1.1 Anlass, Forschungsansatz und Fragestellungen
In deutschen Innenstädten werden Städtebesucher immer häufiger darüber informiert, wann ein Gebäude im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde und wie es wiedererrichtet worden ist. Dies geschieht über spezielle Informationsmedien, ortsfeste Tafeln und neuerdings auch per App. Nicht selten begleiten fotografische Eindrücke die (beeindruckende) Rekonstruktion oder den (modernisierten) Neubau. Damit kehren Spuren eines Diskurses ins kollektive Gedächtnis zurück, der gegenwärtig durch eine „erinnerungskulturelle Schwellensituation“ (Arich-Gerz 2009:71) gekennzeichnet ist: Mit dem Aussterben der Zeitzeugen und bald auch der Aufbau-Generation geht – vereinfacht gesagt – das kommunikative Gedächtnis dieser Luftkriegserfahrung in ein kollektives Gedächtnis über. Im kollektiven Gedächtnis entwickeln sich schriftliche Gattungen weiter, mit denen die historischen Ereignisse memoriert und dabei verändert bzw. (medial) transkribiert werden (vgl. Jäger 2004).
Koselleck (1994:117) bringt die „methodische(n) Konsequenzen“ des Generationenwechsels auf folgende Formel: „Bald sprechen nur noch die Akten (...) (u)nd die Forschungskriterien werden nüchterner, (...) farbloser, weniger empiriegesättigt, auch wenn sie mehr zu erkennen oder zu objektivieren versprechen.“ Welzer (2010:o.S.) geht im Zuge der wissenschaftlichen Aufbereitung der Ereignisse im Nationalsozialismus vom „Kaltwerden“ der Erinnerung aus:
Und schließlich treten Nationalsozialismus und Holocaust mit dem Verschwinden der Zeitzeugengeneration in den Aggregatzustand des kulturellen Gedächtnisses und der Historisierung. Die Erinnerungen daran werden kalt, die Aushandlungen weniger emotional.
Allerdings stellt Assmann (2009:14) für die medialen Verarbeitungen des Holocausts fest, dass das Ereignis „mit zeitlicher Distanz nicht farbloser und blasser geworden, sondern paradoxerweise näher gerückt und vitaler geworden“ ist. Damit sind zugleich auch Verschiebungen in der öffentlichen Auseinandersetzung über Themen der Erinnerungspolitik verbunden: Die ehedem virulenten Klagen über die Schuldfreiheit nationalsozialistischer Täter oder über die nicht geleistete Trauerarbeit weichen einem Diskurs darüber, welche Erinnerungen an die Vergangenheit bewahrt werden sollen und an welchen Orten Reflexionen über die jüngste Geschichte angemessen sind (vgl. Frei 2009:54).
Texte, Fotografien und Audiofiles bereiten Stadtgeschichte sprachlich, bildlich und multimodal auf. Damit transformieren sie die Ereignisse in etwas, das vor Ort z.B. als Wandel oder als Kontinuität erfahrbar wird. Geschichtswissen erzeugt ein Bewusstsein, sich z.B. durch ein altes, aufgebautes, geschundenes, autogerecht entworfenes oder angenehm durchgrüntes Stadtviertel zu bewegen. Doch mit welchen diskursiven Bezügen kehrt die Erinnerung an die Zerstörungsereignisse am Ende des Zweiten Weltkriegs in die Städte zurück? In welchen sprachlichen Forme(l)n hat sich die Erfahrung des schockierenden Bombardements, bei Cunningham (2002:118) entworfen als „extremes Zerbrechen, Zerschlagen, Fragmentieren, ein Schaffen von Löchern, Lücken, Leerstellen, Kratern, von Leere und Abwesenheit“, im kulturellen Gedächtnis der Städte verfestigt?
Das vorliegende Buch widmet sich den Diskursen der Kriegszerstörung und des Aufbaus deutscher Städte aus einer besonderen fachlichen Perspektive: einer diskursgrammatischen. Diese basiert auf dem Grundgedanken, dass nicht nur Wörter und Bezeichnungen das Verhältnis zu geschichtlichen Ereignissen prägen, sondern auch Formulierungsweisen, die unterhalb der Schwelle der bewussten Wahrnehmung liegen. Eine grammatische Form wie das Vorgangspassiv beispielsweise setzt in der Beschreibung der Zerstörungsereignisse den Fokus auf das Geschehen: Die Innenstadt wurde zerstört. Zugleich gewinnt in der passivischen Perspektive der Zerstörungsgrad an Bedeutung (Die Innenstadt wurde weitgehend, enorm... zerstört). Im Themenfeld des Städteaufbaus wird durch das Funktionsverb erfolgen (der Aufbau erfolgte) die Nominalisierung (der Aufbau) in eine Handlungskategorie verwandelt.
Und doch ist der notwendige Aufbau ein hart umkämpftes Feld, in dem die Städte unterschiedliche Wege beschritten haben: vom historisierenden Wiederaufbau über das funktionsorientierte Neue Wohnen bis zur städtebaulichen Avantgarde. Immer auch werfen Aufbauprojekte Fragen der Sichtbarkeit von Geschichte und Vergangenheit auf.
In den Züricher Vorlesungen 1997 beklagt Sebald (2013:11f.), dass die „in der Geschichte bis dahin einzigartige Vernichtungsaktion (...) nur in Form vager Verallgemeinerungen“ in die Annalen eingegangen ist und keinerlei Schmerzensspur im kollektiven Bewusstsein hinterlassen hat. Im Unterschied zu dieser „linguistischen Laubsägearbeit“ (Sebald 2013:64) existieren aus seiner Sicht nur wenige Werke, die die Zerstörungserfahrung angemessen nachvollziehen wie z.B. der dokumentarische Gestus zur Darstellung des Unfassbaren in Alexander Kluges Fresko von der Zerstörung Halberstadts (vgl. Baumgart 1999:2; van Hoorn 2016:221f.). In dem unter Luftkrieg und Literatur erschienenen Band führt Sebald schließlich das Grauen des area bombing in Form von nahezu unkommentierten Fotografien vor Augen. Hinter Schuttbergen, auf denen große dunkle Holzkreuze stehen, sind jene zu Visiotypen (Pörksen 2000) geronnenen Häuserskelette erkennbar, die bereits in der frühen Nachkriegsliteratur als „beredte Synekdochen, laute Metonymien des Krieges“1 beschrieben worden sind. Daneben zeigt Sebald fotografische Vergleiche, die vermutlich einem Bildband und einer Postkarte entstammen, und auf denen sich die von ihm identifizierte gesellschaftliche Verdrängungsstrategie der Luftkriegserfahrung offenbart:
Nicht als das grauenvolle Ende einer kollektiven Aberration erscheint also diese totale Zerstörung, sondern, sozusagen, als die erste Stufe des erfolgreichen Wiederaufbaus. (Sebald 2013: 14)
So erstrahlt Frankfurt in den 1990er Jahren in einem eigenwilligen Kontrast aus Alt und Neu: Hinter dem historistischen Römerviertel mit seinen schmalen Giebelhäuschen ragt die imposante Bankensilhouette der europäischen Finanzmetropole hervor, als die sich die Weltstadt am Main heute inszeniert. Über die „Krämerstraße“ heißt es in der Original-Bildunterschrift „Schöner und breiter erstand sie wieder“ (Sebald 2013:14). Dabei geht es Sebald weniger um eine Kritik an der Ästhetisierung des Wiederaufbaus oder der Trümmerlandschaften als vielmehr um die bisher unausgeschöpften Möglichkeiten, den „Interimszustand(s) des Zerstörtseins“ dauerhaft zu vergegenwärtigen (vgl. Mielke 2007:134).
Bereits in der frühen Nachkriegszeit wurde die „blindwütige Aufbaulust“ der „Interpretationselite“ zum Prisma der Kritik an der Weigerung, die Erfahrung des Kriegsendes ins kollektive Selbstverständnis zu integrieren:
Den Deutschen konnte gar nichts besseres passieren, (sic) als die vollkommene Zerstörung von Städten und Existenzen – die Sorge ums Überleben ist Vorwand, die blindwütige Aufbaulust ist Kompensation. Solche Bewertungen kollektiver nachkriegsdeutscher Verweigerung durchziehen den Diskurs über den gesamten hier betrachteten Zeitraum. (Kämper 2005:146)
Aus diesen Beobachtungen zur integrativen Darstellung der Themen „Zerstörung“ und „Aufbau“ in verschiedenen klassischen und neueren Formaten der Erinnerungskultur ergibt sich die Frage nach der Verschränkung dieser beiden Diskurse im Rahmen der städtischen Erinnerungskultur. Dabei stellt sich für diese Formen der kollektiven Bewältigung immer auch die kulturkritische Frage nach Verdrängung und Machteffekten. Im Sinne einer kritischen Diskursanalyse rückt Kumiega (2012:33) den Begriff der Diskursverschränkung in die Nähe der Foucaultschen Definition eines machtpolitisch wirksamen Dispositivs, das im späteren Analysekapitel einen zentralen Bezugspunkt der framesemantischen Beschreibung impliziter Wissensinhalte darstellen wird (vgl. Kap. 6.2).
Sprachlich beginnt für Sebald die Verdrängung und verrätselnde Darstellung des Bombenkriegs, der in deutschen Städten 305.000 bis 600.000 Zivilpersonen das Leben gekostet hat, mit den stereotyp anmutenden Formulierungen der Augenzeugenberichte. Diese würden ihre Leidenserfahrung verdecken
hinter einschlägigen Formulierungen wie „ein Raub der Flammen“, „verhängnisvolle Nacht“, „es brannte lichterloh“, „die Hölle war los“, „starrten wir ins Inferno“, „das furchtbare Schicksal der deutschen Städte“ und dergleichen mehr. (Sebald 2013:32)
Formelhafte Phrasen wie „‚(a)n jenem Tag, an dem unsere schöne Stadt dem Erdboden gleichgemacht wurde‘“, wie sie in ähnlich konventionalisierter Form auch in den Tagebucheinträgen Klemperers über „das Ende von Dresden“ zu finden seien (vgl. Sebald 2013:32 mit Bezug auf Klemperer 1995:661ff.), hält Sebald für Gesten der Abwehr traumatischer Erinnerungen. Der Schriftsteller Timm, 1940 geboren, der den Hamburger Feuersturm 1943 als kleiner Junge miterlebt hat, gibt Beispiele von dichten verblosen Konstruktionen, die durch Wiederholung das Unfassbare „erzählbar“ gemacht haben:
Das Eigentümliche war, wie der Schock, der Schreck, das Entsetzen durch das wiederholte Erzählen langsam fasslich wurden, wie das Erlebte langsam in seinen Sprachformeln verblasste: Hamburg in Schutt und Asche. Die Stadt ein Flammenmeer. Der Feuersturm. (Timm zitiert nach Assmann 2006:191, Hervorh. i. O.)
Kurz vor dem 60. Gedenkjahr des Kriegsendes setzt Assmann (2006:189) zufolge ein „Zurückfluten der Erinnerungen“ ein, das die Auflösung des von Sebald beschriebenen Erinnerungstabus ab den Jahren 2002/2003 markiert. Weil, so Assmanns (2006:188) Erklärung,
die jüdische Opfererfahrung im Gedächtnis der Deutschen verankert ist, können andere Leidensgeschichten in dieses Bild mit eingezeichnet werden, ohne das gesamte Gefüge zu verschieben.
So hat die Opfergruppe der vom Bombenkrieg traumatisierten Zivilbevölkerung in der öffentlichen Aufmerksamkeit neben den Holocaustopfern Platz. Assmann (2006:188) wertet dies als Indiz dafür, dass die historischen Zusammenhänge des Bombenkriegs im kollektiven Bewusstsein verankert sind.2
Die vorliegende Studie setzt sich zum Ziel, den Prozess der Verfestigung, der Konventionalisierung und ggf. das Abstrakterwerden der sprachlichen Repräsentation der Städtezerstörung im Zweiten Weltkrieg und des Aufbaus an der Schwelle zur Kollektivierung der Erinnerungskultur(en) diskurslinguistisch zu beschreiben. Gewählt wird dafür ein diskursgrammatischer Ansatz, der bei grammatischen Varianten von Schlüsselwörtern ansetzt, um syntagmatische Kotextmuster und weitere emergente Musterbildungen (POS-Gramme, verbalgrammatische Gestaltungen u.a.) induktiv zu ermitteln. Auch die korpuslinguistische Mustersuche, der Einsatz quantifizierender Tools und die Annotation werden als epistemische Faktoren für die Darstellung von Mustern aufgefasst. Alle korpuslinguistischen Verfahren sind somit in einen qualitativen Forschungsprozess eingebettet. Dieser beginnt bei der Korpusbildung durch die Anlage verschiedener variierender Teil- und Kontrastkorpora und konzentriert sich danach auf die Auswahl jenes Sprachmaterials, das nach Wortarten automatisch getaggt, teilweise manuell annotiert und schließlich mit Blick auf die Diskursfunktion interpretiert wird. Die hier eingenommene diskursgrammatische Perspektive basiert auf der Grundüberlegung der funktionalen Grammatiken, dass sich das grammatische Potential sprachlicher Konstruktionen und Mehrwo...