Purimspiel und Fastnachtspiel
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Purimspiel und Fastnachtspiel

Interdisziplinäre Beiträge zur Gattungsinterferenz

  1. 177 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
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Purimspiel und Fastnachtspiel

Interdisziplinäre Beiträge zur Gattungsinterferenz

Über dieses Buch

Der Band thematisiert erstmals die Gattungsinterferenz zwischen Purimspielen und Fastnachtspielen. Der ungefähre zeitliche Zusammenfall des jüdischen Purim-Festes und der christlichen Fastnacht im liturgischen Jahreskreis sowie die jeweilige Performanz einer verkehrten Welt lassen nach wechselseitigen Beeinflussungen fragen. Im Einzelnen wurden jüdisch-christliche Berührungen in Brauchtum und Spiel für wichtige Spiellandschaften wie das Rheinland, die Schweiz, Schwaben oder Tirol in den Blick genommen. Dabei kristallisieren sich von Ort zu Ort trotz gemeinsamer Sujets unterschiedliche Formen des Ausagierens von interreligiösen Dialogen ab. Dennoch sind die performativen Parallelen, die hier erstmals dokumentiert werden, frappierend. Die interdisziplinären Beiträge des Sammelbandes verstehen sich nicht zuletzt als Anstoß für weitergehende Forschungen. In der Summe ergibt sich, dass Purim und Fastnacht von ihrem performativen Potenzial her im Alten Reich künftig nicht mehr unabhängig voneinander betrachtet werden dürfen. Der Sammelband wendet sich an Judaist/-innen, Theolog/-innen, Germanist/-innen, Ethnolog/-innen und Historiker/-innen mit der Ausrichtung auf Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit.

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Information

Interferenzen im frühneuzeitlichen Purimlied – Impulse im nachbarschaftlichen Raum der Fastnacht- und Purimkulturen

Diana Matut

1 Einleitung

Fastnachts- und Purimlieder der Frühen Neuzeit können sowohl textimmanent als auch paratextlich, durch ein- und ausleitende Hinweise in Manuskripten und Drucken sowie durch sekundäre Erwähnung in literarischen oder historischen Quellen der Zeit als solche erkannt werden. Dabei war ein Teil der Lieder dem jeweiligen Fest inhaltlich direkt oder durch (regionale) Sing-Tradition brauchtümlich verbunden und somit saisonal begrenzt, d.h., nicht ganzjährig aufführbar. Ein weiterer Teil der Purim- und Fastnachtslieder umfasst Themen und Stoffe, die charakteristisch für die Festkulturen, inhaltlich jedoch nicht an diese gebunden sind. D.h., eine Aufführung zu anderen Gelegenheiten war möglich. Ein Beispiel dafür wären Lieder, die (übermäßiges) Trinken und Essen thematisieren.
Wie Ruth von Bernuth jüngst darlegte,1 bewegt sich die vergleichende Betrachtung kultureller Ausdrucksformen der christlichen Fastnacht und des jüdischen Purimfestes zwischen den Polen einer vermuteten direkten und unmittelbaren Abhängigkeit der jüdischen literarischen und performativen Traditionen von christlichen (u.a. Shiper 1923; Erik 1928; Belkin 1998; Butzer 2003; Baumgarten 2005) über Khone Shmeruks (1988) nuancierte Darstellung der Entwicklung des jiddischen Dramas im Moment der Loslösung des europäischen Theaters vom christlichen Kontext bis hin zu Moshe Rosmans Aufbrechen der Dichotomie von Abhängigkeit und Unabhängigkeit:
Moreover, the usual impossibility of tracing modes of transmission renders the question of who influenced whom moot. Some of these common cultural components may indeed have originated from Jewish sources […]. By the same token, the Jews did not inherit only defined Jewish traditions, but also broader medieval European and even earlier traditions which they adapted, made their own and put into practice just as their non-Jewish neighbors did. So cultural parallels should not be seen through the prism of influence, but rather that of comparison; as two variants of a common tradition whose roots are obscure. […]
Even ostensibly traceable practices related to dress, music, diet and popular literature might be better characterized as cultural accretions by default—as the most viable alternatives—rather than isolated influences which by virtue of the power of the hegemonic culture displaced some pre-existing “authentic” Jewish custom.2
An Rosmans Konzeption jüdischer Kulturgeschichte ist das Konzept der „Interferenz“ sinnvoll anschlussfähig. Als ein der Physik entnommener Begriff, der in anderen geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen bereits erfolgreich etablierte wurde (allen voran die Linguistik), reüssierte „Interferenz“ jüngst im Rahmen des Versuchs, ihn „literaturwissenschaftlich fruchtbar zu machen, um Phänomene im Umfeld von Vermischung, Kreuzung und Hybridität neu perspektivieren zu können“.3 Dabei kommt, neben anderen, besonders Sebastian Donat das Verdienst der Definition, Übertragung und Anwendung zu, so 2017 in einem Vortrag, in dem er folgende Begriffsbestimmung vornahm: „Überall dort, wo in enger Nachbarschaft gleichzeitig zwei oder mehr kulturelle Impulse wirken und es ein verbindendes Medium gibt, kommt es zu Phänomenen der Überlagerung im Sinne einer positiven oder negativen Interferenz.“4
Gerade wo es gilt, sich von Modellen des einseitigen Kulturtransfers zu trennen, liegen die Vorteile des Interferenz-Theorierahmens auf der Hand. So wie es für Rosman nur „kulturelle Akkretion“ gibt und eben nicht einfach Verdrängung „authentischer“ kultureller Äußerungen in Musik oder Literatur durch die Macht hegemonialer co-territorialer Kulturen, so offeriert das Interferenz-Konzept die Möglichkeit, das „Wirken mehrerer Impulse“ in einer „nachbarschaftlich-räumlichen Konstellation“ herauszuarbeiten. Somit kann man, wie es Ruth von Bernuth bereits spezifisch für die Kultur der Narren hergeleitet hat, verallgemeinernd von einem „set of common cultural materials“ sprechen, strukturiert durch „symbolic grammar“. „These cultural materials consist of material goods, such as literary and visual representations […] and […] symbolic material, that is, concepts and language.”5
Das Interferenz-Konzept bietet, wie ich im Folgenden darlegen möchte, auch den Ansatz zur Korrektur der problematischen Vorstellung von Purim als der „jüdischen Fastnacht“.6 Dabei sollen Ähnlichkeiten und Parallelen der Festkulturen im nachbarschaftlichen Raum nicht negiert werden, doch gerade für Purim lässt sich eindrücklich belegen, wie sehr kulturelle Erscheinungsformen sich (an-)gleichen können, während Ursprünge, religiöse Kontexte und Funktionen sowie soziale Aspekte divergent bleiben. Purim ist nicht das finale, exzessive Moment vor dem Beginn einer langen Fasten- und Trauerzeit wie die Fastnacht, die zur religiös-emotionalen Klimax des christlichen Jahreskalenders führt. Es ist im jüdischen Festkalender eingebettet in eine Reihe von Freuden-, Befreiungs- und Siegesmomenten. Zwar gibt es auch im Purimkontext einen Fastentag sowie die Oppositionsstruktur von Fasten und Völlerei, doch ist sie mit den Dimensionen der christlichen Festkultur in diesem Punkt nicht vergleichbar, ebenso wenig wie mit den religiösen Konnotationen. Dass eine kulturelle Verstärkung karnevalesker Momente an Purim überhaupt geschehen konnte, verdankt sich der grundsätzlichen, innerjüdischen Verfasstheit des Festes (viele andere Feiertage hätten durch ihre solemne Grundhaltung niemals eine solche Festkultur entwickeln können) und der Nähe von Fastnacht und Purim im Kalender.

2 Nachbarschaftlich-räumliche Nähe und Festzeit im Konflikt und als Konflikt

Mit dem ausgehenden Mittelalter und der Vertreibung beinahe aller jüdisc...

Inhaltsverzeichnis

  1. Title Page
  2. Copyright
  3. Contents
  4. Purimspiel – Megillat Ester auf der Bühne
  5. Interferenzen im frühneuzeitlichen Purimlied – Impulse im nachbarschaftlichen Raum der Fastnacht- und Purimkulturen
  6. Purim in Schwaben – Koexistenz und religiöse Praxis
  7. Zu Geschichte und Wandel des „Jüdischen“ im traditionellen Fastnachtsspiel
  8. Verlacht oder verteufelt: Judendarstellungen in Fastnachtspielen und Komödien Jacob Ayrers
  9. Vom Salbenkrämer über die Grabwache bis Andreas von Rinn: Komik und Juden in der tirolischen und österreichischen Spieltradition
  10. Die Anhänger des Antichrist: Juden und konfessionelle Gegner in Schweizer Fastnachtspielen