Der Band beleuchtet die Literatur- u. Wissensgeschichte kleiner Formen in der Konstellation Barock–Moderne. Die Beiträge beschäftigen sich mit der Verhandlung von Lizenzen kleiner Formen in sowie jenseits kodifizierter Poetiken des Barock. Vor dem Hintergrund historischer Umbrüche werden die Potenziale u. die Attraktivität barocker Kleinformen für die literarische Moderne herausgestellt, in der das Barock zur maßgeblichen Reflexionsepoche wird.

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Barock en miniature – Kleine literarische Formen in Barock und Moderne
- 259 Seiten
- German
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Barock en miniature – Kleine literarische Formen in Barock und Moderne
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LiteraturkritikTeil 1: Formen und Formate
Erzählen in Stücken: Bogenhonorar, Romanform und kleine Formate in der Frühen Neuzeit
Roman Widder
Geht es um das Verhältnis kleiner und großer Form, so stellt die mit Fragment und Unabschließbarkeit besonders vertraute Romanform hierfür seit der Frühen Neuzeit die Referenz- und Reflexionsgattung schlechthin dar. Im Hinblick auf das Hauptwerk des literarischen Barock, Grimmelshausens Simplicianischen Zyklus, hat sich die Frage nach dem Zusammenhang, der Ganzheit des Textes und seiner inneren Geschlossenheit nie ganz klären lassen. Durch die Verknüpfung einer sozial- und einer mediengeschichtlichen Perspektive auf die ‚Stueck‘-Form von Grimmelshausens Roman versuche ich, das Problem im Folgenden neu zu formulieren. Die Frage nach der Größe der Form muss dabei, wie ich zeigen möchte, mit der Kleinheit des Formats assoziiert werden. Das kleine Format ist es, das in Allianz mit dem Bogenhonorar die moderne, formlose Großform des Romans erst ermöglicht.
1 Der Schwank vom Speckdiebstahl
Am Ende des zweiten Buchs von Grimmelshausens Der abentheurliche Simplicissimus Teutsch (1668) wurde der militärische Emporkömmling Simplicissimus gerade zum Dragoner befördert und ist als sogenannter Jäger von Soest hauptsächlich mit ‚Fouragieren‘ beschäftigt, also mit der Versorgung der Truppe durch Plünderungen. Die Gelegenheit zum nächsten Überfall lässt auf sich warten, als Simplicius durch den Hinweis eines Kameraden auf die Idee kommt, in einem nahegelegenen Dorf die Vorratskammer eines Pfarrers auszunehmen, indem er sich nachts durch den Schornstein in die Küche abseilt. Dies gelingt nur bedingt, denn nachdem die mitgebrachte Leiter bricht, Simplicius herunterfällt und es seinen Kameraden nicht gelingt, ihn wieder heraufzuziehen, weil auch das Seil reißt, liegt er auf einmal in der Küche des Pfarrers, den er durch den Lärm noch dazu aufgeweckt hat. Die Köchin kommt mit einem Licht in die Küche, dreht sich vor Schreck aber gleich wieder um, weil sie glaubt, es handle sich um ein Gespenst. Diesen Irrtum nutzt Simplicissimus aus: Mit Asche, Ruß und Kohlen schmiert er sich schwarz ein und beginnt, allerhand Küchengeschirr durcheinander zu werfen. Daraufhin kommen Pfarrer und Köchin „Processionsweis“ (Grimmelshausen 1989, 235) in die Küche marschiert und versuchen sich mit Wachslichtern, Weihwasserkessel und Bibel in der Hand an einer Teufelsaustreibung. „Ich bin der Teuffel“ (Grimmelshausen 1989, 236), sagt Simplicissimus denn auch hellsichtig, um den exorzistischen Wahn weiter zu befeuern und macht sich – auf dem geraden Weg durch die Haustür – aus dem Staub. Durch sein kleines Schauspiel entkommt er also schadlos, wobei er nur wenige Tage später den Pfarrer noch in einem Brief um Entschuldigung bittet und – das ist für den ‚Jäger von Soest‘ Ehrensache – mit einem frisch erbeuteten Ring entschädigt.
Weil es sich bei dem kurzen Abschnitt um eine relativ geschlossene Erzählung handelt, hat die Simplicissimus-Forschung in immer neuen Anläufen die Einbettung der Episode vom Specksdiebstahl in den Romanzyklus unternommen und die Verknüpfung der Episode mit dem Ganzen von Innen her zu fassen versucht. Ausgangspunkt der Deutungen war in der Regel der intertextuelle Status der Episode, denn die international verbreitete Erzählung vom Speckdiebstahl, dessen älteste Textfassungen sich bei Hans Sachs und Hans Folz finden (vgl. van der Kooi 2007), hat Grimmelshausen höchstwahrscheinlich aus Erasmus Franciscis Lustiger Schau-Buehne (1663) übernommen. Er bedient sich damit bei einem Erzählwerk, das formal deutlich mehr an einem enzyklopädisch-panoramatischen Prinzip orientiert ist als der Simplicissimus Teutsch, wobei sich Grimmelshausens Ablehnung der brevitas darin zeigt, dass er das Volumen der Erzählung auf das Fünffache vergrößert. Im Verhältnis zu Francisci erweist sich den Interpreten sodann die vermeintliche Modernität Grimmelshausens. Für Andreas Merzhäuser etwa ist der Übergang zur Ich-Erzählung entscheidend, durch den die Episode „radikal subjektiviert“ werde, wozu das „Primat kalkulierender Rationalität“ (Merzhäuser 2002, 145) gegenüber der Spontaneität des Schwankhelden ebenso gehört wie die Vertiefung des Charakters durch die gelegentliche Gewissensanfechtung. Die Episode vollziehe damit eine Emanzipation von rein didaktischem Erzählen. Etwas komplizierter ist das Argument von Thomas Althaus. Ihm zufolge entlehnt Grimmelshausen bei Fransisci nicht nur systematisch Motive und Episoden, sondern viel entscheidender das Modell eines kontrastierenden Kompilierens. So stelle sich das Teufels-Motiv in eine Reihe von „gegeneinander immer etwas verschobenen Geschichten“ (Althaus 2006, 181). Das Diskontinuierliche der Schau-Buehne verwandele Grimmelshausen so in Perspektivenreichtum, was dazu führe, dass die Simplicianischen Figuren als „enttypisiert“ (Althaus 2006, 176) erscheinen, was als „Vor- und Frühform neuen Erzählens“ (Althaus 2006, 181) zu werten sei. Sowohl Althaus als auch Merzhäuser aktualisieren damit in steigender Komplexität ein recht altes Modernisierungsnarrativ, das auf die Emanzipation des bürgerlichen Bewusstseins von einer religiösen Weltdeutung abhebt. Die Geschichte vom Speckdiebstahl, in welcher der Held schließlich die religiösen Ängste seiner Mitmenschen ausnutzt, bietet dazu in der Tat vorzügliches Material – allerdings auch schon in den älteren Fassungen.
Aufgrund ihrer strukturellen Abgeschlossenheit wurde die Episode vom Speckdiebstahl zum Symptom für einen vermeintlichen „Verlust an Textkohärenz“ (Althaus 2006, 171) des Simplicissimus Teutsch insgesamt. Was alle Interpreten der Episode deshalb teilen, ist die Auffassung, dass ihre Position im Roman überhaupt interpretiert werden muss, wobei auffällt, dass sich Interpretation und Apologie überlagern. Will sie sich nicht in Quellenforschung erschöpfen, impliziert ihre Interpretation deshalb zunächst Einbettung und Anknüpfung der Episode in das Ganze des Romans sowie unter Umständen die Darstellung der intertextuellen Transformation bei Grimmelshausen. Oftmals durch anachronistische Ganzheitsvorstellungen veranlasst, die weniger die im Barock entscheidende Frage der Kompossibilität, als das Goethezeitliche Verständnis von Organizität in Rechnung stellen, wird dabei immer wieder die Modernität des Simplicissimus Teutsch an seinem inneren Zusammenhang demonstriert, der nicht nur mit Blick auf die Speckdiebstahl-Episode infrage steht. Selbst Paul Michel und Rosemarie Zeller, die unter den Stichworten Amplifikation, Motivation und Integration ebenfalls die Umnutzung des Speckdiebstahlschwanks untersuchen und seine Korrespondenz mit anderen Romanpartien nachweisen, sprechen anderen Passagen eine lediglich „episch-füllende Funktion“ zu (Michel und Zeller 1996, 320). Das Problem der Makrostruktur des Romans bzw. des Romanzyklus wird in der Forschung seit jeher kontrovers, aber bisher auch ergebnislos diskutiert.1 Kein Wunder also, dass auch die Editionsgeschichte des Abentheurlichen Simplicissimus Teutsch vom Verdacht mangelnder innerer Geschlossenheit Spuren trägt. So wurden zahlreiche der besagten Abschweifungen in späteren Leseausgaben aufgrund ihrer Unverbundenheit mit der Haupthandlung immer wieder zensiert.2
2 Der Schwank als ‚Stück‘ bei Grimmelshausen
Dass sich die Frage nach dem Zusammenhang des Ganzen und dem großen Gliederungsprinzip des Simplicissimus Teutsch und seiner Fortsetzungen nicht erledigt, liegt jedoch nicht zuletzt daran, dass der Roman sie selbst immer wieder stellt. Romanintern ist nämlich zu beobachten, dass die Sorge um die Zerstückelung des Romans nicht nur von seinen Interpreten geteilt, sondern vom Simplicianischen Erzähler selbst immer wieder ausgelöst wird. In der Semantik des Romans handelt es sich bei der Erzählung vom Speckdiebstahl um ein ‚Stueck‘: Zu Beginn der Episode bemerkt der Erzähler, er wolle noch „Ein Stueckchen oder etliche“ erzählen, Stücke, die zwar „nicht von importanz“ seien, aber immerhin ein Beispiel dafür geben, dass er „nicht allein grosse Ding“ (Grimmelshausen 1989, 230) gedreht habe. Wo genau aber verläuft die Trennlinie zwischen einem großen und einem kleinen narrativen Ding? Wieso ist die genaue Zahl („Ein Stueckchen oder etliche“) dem Erzähler so gleichgültig? Und wieso ist der Autor Grimmelshausen so um Länge bemüht, während Simplicissimus im Ewig-Währenden Calender (1670) doch als „ein gantz Apopht...
Inhaltsverzeichnis
- Title Page
- Copyright
- Contents
- Einleitung
- Teil 1: Formen und Formate
- Teil 2: Barocke Poetiken des Kleinen
- Teil 3: Nachleben barocker Kleinformen und Barock als Konzept
- Personenregister
Häufig gestellte Fragen
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