Einstiegsfall: Agile Transformation bei Bosch
Eigentlich, meinte Anna K., hatte sie alles richtig gemacht. Nach einem anstrengenden BWL-Studium mit viel Mathematik, Planungsmethoden und exzellenten Noten gelang ihr der Karriereschritt zur Projektleiterin in einem großen Unternehmen. Verunsichert hat sie eine Tagung mit dem Titel: „Mut zur Veränderung“. Organisation und Kontrolle seien Erbhöfe von gestern, heißt es nun dort, „Being Agil“ sei angesagt. „Was ist nun richtig?“ fragt sie sich besorgt, die traditionelle analytische Planung oder aber agiles, experimentelles Lernen? Ein Blick in die Praxis hilft weiter: Planmäßiges Lernen ist die Lösung.
„Hybrid Power – Projektmanagement im Wandel“: In diesem Vortrag machen Stephan Wohlfahrt und Thilo Köder von der Robert Bosch GmbH deutlich, dass dort sowohl klassisch planbasierte als auch agile Vorgehensweisen die gelebte Praxis sind. Die agile Transformation wird notwendig, weil Marktschwankungen zunehmen (Volatilität), die Erwartungen der Mitarbeiter sich verändert haben (New Work), Kommunikation über das Internet vermittelt wird (Social Media), Kunden vernetzte Lösungen erwarten (Internet der Dinge), die Anforderungen an Konnektivität wachsen (Elektromobilität) und Internet-Startups und -Konzerne (wie Apple, Google und Alibaba) zu Konkurrenten von etablierten Industrieunternehmen werden. Hybrides Projektmanagement ist unter den Bedingungen der Wiederholbarkeit, Vorhersagbarkeit und Steuerung planbasiert und agil, wenn Flexibilität und Umgang mit Unsicherheit wichtig sind.
Selbstorganisierte, agile Teams arbeiten anders als die klassisch-bürokratische Befehlskette und haben ihre Stärken, wenn Anforderungen und Lösungen unklar sind; sie sind weniger geeignet für Routineoperationen wie Instandhaltung, Einkauf und Rechnungswesen und wenn Fehler nicht zulässig sind. Vorgesetzte sagen den Teammitgliedern wo sie etwas verändern sollen, aber nicht wie. Entstanden in der Softwareentwicklung, findet sich dieses Konzept heute in vielen Industrie- und Dienstleistungsunternehmen, vor allem in der Produktentwicklung, im Marketing und im Personalbereich. Entscheidend ist wie diese Teams mit dem Rest der Organisation zusammenarbeiten. Rigby et al. (2018, S. 94) stellen dazu fest: „Sogar die am meisten fortgeschrittenen agilen Unternehmen – Amazon, Spotify, Google, Netflix, Bosch, Saab, SAP, Salesforce, Riot Games, Tesla, und SpaceX, um nur einige zu nennen – operieren mit einem Mix von agilen Teams und traditionellen Strukturen.“
In dieser Liste der Avantgarde agiler Unternehmen ist Bosch neben Saab das einzige industrielle Traditionsunternehmen. Die Frage „Was macht Bosch anders?“ ist besonders geeignet um die Themen anzureißen, die uns in diesem Buch beschäftigten.
Fragen:
- 1.
Grundlagen: Setzen auch andere Traditionsunternehmen auf mehr Agilität? Sind agile Werte und Methoden immer wirksamer? Ist der Gegensatz zwischen Planung und agiler Entstehung neu in der Managementlehre? Wer entscheidet und warum? Ist Bosch an der Börse? Warum nicht? Warum heißen im englischen Geschäftsbericht die Mitarbeiter „Associates“ und nicht „Employees“ und wie wirken diese mit?
- 2.
Ziele: Woran lässt sich der Erfolg (oder Misserfolg) von Bosch messen und wie wird darüber berichtet? Welche Bedeutung hat die strategische Unsicherheit für die Branchen, in denen Bosch tätig ist? Welchen Stellenwert hat das Thema Nachhaltigkeit und was wird darunter verstanden?
- 3.
Strategien: Die Digitalisierung führt zu neuen Geschäftsmodellen. Welche Bedeutung haben vernetzte, smarte Produkte für Bosch. Bestehen Synergien zwischen den Geschäften von Bosch? Ist denkbar, dass Bosch von einem Zulieferer (u. a. auch für Tesla) zu einem Hersteller von Mobilität wird?
- 4.
Organisation: Sollten Industrieunternehmen sich wie Internet-Startups aufstellen? Gab es nicht immer schon Hierarchie, selbstorganisierte Teams und weitere Formen als Koordinationssysteme und welche Rolle spielt die Organisationskultur? Gibt es so etwas wie eine Bosch-DNA?
- 5.
Internationale Strategie und Organisation: Sollte man Produkte und Dienstleistungen weltweit standardisiert anbieten oder lokal anpassen. Oder kann man beides tun?
Quellen: Bosch-Geschäftsbericht 2019, www.bosch.com und https://blog.bosch-si.com/future-of-work/agility-at-bosch-software-innovations/, abgefragt am 20.06.2020; Köder, T./Wohlfahrt, S.: Hybrid Power – Projektmanagement im Wandel. Präsentation der Robert Bosch GmbH. In: www.projektmagazin.de, abgefragt am 30.12.2018 und Bosch Corporate PM Team, 2020 (unveröffentlicht); Rigby, D. K./Sutherland, J./Noble, A.: Agile at Scale. In: Harvard Business Review 2018, Mai–Juni, S. 88–96.