3.1 Macht zur Deutung / Macht der Deutung
Im Fall der Predigt vollzieht sich Deutung in Form einer wesentlich diskursiven Praxis, die sich historisch als ein Adressierungsgeschehen mit einer privilegierten Sprecherrolle stabilisiert hat.10 Die analytische Ausdifferenzierung des Deutungsmachtkonzepts im Sinne eines genitivus obiectivus („Macht zur Deutung“) und genitivus subiectivus („Macht der Deutung“) erweist sich daher für die Zusammenhänge des Predigens als durchaus plausibel.11 Nicht jeder Akteur hat die Chance, im Rahmen der Predigt das Wort zu ergreifen und seine Sicht auf Welt präsent zu machen. Die Art der Partizipation an dieser Deutungspraxis ist reglementiert. Zugleich dürfte es zu den Grunderfahrungen auch der Predigtrezeption gehören, dass mit der Befugnis zu reden noch nicht über den Einfluss der Rede entschieden ist. Das Recht, die Position der Sprechenden zu beziehen, verbürgt nicht, dass die von hier aus kommunikativ eingespielten Deutungen einen Unterschied für die Selbstverständigungsvollzüge der Adressaten machen.12 Die Macht der Deutung fällt mit der Macht zur Deutung folglich nicht einfach in eins.
Nun verlangt dieses Verhältnis einen nochmals detaillierteren Blick. Beginnt man zu fragen, wodurch die Macht zur Deutung im Fall der Predigt konstituiert ist, tritt ein verzweigtes Geflecht heterogener Elemente zutage. In ihm finden sich kirchliche Rechtstexte (‚Kanzelrecht‘), theologische Diskurse um Bildung, rituelle performances (‚Investitur‘), kulturell etablierte Leitcodes (‚öffentlich/privat‘), vestimäre Artefakte (‚Talar‘), universitäre Prüfungspraktiken, architektonische Arrangements (‚Kanzel‘) oder geographische Ordnungen (‚Parochie‘). Schon ohne den Verbindungen in diesem „Netz“ nachzugehen, erweist sich die Macht zur Deutung im Zusammenhang des Predigens als komplex disponiert.13
Die Spezifik, aber auch Dynamik solcher Machtgeflechte kann ein kurzer Seitenblick auf die Kasualien verdeutlichen. Tatsächlich nehmen sich die Bedingungen, unter denen sich die Macht zur Deutung etwa im Feld der Bestattung aufbaut, noch einmal anders aus. Nicht nur sehen Trauerfeierpraktiken regelmäßig mehrere oratorische Rollen vor;14 auch ihre Besetzung ist hier anders gestaltet, gerade wenn man sich der Bestattungspraxis über die sog. freien Redner nähert. Das Rederecht wird hier nicht nach einer institutionellen Logik erteilt, sondern nach der Logik einer privaten Auftragsrede erlangt, in der jedoch die Bestattungsinstitute als Mittler fungieren. Entsprechend werden Listen mit Rednerkontakten relevant sowie Praktiken der Kundenberatung, ferner Musterreden oder Formen der Selbstpräsentation und -legitimierung15.
Der Vergleich zeigt, dass die Macht zur Deutung im Fall der Predigt nicht nur komplex disponiert ist, sondern dass die Elemente, aus denen sie sich aufbaut, für unterschiedliche Redesituationen auch variieren und Veränderungen unterliegen.16 Vor allem aber führt das Beispiel vor Augen, dass Deutungsmacht im genitivus obiectivus mit Vollzügen der Selbstpräsentation und -legitimierung verkoppelt ist. Was hier als eigenständiger Gegenstand der Kommunikation im Wettbewerb um Erlangung von Deutungsmacht greifbar wird, markiert rhetorisch besehen einen Basisaspekt jeglicher Redepraxis, der unter dem Titel des ἦθος als persuasives Mittel bedacht wird und folglich der Deutungsmacht im genitivus subiectivus zuträgt.17 Teilt man dabei die rhetorische Einsicht, dass das ἦθος immer auch eine kommunikative Variable darstellt, die in actu des rednerischen Deutungsvollzugs hervorgebracht und enaktiert wird, dann gestaltet sich das Verhältnis der beiden Deutungsmachtaspekte nochmals verwickelter. Die Macht zur Deutung erscheint dann nicht mehr als der Predigtpraxis vorgängiges, situationsexternes Moment, sondern avanciert zum integralen Part des Redevollzugs und seiner Wirkungsmacht selbst. Die Unterscheidung zwischen der Macht zur Deutung und der Macht der Deutung wird damit mindestens unschärfer; sie verquickt sich zu einem in sich komplexen rhetorischen Akt, in dem sich beide Aspekte zirkulär aufbauen.
Diese Verschränkung ist nun für eine Analytik der Deutungsmacht der Predigt besonders virulent, scheint doch auf dem Feld der religiösen Rede, wie es sich gegenwärtig ausnimmt, die ‚Amtsmacht‘ des Sprechers die Macht seiner Deutung tatsä...