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Pillen vor die Säue
Warum Antibiotika in der Massentierhaltung unser Gesundheitssystem gefährden
- 256 Seiten
- German
- ePUB (handyfreundlich)
- Über iOS und Android verfügbar
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Pillen vor die Säue
Warum Antibiotika in der Massentierhaltung unser Gesundheitssystem gefährden
Über dieses Buch
»Dieses Buch ist eine eindrückliche Warnung, dass es so nicht weitergehen kann – weder für die Tiere noch für uns.« Tanja Busse
Es ist, als liefen wir sehenden Auges in die Katastrophe: Um unseren Fleischhunger zu stillen, müssen möglichst viele Tiere auf möglichst wenig Raum möglichst rasch »Schlachtgewicht« erreichen – und das geht nur mit hohem Antibiotikaeinsatz. Dies ist nicht nur den Tieren, den Landwirten und der Umwelt gegenüber unverantwortlich; es beschleunigt auch die Entwicklung resistenter Keime und gefährdet damit die gesamte Humanmedizin: Ohne die bisherige Wunderwaffe in Tropf und Tablette werden Operationen riskant und selbst kleine Infektionen potenziell gefährlich.
Wie verwundbar wir und unser Gesundheitssystem sind, hat uns die Corona-Pandemie eindrücklich vor Augen geführt. Damit bakterielle Infektionen nicht zur nächsten globalen Gesundheitskrise werden, müssen wir umsteuern. Rupert Ebner und Eva Rosenkranz zeigen, was jetzt geschehen muss – für mehr Tierwohl, gesunde Menschen und eine intakte Umwelt.
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Information

Vorsicht, Grüner Schwan!
Was Mastställe, Antibiotika, Covid-19 und Naturzerstörung miteinander zu tun haben
Dass die größte Katastrophe womöglich der Mensch selbst ist, der mit seinem Raubbau an der Natur vielleicht gerade im Begriff ist, sich selbst umzubringen.
Wolfgang Schäuble, Bundestagspräsident
Angesichts der Corona-Pandemie reden viele von einer besseren Gesellschaft, in die wir nach der Krise aufbrechen werden. Wir verfolgen diese Debatten skeptisch. Denn in all den Hilfs-, Überbrückungs- oder Konjunkturprogrammen, all den Prognosen und Absichtserklärungen für eine bessere Zukunft fällt gebetsmühlenartig das Wort »Wachstum«. Es muss irgendwie doch wieder werden wie früher. Vielleicht ein bisschen ökologischer. Doch dieses grundsätzliche »Weiter so« hat keine Perspektive; es forciert die Krisen, die wir schon so lange heraufziehen sehen – ohne begreifen zu wollen, was uns blüht.
Blicken wir kurz zurück:
- Eine internationale Antibiotikakonferenz beschwor bereits 2014 die Weltgemeinschaft, dass der Kampf gegen Resistenzen oberste Priorität haben müsse, da hier die größte Herausforderung unserer Zeit liege. In Zukunft könnten schon leichte Infektionen oder Verletzungen tödlich enden. Forscher und Politiker wandten sich in diesem Zusammenhang entschieden gegen Tierfabriken.
- Im Juli 2015 hatte es das Thema Antibiotikaresistenzen auf die Tagesordnung der G7-Staaten geschafft. In der Gipfelerklärung hieß es, gemeinsam unterstützten die großen Nationen der Welt den Globalen Aktionsplan der WHO zum Kampf gegen Resistenzen. Ein sachgerechter Einsatz von Antibiotika sowohl in der Humanmedizin als auch in der Landwirtschaft sei unerlässlich, um Resistenzbildungen nicht weiter zu fördern.
- Als die Gesundheitsminister, die im Mai 2017 vorbereitend für das Treffen der G20-Staaten zusammenkamen, einen Konferenzsaal betraten, stießen sie unvermittelt auf eine Krise. Auf einer Leinwand lief ein Bericht über einen unbekannten Erreger, der viele Menschen infiziert und schwere Atemwegssymptome ausgelöst hatte. Einige Menschen starben. Schnell wurden aus den wenigen viele. Schwere Entscheidungen standen im Raum. Sollten die Grenzen geschlossen werden? Sollte man Quarantänestationen einrichten? Damals begann die Epidemie in einem Land namens Anycountry. Nur drei Jahre später ist die Fiktion für die Menschen weltweit Realität.
- Beim späteren G20-Treffen in Hamburg im Juli desselben Jahres stand ein weiteres Thema auf der Tagesordnung, das eine weltweite Gesundheitskrise markiert: die sich rasant ausbreitenden Antibiotikaresistenzen. Für beide Krisenfelder wurden Absichtserklärungen verabschiedet und Forschungsprogramme angestoßen.
- Im Mai 2020, mitten in der Corona-Pandemie, warnten Wissenschaftler der Leopoldina-Akademie in einer Studie zum Artensterben, »dass Biodiversität und die Bewahrung der Lebensgrundlagen der Menschheit untrennbar miteinander zusammenhängen«.4 Rund 80 Prozent der Artenverluste seien der intensiven Landwirtschaft geschuldet. Vor allem die Fleisch- und Milchproduktion mit all ihren Folgen wie Massentierhaltung sowie Pestizid- und Antibiotikaeinsatz, belasten die Umwelt dramatisch.
- Im Juni 2020 bezeichnete die italienische Virologin und Corona-Forscherin Ilaria Capua die Corona-Pandemie als Krankheit unserer Lebensweise. »Wir stellten kürzlich fest, dass in manchen Städten die CO2-Belastung hoch blieb, obwohl der Verkehr durch Corona zurückgegangen war. Warum? Weil sich um diese Städte herum Megafarmen für die Milch- und Fleischindustrie befinden. Zack, schon hat uns das Virus auf eine weitere Perversität unseres Konsumverhaltens aufmerksam gemacht.«5 Und sie ergänzt: »Ich definiere Covid-19 als multisystemischen Stresstest mit biologischem Ursprung. Es bringt Gesundheitssysteme unter Druck, Demografien, Transportsysteme, macht die Bedeutung deutlich, von Regeln, die es zu respektieren gilt, wirft ethische und soziale Fragen auf.«6
- Zum Tag der Biodiversität 2020 betonte der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller, dass die Corona-Pandemie auch eine Folge von Naturzerstörung und ausbeuterischem Umgang des Menschen mit der Erde sei.7
- In ihrem großen Konjunkturprogramm gegen die Corona-Krise fördert die Bundesregierung 2020/21 Umbaumaßnahmen für Ställe, um das Tierwohl zu verbessern. Unterstützt werden sollen nur Stallumbauten, die ausdrücklich nicht mit Kapazitätserweiterungen einhergehen, also eine weitere Intensivierung der Tierhaltung nach sich ziehen würden.
- Im Sommer 2020 betonte Bundesumweltministerin Svenja Schulze erneut den One-Health-Gedanken, der über die Pandemieprävention hinaus auch für den Resistenzschutz wesentlich ist: »Wir Menschen können nur gesund bleiben, wenn Tiere und Umwelt gesund sind. Weil wir mit unserer Umwelt auf so vielfältige Weise verbunden sind, ist Naturschutz auch immer präventive Gesundheitspolitik.«8
- Schließlich mahnte UN-Generalsekretär António Guterres, dass Corona eine Botschaft der Natur sei: »Wir können nicht zum Business as usual zurückkehren, sondern müssen mit der Natur arbeiten und nicht gegen sie.«9
Eine Vielzahl von schönen Worten, guten Absichten und strengen Warnungen sind seit Jahren auf nationaler und internationaler Bühne präsent. Wissenschaftler wissen um die Krise der Antibiotikaresistenzen, die Covid-19 in den Schatten stellen wird. Doch bis ins Frühjahr 2020 waren viele dieser Absichtserklärungen und Mahnungen letztlich Schönwetterbotschaften. Dann kam die Mikrobe X, die Forscher erwartet hatten, und legte die Weltwirtschaft lahm, schloss Grenzen, tötete eine Vielzahl von Menschen weltweit. Dabei ist Covid-19 bei Weitem nicht so gefährlich wie etwa SARS oder MERS oder Ebola. Und auch nicht wie HIV, dem inzwischen weltweit mehr als 32 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind. Covid-19 ist vielleicht nur ein Vorgeschmack auf eine drohende mikrobielle Apokalypse.
Denn was richten wir gerade an auf der Erde? »Globale Fertigung, weltweites Reisen, maximale nationale Mobilität, Handel mit exotischen Tieren, Zerstörung der Urwälder, Massentierhaltung, Wanderarbeiter in Baracken, Antibiotikaresistenz, Krankenhauskeime, Zunahme von Immunschwäche, zudem zahlreiche Vorerkrankungen wie Asthma, Kreislaufschwäche, Diabetes, Übergewicht – kurzum: eine rundum virophile Welt.«10
Wissenschaftler wussten nicht, ob der unbekannte Erreger (z. B. Viren, Bakterien, Pilze) aus den abgeholzten Regenwäldern Südamerikas oder von den Wildtiermärkten Chinas oder aus den 50 000-Schweine-Mastanlagen Niedersachsens kommen würde. Wahrscheinlich war, dass er vom Tier auf den Menschen überspringen würde (Zoonose), wie schon die meisten anderen (mikrobiellen) Killer der Seuchengeschichte.
Wir wissen es doch längst
Selbst die im Sommer 2020 allenthalben beschworenen Zusammenhänge zwischen intakter Natur, Tier- und Menschengesundheit sind keine neue Erkenntnis. Hatten doch, um nur ein Beispiel zu nennen, bereits die bayerischen Ärzte auf ihrem Ärztetag 2014 in einem mehrheitlich verabschiedeten Antrag gefordert, die Massentierhaltung abzuschaffen, und zwar unter Hinweis auf die Bedrohung für die Menschen durch fortschreitende Resistenzentwicklung.
Antrag der bayerischen Ärzte 2014
»Der 72. Bayerische Ärztetag beschließt, dass von der Ärzteschaft ein klares Votum gegen die Massentierhaltung ausgeht und dass der Vorstand gebeten wird, dieses auf politischer Ebene vehement zu vertreten.
Begründung: Weltweit besteht ein gravierendes Problem der Resistenzentwicklung vieler Bakterienarten gegenüber einer Vielzahl von Antibiotika … Die Ursache für die zunehmende Resistenz ist … ganz erheblich deren Einsatz in der Veterinärmedizin und hier ganz besonders in der Massentierhaltung; denn Massentierhaltung ist ohne Antibiotika nicht möglich. Reglementierung und Dokumentationspflicht werden dieses Probleme nicht lösen können. Die weitreichende Konsequenz des Antrags ist den Antragstellern bewusst.«11
Der Begriff »One Health« fiel damals nicht, steht aber heute im Zentrum der Forschung und der politischen Forderungen um mikrobielle Erreger. Gemeint ist damit, dass Menschengesundheit mit dem Wohlergehen unseres Planeten zusammen gesehen werden muss. Wenn also der Mensch immer weiter in bisher unberührte Lebensräume vordringt, Arten ausrottet, die in einem ausbalancierten Wechselverhältnis existieren, wird er mit einer Vielzahl unbekannter Mikroben (das Wort »Mikrobe« wird im weiteren Verlauf synonym mit »Mikroorganismus« verwendet) oder Viren konfrontiert, gegen die sein Immunsystem machtlos ist. »Die Wälder sind voll mit gefährlichen Erregern. Da gibt es Ebola-, Hanta- und Nipah-Viren, Anthraxsporen und Moskitos, die Zika, Gelbfieber und Malaria übertragen, Marburg-, Hepatitis- und Coronaviren. Die Krankheiten, die von diesen Erregern ausgelöst werden, gehören für Menschen zum Tödlichsten, was die Natur bereithält. Etwa 3000 Viren haben Forscher beschrieben – insgesamt aber soll es mehr als eine Million unbekannte Viren geben. Im Grunde hat die Wissenschaft keine Ahnung, was da draußen lauert.«12
Parallel pferchen wir immer mehr Tiere in riesigen Ställen zusammen, verfüttern ihnen Antibiotika, beschleunigen damit Resistenzen von Bakterien, die wiederum auf den Menschen überspringen und ihn sehr verletzlich machen können für Infektionen. Die Gier nach immer mehr immer billigerem Fleisch bezahlen wir also an anderer Stelle mit unserer Gesundheit.
Und wenn dann all diese Entwicklungen zusammentreffen, sehen wir uns einer Krise gegenüber, für die der Begriff »Apokalypse« kein Science-Fiction-Vokabular mehr ist. UN-Generalsekretär António Guterres brachte es im Sommer 2020 auf den Punkt: »Stellen Sie sich vor, eines Tages bricht ein Virus aus, das sich so schnell verbreitet wie Corona, aber so tödlich ist wie Ebola.«13
Als wir im Frühjahr 2020 zu ahnen begannen, dass ein neues Virus unser Leben massiv verändern könnte, eröffnete sich jahrelangem Engagement gegen Antibiotikamissbrauch eine neue Dimension. Bei der Planung dieses Buches lebte der Tierarzt Rupert Ebner einen deutschen Alltag als Umwelt- und Gesundheitsreferent der Stadt Ingolstadt und als Tierarzt mit Schwerpunkt Großtiere. Tierställe sind ihm also seit Jahrzehnten vertraut. Mit dieser Realität seines Berufslebens haderte er schon lange und versuchte, den Zusammenhang von Massentierhaltung, Fleischfabriken, Antibiotikaeinsatz für Billigfleisch mit Tier- und Menschenleid immer wieder öffentlich zu machen.
Dann kam Covid-19 und zeigte, wie fragil unsere Art zu leben ist, wie schnell unsere Kontrollillusionen zerrinnen. Die sogenannte Corona-Krise demaskiert viele scheinbare Selbstverständlichkeiten, enthüllt, wie schnell wir nicht mehr Herr des Geschehens sind. Unbekannte Viren und multiresistente Bakterien, Klimawandel und Artensterben, Naturzerstörung und Wohlstandsbesoffenheit – wir erweisen uns als Treiber und Getriebene. Wie blind die Eliten unserer Welt gegenüber diesen Zusammenhängen immer noch sind, zeigt übrigens eine Einschätzung des Weltwirtschaftsforums in Davos vom Januar 2020; dort zählte man Infektionskrankheiten zu den möglichen, aber eher unwahrscheinlichen Bedrohungen der Menschheit. Zu diesem Zeitpunkt ahnte man dort nicht, dass das Coronavirus bereits auf dem Weg um die Welt war.
»Gewiss, wir verbuchen im Kampf gegen Infektionskrankheiten und deren Verbreitung bemerkenswerte Fortschritte. Deuten wir diese nur nicht falsch als fortschreitende Beherrschung der Mikrobenwelt. Wir täten gut daran, Krankheit als ökologisches Problem zu begreifen«, konstatiert der Schweizer Physiker Eduard Kaeser und rät »zur nüchternen Neueinschätzung unseres Platzes in der Natur«.14
Dieses Buch wäre auch ohne Corona überfällig gewesen, jetzt ist es schärfer im Ton, weiter in der Perspektive und unnachgiebiger in seinen Forderungen. Corona ist eine weitere überdeutliche Warnung, die sich einreiht in SARS, MERS, EHEC, Ebola, HIV. Sie bringt unsere Welt zum Stillstand wie einst die mittelalterlichen Seuchen, deren Wiederkehr wir nur noch in Romanen für möglich hielten.
Grüner Schwan oder: Planetary Health
Es geht also in der Debatte zu Antibiotikaresistenzen auch um die Gesundheit des gesamten Planeten; hier begegnete uns das Bild von der Planetary Health. Damit scheint der Bogen gespannt: Wenn wir so weitermachen wie in den zurückliegenden Jahrzehnten, werden wir aus dem Krisenmodus nicht mehr herauskommen. Bereits im Corona-Sommer warnten chinesische Forscher vor einem Influenzavirus, das vor allem in Hochburgen der Schweinemast zu dominieren scheint. Menschen können sich anstecken. Erinnerungen an die Schweinegrippe werden wach: »Der G4-Genotyp der Schweinegrippe-Reassortanten (Ergebnis einer Vermischung zwischen zwei Viren) besitzt alle entscheidenden Merkmale, die ihn zu einem Kandidaten für eine Influenza-Pandemie machen«, schreiben die chinesischen Experten.15 Eine Verbindung von Covid-19 und Schweinegrippe mochte sich niemand vorstellen.
In dieser Lage stießen wir auf den Grünen Schwan. Er ist ein Bruder des berühmten Schwarzen Schwans, mit dem der Finanzmathematiker Nassim Nicholas Taleb angesichts der Finanzkrise 2008 sehr unwahrscheinliche Ereignisse beschrieb.16 Im Frühjahr 2020 bezeichnete die Schweizer Bank für Internationalen Zahlungsausgleich BIZ Ereignisse mit weltweit desaströsen Auswirkungen als »Grünen Schwan«,17 dazu zählte sie auch die Corona-Krise. Grüne-Schwan-Ereignisse seien stets global und so radikal in ihrer Zerstörungskraft, dass sie massive Auswirkungen auf menschliches Leben und ganze Zivilisationen hätten. Wegen der globalen Natur Grüner Schwäne, so die BIZ weiter, bedürfe es neuer Denkweisen und anderer Formen der Zusammenarbeit. Der Menschheit stünden Risiken bevor, die eine »neue Landschaft der Kooperation« notwendig machten.18 Bislang wurden solche Mahnungen gern als Kassandrarufe abgetan, wie sich Ilona Kickbusch, international arbeitende Expertin für globale Gesundheit, erinnert und daher fordert: »Globale Zusammenarbeit ist eine Grundbedingung für erfolgreiche Pandemiebekämpfung.«19
Eigentlich ist also alles klar. Doch die Realität spricht eine andere Sprache. Nicht nur die Auswahl von weitgehend folgenlosen Beschlüssen, Erklärungen, Forderungen zu Beginn des Kapitels erinnern daran. Auch die vielen vergessenen Toten zurückliegender Pandemien, für die man keineswegs bis ins Mittelalter schauen muss.
»Nach i...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Impressum
- Widmung
- Inhalt
- Vorwort von Tanja Busse
- Einleitung: Zwischen Zorn und Zuversicht
- Die größte Gesundheitskrise unserer Zeit ist da – und sie heißt nicht Covid-19 (Corona)
- Kapitel 1: Vorsicht, Grüner Schwan!
- Kapitel 2: Killerkeime, Mettwurst und verlorene Jahre
- Kapitel 3: Das Einmaleins des Lebens
- Kapitel 4: Fresserproduktion
- Kapitel 5: Nicht zukunftsfähig
- Kapitel 6: (K)Eine Frage des Abstands – das System Fleisch
- Kapitel 7: Vom verantwortungsbewussten Handwerker zum wohlfeilen Handlanger?
- Kapitel 8: Die Botschaft heißt: teuer, weil billig
- Kapitel 9: Die Pyramide steht kopf
- Kapitel 10: One Health, One Planet, One Future
- Anmerkungen