Die Ankunft Tausender Ostgoten im nachrömischen Italien stellte den hochrangigen Minister Cassiodor vor die Herausforderung, in einer religiös und ethnisch heterogenen Gesellschaft ein friedliches Zusammenleben der Bevölkerungsgruppen zu organisieren. Bisher fehlten Untersuchungen, die sich diesem durchaus aktuellen Problem des frühen Mittelalters gewidmet haben und der Frage nachgegangen sind, welche Maßnahmen und Strategien Cassiodor entwickelte, um den inneren Frieden im Reich aufrechtzuerhalten. Durch die Analyse von rund 500 offiziellen Schreiben, die Cassiodor in eigenem oder im Namen der Ostgotenkönige verfasste und zu den Variae zusammenfügte, wurden seine Lösungsansätze für politische Ordnungsfragen herausgefiltert und kategorisiert. Dabei stellt sich heraus, dass das friedliche Zusammenleben im Denken Cassiodors mit der Gerechtigkeit als Grundlage, der Prosperität Italiens, der Vermeidung religiöser Konflikte sowie der außenpolitischen Sicherheit auf vier verschiedenen Elementen beruhte. So bietet die Darstellung einen genauen Einblick in die Voraussetzungen des inneren Friedens sowie in dessen Gefährdungen am Übergang zum Mittelalter und kann zudem einen Beitrag zu den aktuell relevanten Fragen von Migration liefern.

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Wege zum Frieden im nachrömisch-gotischen Italien
Programmatik und Praxis gesellschaftlicher Kohärenz in den Variae Cassiodors
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Wege zum Frieden im nachrömisch-gotischen Italien
Programmatik und Praxis gesellschaftlicher Kohärenz in den Variae Cassiodors
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Thema
GeschichteThema
Altertum1 Einleitung
1.1 Die Sicht Cassiodors auf den inneren Frieden: Fragestellung und Ziel der Arbeit
Die Ankunft Tausender Menschen in einem fremden Land und damit einhergehende Fragen hinsichtlich der Organisation des Zusammenlebens, der sozialen Integration und der politischen sowie kulturellen Partizipation zählen nicht erst seit der 2015 verstärkt einsetzenden Migrationsbewegung in Richtung Europa zu den dringlicheren Aufgaben der Staats- und Regierungschefs sowie deren Beratern. Im Gegenteil bestimmen diese Herausforderungen in unterschiedlicher Intensität bereits jahrhundertelang das politische Tagesgeschäft, da es schon immer Menschen gab, die aus militärischen, klimatischen, religiösen oder wirtschaftlichen Gründen beschlossen haben beziehungsweise gezwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen.1 Die tagesaktuellen Begriffe „Flüchtlinge“ und „Migration“ sind in ihrer Bedeutung folglich keine neuen Phänomene, sondern lassen sich so ohne Weiteres auf eine Zeit übertragen, in der sich das mächtige Römische Reich im Zuge der Migrationsbewegungen verschiedener „germanischer“2 Stämme in eine Pluralität neuer Königreiche (regna) transformierte. Diese Entwicklung prägte die politische, soziale und religiöse Struktur des westeuropäischen Kontinents auf besondere Weise und bildet den historischen Kontext der vorliegenden Arbeit.
Die vom vierten bis siebten Jahrhundert andauernden Migrationsprozesse, die in Europa, Nordafrika, Kleinasien, dem Nahen Osten und Palästina eine tiefgreifende politische und soziale Neuordnung des Römischen Reichs zur Folge hatten, werden von der Forschung teilweise bis heute mit der Bezeichnung „Völkerwanderung“ überschrieben. Hierbei handelt es sich jedoch um einen problematischen und in der Geschichtswissenschaft höchst kontrovers diskutierten Begriff, denn die wandernden „Germanen“ waren weder ethnisch, sozial oder demographisch einheitliche „Völker“, noch vollzogen sich ihre Wanderungen zielgerichtet oder zeitgleich.3 Stattdessen waren es stammesähnliche Zusammenschlüsse, die in Folge des sogenannten „Hunnensturms“ im Jahre 375 in Richtung der römischen Reichsgrenzen flohen. Keine dieser Gruppen verstand sich als Eroberer oder dachte zu diesem Zeitpunkt an eine dauerhafte Ansiedlung. Erst in der Wanderzeit in Richtung des Römischen Reiches formierten sich diese Gruppen unter der Führung von Heerkönigen zu den sogenannten gentes.4 Die gentes resultierten dabei aus einem in der neueren Forschung als Ethnogenese bezeichneten Prozess.5 Nachdem es den Römern über längere Zeit gelungen war, die einsickernden Kriegerscharen mit Siedlungsgebieten außerhalb ihres Reiches zu versorgen und die „Barbaren“6 durch Verwendung im römischen Heer nutzbar zu machen, sahen zwischen den Römern und den Heerkönigen geschlossene Verträge (foedera amicitiae) ab dem Ende des vierten Jahrhunderts die Übertragung von Teilen des römischen Territoriums als Gegenleistung für die militärische Verteidigung des Römerreiches vor. Infolgedessen zerfiel das Großreich in den folgenden Jahrzehnten in zahlreiche kleinere Einheiten, woraus sich schließlich die Königreiche der Burgunder, Vandalen, Franken und der West- sowie Ostgoten7 entwickelten. Gleichwohl blieb die nominelle Oberhoheit Roms zunächst erhalten.8
Mit der Herrschaftsübernahme in den ihnen zugewiesenen Territorien sahen sich die neuen Machthaber vor das Problem gestellt, das Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu gestalten und zu reglementieren. Sollte ihre Machtausübung von Dauer sein, so galt es, neben der erfolgreichen Abwehr äußerer Bedrohungen, vor allem für ein friedliches Auskommen zwischen der einheimischen romanischen Provinzialbevölkerung und den wenigen Neuankömmlingen zu sorgen.9 Vor dieser Herausforderung standen auch der Ostgote Theoderich der Große (451/56 – 526) und seine Nachfolger. Der aus der alten Königsdynastie der Amaler10 stammende Theoderich kam zusammen mit dem gotischen Heer als magister militum, von Kaiser Zenon († 491) zum patricius und consul erhoben und gleichzeitig als rex Gothorum nach Italien11, wo er nach der offenbar eigenhändigen Ermordung des weströmischen Offiziers Odoaker (ca. 433 – 493) im Jahre 493 in Ravenna (urbs regia)12 als König über Goten und Romanen regierte.13 Das Zusammenleben beider Gruppen gestaltete sich bis zur Rückeroberung der italischen Halbinsel durch den oströmischen Kaiser Justinian I. (ca. 482 – 565) als ausgesprochen schwierig, da zu Fragen der Landverteilung und der unterschiedlichen ethnischen Herkunft sowie der jeweiligen Sitten und Bräuche noch divergierende religiöse Ansichten kamen, mit denen es umzugehen galt.14 Ausschlaggebend war der Umstand, dass Theoderichs Heer aus ca. 10.000 – 12.000 Männern bestand und die Gesamtzahl der Neuankömmlinge damit bei etwa 40.000 – 100.000 Personen lag.15 In Italien lebte zu der Zeit eine zahlenmäßig um ein Vielfaches größere Bevölkerung, die im Wesentlichen aus Romanen bestand. Folgt man der Schätzung des Althistorikers Josiah Cox Russell, der von einer Einwohnerzahl von knapp vier Millionen Romani ausgeht, dann dürften die Goten Theoderichs lediglich wenige Prozent der Gesamtbevölkerung ausgemacht haben.16 Alexander Demandt geht davon aus, dass der Anteil der „germanischen“ Einwohner in Italien bei 2 – 10 % lag.17
Das Verhältnis zwischen gotischen Kriegern und romanischen Zivilisten war von Natur aus spannungsvoll. Der gotische Adel verlangte nach Ehre, Ruhm und Einfluss, während die romanischen Senatoren um ihre Privilegien fürchteten. Hinzu kam, dass den katholischen Bischöfen ihre arianischen Amtskollegen ein Dorn im Auge waren und es darüber hinaus immer wieder zu (rechtlichen) Auseinandersetzungen zwischen dem romanischen und dem ostgotischen Teil der Bevölkerung kam, um nur wenige Beispiele zu nennen.18 In dieser Hinsicht traf das elementare Interesse jedes Herrschers, seine Macht nach außen und innen zu erhalten sowie weiter auszubauen, mit dem elementaren Interesse seiner Untertanen an einem Leben in Frieden zusammen. Und tatsächlich: Den Bewohnern Italiens brachte die Herrschaft der Ostgoten eine dreiunddreißigjährige Periode weitgehend ungestörten Friedens, da es – sieht man von wenigen Ausnahmen ab – bis zum Beginn des römisch-gotischen Krieges zu keinen feindlichen Angriffen, Belagerungen und Plünderungen kam. Damit war Theoderich und seinen Nachfolgern etwas gelungen, das kein anderer „barbarischer“ Herrscher seiner Zeit geschafft hatte, denn während der Vandale Thrasamund bis zu seinem Tod im Jahr 523 vergeblich versuchte, den Rückgang der königlichen Macht in seinem nordafrikanischen Reich aufzuhalten und es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Zugewanderten und Einheimischen kam und sich die Könige der Burgunder, Thüringer und Heruler schon gar nicht mit den Ostgoten messen konnten, büßte auch das mächtige Frankenreich nach Chlodwigs I. Tod im Jahr 511 an Einfluss ein.19
Der Vergleich mit anderen gentilen Königreichen führt zu der Frage, was Theoderich und seine Nachfolger anders, vielleicht auch besser machten, um ihre Herrschaft zu festigen. Seit den umfassenden Untersuchungen von Hans-Ulrich Wiemer steht fest, dass die lang andauernde Epoche des Friedens im ostgotischen Italien kein Zufall war, sondern stattdessen einem wohldurchdachten politischen Konzept entsprach.20 Hier konnte Theoderich auf Flavius Magnus Aurelius Cassiodorus Senator (ca. 485 – 580), in der modernen Forschung kurz Cassiodor genannt, bauen.21 Als Berater des Königs war er es, der als eine Art „spin-doctor“ das Regierungsprogramm Theoderichs und seiner Nachfolger formulierte, welches die ethnisch und religiös heterogenen Gruppen des Reichs integrieren und unter einer an spätrömische Vorbilder anknüpfenden civilitas-Programmatik versammeln wollte.22 Erklärtes Ziel der Ostgotenkönige und ihres Ministers war es, den Frieden innerhalb des Reiches zu wahren und gegen äußere Feinde zu verteidigen. Von dieser gelingenden Form des Zusammenlebens von Menschen in einer in Ansätzen staatlich organisierten Gesellschaft23, einschließlich verschiedener Integrationsstrategien sowie Lösungsansätze für politische Ordnungsfragen, geben insbesondere die Variae24, eine nachträglich von Cassiodor zusammengestellte Sammlung von offiziellen Schreiben, die er im Auftrag mehrerer ostgotischer Herrscher verfasste und im Jahre 537/38 (spätestens wohl 539/4025) während der Gotenkriege26 gegen Kaiser Justinian I. herausgab27, Aufschluss.
Eine Stichwortsuche in Parallelüberlieferungen ergab, dass in keiner vergleichbaren Quelle aus dieser Zeit das Wort „Frieden“ in einer so großen Anzahl und Dichte vorkommt als in dieser einzigartigen Briefsammlung. Die Aufrechterhaltung und Wahrung des inneren Friedens bestimmte offensichtlich Cassiodors gesamtes Handeln und veranlasste ihn dazu, in den verschiedensten Bereichen des täglichen Zusammenlebens Vorkehrungen zu treffen, um gegenwärtige Missstände zu beseitigen und künftigen Problemen vorzubeugen. Schon im Eröffnungsschreiben der Variae aus dem Jahre 504 an Kaiser Anastasius I., das im Namen Theoderichs verfasst wurde, verwies Cassiodor auf den inneren Frieden als das höchste Ziel der politischen Gemeinschaft (Var. I 1, 1)28:
Omni quippe regno desiderabilis debet esse tranquillitas, in qua et populi proficiunt et utilitas gentium custoditur. haec est enim bonarum artium decora mater, haec mortalium genus reparabili successione multiplicans facultates protendit, mores excolit […].
In dieser Passage ist die Auffassung formuliert, dass für jedes politische Gemeinwesen (regnum) der innere Friede (tranquillitas) wünschenswert sei, da dies sowohl der Gesamtheit als auch allen einzelnen Gruppen nutze, die menschlichen Entfaltungsmöglichkeiten vervielfältige und die Sitten veredele. Es wundert daher wenig, wenn Cassiodor in zahlreichen Schreiben stets die wechselseitigen Vorteile des friedlichen Zusammenlebens in Erinnerung rief und damit den Regierungsanspruch unterstrich, die verschiedenen ethnischen und gesellschaftlichen Gruppen des Ostgotenreichs friedlich integrieren zu wollen. Dieses harmonische Gemeinwesen pries er als das politische Leitziel schlechthin. So ist beispielsweise an anderer Stelle davon zu lesen, dass die Nähe zwischen Goten und Romanen zunächst eine räumliche war, jedoch bald zu einer gefühlsmäßigen Bindung wurde: Romani sicut sunt possessionibus vicini, ita sint et caritate coniuncti (Var. VII 3, 3). Darüber hinaus betonte Cassiodor die Verschmelzung beider Völker durch einvernehmliches und für beide Seite...
Inhaltsverzeichnis
- Title Page
- Copyright
- Contents
- 1 Einleitung
- 2 Gerechtigkeit als Grundlage des friedlichen Zusammenlebens von Goten und Romanen
- 3 Wirtschaftliche Prosperität als Voraussetzung des Friedens
- 4 Ausblendung und Vermeidung religiöser Konflikte
- 5 Äußere Sicherheit und militärische Planung
- 6 Zusammenfassung
- Ortsregister
- Personenregister
Häufig gestellte Fragen
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