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Civitates, regna und Eliten
Die regna des Frühmittelalters als Teile eines ‚unsichtbaren Römischen Reiches‘
- 256 Seiten
- German
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Civitates, regna und Eliten
Die regna des Frühmittelalters als Teile eines ‚unsichtbaren Römischen Reiches‘
Über dieses Buch
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Information
Thema
GeschichteRomanische Resistenzräume und Zentren der Merowingerzeit (Trier, Metz, Köln, Basel, Reims und Soissons) im Spiegel der Toponymie
Wolfgang Haubrichs
Die archäologische und die historische Forschung haben in den letzten Jahrzehnten gezeigt, dass auch nach dem formalen Ende des weströmischen Kaisertums a. 476 in den östlichen Randgebieten der Gallia in civitates und castella zu einem erheblichen Teil mit der Fortexistenz römischer Strukturen und Institutionen, römischer, sich allmählich zu romanischer Bevölkerung wandelnder Einwohner und ihrer Sprache(n), dem „latin parlé“ (M. Banniard),1 in regionalen Schattierungen zu rechnen ist.2 Hier soll es aus dem Blickwinkel der Onomastik, genauer der Toponomastik (Ortsnamenkunde) als sprachwissenschaftlicher Disziplin um zwei Ziele gehen:
- Wo ist auf dem Boden der östlichen Gallia, vornehmlich der beiden Belgicae, der beiden Germaniae und z. T. der Maxima Sequanorum nach dem Ende Westroms (a. 476) und den letzten Resten römischer Herrschaft in Gallien (Reich des rex Romanorum Syagrius um Soissons bis 486,3 Herrschaftsgebiet des comes Arbogast in Trier und Belgica Prima bis um 4754) noch mit sprachlichen und kulturellen Kontinuitätszentren zu rechnen?
- Wie sind solche Kontinuitäts- und Resistenzräume mit Methoden der onomastischen Analyse und der Interferenzlinguistik,5 hier durch die Untersuchung römerzeitlicher toponomastischer Relikte und merowingerzeitlicher sowohl romanischer als auch germanisch-fränkischer Innovationen, zu ermitteln?
Diese Kontinuitäts- und Resistenzräume lassen sich z. T. auch mit anderen Methoden ermitteln, z. B. durch die Analyse der Inschriften (vorwiegend Grabinschriften).6 So ist Trier (und mit ihm der mosellanische und teilweise der rheinische Raum) ein bis ins 8. Jahrhundert reichender Hort der römisch-lateinischen Inschriftenkultur,7 in dem sich auch die fortwirkenden anthroponymischen Traditionen lateinischer, romanischer und die Innovationen germanisch-fränkischer Namengebung erkennen lassen.8 Doch haben die Toponyme, die Siedlungsnamen (und z. T. auch die Flurnamen) den Vorteil, am Boden zu haften und damit eine primäre Kontinuität, zunächst der sprachlichen Bezeichnungen, dann aber auch ihrer Träger zu skizzieren. Es handelt sich nicht wie bei verwandten Phänomenen der Rechtsprechung, der Institutionen, der Theologie oder der Literatur um Kontinuität der Hochkultur.
Nun gibt es keine Sprach- oder Ortsnamenrelikte ohne sprachliche Träger,9 die sie den Nachlebenden übermittelten. Mit Hilfe lautchronologischer Analyse lassen sich sogar in manchen Fällen Aussagen darüber treffen, wie lange solche ,Sprachinseln‘ und Resistenzräume bestanden. Dies soll jetzt an einem bekannten und gut untersuchten Beispiel, nämlich Trier und dem zugehörigen Moseltal demonstriert werden.
1 Treveris / Tréves / Trier
Die Trierer Moselromania (,Mosella Romana‘) darf als die am längsten existierende Kontinuitätszone, die am längsten bestehende romanische Sprachinsel des späteren deutschen Sprachraums gelten,10 noch vor Salzburg11 und Basel12. Über ihre gewaltige Erstreckung kann man sich am besten durch eine von Wolfgang Kleiber 1992 gefertigte Karte der nichtgermanischen, letztendlich ein lateinisches und ein romanisches Stadium durchlaufenhabenden Toponymie (SN) der ‚Mosella Romana‘ (Karte 1) unterrichten.13 Sie reicht vom luxemburgischen Remich über Trier, Noviomagus / Neumagen, Bernkastel, Traben-Trabach, Contrua / Gondorf, Carodunum / Karden bis Confluentes / Koblenz und von dort ins Rheinengtal bei Baudobriga / Boppard. Besondere Dichtezentren entstanden um die Saarmündung und die untere Saar sowie die Augusta Treverorum als imperialer Residenz selbst, von wo aus sie sich aber auch die Sauer und andere Nebenflüsse der Mosel hinaufgehend bis ins Luxemburger Gutland finden. In die Eifel hinein erstreckten sich die romanischen Relikte die Kyll hinauf über das Kastell Bitburg bis zur Prümer Siedlungsinsel des eine antike Einheit fortsetzenden Karosgaus.14 An der Südabdachung des Hunsrücks, im sog. 'Hochwald', findet sich in den waldigen Tälern von Ruwer, Wadrill, Losema (Losheimer Bach) und Prims eine auch von der Erhaltung der Namen kleinsträumiger Gewässer geprägte Reliktzone.15 Ein zweites Dichtezentrum findet sich im östlichen Eifelraum zwischen Rhein und Mosel, im Mayengau, dem a. 772 genannten Magninsis pagus (mit seiner die Römerzeit überdauernden Basalt-Produktion bei *Magina / Mayen), um Confluentes / Koblenz und Antonniacum / Andernach (erneut wie bei Baudobriga / Boppard mit einer reichen Inschriftenkultur)16 und dann mit geringerer Dichte auf der rechten Moselseite im osthunsrückischen Trechirgau (mit keltischem Namen: Tricorium, wozu der Name der gallischen Tricores 'drei Heere' im Tal des Drac in Südfrankreich zu vergleichen ist) um Kastelláun.

Karte 1: Die Mosella Romana im Spiegel der nichtgermanischen, romanisch-fränkischen Toponymie. Bearbeitet nach Kleiber, Wolfgang / Pfister, Max: Aspekte und Probleme der römisch-germanischen Kontinuität. Sprachkontinuität an Mosel, Mittel- und Oberrhein sowie im Schwarzwald, Stuttgart 1992, S. 46.
Im eigentlichen Moseltal und im unteren Saartal wird man kaum einen einzigen deutschen Ortsnamen finden, dafür aber zahlreiche vorgermanische Gewässernamen (GwN kleinster Bäche) und in den Gemarkungen gehäuft lateinisch-romanische Flurnamen.17 Die Dichte der Relikte lässt sich für die Region von Sierck, Remich bis Trier und für die untere Saar gut auf einer Karte (Karte 2 von 1997 mit 148 SN) erkennen, in der auch die Typen der Reliktnamen nach vorromanischen SN und GwN, nach romanisch-lateinischen SN, vor allem mit dem Suffix -(i)acum komponierten SN, dann auch nach romanischen Flur- und Gewässernamen und aus romanischen Lehnwörtern entstandenen SN aufgeschlüsselt sind.18

Karte 2: Vorgermanische Gewässernamen und Siedlungsnamen zwischen Mosel und unterer Saar. Entwurf: Wolfgang Haubrichs. Bearbeitet nach Haubrichs, Wolfgang: Galloromanische Kontinuität zwischen unterer Saar und Mosel. Problemat...
Inhaltsverzeichnis
- Title Page
- Copyright
- Contents
- Civitates, regna und Eliten. Einführende Bemerkungen zum Konzept eines ‚unsichtbaren Römischen Reiches‘
- Vorüberlegungen zum ‚unsichtbaren Römischen Reich‘
- Das ‚unsichtbare Römische Reich‘ als Verbund der Kleinstaaten Bedingungen von Kontinuität und Autonomie römischer Kolonien im Westen des Römischen Reiches am Beispiel von Urso in Spanien
- Civitates und das sichtbare / unsichtbare Römische Reich im spätantiken Nordafrika
- Fortbestand im Wandel: Römische Kommunikationsräume bei Salvian von Marseille
- Römische Kommunikationsräume und ihr Fortbestehen in Bayern
- Romanische Resistenzräume und Zentren der Merowingerzeit (Trier, Metz, Köln, Basel, Reims und Soissons) im Spiegel der Toponymie
- Münzen und Münzprägung als Quelle für politische Kommunikation im frühmittelalterlichen Gallien
- Das Primat lokaler Identitäten im merowingischen Gallien des 6. Jahrhunderts
- Unsichtbares oder sichtbares Imperium Romanum? Die römische Kaiserzeit in der fränkischen Historiographie
- Übersicht über die Civitas-Hauptorte Galliens
- Abkürzungen
- Register zu Personen, Orten und ausgewählten Sachbegriffen
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