Kaiser Karl VI. (1685–1740) war der erste Habsburger seit Karl V., in dessen Person sich erneut Ansprüche auf die spanische Krone, die österreichische Landesherrschaft und die Kaiserwürde vereinten. In seiner Regierungszeit erreichte die Habsburgermonarchie ihre größte Ausdehnung. Die Regierung und Verwaltung seiner zahlreichen Länder, die Funktion der kaiserlichen Residenzstadt Wien und die Repräsentation des Kaisers und seiner Familie stehen im Mittelpunkt dieses Sammelbandes. Die Verhältnisse zwischen Zentrum und Peripherie, Norm und Praxis herrschaftlicher Kommunikation und die Akteure der spanischen, österreichischen und kaiserlichen Politik werden aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Vermittlung von Herrschaft und die Nutzung von Medien durch Karl VI., dessen Repräsentationsstrategien in den (neu erworbenen) Ländern auch im Vergleich zu Vorgängern und Nachfolgern untersucht werden. Die Autoren des Bandes liefern so ein facettenreiches Gesamtbild zur Regierungspraxis in der Habsburgermonarchie zwischen 1700 und 1740.

eBook - ePub
Herrschaft und Repräsentation in der Habsburgermonarchie (1700–1740)
Die kaiserliche Familie, die habsburgischen Länder und das Reich
- 486 Seiten
- German
- ePUB (handyfreundlich)
- Über iOS und Android verfügbar
eBook - ePub
Herrschaft und Repräsentation in der Habsburgermonarchie (1700–1740)
Die kaiserliche Familie, die habsburgischen Länder und das Reich
Über dieses Buch
375,005 Studierende vertrauen auf uns
Zugang zu über 1,5 Millionen Titeln zu einem fairen monatlichen Preis.
Mit unseren Lerntools kannst du noch effizienter lernen.
Information
Thema
HistoriaThema
Historia europeaTeil III: Herrschaftspraxis
Formen der politischen Kommunikation am Beispiel des ungarischen Landtags 1722/1723
András Forgó
Dieser Beitrag wurde mit der Unterstützung des János-Bolyai-Forschungsstipendiums der Ungarischen Akademie der Wissenschaften fertiggestellt.
Die Ergebnisse und die wissenschaftliche Diskussion bezüglich einer „Kulturgeschichte des Politischen“, die Anfang des neuen Jahrtausends in der deutschsprachigen Historiographie eine beachtliche Anzahl von Publikationen generiert hatten1, fanden auch in der ungarischen Geschichtsschreibung ihren Niederschlag. Forscher der Frühen Neuzeit und des 19. Jahrhunderts versuchen mit solchen Methoden das politische Leben des ehemaligen Königreichs Ungarn zu erschließen und die Beweggründe der ständischen Politik besser zu verstehen.2 Dabei kommen auch hier die Zeremonien v. a. die Krönungen, Trauerfeier, Hochzeiten u. Ä. ins Spiel.3
Wolfgang Reinhard und Birgit Emich betonen in der deutschsprachigen Diskussion, dass eine Kulturgeschichte des Politischen nicht nur in Bezug auf die feierlichen Anlässe, sondern auch im „grauen Alltag“ des politischen Lebens untersucht werden sollte, mit anderen Worten wäre also der politischen Kultur des Zeitalters Aufmerksamkeit zu schenken.4 Unter diesem Begriff verstehen sie nach Christian Fenner ein System von niedergeschriebenen und mündlich tradierten Codes, die für die Gesellschaft die politischen Interkationen regeln.5 Es ist wichtig zu erwähnen, dass es in diesem Sinne also keine „gute“ und „schlechte“ politische Kultur gibt, sondern nur unterschiedliche Formen der politischen Kommunikation. Reinhard betont auch, dass eine politische Kultur im Prozess der politischen Handlungen entstanden ist, wenn wir also die politische Kultur verstehen wollen, müssen wir die politische Praxis näher untersuchen.6
Die Erforschung der politischen Kultur der Frühen Neuzeit befindet sich innerhalb der ungarischen Historiographie in einer ähnlich günstigen Lage, wie in der deutschsprachigen Geschichtsschreibung. Die grundlegenden Forschungsergebnisse der sogenannten „alten Politikgeschichte“ sind nämlich vorhanden. In den vorigen Jahrzehnten sind wichtige Studien bezüglich der Wirkungsmechanismen der ständischen Institutionen – Hofbehörden, Gerichtstafeln und die für den vorliegenden Beitrag besonders wichtigen Landtage – publiziert worden, so kann sich die aktuelle Forschung auf die Mechanismen der politischen Interaktionen fokussieren.7
Die politische Kultur im Königreich Ungarn
Es ist sowohl in der ungarischen, als auch in der österreichischen Historiographie eine weit verbreitete These, dass der Pressburger Landtag 1722/1723 einen Meilenstein des Verhältnisses Karls VI. zum ungarischen Ständestaat darstellte. Anlässlich dieses Landtags wurde auch für Ungarn die Pragmatische Sanktion verabschiedet, und der Wiener Hof führte mit Unterstützung der Vertreter der ungarischen Stände grundlegende Reformen unter anderen im Bereich der Verwaltung und der Gerichtsbarkeit ein. Die Vorbereitung und die Durchführung dieser Reformen verlangten eine rege Kommunikation zwischen Wien und den führenden politischen Persönlichkeiten des Königreichs. Der Ablauf dieser politischen Entscheidungen sind vor allem dank György Bónis, Mária Kónyi und Gustav Turba in vieler Hinsicht bekannt.8 An dieser Stelle möchte ich aus den Geschehnissen einige wichtige Aspekte hervorheben, die den Mechanismus der politischen Kommunikation zwischen Pressburg und Wien anschaulich machen, und die bisherigen Ergebnisse ergänzen.
Die Rahmenbedingungen der politischen Kultur des 18. Jahrhunderts wurden bekanntlich nach dem Frieden von Sathmar (1711) ausgeformt. Die Vereinbarung zwischen den aufständischen Kräften von Ferenc Rákóczi und dem Bevollmächtigten des Wiener Hofes garantierte einerseits eine weitgehende Amnestie und die Bestätigung der ständischen Privilegien, forderte hingegen andererseits die Akzeptanz der erblichen Thronfolge der männlichen Linie des Hauses Habsburg und dementsprechend die Anerkennung Josephs I. (1705 – 1711) als legitimen König. Auf der Basis dieser Vereinbarung wurden auf den kommenden Landtagssitzungen zwischen 1712 und 1715 ein weitgehender Kompromiss ausgearbeitet, der die sogenannte ständische Verfassung einerseits und die dynastische Legitimität andererseits sicherte.9 Der zweite Schritt war die Anerkennung des Thronfolgerechts der weiblichen Linie der Habsburger und der Beginn des Reformprozesses, der die Modernisierung des Königreichs nach einer fast zweihundert Jahre langen osmanischen Eroberung anstrebte.
Die mit dem Dekret von 1715 errichtete Commissio Systematica hatte einerseits die Aufgabe die juristischen und gesondert die verwaltungstechnischen, wirtschaftlichen und militärischen Reformen vorzubereiten, andererseits fungierte sie als ein Vorbereitungsorgan für die Anerkennung der Pragmatischen Sanktion. Die operative Arbeit ging sehr langsam voran, die Kommissionsmitglieder waren nicht imstande, sich die bürokratische Amtsführung anzueignen. So brauchte der Hof dringend solche Persönlichkeiten, die sowohl über die nötigen Fachkenntnisse verfügten, als auch bereit waren, an den regelmäßigen Sitzungen teilzunehmen. Für die Ausarbeitung der juristischen Reformen konnte Wien Graf Imre Esterházy (1665 – 1745), Angehöriger einer der renommiertesten Magnatenfamilien des Königreichs und zu dieser Zeit Diözesanbischof von Zagreb, für die Verwaltungsreform Graf Imre Csáky (1672 – 1732), ebenfalls Angehöriger einer angesehenen Magnatenfamilie und zu dieser Zeit Diözesanbischof von Großwardein und zugleich Erzbischof von Kalocsa, gewinnen. Diesen zwei bedeutenden Persönlichkeiten – die übrigens miteinander in einem wiederkehrenden Rivalitätskampf standen – war zu danken, dass die Reformentwürfe kurz vor der Eröffnung des nächsten Landtags im April 1722 auf den Tisch gelegt werden konnten.10
Bei der Anerkennung der Pragmatischen Sanktion folgte Wien einer anderen Strategie. Seit 1712 wurden die Verhandlungen geheim gehalten und nur die zuverlässigsten Persönlichkeiten in die Angelegenheit eingeweiht. Vor der Eröffnung des Landtags kristallisierte sich die Auffassung der Ministerialkonferenz heraus, dass die Anerkennung der weiblichen Sukzession nicht in den königlichen Landtagspropositionen erwähnt, sondern von den ungarischen Ständen als eine spontane Geste angeboten werden sollte. Diese inszenierte Spontaneität benötigte selbstverständlich eine minuziöse Vorbereitung, wozu man wiederum Kontaktpersonen brauchte. So ergab sich die Möglichkeit, die bereits einberufene Reformkommission zu diesen Zwecken zu verwenden.11
Beim Ablauf der ungarischen Landtage war es Anfang des 18. Jahrhunderts eine hergebrachte Vorgehensweise, im Fall der Abwesenheit des Königs Kommissare zu ernennen, die die Landtagssitzungen steuerten und für den Hof über die Geschehnisse Bericht erstatteten.12 Anlässlich des zu behandelnden Landtags ernannte Karl VI. Thomas Gundakar von Starhemberg (1663 – 1745), den Direktor der Wiener Ministerialbancodeputation und den böhmischen Kanzler Franz Ferdinand von Kinsky (1678 – 1741) zu königlichen Kommissaren. Um den königlichen Einfluss zu verstärken wurde neben ihnen Hofrat Johann Georg von Mannagetta (1666 – 1751) nach Pressburg geschickt, der mit den führenden politischen Persönlichkeiten ebenfalls Kontakte aufnahm. Die drei Beamten berichteten dem Ersten Hofkanzler Philipp Ludwig von Sinzendorf (1671 – 1742)13 über die Geschehnisse. Diese Korrespondenz kann als äußerst ausführliches Quellenmaterial betrachtet werden.14
Aber nicht nur die drei Wiener Beamten, sondern auch ungarische Staatsmänner verfassten für den Hofkanzler Berichte über die Geschehnisse. Dass Schreiben des erwähnten Erzbischofs Csáky und Bischofs Esterházy regelmäßig in der Korrespondenz aufscheinen, muss mit Blick auf ihre Schlüsselposition im Reformprozess nicht weiter verwundern. Außer ihnen taucht auch der Name des ungarischen Vizekanzlers László Ádám Erdődy (1677 – 1736), Bischof von Neutra, oft auf.15 In erster Linie nicht mit seinem Amt, sondern mit seinen persönlichen Kontakten zu Wien und zu den ungarischen Ständen ist zu erklären, wie intensiv er sich in die Vorbereitung der Entscheidungen einbrachte. Bischof Erdődy hielt sich bereits seit April 1722, also Monate vor der Eröffnung des Landtags, in Pressburg auf und schaltete sich in die Ausarbeitung der Verwaltungsreform ein. Er stand in engem Kontakt mit Kardinal Csáky und Hofrat Mannagetta und berichtete ihnen über jene Sitzungen, an denen die beiden nicht anwesend waren. Er war außerdem derjenige, der Hofkanzler Sinzendorf über den geplanten Ablauf der Annahme der Pragmatischen Sanktion informierte.16
Anders als die Tätigkeit Erdődys ist die Rolle des Grafen Sándor Károlyis in der ungarischen Historiografie weitgehend bekannt. Der ehemalige Kuruzzengeneral, der 1711 in Abwesenheit Rákóczis (1676 – 1735) mit dem Bevollmächtigten des Kaisers, dem ungarischen Magnaten János Pálffy (1664 – 1751), in Sathmar die Übereinkunft aushandelte, war neben Csáky der eigentliche Motor der Reformvorschläge, der auch in den Wochen als der schwerkranke Csáky zu Heilkuren in Trentschin (Trencsén, Trenčín) weilte, unermüdlich an den Entwürfen arbeitete.17
Zur Vorbereitung der wichtigsten Landtagsentscheidungen gehörte auch die vorherige Überzeugung der Komitate (Gespanschaften). Hier waren die vom König erwählten Obergespane oder andere vertraute Aristokraten die wichtigsten Initiatoren, die die Generalversammlungen zu solchen Anweisungen bewegten, die den Landtagsgesandten die Annahme der we...
Inhaltsverzeichnis
- Title Page
- Copyright
- Contents
- Vorwort
- Teil I: Die kaiserliche Familie
- Teil II: Höfe und Residenzen
- Teil III: Herrschaftspraxis
- Teil IV: Repräsentation von Herrschaft
- Teil V: Epilog
- Abkürzungsverzeichnis
- Allgemeine Abkürzungen
- Abbildungsnachweise
Häufig gestellte Fragen
Ja, du kannst dein Abo jederzeit über den Tab Abo in deinen Kontoeinstellungen auf der Perlego-Website kündigen. Dein Abo bleibt bis zum Ende deines aktuellen Abrechnungszeitraums aktiv. Erfahre, wie du dein Abo kündigen kannst
Nein, Bücher können nicht als externe Dateien, z. B. PDFs, zur Verwendung außerhalb von Perlego heruntergeladen werden. Du kannst jedoch Bücher in der Perlego-App herunterladen, um sie offline auf deinem Smartphone oder Tablet zu lesen. Erfahre, wie du Bücher herunterladen kannst, um sie offline zu lesen
Perlego bietet zwei Pläne an: Essential und Complete
- Essential ist ideal für Lernende und Fachkräfte, die es genießen, eine Vielzahl von Themen zu erkunden. Greife auf die Essential Library mit über 800.000 vertrauenswürdigen Titeln und Bestsellern in den Bereichen Wirtschaft, persönliche Weiterentwicklung und Geisteswissenschaften zu. Enthält unbegrenzte Lesezeit und Standard-Vorlesestimme.
- Complete: Perfekt für fortgeschrittene Lernende und Forschende, die vollen, uneingeschränkten Zugriff benötigen. Entsperre über 1,5 Millionen Bücher zu Hunderten von Themen, einschließlich akademischen und spezialisierten Titeln. Der Complete-Plan enthält außerdem fortschrittliche Funktionen wie Premium Vorlesen und Forschungsassistent.
Wir sind ein Online-Lehrbuch-Abonnement-Service, bei dem du für weniger als den Preis eines einzelnen Buchs pro Monat Zugriff auf eine gesamte Online-Bibliothek erhältst. Bei über 1,5 Millionen Büchern zu mehr als 990 Themen bist du bestens versorgt! Erfahre mehr über unsere Mission
Achte auf das Symbol zum Vorlesen bei deinem nächsten Buch, um zu sehen, ob du es dir auch anhören kannst. Bei diesem Tool wird dir Text laut vorgelesen, wobei der Text beim Vorlesen auch grafisch hervorgehoben wird. Du kannst das Vorlesen jederzeit anhalten, beschleunigen und verlangsamen. Erfahre mehr über die Funktion „Vorlesen“
Ja! Du kannst die Perlego-App sowohl auf iOS- als auch auf Android-Geräten nutzen, damit du jederzeit und überall lesen kannst – sogar offline. Perfekt für den Weg zur Arbeit oder wenn du unterwegs bist.
Bitte beachte, dass wir Geräte, auf denen die Betriebssysteme iOS 13 und Android 7 oder noch ältere Versionen ausgeführt werden, nicht unterstützen können. Mehr über die Verwendung der App erfahren
Bitte beachte, dass wir Geräte, auf denen die Betriebssysteme iOS 13 und Android 7 oder noch ältere Versionen ausgeführt werden, nicht unterstützen können. Mehr über die Verwendung der App erfahren
Ja, du kannst auf Herrschaft und Repräsentation in der Habsburgermonarchie (1700–1740) von Stefan Seitschek,Sandra Hertel im PDF- und/oder ePUB-Format sowie auf andere beliebte Bücher in Historia & Historia europea zugreifen. In unserem Katalog stehen über 1,5 Millionen Bücher zur Verfügung.