Ding und Bild in der europÀischen Romantik
  1. 356 Seiten
  2. German
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Über dieses Buch

Ding und Bild sind SchlĂŒsselbegriffe der romantischen Poetik und Philosophie. Das hat auch die jĂŒngste kultur- und literaturwissenschaftliche Romantikforschung erkannt. Allerdings untersucht sie Dinglichkeit und Bildlichkeit bislang als getrennte Problemfelder: Bildlichkeit scheint vorwiegend als Synonym fĂŒr die Kraft der Imagination in der FrĂŒhphase der Romantik von Bedeutung zu sein, wĂ€hrend Dinglichkeit als Indikator fĂŒr das VerhĂ€ltnis zum Realismus in der SpĂ€tphase der Romantik relevant ist. Ein Blick in die Texte der Romantik zeigt allerdings, dass beide SchlĂŒsselbegriffe unabhĂ€ngig von ihrer Phasenzuordnung zusammenhĂ€ngen und dass die ÜbergĂ€nge von Dingen und Bildern hĂ€ufig fließend gestaltet sind.
Der Band untersucht das produktive SpannungsverhĂ€ltnis dieser beiden Konzepte und ihre Vermischungen vor dem Hintergrund der historischen und systematischen ZusammenhĂ€nge der europĂ€ischen Romantik. Er versammelt BeitrĂ€ge von Literatur-, Kultur- und Kunstwissenschaftler*innen und nimmt BezĂŒge zu anderen Wissensfeldern wie der Ökonomie, Philosophie, Physik oder Religion in den Blick.

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Information

Jahr
2020
ISBN drucken
9783110685985
eBook-ISBN:
9783110686296

III Bildlichkeit des Dinges

Vaterworte und ‚Ur-Bilder‘

Zu Differenz und IdentitÀt von Kindheits- und Dingerinnerung in romantischen Venusberg-Dichtungen (Der getreue Eckart, Der Runenberg, Das Marmorbild)
Maximilian Bergengruen

1 Einleitung

In diesem Aufsatz soll die epistemische Dimension der romantischen Venusberg-Dichtungen in ihren intertextuellen Verflechtungen – Tiecks Der getreue Eckart und Der Runenberg sowie Eichendorffs Das Marmorbild – rekonstruiert und analysiert werden. Genauer gesagt werde ich die genannten Texte als literarische Auseinandersetzung mit der Frage nach der unbewussten Erinnerung eines Menschen an seine Jugend und dem damit zusammenhĂ€ngenden VerhĂ€ltnis zu den Dingen lesen.
Sowohl bei Tieck wie bei Eichendorff soll das Augenmerk auf der prominent vertretenen Vorstellung von prĂ€genden SĂ€tzen bzw. Worten des Vaters in der Adoleszenz liegen. Wiewohl diese Erinnerungen den mittlerweile erwachsen gewordenen Protagonisten (weitgehend) unbewusst sind, formieren sie deren Einbildungskraft so stark, dass man als Leser*in geneigt ist zu glauben, alle Dinge um sie herum seien imaginative Ausgestaltungen dieser ursprĂŒnglichen Erfahrungen.
Gleichzeitig soll, ebenfalls bei Tieck und bei Eichendorff, der Fokus auf die materiellen Substrate in der dinglichen Welt auf dem Venusberg gerichtet sein, da diese der Lesart einer vollstĂ€ndigen psychischen Entstehung der Dinge entschieden widersprechen. Die Tafel auf dem Runenberg, das architektonische Ensemble auf dem Venusberg des Marmorbilds inklusive der dazugehörigen Bilder: Diese Dinge basieren, wie ich zeigen werde, gerade nicht nur auf einer psychischen, sondern auch auf einer dem Menschen unverfĂŒgbaren materiellen Matrix, nĂ€mlich den Steinen, verfallenen Standbildern und Ruinen.
Aufheben lĂ€sst sich, wie ich am Ende zeigen möchte, dieser Widerspruch mit einem an Schelling orientierten Modell des Unbewussten als nicht nur Hort individueller Erinnerung an die Jugend, sondern auch als eines ĂŒberindividuellen ‚Ur-Bilds‘ und einer ĂŒberindividuellen ‚Erinnerung‘ an die ‚Dinge‘. Dieses individuell-ĂŒberindividuelle Unbewusste, so soll gezeigt werden, ist die gemeinsame Wurzel der Dinge außerhalb und innerhalb des Menschen.

2 Die Worte des Vaters und die Dinge: Tieck

Zu Beginn von Joseph von Eichendorffs ErzĂ€hlung Das Marmorbild (1818) trifft der junge Florio auf einen Fremden, der sich wenige Zeit spĂ€ter als der bekannte SĂ€nger Fortunato herausstellen wird. Florio erzĂ€hlt diesem ihm augenscheinlich zugetanen Menschen, dass er „das Reisen erwĂ€hlt“ habe und sich dadurch „in Freiheit gesetzt“ fĂŒhle. Diese Freiheit habe er, so Florio weiter, bereits als Sehnsucht gespĂŒrt, „wenn der FrĂŒhling wie ein zauberischer Spielmann durch unsern Garten ging und von der wunderschönen Ferne verlockend sang und von großer unermeßlicher Lust“ (E II, 386).1 Die metaphorische Bezeichnung des FrĂŒhlings2 als „Spielmann“ scheint bei Fortunato einen wörtlichen Sprachgebrauch aufzurufen, der dem aufkeimenden Enthusiasmus des bisherigen GesprĂ€chs ein jĂ€hes Ende bereitet: „Habt Ihr wohl jemals, sagte er [Fortunato] zerstreut aber sehr ernsthaft, von dem wunderbaren Spielmann gehört, der durch seine Töne die Jugend in einen Zauberberg hinein verlockt, aus dem Keiner wieder zurĂŒckgekehrt ist? HĂŒtet Euch!“ (E II, 386).
Worauf Fortunato anspielt, sind drei miteinander verwobene Mythen: die Sage vom getreuen Eckhart und vom TannhĂ€user,3 die in Ludwig Tiecks Der getreue Eckart und Der TannenhĂ€user (1799) zusĂ€tzlich mit dem „RattenfĂ€nger von Hameln“ (T VI, 148)4 verschmolzen werden. Wenn Fortunato explizit von einem „Spielmann“ und dem „Zauberberg“ spricht, dann ist Tiecks Auseinandersetzung mit dem Venusberg-Stoff, auf die sich der junge Eichendorff ja auch andernorts bezieht,5 die einzige Referenz.6 „Habt Ihr niemals von dem Berge gehört, den die Leute nur den Berg der Venus nennen?“, wird schon Tiecks Eckart von einem alten Mann gefragt. Letzterer fĂŒgt hinzu: „Ein Spielmann von wunderseltner Art ist plötzlich von unten hervor gekommen, den die Höllischen als ihren Abgesandten ausgeschickt haben, dieser durchzieht die Welt, und spielt und musiziert auf einer Pfeifen, daß die Töne weit in den Gegenden wider klingen“ (T VI, 156).
Die Rede des alten Mannes – ich beginne meine Überlegungen mit Tiecks Eckart – beschreibt ein Parallelschicksal zur Geschichte des getreuen Eckart. Letzterer trauert um seine Kinder, von denen der „Herzog“ von Burgund zwei hat hinrichten lassen, weil der Herrscher gegenĂŒber dem einstmaligen „Freund“ ein starkes „Mißtrauen“ hegt, dieser „wolle ihm gar sein Herzogtum entreißen“ (T VI, 153). Dies ist insofern unbegrĂŒndet, als der Herzog seinem Helden nach einer gewonnenen Schlacht selbst angetragen hat, ein „Bruder“ und damit der zweite „Herr“ seines Herzogtums zu sein. Anscheinend haben Eckarts „Feinde“ am Hof den Herzog jedoch darauf hingewiesen, dass Eckart große Sympathien im Volk hat. Sogar Eckarts jĂŒngster Sohn weiß bereits, dass „alle Leute im ganzen Lande“ seinem Vater „beistehn“ wĂŒrden, wenn er sich gegen ihn erhöbe. Dementsprechend hat der Herzog Eckart zum „Feind“ und „VerrĂ€ter“ erklĂ€rt, mit dem Ergebnis, dass er nicht nur seine zwei Kinder töten lĂ€sst, sondern spĂ€ter auch Eckart selbst ans Leben will, da „dessen Tod nur ihn völlig sicher stellt[ ]“ (T VI, 151–153; 158; 160).
Es handelt sich bei Eckart und dem Alten insofern um ein Parallelschicksal, als Letzterer ebenfalls zwei Kinder verloren hat. Nach seinen Aussagen sind die beiden Söhne den Tönen des oben genannten Spielmanns zum Venusberg gefolgt. Die Parallele festigt sich nicht nur inhaltlich, da die beiden Söhne-Paare jeweils „mit [
] unerklĂ€rlicher Gewalt“ fortgerissen wurden, ohne jemals wieder „den RĂŒckweg“ finden zu können, sondern auch formal, im Sinne einer Paranomasie, da beide Söhne-Paare in einen „Berg“ bzw. eine „Burg“ gelockt wurden (T VI, 157).
Bekanntlich sieht man sich im Leben nicht nur einmal: Wenn sich Eckart und der Herzog von Burgund spĂ€ter versöhnen, dann geschieht dies alles andere als zufĂ€llig in der „HĂŒtte“ des „Greis[es]“, der Eckart „unlĂ€ngst sein großes UnglĂŒck mit seinen Söhnen erzĂ€hlt hatte“ (T VI, 164). Dorthin nĂ€mlich nehmen Held und Herzog Zuflucht, nachdem dieser jenen aus einem Unwetter gerettet und sich entschlossen hat, ihm das Leben zu schenken, wiewohl dieser ihm wehrlos ergeben war.
Der Herzog, der kurz darauf verstirbt, setzt Eckart zum „Vormund[ ] ĂŒber seine Söhne“ und zum Leiter der „Regierung“ ein, solange diese noch minderjĂ€hrig sind; dieses Geschenk nimmt Eckart an und betrachtet des Herzogs Söhne als seine „Nachkommenschaft“. Es ist offensichtlich, dass Burgund auf diese Weise versucht, dass ihm seine „schweren SĂŒnden“, also der Neid und die damit verbundene Tötung der Kinder Eckarts, „vergeben“ werden (T VI, 164; 166). Zumindest bis zur VolljĂ€hrigkeit des ersten Sohnes ist Eckart wieder der „Herr“, den der Herzog ihm erst angeboten und dann abgesprochen hat, und als dieser Herr nun auch wieder, wenn auch nur symbolisch und nicht biologisch, Vater von zwei Söhnen.
Die Frage ist jedoch, ob die damit erhoffte SĂŒhne fĂŒr Burgund auch tatsĂ€chlich erfolgt ist: Der ErzĂ€hler erwĂ€hnt nĂ€mlich, dass Eckart versucht, das „Andenken“ an seine biologischen Kinder zu „unterdrĂŒck[en]“, was ihm jedoch nicht vollstĂ€ndig gelingt, da er in solchen Augenblicken eines „lieblichen Klang[s]“ aus der „Ferne“ gewahr zu werden „schien“. Dieser Klang weist eine deutliche Ähnlichkeit zu der Musik des zuvor erwĂ€hnten teuflischen Musikers auf: Das „wunderbare GerĂŒcht von dem Spielmanne, der aus dem Venusberge gekommen“, welches Eckbert ursprĂŒnglich „[n]iemalen“ gehört hat, hat sich nĂ€mlich nach dem Tod des Herzogs „in allen Gegenden“ des Landes „so verbreitet[ ]“, wie der im GerĂŒcht thematisierte Spielmann „das ganze Land durchzieh[t]“ (T VI, 156; 166). Auch Eckart ist also nicht frei von der Anziehungskraft des Venusbergs, oder andersherum ausgedrĂŒckt: In seinem Unbewussten7 lebt das erlittene Unrecht weiter fort, nur dass er jetzt, da er das Angebot von Burgund angenommen hat, auch an dieser Schuld teilhat. Wenn er also im Folgenden vor dem Venusberg warnt, weiß er, wovon er spricht.
Bei genauerem Hinsehen wird noch ein drittes Schicksal in das Amalgam eingeflochten. Es war nĂ€mlich nicht Eckart alleine, der den Herzog gerettet hat, vielmehr hat sein Knappe mit Namen „Wolfram“ die rettende HĂŒtte des Alten durch das lebensgefĂ€hrliche Hinaufklettern auf eine Tanne erspĂ€ht. Zum Dank vermacht der Herrscher dem Knappen, den er wegen seiner Tat „TannenhĂ€user“ nennt, „die beiden Schlösser, die hier auf den nĂ€chsten Bergen liegen“ (T VI, 163–165). In diesem doppelten VermĂ€chtnis – der Vormundschaft ĂŒber die Söhne inklusive Regierung an Eckart und der Schlösser inklusive NamensĂ€nderung an den Knappen – wird eine Verbindungslinie zwischen dem ersten und dem zweiten „Abschnitt“ gezogen.
Der ErzĂ€hler setzt in diesem zweiten Teil der ErzĂ€hlung nun damit ein, dass „mehr als vier Jahrhunderte seit dem Tode des getreuen Eckart verflossen“ sind; Ort des ErzĂ€hlens ist „am Hofe“, der jetzt kaiserlich ist: TannenhĂ€users Vater ist „kaiserlicher Rat“ (T VI, 171);8 spĂ€ter ist auch von einem „Feldzug“, den der „Kaiser [
] gegen seine Feinde“ (T VI, 177) unternimmt, die Rede. Der ErzĂ€hler erwĂ€hnt den Sohn des „edl...

Inhaltsverzeichnis

  1. Title Page
  2. Copyright
  3. Contents
  4. „Die Erkenntnis der DuplizitĂ€t“ Zum VerhĂ€ltnis von Ding und Bild in der europĂ€ischen Romantik
  5. I Theoretische Positionen
  6. II Dinglichkeit des Bildes
  7. III Bildlichkeit des Dinges
  8. Personenregister

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