
- 160 Seiten
- German
- ePUB (handyfreundlich)
- Über iOS und Android verfügbar
eBook - ePub
Über dieses Buch
Jesus von Nazareth predigte vor zwei Jahrtausenden in einer entlegenen Randregion des Römischen Weltreiches, die man zu Fuß in wenigen Stunden durchqueren konnte. Und doch hat seine Lehre die Weltgeschichte verändert. Wissenschaftler haben sich auf die Spur des Nazareners begeben. Die Ergebnisse der Forscher sind Bruchstücke aus einer fernen Zeit, die – gleich den Teilen eines Puzzles – zu einem faszinierenden Bild zusammengefügt werden.Der Journalist und Historiker Cay Rademacher hat auf der Grundlage der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse eine moderne Biografie geschrieben über Jesus und die Welt, in der er wirkte.
Häufig gestellte Fragen
Ja, du kannst dein Abo jederzeit über den Tab Abo in deinen Kontoeinstellungen auf der Perlego-Website kündigen. Dein Abo bleibt bis zum Ende deines aktuellen Abrechnungszeitraums aktiv. Erfahre, wie du dein Abo kündigen kannst.
Nein, Bücher können nicht als externe Dateien, z. B. PDFs, zur Verwendung außerhalb von Perlego heruntergeladen werden. Du kannst jedoch Bücher in der Perlego-App herunterladen, um sie offline auf deinem Smartphone oder Tablet zu lesen. Weitere Informationen hier.
Perlego bietet zwei Abopläne an: Elementar und Erweitert
- Elementar ist ideal für Lernende und Profis, die sich mit einer Vielzahl von Themen beschäftigen möchten. Erhalte Zugang zur Basic-Bibliothek mit über 800.000 vertrauenswürdigen Titeln und Bestsellern in den Bereichen Wirtschaft, persönliche Weiterentwicklung und Geisteswissenschaften. Enthält unbegrenzte Lesezeit und die Standardstimme für die Funktion „Vorlesen“.
- Pro: Perfekt für fortgeschrittene Lernende und Forscher, die einen vollständigen, uneingeschränkten Zugang benötigen. Schalte über 1,4 Millionen Bücher zu Hunderten von Themen frei, darunter akademische und hochspezialisierte Titel. Das Pro-Abo umfasst auch erweiterte Funktionen wie Premium-Vorlesen und den Recherche-Assistenten.
Wir sind ein Online-Abodienst für Lehrbücher, bei dem du für weniger als den Preis eines einzelnen Buches pro Monat Zugang zu einer ganzen Online-Bibliothek erhältst. Mit über 1 Million Büchern zu über 1.000 verschiedenen Themen haben wir bestimmt alles, was du brauchst! Weitere Informationen hier.
Achte auf das Symbol zum Vorlesen bei deinem nächsten Buch, um zu sehen, ob du es dir auch anhören kannst. Bei diesem Tool wird dir Text laut vorgelesen, wobei der Text beim Vorlesen auch grafisch hervorgehoben wird. Du kannst das Vorlesen jederzeit anhalten, beschleunigen und verlangsamen. Weitere Informationen hier.
Ja! Du kannst die Perlego-App sowohl auf iOS- als auch auf Android-Geräten nutzen, damit du jederzeit und überall lesen kannst – sogar offline. Perfekt für den Weg zur Arbeit oder wenn du unterwegs bist.
Bitte beachte, dass wir Geräte, auf denen die Betriebssysteme iOS 13 und Android 7 oder noch ältere Versionen ausgeführt werden, nicht unterstützen können. Mehr über die Verwendung der App erfahren.
Bitte beachte, dass wir Geräte, auf denen die Betriebssysteme iOS 13 und Android 7 oder noch ältere Versionen ausgeführt werden, nicht unterstützen können. Mehr über die Verwendung der App erfahren.
Ja, du hast Zugang zu Jesus und seine Welt von Cay Rademacher im PDF- und/oder ePub-Format sowie zu anderen beliebten Büchern aus Geschichte & Altertum. Aus unserem Katalog stehen dir über 1 Million Bücher zur Verfügung.
Information
Thema
GeschichteThema
AltertumEin Reich von dieser Welt
Jesu Welt: Das ist eine abgelegene, vergleichsweise arme, ständig unruhige Region in einem der langlebigsten Weltreiche der Geschichte – dem Imperium Romanum.
Jahrhundertelang glich das Mittelmeer einem gigantischen Marktplatz. An seinen Rändern lebten – mal friedlich, oft kriegerisch – unterschiedliche Völker. Das Meer selbst war der Weg für Heere, Waren, Ideen, so dass im Laufe der Jahrhunderte zwar keine gemeinsame Zivilisation, aber doch ein großer Kulturraum entstand.
Vor allem im östlichen Mittelmeerraum – jenem Becken, das von Kleinasien bis etwa zu einer Linie Griechenland-Ägypten reicht – entwickelte sich schon früh eine erstaunliche Vielfalt. Das Reich der Pharaonen, das sich bereits im dritten vorchristlichen Jahrtausend ausgeformt hatte, war 2000 Jahre später immer noch eine Macht, wenn auch eine, die im Untergang begriffen war. In Kleinasien kämpften jahrhundertelang diverse Zivilisationen – die Hethiter etwa, die Lyder, Perser oder das Seefahrervolk der Phönizier – um die Vorherrschaft. Ihre Nachbarn waren die Griechen. Die hatten, zersplittert in Hunderte Stadtstaaten wie Athen, Korinth oder Milet, nicht nur die peloponnesische Halbinsel besiedelt, sondern auch, geschickte Seefahrer, die sie waren, Kolonien gegründet in Kleinasien, an den Schwarzmeerküsten, in Nordafrika und sogar weit im westlichen Mittelmeerraum: in Süditalien, Südfrankreich und Spanien.
Dort, im westlichen Mittelmeerraum, stießen die Griechen auf das Reich der Handelsmetropole Karthago in Nordafrika; auf Etrusker, die Mittelitalien beherrschten; auf Kelten in Frankreich und Iberer in Spanien. Und sie stießen auf eine, zunächst, kleine Stadt an einem Fluss irgendwo in Mittelitalien: auf Rom.
Als Jesus geboren wurde, war diese vielfältige Mittelmeerkultur noch immer gegenwärtig und doch zugleich Vergangenheit. Gegenwärtig, weil die Völker in verschiedenen Sprachen redeten und unterschiedliche Götter verehrten, weil die Griechen noch in ihren Städten saßen und die Kelten in Südfrankreich, weil phönizische Seefahrer noch immer das Meer befuhren und ägyptische Isis-Priesterinnen in Tempeln Opfer darbrachten.
Vergangenheit aber doch auch, weil alle Menschen des Mittelmeerraumes erstmals in der Geschichte dem gleichen Herrn unterworfen waren: dem Kaiser von Rom.
Vor allem Roms Herrschaft über die östliche Hälfte der Mittelmeerwelt war dabei jedoch ein noch vergleichbar neues Phänomen. Die Tiberstadt war als Republik groß geworden, als „Senatus Populusque Romanus“, „Senat und Volk von Rom“: SPQR. Im Senat bestimmten die Oberhäupter mächtiger Adelsfamilien wie der Scipionen die Politik. Roms Bürger, vor allem die Bauern, dienten als Soldaten in der Legion und erhielten im Falle eines Sieges einen angemessenen Anteil von Beute und Land.
So schwang sich die Stadt, vor allem in den Kämpfen gegen den nordafrikanischen Erzrivalen Karthago, im dritten und zweiten vorchristlichen Jahrhundert in endlosen Kriegen zur Beherrscherin des westlichen Mittelmeeres auf. Im Jahr 146 v. Chr. wurde Karthago dem Erdboden gleichgemacht – und Rom wandte sich endgültig ostwärts.
Während die Legionen Griechenland, den Balkan, dann Syrien unterwarfen, veränderte sich der Staat, der sie ausschickte. Schwere, Jahrzehnte währende Bürgerkriege erschütterten während des ersten vorchristlichen Jahrhunderts nun auch Rom selbst: Kämpfe mächtiger Heerführer, die das Gleichgewicht der Macht im Senat nicht länger akzeptieren wollten, sondern zur Alleinherrschaft strebten. Im Jahr 45 v. Chr. hatte sich Julius Caesar gegen alle Rivalen durchgesetzt. Zwar wurde er schon im Jahr darauf von Senatoren erdolcht, doch die Tage der Republik waren endgültig gezählt.
Nach weiteren Kämpfen um das Erbe Caesars ließ sich dessen Neffe und Adoptivsohn Octavian vom Senat im Jahr 27 v. Chr. den Ehrentitel „Augustus“ verleihen, „der Erhabene“. Von nun an war Rom ein Kaiserreich.
Augustus regierte bis 14 n. Chr. – eine ganze Generation lang, länger, als jemals ein römischer Kaiser auf dem Thron sitzen würde. In diesen Jahren formte er den neuen Staat: Der Kaiser stand allein an der Spitze, war oberster Feldherr, höchster Richter, wichtigster Priester in Person. Der Senat blieb als hoch geachtete Institution bestehen, verlor aber viel von der Macht, die er jahrhundertelang innegehabt hatte. Immerhin erwählte der Kaiser aus seinen Reihen viele Männer, die er als Gouverneure und Heerführer in die Provinzen schickte, um die unterworfenen Länder zu sichern, neue Gebiete zu erobern und die Grenzen zu verteidigen.
Doch insgesamt begann mit seiner Herrschaft, nach Jahrhunderten der Eroberungs- und Bürgerkriege, eine der friedlichsten Epochen, die das Abendland je kennen gelernt hatte. Die Menschen mochten Untertanen eines fernen Kaisers sein und somit nicht „frei“ in einem modernen politischen Sinn. Der großen Mehrheit jedoch – nicht nur der Römer, sondern auch der Germanen, Gallier, Iberer, Afrikaner, Syrer und anderer Provinzialen – ging es besser als je zuvor. Rom beendete die Willkürherrschaft lokaler Potentaten und brachte Rechtssicherheit; es schaffte viele Zollgrenzen und andere Handelshemmnisse lokaler Märkte ab und verteilte den Wohlstand eines Weltreiches in alle Regionen.
Als Augustus am 19. August des Jahres 14 n. Chr. starb, hinterließ er seinem Schwiegersohn und Nachfolger Tiberius ein stabiles, prosperierendes Reich, in dem schon lange alle Völker aus den Ländern des östlichen Mittelmeeres ihre Tribute an den Kaiser entrichten mussten. Bereits 30 v. Chr. – und zwar wegen der Kämpfe um Caesars Erbe – war zuletzt Ägypten zur römischen Provinz geworden. Der ganze Nahe Osten war bereits seit gut sieben Jahrzehnten Teil des Imperiums, darunter auch Judäa und Galiläa.
Nach Jahrhunderten der Kriege herrscht in der antiken Welt die Pax Romana. An Spaniens Atlantikküste und in der Judäischen Wüste, am Rhein und am ersten Nilkatarakt – überall stehen Legionen. Überall gelten dieselben Gesetze und zahlt man mit der gleichen Münze. Ein Straßennetz von rund 6000 Kilometer Länge durchzieht das Imperium, im Mittelmeer kreuzen Schiffe fast unbehelligt von Piraten. Die Boten des Kaisers und seine Legionen sind überall im Reich – aber auch Händler, Glücksucher, entflohene Sklaven, Künstler, Touristen. Und mit ihnen zirkulieren Ideen, Gerüchte, Geschichten.
Um zu verstehen, was sich in jenen Jahren Revolutionäres – im Sinne eines neuen Glaubens, einer anderen Spiritualität, anderer Werte, aber auch einer ganz anderen Einstellung zum alltäglichen Leben – im Nahen Osten anbahnte, muss man zunächst den Blick nach Italien lenken, zum Herzen des Imperiums: der Stadt Rom.
Denn Rom – Roms Bürger, Roms Kultur, Roms Reichtum, Roms Moden, Roms Werte – sind Maßstab für die Bevölkerung eines ganzen Weltreiches. Überall in den Provinzen, von Grenzposten wie den späteren Städten Köln oder London bis hin zu den alten Metropolen des Ostens, etwa Athen oder Alexandria, eifern die Menschen Rom nach. Amphitheater und Thermen werden errichtet, um sich so vergnügen zu können wie ein „echter“ Römer, Theater dienen derben Schauspielen, Praetorien der Verwaltung, Kanäle der Hygiene, Basiliken den Gerichtsverhandlungen, Foren dem Markt, dem Klatsch, der politischen Intrige. Rom mit seiner Pracht und Exzentrik, seinem Reichtum und seinem Zynismus, seinen blendenden Tempeln und düsteren Vergnügungsstätten ist weit mehr als „nur“ eine Metropole: Es ist eine geistige Macht, verführerisch und verschlingend. Jede neue Religion, jede strenge zumal, muss mit den gefährlichen Reizen der Tiberstadt konkurrieren – oder lernen, sie sich zunutze zu machen.
Wie aber fühlt sich Rom an, der Mittelpunkt des Imperiums? Wie riecht es? Vielleicht lässt sich der Charakter einer Stadt nur erfassen, wenn man Augen und Ohren für einen Moment verschließt. Wie also fühlt sich Rom an? Wie kühler Marmor? Glatt wie Gold? Warm wie Holz und Ziegel unter der Sonne?
Nein: Rom fühlt sich rau und ein wenig mürbe an wie bröckelnder Beton. Und die Stadt stinkt nicht einfach oder duftet – sie überfordert die Nase mit ihrer Luft. Kot und Urin, Blumen und Honig, Wein und Bronze, der Dunst von Bratenfett und ranzigem Lampenöl, der Staub von zertrümmerten Steinen und Ziegeln, die billigen Duftwässerchen der Straßendirnen und käuflichen Knaben, das sanfte Aroma erlesener Dufthölzer, Pinien in Gärten, Lavendel- und Rosenessenz, Pfeffer, Kardamom und viele weitere Gewürze des Ostens, Blut von Tieren und Menschen – alles schwitzt die Stadt zugleich aus, ohne Unterlass jede Stunde, jeden Tag, Jahr um Jahr, Jahrhundert um Jahrhundert.
Das Wahrzeichen Roms ist nicht der Jupitertempel auf dem Kapitol, mit seiner Front aus sechs weißen ionischen Marmorsäulen, der den Herrn der Götter verherrlicht. Zwar opfern hier täglich Priester und Bürger, die ihre Köpfe mit ihren Togen verhüllt haben. Und so lange sie Jupiter huldigen, so besagt eine Legende, wird Rom bestehen. Doch mit den Herzen sind sie nicht dabei, ihr Ritus ist Ritual geworden. Ist, wenn überhaupt, Aberglaube, nicht Glaube.
Nein, das echte Wahrzeichen Roms, sind seine insulae – die schäbigen, fünf- bis siebengeschossigen Wohnblocks, die fast alle Straßen und Gassen der Stadt säumen, überwölben. Die Wände aus einer dünnen betonähnlichen Masse (siehe Seite 21), die Decken aus Holzbohlen, die Fensterbänder ohne Glas, die Fassaden mit Putz und Ziegeln geschminkt, um die Risse im Mauerwerk zu überdecken, mit hastig eingeschlagenen Stützbalken in manchen Etagen, ohne fließendes Wasser, ohne Heizung, ohne einen einzigen Kamin; hoffnungslos überfüllt, laut, verwanzt und vom Einsturz bedroht, wann immer nachts ein Karren mit schweren Marmorblöcken auf der Straße vorbeirumpelt – das sind die 46 602 Hochhäuser der Tibermetropole.
Rom um die Zeitenwende: Ungehindert strömen die Reichtümer des Imperiums in die Hauptstadt, ungebrochen ist der Menschenstrom. Manche kommen freiwillig aus den Provinzen hierher, um in der Metropole ihr Glück zu machen. Viele aber sind gegen ihren Willen in der Stadt: Rund ein Drittel der etwa eine Million Einwohner sind Sklaven.
„Echte“ Römer, deren Familien schon seit Generationen am Tiber leben, sind längst in der Minderheit. Denn aus allen Gegenden Italiens, aus Sizilien, Sardinien, Korsika, aus Gallien und Spanien, aus Britannien, Germanien und Raetien, von den Küsten Nordafrikas und aus Ägypten, aus Griechenland und Kleinasien hat es Menschen hierhin verschlagen. Auch viele Juden haben sich in Rom niedergelassen.
Niemand weiß, wie groß Rom genau ist. Kaiser Augustus hat die Stadt in 14 Bezirke eingeteilt, 13 auf dem linken und einen auf dem rechten Tiberufer. Schon damals sind Wohnhäuser und Sportanlagen, Theater und Tempel weit über die alte Stadtmauer hinausgewuchert – sechs Bezirke liegen inzwischen außerhalb der einstigen Grenzen.
Die Juristen haben es deshalb längst aufgegeben, die Größe durch geografische Angaben definieren zu wollen. Sie haben stattdessen eine Regel erdacht, die ebenso praktisch und flexibel wie rücksichtslos und hochmütig ist: Roms Stadtgrenzen verlaufen stets eine Meile (1478 Meter) vor seiner geschlossenen Bebauung, wo immer die auch gerade enden mag – eine Metropole als Organismus, der ohne Beschränkungen sein Umland verschlucken darf.
Der Moloch hat schon rund 2000 Hektar Fläche okkupiert und ist ständig vom Infarkt bedroht. Denn seine Straßen, obwohl sie aneinandergelegt rund 85 Kilometer lang wären, sind zu eng und verwinkelt. Auf den Tiber, auf 14 Fernstraßen, acht Brücken und rund 30 Tore verteilt sich der aus allen Provinzen heranbrandende Menschen- und Güterstrom: zu wenig. Und obwohl rund ein Dutzend Aquädukte täglich fast eine Milliarde Liter kaltes, glasklares Nass aus dem Apennin heranschaffen, haben die meisten Römer in ihrem Leben noch nie eine Wohnung mit fließendem Wasser betreten.
1797 domus listet ein antikes Verzeichnis für Rom auf: einzeln stehende Häuser, vom kleinen Alterssitz über die Villa eines reichen Händlers bis hin zum Palast des Kaisers auf dem Palatin. Viele Hausherren genießen Privilegien, die für die meisten Römer undenkbar sind: Ruhe – weil geschlossene Haus- oder Hofmauern und dichtes Buschwerk den ewigen Lärm dämpfen. Wasser – weil Bleirohre das Nass von Verteilerstellen bis direkt ins Haus spülen. Wärme – weil Glasfenster Sonne, aber nicht Kälte hineinlassen. Platz – weil sich nur eine Familie mit ihren Sklaven die Wohnfläche teilt.
Wer nicht reich ist – und das ist jeder, der nicht über ein Vermögen verfügt, das dem eines heutigen Multimillionärs entspricht –, der muss sich mit einer Bleibe in einer der 46 602 insulae begnügen. Ein Bauer aus Gallien oder ein aus Germanien verschleppter Sklave mag beim ersten Blick auf die Stadt ehrfürchtig denken, dass hier selbst die gewöhnlichen Bürger in himmelstürmenden Palästen leben: Fast überall überwuchern die dicht gedrängten Hochhäuser die Tempel, Lagerhäuser und Theater, und viele dieser rund 20 Meter hohen insulae stehen auf nur 300 bis 400 Quadratmeter Grundfläche.
Wer vor einem Mietshaus steht, muss den Kopf in den Nacken legen, um bis zum Rand des flachen, mit Schindeln gedeckten Daches zu blicken – und oft wird er selbst so nichts sehen können. Denn Säulengänge und Balkons aus Ziegeln und Holz kleben an der Fassade, und manchmal bleibt zwischen den Balkons zweier gegenüberliegender Blocks kaum ein halber Meter Luft.
In den Erdgeschossen, hinter Rundbögen, die sich zur Straße öffnen, liegen Tavernen, wo ein Becher Wein oder ein Brot für ein as zu haben sind, ein warmes Gericht für zwei und eine Prostituierte für acht – so viel, wie ein Lehrer pro Schüler monatlich an Gebühren einstreicht und doppelt so viel wie der Tageslohn eines Lastenträgers im Hafen.
Hinter anderen Rundbögen arbeiten tonsores und stutzen mit Messern Männern den Bart oder drehen ihnen mit Eisenstäben, die in glühender Asche erhitzt wurden, Locken ins Haar. Die Messer werden von Gehilfen geschärft, die auf den Wetzstein spucken, bevor sie die Klinge anlegen. Blutungen nach einem Schnitt stillen sie mit einem öl- und essiggetränkten Knäuel aus Spinnweben.
Neben den tonsores bieten Metzger Schweinezitzen oder Rinderlungen feil, die an Haken von der Decke baumeln. Daneben haben Blumen-, Obst-, Gemüse- und Honighändler ihre Läden, Spiegel- und Perlenhändler, Elfenbeinschnitzer, Pastetenbäcker, Stiefelmacher. Und manchmal wohnt der Besitzer einer insula selbst im Erdgeschoss und hat es zu einer Art luxuriösem Stadthaus ausgebaut.
Wie auch immer das erste Geschoss genutzt wird – prächtig ist es allemal: Reliefs aus Stein und Holz zieren die Fassade, über die blühende Ranken meterhoch wuchern. In vielen Fenstern stehen Blumentöpfe. Manche Böden und Wände sind mit Mosaiken und Fresken geschmückt, die andernorts kaum in Palästen zu finden sind.
Doch hinter der prächtigen Fassade verbirgt sich das stinkende Elend. Die Außenwände – dies regelt eine uralte Bauvorschrift – sind nur knapp einen halben Meter dick: zwei dünne, aufgemauerte Schalen aus Stein oder Ziegeln, die mit opus caementitium verfüllt sind, dem römischen „Beton“: einer Mischung aus Mörtel (Sand und Kalk) sowie Gesteinsbruch. Der Kalk im Mörtel soll die Haftkraft verstärken – doch der ist teuer. Also lassen die Besitzer der insulae möglichst viel billigen Sand beimischen. Das hat zur Folge, dass das Gestein zu rutschen beginnt; hinter den Mauerschalen entstehen so verborgene Hohlräume, die irgendwann zu bedrohlichen Rissen aufplatzen – oder das Haus eines Tages plötzlich und unerwartet gleich zusammenstürzen lassen. Es brechen so viele insulae zusammen, dass die Karren der Abbruchunternehmer ein alltäglicher Anblick sind.
Hinter den dünnen Mauern liegen die cenacula, die Mietwohnungen. Schmale hölzerne Stiegen führen hinauf. Die glaslosen Fenster werden mit Läden, Vorhängen oder gar nicht verschlossen, geheizt wird mit kleinen, zum Teil auf Rollen beweglichen Kohlebecken aus Kupfer oder Bronze, gekocht auf winzigen Herden. Deren Qualm vermischt sich mit dem Ruß der Fackeln und Öllampen zu einem stickigen Dunst. Besonders gefürchtet sind die Dachwohnungen direkt unter den Schindeln: Sie sind ofenheiß im Sommer, bitterkalt im Winter, nur unter großen Mühen über viele Stiegen zu erklimmen – und sie sind gefährlich.
Fast täglich brennt irgendwo ein Wohnblock ab. Die unzähligen Feuerstellen, die steilen Treppen und die hölzernen Decken können jedes Hochhaus binnen Sekunden in einen riesigen Kamin verwandeln, durch den eine Feuersäule tobt. Oft entkommen die Bewohner der unteren Stockwerke gerade noch, aber für die Mieter unter dem Dach wird das Haus beim Brand in der Regel zur Todesfalle.
Auch sonst ist das Leben in den insulae eine Qual. Die meisten Wohnungen bestehen aus mehreren Räumen, die sich oft fünf oder sechs Menschen teilen – manchmal noch mehr, wenn die Mieter ihrerseits kleine Verschläge abtrennen und weitervermieten.
Die Bewohner leben mit streunenden Hunden und Katzen und jeder Menge Ungeziefer. Den eigenen Dreck und Küchenabfälle müssen sie in bronzenen oder tönernen Eimern sammeln und über die Stiegen bis zur nächsten Abfallgrube schleppen – wenn sie ihre Nachttöpfe nicht nachts heimlich aus dem Fenster schleudern. Roms Anwälte verdienen gut an den Prozessen, in denen späte Spaziergänger Mieter verklagen, weil ihre teure Toga mit Kot besudelt oder sie durch herab fliegende Nachttöpfe sogar verletzt worden sind.
Und dieses Elend kostet so viele Sesterzen, dass man sich für eine Jahresmiete ein kleines Landhaus bei Rom kaufen könnte. Wer das alle drei Monate fällige Geld nicht zahlen kann, muss damit rechnen, dass ihm der Vermieter die hölzerne Stiege wegzieht, während der säumige Zahler nichtsahnend in seinem cenaculum sitzt – dann ist die Wohnung zum Gefängnis geworden, aus dem man sich nur mit den geforderten Sesterzen freikaufen kann.
Die erste Sorge der meisten Römer gilt daher stets dem Geld – doch kaum die Hälfte der Bevölkerung arbeitet wirklich dafür.
Die meisten Männer sind mächtigen Gönnern verpflichtet: Sie sind Klienten eines Patrons. Sie begleiten ihn – einen Senator, einen reich gewordenen Händler, einen bekannten Anwalt – bei öffentlichen Auftritten, zum Beispiel als Ankläger vor Gericht. Denn je größer das Gefolge eines Patrons, desto größer dessen Prestige – was vor Gericht, aber auch am kaiserlichen Hof nützlich sein kann, um den eigenen Interessen Nachdruck zu verleihen. Für diese traditionelle Gefolgschaft bezahlt der Patron seine Klienten. Dafür müssen sie allerdings früh an jedem Morgen in sein Haus kommen, um ihm ihre Aufwartung zu machen. Also marschieren im ersten grauen Licht Tausende von schlaftrunkenen, ungewaschenen Männern (niemand hält sich morgens mit einem Bad auf) durch die Stadt, um bei ihrem Patron vorzusprechen.
Spätestens beim ersten Schritt vor die Tür der insula beginnt der alltägliche Kampf der Römer. Noch vor Sonnenaufgang dröhnt das Hämmern der Schmiede und der Blattgoldschläger durch die Luft und das dumpfe Stampfen der Sklaven, die in Mörsern das Getreide zu Mehl zerstoßen. 80 000 Tonnen Getreide werden jährlich auf rund 240 Schiffen allein aus Ägypten importiert – und die Körner größtenteils nicht in Mühlen gemahlen, sondern von Sklaven zerstampft.
Draußen auf den Straßen zählen nur noch Frechheit und Vorsicht, Ortskenntnis und Ellenbogen. Männer in weißen, halblangen Tuniken oder wallenden Togen drängen sich auf den Gassen; neben ihnen Frauen, deren Gewänder in kräftigen Farben leuchten. Wer es sich leisten kann, kühlt sich mit Fächern aus Pfauenfedern oder schwenkt Sonnenschirme. Rom ist tagsüber eine Stadt der Fußgänger, seit Julius Caesar fast allen Kutschern und Händlern das Nutzen ihrer Fuhrwerke auf die Nachtstunden beschränkt hat, um dem Verkehrsinfarkt vorzubeugen.
Doch das hat das Chaos nur gemildert, nich...
Inhaltsverzeichnis
- Umschlag
- Titel
- Widmung
- Der geheimnisvolle Mann aus Galiläa
- Chronisten, Gläubige und Gegner – eine Spurensuche
- Ein Reich von dieser Welt
- Das auserwählte Volk
- Die rätselhafte Frohe Botschaft
- Zeugen ohne Glauben
- König, Vasall und Baumeister
- Pharisäer, Sadduzäer, Essener und andere
- Unter den Stiefeln der Legionen
- Eine Jugend in Nazareth
- Der Täufer
- Der Menschensohn und seine Jünger
- Eine radikale Botschaft
- Nach Jerusalem
- Aufruhr und Obrigkeit
- Abendmahl
- Das Kreuz
- Ostern
- Nachbemerkung
- Ortsregister
- Personenregister
- Karten
- Bildnachweis
- Über den Autor
- Impressum