Ding und Bild sind SchlĂŒsselbegriffe der romantischen Poetik und Philosophie. Das hat auch die jĂŒngste kultur- und literaturwissenschaftliche Romantikforschung erkannt. Allerdings untersucht sie Dinglichkeit und Bildlichkeit bislang als getrennte Problemfelder: Bildlichkeit scheint vorwiegend als Synonym fĂŒr die Kraft der Imagination in der FrĂŒhphase der Romantik von Bedeutung zu sein, wĂ€hrend Dinglichkeit als Indikator fĂŒr das VerhĂ€ltnis zum Realismus in der SpĂ€tphase der Romantik relevant ist. Ein Blick in die Texte der Romantik zeigt allerdings, dass beide SchlĂŒsselbegriffe unabhĂ€ngig von ihrer Phasenzuordnung zusammenhĂ€ngen und dass die ĂbergĂ€nge von Dingen und Bildern hĂ€ufig flieĂend gestaltet sind.
Der Band untersucht das produktive SpannungsverhĂ€ltnis dieser beiden Konzepte und ihre Vermischungen vor dem Hintergrund der historischen und systematischen ZusammenhĂ€nge der europĂ€ischen Romantik. Er versammelt BeitrĂ€ge von Literatur-, Kultur- und Kunstwissenschaftler*innen und nimmt BezĂŒge zu anderen Wissensfeldern wie der Ăkonomie, Philosophie, Physik oder Religion in den Blick.

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Ding und Bild in der europÀischen Romantik
- 356 Seiten
- German
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Ding und Bild in der europÀischen Romantik
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Information
Thema
LiteraturIII Bildlichkeit des Dinges
Vaterworte und âUr-Bilderâ
Zu Differenz und IdentitÀt von Kindheits- und Dingerinnerung in romantischen Venusberg-Dichtungen (Der getreue Eckart, Der Runenberg, Das Marmorbild)
Maximilian Bergengruen
1 Einleitung
In diesem Aufsatz soll die epistemische Dimension der romantischen Venusberg-Dichtungen in ihren intertextuellen Verflechtungen â Tiecks Der getreue Eckart und Der Runenberg sowie Eichendorffs Das Marmorbild â rekonstruiert und analysiert werden. Genauer gesagt werde ich die genannten Texte als literarische Auseinandersetzung mit der Frage nach der unbewussten Erinnerung eines Menschen an seine Jugend und dem damit zusammenhĂ€ngenden VerhĂ€ltnis zu den Dingen lesen.
Sowohl bei Tieck wie bei Eichendorff soll das Augenmerk auf der prominent vertretenen Vorstellung von prĂ€genden SĂ€tzen bzw. Worten des Vaters in der Adoleszenz liegen. Wiewohl diese Erinnerungen den mittlerweile erwachsen gewordenen Protagonisten (weitgehend) unbewusst sind, formieren sie deren Einbildungskraft so stark, dass man als Leser*in geneigt ist zu glauben, alle Dinge um sie herum seien imaginative Ausgestaltungen dieser ursprĂŒnglichen Erfahrungen.
Gleichzeitig soll, ebenfalls bei Tieck und bei Eichendorff, der Fokus auf die materiellen Substrate in der dinglichen Welt auf dem Venusberg gerichtet sein, da diese der Lesart einer vollstĂ€ndigen psychischen Entstehung der Dinge entschieden widersprechen. Die Tafel auf dem Runenberg, das architektonische Ensemble auf dem Venusberg des Marmorbilds inklusive der dazugehörigen Bilder: Diese Dinge basieren, wie ich zeigen werde, gerade nicht nur auf einer psychischen, sondern auch auf einer dem Menschen unverfĂŒgbaren materiellen Matrix, nĂ€mlich den Steinen, verfallenen Standbildern und Ruinen.
Aufheben lĂ€sst sich, wie ich am Ende zeigen möchte, dieser Widerspruch mit einem an Schelling orientierten Modell des Unbewussten als nicht nur Hort individueller Erinnerung an die Jugend, sondern auch als eines ĂŒberindividuellen âUr-Bildsâ und einer ĂŒberindividuellen âErinnerungâ an die âDingeâ. Dieses individuell-ĂŒberindividuelle Unbewusste, so soll gezeigt werden, ist die gemeinsame Wurzel der Dinge auĂerhalb und innerhalb des Menschen.
2 Die Worte des Vaters und die Dinge: Tieck
Zu Beginn von Joseph von Eichendorffs ErzĂ€hlung Das Marmorbild (1818) trifft der junge Florio auf einen Fremden, der sich wenige Zeit spĂ€ter als der bekannte SĂ€nger Fortunato herausstellen wird. Florio erzĂ€hlt diesem ihm augenscheinlich zugetanen Menschen, dass er âdas Reisen erwĂ€hltâ habe und sich dadurch âin Freiheit gesetztâ fĂŒhle. Diese Freiheit habe er, so Florio weiter, bereits als Sehnsucht gespĂŒrt, âwenn der FrĂŒhling wie ein zauberischer Spielmann durch unsern Garten ging und von der wunderschönen Ferne verlockend sang und von groĂer unermeĂlicher Lustâ (E II, 386).1 Die metaphorische Bezeichnung des FrĂŒhlings2 als âSpielmannâ scheint bei Fortunato einen wörtlichen Sprachgebrauch aufzurufen, der dem aufkeimenden Enthusiasmus des bisherigen GesprĂ€chs ein jĂ€hes Ende bereitet: âHabt Ihr wohl jemals, sagte er [Fortunato] zerstreut aber sehr ernsthaft, von dem wunderbaren Spielmann gehört, der durch seine Töne die Jugend in einen Zauberberg hinein verlockt, aus dem Keiner wieder zurĂŒckgekehrt ist? HĂŒtet Euch!â (E II, 386).
Worauf Fortunato anspielt, sind drei miteinander verwobene Mythen: die Sage vom getreuen Eckhart und vom TannhĂ€user,3 die in Ludwig Tiecks Der getreue Eckart und Der TannenhĂ€user (1799) zusĂ€tzlich mit dem âRattenfĂ€nger von Hamelnâ (T VI, 148)4 verschmolzen werden. Wenn Fortunato explizit von einem âSpielmannâ und dem âZauberbergâ spricht, dann ist Tiecks Auseinandersetzung mit dem Venusberg-Stoff, auf die sich der junge Eichendorff ja auch andernorts bezieht,5 die einzige Referenz.6 âHabt Ihr niemals von dem Berge gehört, den die Leute nur den Berg der Venus nennen?â, wird schon Tiecks Eckart von einem alten Mann gefragt. Letzterer fĂŒgt hinzu: âEin Spielmann von wunderseltner Art ist plötzlich von unten hervor gekommen, den die Höllischen als ihren Abgesandten ausgeschickt haben, dieser durchzieht die Welt, und spielt und musiziert auf einer Pfeifen, daĂ die Töne weit in den Gegenden wider klingenâ (T VI, 156).
Die Rede des alten Mannes â ich beginne meine Ăberlegungen mit Tiecks Eckart â beschreibt ein Parallelschicksal zur Geschichte des getreuen Eckart. Letzterer trauert um seine Kinder, von denen der âHerzogâ von Burgund zwei hat hinrichten lassen, weil der Herrscher gegenĂŒber dem einstmaligen âFreundâ ein starkes âMiĂtrauenâ hegt, dieser âwolle ihm gar sein Herzogtum entreiĂenâ (T VI, 153). Dies ist insofern unbegrĂŒndet, als der Herzog seinem Helden nach einer gewonnenen Schlacht selbst angetragen hat, ein âBruderâ und damit der zweite âHerrâ seines Herzogtums zu sein. Anscheinend haben Eckarts âFeindeâ am Hof den Herzog jedoch darauf hingewiesen, dass Eckart groĂe Sympathien im Volk hat. Sogar Eckarts jĂŒngster Sohn weiĂ bereits, dass âalle Leute im ganzen Landeâ seinem Vater âbeistehnâ wĂŒrden, wenn er sich gegen ihn erhöbe. Dementsprechend hat der Herzog Eckart zum âFeindâ und âVerrĂ€terâ erklĂ€rt, mit dem Ergebnis, dass er nicht nur seine zwei Kinder töten lĂ€sst, sondern spĂ€ter auch Eckart selbst ans Leben will, da âdessen Tod nur ihn völlig sicher stellt[ ]â (T VI, 151â153; 158; 160).
Es handelt sich bei Eckart und dem Alten insofern um ein Parallelschicksal, als Letzterer ebenfalls zwei Kinder verloren hat. Nach seinen Aussagen sind die beiden Söhne den Tönen des oben genannten Spielmanns zum Venusberg gefolgt. Die Parallele festigt sich nicht nur inhaltlich, da die beiden Söhne-Paare jeweils âmit [âŠ] unerklĂ€rlicher Gewaltâ fortgerissen wurden, ohne jemals wieder âden RĂŒckwegâ finden zu können, sondern auch formal, im Sinne einer Paranomasie, da beide Söhne-Paare in einen âBergâ bzw. eine âBurgâ gelockt wurden (T VI, 157).
Bekanntlich sieht man sich im Leben nicht nur einmal: Wenn sich Eckart und der Herzog von Burgund spĂ€ter versöhnen, dann geschieht dies alles andere als zufĂ€llig in der âHĂŒtteâ des âGreis[es]â, der Eckart âunlĂ€ngst sein groĂes UnglĂŒck mit seinen Söhnen erzĂ€hlt hatteâ (T VI, 164). Dorthin nĂ€mlich nehmen Held und Herzog Zuflucht, nachdem dieser jenen aus einem Unwetter gerettet und sich entschlossen hat, ihm das Leben zu schenken, wiewohl dieser ihm wehrlos ergeben war.
Der Herzog, der kurz darauf verstirbt, setzt Eckart zum âVormund[ ] ĂŒber seine Söhneâ und zum Leiter der âRegierungâ ein, solange diese noch minderjĂ€hrig sind; dieses Geschenk nimmt Eckart an und betrachtet des Herzogs Söhne als seine âNachkommenschaftâ. Es ist offensichtlich, dass Burgund auf diese Weise versucht, dass ihm seine âschweren SĂŒndenâ, also der Neid und die damit verbundene Tötung der Kinder Eckarts, âvergebenâ werden (T VI, 164; 166). Zumindest bis zur VolljĂ€hrigkeit des ersten Sohnes ist Eckart wieder der âHerrâ, den der Herzog ihm erst angeboten und dann abgesprochen hat, und als dieser Herr nun auch wieder, wenn auch nur symbolisch und nicht biologisch, Vater von zwei Söhnen.
Die Frage ist jedoch, ob die damit erhoffte SĂŒhne fĂŒr Burgund auch tatsĂ€chlich erfolgt ist: Der ErzĂ€hler erwĂ€hnt nĂ€mlich, dass Eckart versucht, das âAndenkenâ an seine biologischen Kinder zu âunterdrĂŒck[en]â, was ihm jedoch nicht vollstĂ€ndig gelingt, da er in solchen Augenblicken eines âlieblichen Klang[s]â aus der âFerneâ gewahr zu werden âschienâ. Dieser Klang weist eine deutliche Ăhnlichkeit zu der Musik des zuvor erwĂ€hnten teuflischen Musikers auf: Das âwunderbare GerĂŒcht von dem Spielmanne, der aus dem Venusberge gekommenâ, welches Eckbert ursprĂŒnglich â[n]iemalenâ gehört hat, hat sich nĂ€mlich nach dem Tod des Herzogs âin allen Gegendenâ des Landes âso verbreitet[ ]â, wie der im GerĂŒcht thematisierte Spielmann âdas ganze Land durchzieh[t]â (T VI, 156; 166). Auch Eckart ist also nicht frei von der Anziehungskraft des Venusbergs, oder andersherum ausgedrĂŒckt: In seinem Unbewussten7 lebt das erlittene Unrecht weiter fort, nur dass er jetzt, da er das Angebot von Burgund angenommen hat, auch an dieser Schuld teilhat. Wenn er also im Folgenden vor dem Venusberg warnt, weiĂ er, wovon er spricht.
Bei genauerem Hinsehen wird noch ein drittes Schicksal in das Amalgam eingeflochten. Es war nĂ€mlich nicht Eckart alleine, der den Herzog gerettet hat, vielmehr hat sein Knappe mit Namen âWolframâ die rettende HĂŒtte des Alten durch das lebensgefĂ€hrliche Hinaufklettern auf eine Tanne erspĂ€ht. Zum Dank vermacht der Herrscher dem Knappen, den er wegen seiner Tat âTannenhĂ€userâ nennt, âdie beiden Schlösser, die hier auf den nĂ€chsten Bergen liegenâ (T VI, 163â165). In diesem doppelten VermĂ€chtnis â der Vormundschaft ĂŒber die Söhne inklusive Regierung an Eckart und der Schlösser inklusive NamensĂ€nderung an den Knappen â wird eine Verbindungslinie zwischen dem ersten und dem zweiten âAbschnittâ gezogen.
Der ErzĂ€hler setzt in diesem zweiten Teil der ErzĂ€hlung nun damit ein, dass âmehr als vier Jahrhunderte seit dem Tode des getreuen Eckart verflossenâ sind; Ort des ErzĂ€hlens ist âam Hofeâ, der jetzt kaiserlich ist: TannenhĂ€users Vater ist âkaiserlicher Ratâ (T VI, 171);8 spĂ€ter ist auch von einem âFeldzugâ, den der âKaiser [âŠ] gegen seine Feindeâ (T VI, 177) unternimmt, die Rede. Der ErzĂ€hler erwĂ€hnt den Sohn des âedl...
Inhaltsverzeichnis
- Title Page
- Copyright
- Contents
- âDie Erkenntnis der DuplizitĂ€tââZum VerhĂ€ltnis von Ding und Bild in der europĂ€ischen Romantik
- IâTheoretische Positionen
- IIâDinglichkeit des Bildes
- IIIâBildlichkeit des Dinges
- Personenregister
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