Machtvergessenheit
eBook - ePub

Machtvergessenheit

Deutungsmachtkonflikte in praktisch-theologischer Perspektive

  1. 361 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
eBook - ePub

Machtvergessenheit

Deutungsmachtkonflikte in praktisch-theologischer Perspektive

Über dieses Buch

Das Konzept der Deutungsmacht fragt nach der Macht zur Deutung und der Macht der Deutung. Es reagiert damit auf die latente Machtvergessenheit hermeneutischer Tradition, profiliert sowohl die Arbeit am Deutungs- als auch am Machtbegriff und versucht, die Verschränkungen von Deutungs- und Machtprozessen aufzuzeigen. Dabei werden besonders konkurrierende Deutungen und ihre konfligierenden Geltungsansprüche in den Blick genommen.

Dieser Band entfaltet das Potential von Deutungsmachtanalysen erstmalig innovativ und multiperspektivisch im Kontext praktisch-theologischer Reflexion. In einem ersten Teil werden Grundfragen der Deutungsmachtanalyse aufgenommen und entfaltet, wie das Fach Praktische Theologie überhaupt von Fragen der Macht affiziert werden kann. Dabei werden auch das modale Machtverständnis und die Diskursanalyse Foucaults auf die Praktische Theologie bezogen. Grundlegende Diskurse wie die des Alterns oder der Kulturhermeneutik werden entsprechend deutungsmachtaffin erschlossen.

In einem zweiten Teil werden Formen religiöser und kirchlicher Kommunikation auf Phänomene von Deutungsmachtansprüchen hin untersucht und die rhetorischen, metaphorischen und performativen Strategien der Aufmerksamkeitserzeugung und der Vermittlung von Evidenzansprüchen kritisch freigelegt. Dabei werden verschiedene Handlungsfelder der Praktischen Theologie berücksichtigt wie z.B. Liturgik und Homiletik, Kasualien, Seelsorge, Kybernetik, Diakonie und Religionspädagogik.

375,005 Studierende vertrauen auf uns

Zugang zu über 1 Million Titeln zu einem fairen monatlichen Preis.

Mit unseren Lerntools kannst du noch effizienter lernen.

Information

Jahr
2021
ISBN drucken
9783110632088
eBook-ISBN:
9783110632347

II Deutungsmachtkonflikte in praktisch-theologischen Handlungsfeldern

Deutungsmacht und Predigtpraxis

Zur Materialität und Diskursivität rhetorischer Überzeugungskraft
Manuel Stetter

1 Einführung: Sine vi humana, sed verbo

„[S]ine vi humana, sed verbo.“ – Fragt man nach dem Modus, in dem die Ausübung von Macht im Raum der Religion bestenfalls zu erfolgen habe, wird man protestantischerseits an der berühmten Formel aus dem Schlussartikel der Confessio Augustana nicht vorbeikommen. In Fragen der Macht verweisen die Reformatoren auf das Wort und grenzen sie von der Gewaltanwendung ab.1 Was vom Machtgedanken her als eine erhebliche Limitierung erscheinen mag, lässt sich im Blick auf das Wort als eine markante Potenzierung deuten. So werden nicht nur die Mächtigen auf die Praxis verbaler Kommunikation behaftet; zugleich wird die verbale Kommunikation als wirkmächtige Praxis unterstellt.
Es ist diese eigentümliche Liaison von Macht und Wort, über die die protestantische Tradition der Verständigung über Religion mit der rhetorischen Tradition der Verständigung über Kommunikation verbunden ist und ein Gespräch führt, das insbesondere im Bereich des homiletischen Nachdenkens Gestalt gewinnt.
Was sich aus diesem Gespräch für eine Reflexion auf das Verhältnis von Macht und Wort gewinnen lässt, soll im Folgenden erkundet werden. Dazu ist zunächst zu präzisieren, was mit den Chiffren ‚Wort‘ und ‚Macht‘ im Reflexionskontext der Predigt genauerhin gemeint sein kann (2). Vor diesem Hintergrund werden sodann detailliertere Analysen versucht, denen es vor allem darum geht, die Frage nach der Konstitution von Macht im Vollzug religiöser Rede nicht mit dem Verweis auf diskursive Verfahren schon beantwortet sein zu lassen; anhand einer empirischen Fallanalyse soll die Relevanz auch der Materialität verbaler Praxis für die Machtfrage ausgelotet werden (3). Ein Resümee wird die Fäden bündeln (4).

2 Annäherung: Gemachte Macht

Dass mit dem Problem der Macht im Fall der Predigt die Frage der Deutungsmacht aufgerufen ist, dürfte unstrittig sein. Jedenfalls ist es ein Topos der homiletischen Forschung, die Predigt als ein Deutungsgeschehen zu begreifen. Liegt dies schon traditionell durch ihre Bestimmung als Schriftauslegung nahe, waren es nicht zuletzt die Impulse der neueren hermeneutischen Tradition, durch die der Kanzelrede ein betont interpretativer Zug beigemessen wurde: Sofern Textverstehen stets ein Sichselbstverstehen involviert, beschreibt die Predigt durchgängig ein Geschehen, das im Wechselspiel von Bibelinterpretation und Lebenswelthermeneutik nach „Möglichkeiten menschlichen Seins“ fragt.2
Kommt die Predigt damit als ein Medium der Selbstdeutung3 zu stehen, konkretisiert sich die Machtfrage homiletisch zum Problem der Deutungsmacht, wie es im Horizont des gleichnamigen Rostocker Graduiertenkollegs ausgearbeitet wurde.4 Ausgehend von den dortigen Begriffsbestimmungen und in heuristischer Absicht soll unter ‚Deutungsmacht‘ im Folgenden die Möglichkeit verstanden werden, deutend „einen Unterschied [zu] machen“5, also einen Einfluss zu entfalten, der etwas möglich, wirklich oder anders werden lässt, das ohne diesen Deutungsvollzug nicht in gleicher Weise möglich, wirklich oder anders geworden wäre.6
Formuliert man so, ist deutlich, dass Macht nicht ausschließlich pejorativ verstanden wird. Entgegen dem alltäglichen Sprachgebrauch, wonach Macht häufig auf repressive Einwirkung abonniert ist, die Spielräume des Denkens und Handelns einschränkt, kann Macht solche auch etablieren. Jedenfalls wirkt sie nicht nur im Modus des „Verbot[s]“ oder „Neinsagen[s]“, wie Foucault prominent festgehalten hat; Macht ist stets auch produktiv.7 Ferner zeigt die Formulierung an, dass Macht nicht handlungstheoretisch engzuführen ist. Ein Modell, demzufolge Macht einseitig auf souveräne Akteure zurückgeführt wird, die über sie im Sinne einer Habe verfügen, um sich durch sie zur Ursache von Wirkungen zu machen, verkennt die Komplexität der Konstitution auch von Deutungsmacht.8
Vor diesem Hintergrund könnte es sich m. E. als weiterführend erweisen, zur Erkundung der Deutungsmacht eine stärker praxeologisch informierte Perspektive einzunehmen. Man hätte dann bei der Praxis der Deutung, nicht ihrem Subjekt anzusetzen, und von hier aus für die jeweiligen Vollzugsformen des Deutens die Modi zu erkunden, in denen Diskurse, Körper, Räume, Objekte, Techniken, Rollen etc. hier je spezifisch involviert sind und zur Konstitution von Deutungsmacht beitragen. Dadurch werden deutlich komplexere Beschreibungen möglich, als sie handlungstheoretischen Optiken zugänglich sind, und Deutungsmacht als etwas beschreibbar, das prozesshaft, verteilt, heterogen und vor allem auch im Vollzug immer wieder neu ‚gemacht‘ wird.9

3 Analysen: Deutungsmacht im rhetorischen Vollzug der Predigt

3.1 Macht zur Deutung / Macht der Deutung

Im Fall der Predigt vollzieht sich Deutung in Form einer wesentlich diskursiven Praxis, die sich historisch als ein Adressierungsgeschehen mit einer privilegierten Sprecherrolle stabilisiert hat.10 Die analytische Ausdifferenzierung des Deutungsmachtkonzepts im Sinne eines genitivus obiectivus („Macht zur Deutung“) und genitivus subiectivus („Macht der Deutung“) erweist sich daher für die Zusammenhänge des Predigens als durchaus plausibel.11 Nicht jeder Akteur hat die Chance, im Rahmen der Predigt das Wort zu ergreifen und seine Sicht auf Welt präsent zu machen. Die Art der Partizipation an dieser Deutungspraxis ist reglementiert. Zugleich dürfte es zu den Grunderfahrungen auch der Predigtrezeption gehören, dass mit der Befugnis zu reden noch nicht über den Einfluss der Rede entschieden ist. Das Recht, die Position der Sprechenden zu beziehen, verbürgt nicht, dass die von hier aus kommunikativ eingespielten Deutungen einen Unterschied für die Selbstverständigungsvollzüge der Adressaten machen.12 Die Macht der Deutung fällt mit der Macht zur Deutung folglich nicht einfach in eins.
Nun verlangt dieses Verhältnis einen nochmals detaillierteren Blick. Beginnt man zu fragen, wodurch die Macht zur Deutung im Fall der Predigt konstituiert ist, tritt ein verzweigtes Geflecht heterogener Elemente zutage. In ihm finden sich kirchliche Rechtstexte (‚Kanzelrecht‘), theologische Diskurse um Bildung, rituelle performances (‚Investitur‘), kulturell etablierte Leitcodes (‚öffentlich/privat‘), vestimäre Artefakte (‚Talar‘), universitäre Prüfungspraktiken, architektonische Arrangements (‚Kanzel‘) oder geographische Ordnungen (‚Parochie‘). Schon ohne den Verbindungen in diesem „Netz“ nachzugehen, erweist sich die Macht zur Deutung im Zusammenhang des Predigens als komplex disponiert.13
Die Spezifik, aber auch Dynamik solcher Machtgeflechte kann ein kurzer Seitenblick auf die Kasualien verdeutlichen. Tatsächlich nehmen sich die Bedingungen, unter denen sich die Macht zur Deutung etwa im Feld der Bestattung aufbaut, noch einmal anders aus. Nicht nur sehen Trauerfeierpraktiken regelmäßig mehrere oratorische Rollen vor;14 auch ihre Besetzung ist hier anders gestaltet, gerade wenn man sich der Bestattungspraxis über die sog. freien Redner nähert. Das Rederecht wird hier nicht nach einer institutionellen Logik erteilt, sondern nach der Logik einer privaten Auftragsrede erlangt, in der jedoch die Bestattungsinstitute als Mittler fungieren. Entsprechend werden Listen mit Rednerkontakten relevant sowie Praktiken der Kundenberatung, ferner Musterreden oder Formen der Selbstpräsentation und -legitimierung15.
Der Vergleich zeigt, dass die Macht zur Deutung im Fall der Predigt nicht nur komplex disponiert ist, sondern dass die Elemente, aus denen sie sich aufbaut, für unterschiedliche Redesituationen auch variieren und Veränderungen unterliegen.16 Vor allem aber führt das Beispiel vor Augen, dass Deutungsmacht im genitivus obiectivus mit Vollzügen der Selbstpräsentation und -legitimierung verkoppelt ist. Was hier als eigenständiger Gegenstand der Kommunikation im Wettbewerb um Erlangung von Deutungsmacht greifbar wird, markiert rhetorisch besehen einen Basisaspekt jeglicher Redepraxis, der unter dem Titel des ἦθος als persuasives Mittel bedacht wird und folglich der Deutungsmacht im genitivus subiectivus zuträgt.17 Teilt man dabei die rhetorische Einsicht, dass das ἦθος immer auch eine kommunikative Variable darstellt, die in actu des rednerischen Deutungsvollzugs hervorgebracht und enaktiert wird, dann gestaltet sich das Verhältnis der beiden Deutungsmachtaspekte nochmals verwickelter. Die Macht zur Deutung erscheint dann nicht mehr als der Predigtpraxis vorgängiges, situationsexternes Moment, sondern avanciert zum integralen Part des Redevollzugs und seiner Wirkungsmacht selbst. Die Unterscheidung zwischen der Macht zur Deutung und der Macht der Deutung wird damit mindestens unschärfer; sie verquickt sich zu einem in sich komplexen rhetorischen Akt, in dem sich beide Aspekte zirkulär aufbauen.
Diese Verschränkung ist nun für eine Analytik der Deutungsmacht der Predigt besonders virulent, scheint doch auf dem Feld der religiösen Rede, wie es sich gegenwärtig ausnimmt, die ‚Amtsmacht‘ des Sprechers die Macht seiner Deutung tatsä...

Inhaltsverzeichnis

  1. Title Page
  2. Copyright
  3. Contents
  4. Einleitung Wider die (hermeneutische) Machtvergessenheit – Deutungsmachtanalyse als Querschnittsdimension praktisch-theologischer Reflexion
  5. I Deutungsmacht und Grundfragen der Praktischen Theologie
  6. II Deutungsmachtkonflikte in praktisch-theologischen Handlungsfeldern
  7. Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

Häufig gestellte Fragen

Ja, du kannst dein Abo jederzeit über den Tab Abo in deinen Kontoeinstellungen auf der Perlego-Website kündigen. Dein Abo bleibt bis zum Ende deines aktuellen Abrechnungszeitraums aktiv. Erfahre, wie du dein Abo kündigen kannst
Nein, Bücher können nicht als externe Dateien, z. B. PDFs, zur Verwendung außerhalb von Perlego heruntergeladen werden. Du kannst jedoch Bücher in der Perlego-App herunterladen, um sie offline auf deinem Smartphone oder Tablet zu lesen. Erfahre, wie du Bücher herunterladen kannst, um sie offline zu lesen
Perlego bietet zwei Abopläne an: Elementar und Erweitert
  • Elementar ist ideal für Lernende und Profis, die sich mit einer Vielzahl von Themen beschäftigen möchten. Erhalte Zugang zur Basic-Bibliothek mit über 800.000 vertrauenswürdigen Titeln und Bestsellern in den Bereichen Wirtschaft, persönliche Weiterentwicklung und Geisteswissenschaften. Enthält unbegrenzte Lesezeit und die Standardstimme für die Funktion „Vorlesen“.
  • Pro: Perfekt für fortgeschrittene Lernende und Forscher, die einen vollständigen, uneingeschränkten Zugang benötigen. Schalte über 1,4 Millionen Bücher zu Hunderten von Themen frei, darunter akademische und hochspezialisierte Titel. Das Pro-Abo umfasst auch erweiterte Funktionen wie Premium-Vorlesen und den Recherche-Assistenten.
Beide Abopläne sind mit monatlichen, halbjährlichen oder jährlichen Abrechnungszyklen verfügbar.
Wir sind ein Online-Lehrbuch-Abo, bei dem du für weniger als den Preis eines einzelnen Buches pro Monat Zugang zu einer ganzen Online-Bibliothek erhältst. Mit über 1 Million Büchern zu über 990 verschiedenen Themen haben wir bestimmt alles, was du brauchst! Erfahre mehr über unsere Mission
Achte auf das Symbol zum Vorlesen bei deinem nächsten Buch, um zu sehen, ob du es dir auch anhören kannst. Bei diesem Tool wird dir Text laut vorgelesen, wobei der Text beim Vorlesen auch grafisch hervorgehoben wird. Du kannst das Vorlesen jederzeit anhalten, beschleunigen und verlangsamen. Erfahre mehr über die Funktion „Vorlesen“
Ja! Du kannst die Perlego-App sowohl auf iOS- als auch auf Android-Geräten nutzen, damit du jederzeit und überall lesen kannst – sogar offline. Perfekt für den Weg zur Arbeit oder wenn du unterwegs bist.
Bitte beachte, dass wir Geräte, auf denen die Betriebssysteme iOS 13 und Android 7 oder noch ältere Versionen ausgeführt werden, nicht unterstützen können. Mehr über die Verwendung der App erfahren
Ja, du hast Zugang zu Machtvergessenheit von Thomas Klie, Martina Kumlehn, Ralph Kunz, Thomas Schlag, Thomas Klie,Martina Kumlehn,Ralph Kunz,Thomas Schlag im PDF- und/oder ePub-Format sowie zu anderen beliebten Büchern aus Theology & Religion & Biblical Studies. Aus unserem Katalog stehen dir über 1 Million Bücher zur Verfügung.