft aus der Auseinandersetzung mit Räumen und Orten. In dem Band geht es um Kaffeehäuser und Theater, den Prater und die Sommerfrische, das Kino und Klangräume bis hin zu Arnold Schönberg.
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Information
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Literary CriticismTeil I: Räume
Wohnformen des Jungen Wien
Roland Innerhofer
Architektonische Räume prägen das Denken, Fühlen und Verhalten der Personen, die sich in ihnen aufhalten und bewegen. Diese Erkenntnis hat sich in der Zeit um 1900 in der Kunst- und Architekturtheorie immer mehr durchgesetzt.1 In der Literatur hat das Wissen um die lebensgestaltende Macht der Architektur eine lange Tradition. Was aber in den Werken des Jungen Wien stärker als zuvor hervortritt, ist eine Problematisierung des Wechselverhältnisses von Literatur und Architektur. Die etablierten symbolischen Bedeutungen, die architektonische Elemente und Gebilde in literarischen Texten vermittelten, werden fragwürdig und zerbröckeln. Wenn die umbaute Umwelt zunehmend unverfügbar und fremd erscheint, so ist dies als Symptom einer übergreifenden Krise der Repräsentation zu verstehen.
Im Folgenden soll das Thema der Wohnformen und Interieurs des Jungen Wien von zwei Seiten betrachtet werden. Dabei bilden die Wohnsituationen von fünf prominenten Autoren – Peter Altenberg, Hermann Bahr, Richard Beer-Hofmann, Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler – den Hintergrund für die Untersuchung imaginärer Architektur- und Wohnformen in ausgewählten Werken dieser Autoren. Im Mittelgrund steht die Analyse architekturkritischer Texte von Bahr, Altenberg und Hofmannsthal. Insgesamt handelt es sich dabei um Probebohrungen zur Erkundung eines noch weitgehend unerforschten Feldes.
So sehr die realen Wohnformen der Jung-Wiener divergieren – die Bandbreite reicht vom feudalen Interieur des Hofmannsthal-Schlösschens in Rodaun bis zum bescheidenen Hotelzimmer, in dem Peter Altenberg die letzten sechs Jahre seines Lebens wohnte – gemeinsam ist all ihren Behausungen der Wunsch nach Distinktion. Bewusste Selbstinszenierung erfordert die intensive Aufmerksamkeit für den Habitus und für die Arbeit daran.2 Das manifestiert sich in der Pflege des körperlichen Aussehens, in der Wahl der Kleidung und nicht zuletzt in der Einrichtung der Wohnungen. Die im Wohnen gesuchte Distinktion kann aber nicht mehr durch ein verbindliches System repräsentativer Formen gewährleistet werden, welche die sozialen Abstufungen allgemeingültig abbildete. Vorherrschend ist nunmehr die Einrichtung in einem Patchwork hybrider Wohnkulturen, in denen sich Tradition und Moderne, überkommene Strukturen und architektonische Innovation kreuzen. Der Wille zur Gestaltung des Wohnraums trifft dabei ebenso auf die Kontingenzen des Vorgefundenen, wie er mit den ökonomischen Beschränkungen sein Auskommen finden muss.
1 Zwischen Hotelzimmer und Schloss: Wohnsituationen der Jung-Wiener
1.1 Peter Altenberg
Die Wohnverhältnisse der Schriftsteller des Jungen Wien sind dementsprechend nicht nur Ausdruck eines gewählten Habitus, sondern hängen auch von ihrer keineswegs homogenen sozialen Situation ab. Das zeigt sich am Beispiel Peter Altenbergs (1859–1919). Der älteste unter den Jung-Wienern war auch derjenige, dessen ökonomische Mittel am beschränktesten waren. Er wurde als Sohn eines jüdischen Kaufmanns im 2. Wiener Gemeindebezirk, in der Ferdinandstraße 4, geboren und wuchs dort auf. Nach erfolglosen Studien führte er in späteren Jahren als Bohemien ostentativ ein halböffentliches Leben, das nicht wie etwa das Hofmannsthals durch Rückzugsbedürfnisse, sondern durch die öffentliche Inszenierung von Individualität und Intimität gekennzeichnet war. Er lebte weitgehend von der Unterstützung durch die Familie und von Spenden, die ihm Freunde gewährten.
Altenberg verwendete zeitweise als seine Postadresse das Café Central in Wien. Von 1913 bis zu seinem Tod 1919 wohnte er permanent in einem Zimmer im Grabenhotel in der Dorotheergasse 2, in unmittelbarer Nähe des Stephansdoms. Unverblümt äußert sich darin das Anliegen, sich auch mit der privaten Wohnung im Zentrum des intellektuellen und künstlerischen Lebens der Stadt zu situieren. Altenberg bezeichnet sein „einfenstriges Kabinett“ im fünften Stock des Grabenhotels als Nest:
Ein Nest sich bauen, wirklich sein höchsteigenes, apartes, von allen anderen unterschiedenes Nest! Wie der Vogel es Halm für Halm sorgsam zusammenträgt! Und jedes Nest ist anders, grundverschieden, hat gleichsam irgendwie den Charakter des Besitzers, des Bewohners.3
Nicht die Höhle, das Bild des Geschützten, Verborgenen, sondern das Nest mit seinem Ausblick und seiner Offenheit ist die Metapher, die Altenberg für seine Wohnform verwendet. Die Einrichtungs- und Schmuckgegenstände dieses Raumes repräsentieren dabei eine exklusive soziale Existenz:
Die Wände ganz bedeckt mit Photos: Die Prinzessin Elisabeth Windisch-Grätz im 5. Lebensjahre. Dieselbe mit ihren vier Engels-Kindern. Franz Schubert und Hugo Wolf, Beethoven und Tolstoi, Richard Wagner und Goethe. Japanische Sumpfvögel, der Berg „Fushji“, ein großes Kruzifix aus der Bozener Holzbildnerschule, Gustav Klimts „Schubertidylle“, Schloß Orth im Winter, „Grablegung“ von Ciseri; Photos von: Berta L., Klara P., Nâh-Baduh aus Accra, Paula Sch., Grete H., Kamilla G., Fräulein Mayen. Fräulein Mewes, und meine dreiunddreißig geliebten Ton-Vasen und vierundsechzig japanische Kleinkunst-Sachen, zusammengeschnorrt von „Verehrerinnen“. Kurz alles meinem Sein, meinem Geschmacke, meinen inneren „Erlebnissen“ entsprechend.4
Die individuelle Ausgestaltung des Schlafzimmers und Wohnraums erweist sich als Kombination von Reproduktionen und Erzeugnissen des Kunsthandwerks mit dem damals noch jungen Medium der Fotografie. Der urbane Raum ist das Terrain, auf dem der Sammler seine Sammelstücke ‚zusammenschnorrt‘. Dabei soll die Individualität des Bewohners aus der Kombination heterogener Gegenstände hervorgehen. Darin zeigt sich eine Analogie zu Hofmannsthals Wohnverhalten. Während dieser aber Wert auf den Erwerb originaler Kunstwerke legte,5 begnügte sich Altenberg, der sich keine Originale leisten konnte, mit Fotografien und „Kleinkunst-Sachen“.
1.2 Hermann Bahr
Zu Beginn seiner Karriere verkörperte Hermann Bahr (1863–1934) mustergültig eine moderne Lebensform, die durch ständige Umzüge und häufiges Reisen gekennzeichnet war. Bahr ist in Linz als Sohn eines Rechtsanwalts, Notars und liberalen Landtagsabgeordneten geboren und aufgewachsen. Die letzten drei Jahre des Gymnasiums absolvierte er in Salzburg; 1881 kam er zum Studium der Rechtswissenschaft nach Wien, wo er mit häufigen Unterbrechungen bis 1912 lebte. So wohnte er 1883 gemeinsam mit Hugo Wolf im Trattnerhof im 1. Wiener Gemeindebezirk (Graben 29–29a); ab 1894 unter anderem im 3. Bezirk in der Salesianergasse 12, im Geburtshaus von Hugo von Hofmannsthal, und im 9. Bezirk in der Porzellangasse 37. Im Jahr 1900 schaffte Bahr schließlich den Sprung in eine andere, großbürgerliche Behausung. Er kaufte vom Direktor des Deutschen Volkstheaters, Emmerich von Bukovics, ein Grundstück in Ober-St.-Veit (13. Bezirk, Winzerstraße 22, an der Ecke Veitlissengasse) und ließ sich neben dessen Villa ein Haus von Josef Maria Olbrich errichten. Karl Kraus, der Bahr schon seit den frühen 1890er Jahren immer wieder angriff, schöpfte Verdacht und warf Bahr vor, das Grundstück von Bukovics als Gegenleistung für gefällige Theaterkritiken erhalten zu haben: „Andere Journalisten lassen ...
Inhaltsverzeichnis
- Title Page
- Copyright
- Contents
- Die Wiener Moderne, das Junge Wien – und kein Ende Ein Überblick zur Forschungsgeschichte
- Teil I: Räume
- Teil II: Spielräume
- Teil III: Kaffeehaus
- Teil IV: Natur-, Kultur- und Sozialräume
- Personenregister
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