This series addresses the demands for a comparative study of the European Middle Ages often voiced in medieval studies, but rarely realised in a sustainable manner. Since 1999, monographs and anthologies have been published in this series that deal with social or cultural-historical, legal, or constitutional-historical issues from a European perspective. In recent years, increasing attention has been paid to trans-cultural global historical research into Europe as part of the medieval world.

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Migration im karolingischen Italien
Herrschaft, Sozialverhältnisse in Lucca und das Schreiben über Gruppen
- 424 Seiten
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Migration im karolingischen Italien
Herrschaft, Sozialverhältnisse in Lucca und das Schreiben über Gruppen
Über dieses Buch
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Information
1 Theorie, Gegenstand und Methode
1.1 Theorie: Globalgeschichte und Migration
Globalhistorische Mediävistik ist als Versuch zu verstehen, eine Geschichte in globalhistorischer Perspektive auch für die Zeit der Vormoderne zu schreiben.1 Die Globalgeschichte geht zurück auf eine neue Geschichtsschreibung über die Moderne, welche seit dem Zeitalter der Kolonialisierung wachsende globale (Inter-)Dependenzen in den Blick nahm.2 Im Kontext des Endes der Blockkonfrontation und der Rede vom ‚Ende der Geschichte‘ trugen die Arbeiten auf diesem Gebiet teils Züge einer Entwicklungsgeschichte des globalisierten Westens, gelangten jedoch angesichts der fortbestehenden politischen und sozialen Widersprüche einer von asymmetrischen Macht- und Ausbeutungsverhältnissen geprägten Globalisierung teils auch zu wesentlich differenzierteren, nicht-teleologischen Darstellungen weiträumiger Beziehungen in der Geschichte.3 Zentraler Aspekt dieser Neuansätze sind Auseinandersetzungen mit der Einsicht in die Diskursivität, Historizität und Heterogenität sozialer Gruppen, welche einst als objektiv-empirisch fassbare, überzeitliche und monolithische Entitäten imaginiert wurden. Verbunden mit verschiedenen theoretischen Schlagworten und Metaphern wurde so einerseits untersucht und diskutiert, wie sowohl unmittelbare und vermittelte Interaktionen als auch gruppenbildende Diskurse dazu beitrugen, Humankategorisierungen etwa nach Ethnien, Konfessionen, Geschlecht hervorzubringen, zu festigen oder zu verändern. Andererseits wurden die komplexen Beziehungen, Verflechtungen, Hybriditäten zwischen vermeintlich getrennten oder wenigstens unterscheidbaren Kollektiven erforscht. In den Kultur- und Sozialwissenschaften wurden Zwischenräume und Heterotopien, Uneindeutigkeiten und konkurrierende Narrative zu zentralen Forschungsgegenständen, anhand derer die Bedingungen und Praktiken in den Blick genommen werden konnten, welche grundlegend waren für Entstehung, Wandel und Auflösung für Humankategorisierungen und Gruppenbildungen, die sinnstiftend wirken und das ungeordnete Weltgeschehen strukturieren. Sie erwiesen sich dabei als ubiquitäre und integrale Elemente von Sozialverhältnissen überhaupt.4
Offensichtlich kann jedoch für die Zeit, die wir ‚Mittelalter‘ nennen, nicht von globalen Interaktionsnetzwerken ausgegangen werden, die den gesamten Planeten umspannt hätten. Lateineuropa war in der Zeit von 500 bis 1500 zwar unleugbar in unterschiedlich dichte weiträumige Netzwerke von Handelskontakten, Herrschaftsbeziehungen, Diplomatie, Migrationen, Gelehrten- und Religiosenreisen und anderem mehr eingewoben. Die Reichweite dieser Netzwerke blieb allerdings auf Eurafrasien beschränkt und umfasste auch diese Landmasse nicht ganz.5 Insofern soll mit dem Bezug auf das Label ‚Globalgeschichte‘ auch kein Anspruch auf einen planetaren Untersuchungsraum verbunden sein. Er spiegelt vielmehr ein Interesse an der transkulturellen Perspektive und den Herangehensweisen der Globalgeschichte wider, welche auch für die Zeit der Vormoderne übernommen werden.6 Innerhalb der deutschsprachigen Wissenschaft wurde eine solche Globalgeschichte des Mittelalters auf zwei verschiedenen, jedoch eng verknüpften Forschungsfeldern betrieben: Einerseits wurden zunehmend Prozesse von Verflechtungen, Transfers und Hybridisierungen identifiziert und analysiert und so die transkulturelle Verwobenheit unterschiedlicher Kontexte herausgearbeitet.7 Andererseits wurde mit den Methoden historischer Komparatistik der ‚transkulturelle Zivilisationsvergleich‘ in „grenzüberschreitend[er] Perspektive“ erprobt.8 Eine theoretische Diskussion um den Kulturbegriff und die Gegenstände einer mediävistischen Globalgeschichte führte in diesem Kontext zu einer ungeheuren wissenschaftlichen Dynamik und zu einer Auseinandersetzung mit Konzepten anderer Disziplinen. So wurden sowohl kulturphilosophische Konzepte wie Transkulturalität in die Debatte eingeführt als auch kultursoziologische Auffassungen von Kultur als prozesshaft und praxeologisch bestimmt.9 Daneben führten diese Einsichten auch zu einer ständigen Weitung des Blicks über die vermeintliche Kulturinsel ‚Europa‘ hinaus.10 Wo die historische Forschung zum mittelalterlichen Jahrtausend jedoch aus manchen Spielarten der Globalgeschichte die Unschärfe globaler Erzählungen ebenso übernimmt wie die Umgehung der Machtfrage zugunsten einer inhaltlichen Fokussierung auf Mobilität und Kontakt, mindestens dort droht sie auch die theoretischen und methodischen Schwächen zu übernehmen, die immer wieder im Bereich der Globalgeschichte ausgemacht werden.11
Folgt man den hier skizzierten Ansätzen konsequent, so müssen nicht nur naturalistische und holistische Vorstellungen menschlicher Gruppen abgelehnt werden, vielmehr lässt die Heterogenität und unterschiedliche Intensität von Humankategorisierungen auch an Vorstellungen von eindeutigen Gruppenzugehörigkeiten überhaupt Zweifel aufkommen.12 Die tief in wissenschaftliche und außerwissenschaftliche Diskurszusammenhänge eingeschriebene Annahme, dass ethnisch, national oder anderweitig kollektiv aufgefasste Gruppen sozial existieren, von großer Bedeutung für soziale Interaktionen sind oder gar die Grundeinheiten sozialer Praxis darstellen, ist als ‚Gruppismus‘ beschrieben worden. Hierunter ist eine kognitive Tendenz zu verstehen, Menschen aufgrund wirklicher oder unterstellter Eigenschaften essentialisierend und naturalisierend als Angehörige vermeintlich homogener Gruppen wahrzunehmen und diese ihrererseits zu reifizieren. Eine solcher Bias wird gerade nicht gemindert oder gar ausgeschlossen, indem er benannt und reflektiert wird.13 Auch dem Konzeptcluster ‚Identität‘ ist eine Tendenz zur kulturalistischen Monolithisierung von Sozialverhältnissen vorgeworfen worden. Die logischen Grundrelationen des Identisch-Seins miteinander und mit sich selbst bezögen sich sich eben vor allem auf das Sein einer Person, nicht auf ihr Handeln und Interagieren oder auf ihr Wahrnehmen, Urteilen und Kommunizieren. Das Identitätsvokabular suggeriert zudem, ein solches Sein könne von einem äußeren Standpunkt aus beurteilt und binär beschrieben werden. In den akademischen Diskursen des zwanzigsten Jahrhunderts war mit dem Begriff der Identität jedoch zunächst das Problem einer Konstanz individueller Wahrnehmungen, Werte, Beziehungen und Handlungsweisen verbunden angesichts von Rollenzuweisungen und Erwartungen innerhalb verschiedener sozialer Systeme oder Zugehörigkeitsdiskurse. Später wurde der Identitätsbegriff stärker hermeneutisch auf die Selbstinterpretation innerhalb historisch wandelbarer Angebote kulturell verfügbarer Seme bezogen und auf die Selbsteinschreibung in kulturell verfügbare Kollektive, deren Angebot und Zuschnitt ebenfalls historisch wandelbar ist. Damit verbunden war die Untersuchung der beständigen Arbeit an der performativen Herstellung und Stabilisierung kollektiver und individueller Identitäten, die – als Milieus oder Lebensstile gedacht – tendenziell über verschiedene soziale Systeme hinweg bestünden.14 Dabei bestehe jedoch die Gefahr, kollektive Identitäten zu reifizieren und dabei die Kontingenz sozialer Zugehörigkeiten und Unterscheidungen auszublenden. Die Rede von kollektiver Identität verdeckt die vielschichtigen Überschneidungen zwischen den zahlreichen genutzten Kategorien, die Frage nach der Wichtung solcher Kategorien untereinander und eben auch die Möglichkeit, dass eine untersuchte Kategorie in einzelnen konkreten Interaktionen ausgeblendet werden kann, im sozialen Gefüge insgesamt an Bedeutung gewinnen oder verlieren kann oder überhaupt irrelevant sein kann.15
Innerhalb der breiteren Sozialverhältnisse mit ihren Humankategorisierungen und Assoziationen stellen soziale Gruppen einen Sonderfall dar. Sie sind gekennzeichnet durch ein hohes Maß an Stabilität, Relevanz und Verbindlichkeit. Zweifellos ist die Annahme primordialer Existenz sozialer Gruppen höchst zweifelhaft, da sie voraussetzt, „das Hauptmerkmal dieser Welt bestünde in der fraglosen Existenz von Grenzen, unabhängig davon, wer sie mit welcher Hilfe zieht.“16 Die Existenz sozialer Gruppen ist der Akteur-Netzwerk-Theorie zufolge vielmehr das Ergebnis menschlicher Arbeit an der ständig erforderlichen Gruppenbildung und nur als relatives Verhältnis zwischen Akteuren – als besondere Form der Assoziation – zu denken.17 Solche performativen Gruppenbildungen hinterließen Spuren, die sich beobachten lassen – etwa eine Vielzahl von Sprechern, die sich darüber äußern, wer zur jeweiligen Gruppe gehört und was sie ausmacht, benannte Anti-Gruppen, markierte und aufrecht erhaltene Grenzen, Äußerungen von Beobachtern der Sozialverhältnisse oder auch die Zuweisung von Privilegien und verfügbaren Handlungsmustern an die Akteure in sozialen Interaktionen, die von Existenz, Fortbestand oder Verschwinden einer Gruppe zeugen.18 Eine Forschung, die der kontingenten Vielheit anthropogener Humankategorisierungen und Gruppenbildungen ebenso Rechnung trägt wie ihrer prozesshaften Wandelbarkeit, den Praktiken ihrer Aktualisierung und Befolgung im jeweiligen Kontext konkreter sozialer Interaktionen wie schließlich der kognitiven Tendenz, sie zu simplizistischen und naturalisierten Kategorien zu reifizieren, muss nicht nur hergebrachte Konzepte von Grenzen und Gruppen kritisch hinterfragen. Sie muss auch Grade der Relevanz von Differenzen und ihre vielschichtigen Überlagerungen und Überschneidungen in den Blick nehmen, muss auch die historische und situative Wirksamkeit oder Unwirksamkeit dieser Humankategorisierungen und Gruppenbildungen in diesen konkreten sozialen Interaktionen untersuchen. Sie sucht demnach Antworten auf die Frage: „Welche Differenz ist wo und wann in Kraft?“19 – oder genauer: „Welche Differenz wird wo und wann von welchen Akteuren mit welchen Konsequenzen handelnd geschaffen?“
Längst ist Migration ein etabliertes Themenfeld der sozial- und kulturhistorischen Forschung – vor allem in den Disziplinen der neueren Geschichte, aber auch in der Mittelalterforschung. Schon sehr früh wurde sie als ein aussichtsreicher Gegenstand vormoderner Globalgeschichte empfohlen.20 Viele der Untersuchungen nehmen konkrete Akteure, ihre Interaktionen, Kategorisierungen und Gruppenbildungen in den Blick.21 Zwar wird in der Handbuch- und Lexikaliteratur oft die Existenz einer alle Epochen umfassenden historisch-soziologischen Migrationsforschung konstatiert, die angeführte Literatur spart jedoch meist entweder die Zeit von 500 bis 1000 treffsicher aus oder sie setzt bei der Untersuchung von Migrationen in dieser Zeit eben doch ethnische Deutungen zentral.22 Wer sich auf die Suche macht nach Literatur zu Migrationsphänomenen in der ersten Hälfte des mittelalterlichen Jahrtausends, wird daher schnell den Eindruck bekommen, dass sich die historischen Personen tatsächlich „nur als Race, Volk, Partei, Korporation, Familie oder sonst irgendeiner Form des Allgemeinen“23 wahrgenommen hätten, wie Jacob Burckhardt es dem mittelalterlichen Menschen unterstellt. Ausgangspunkt von Studien zur Migration im Frühmittelalter ist fast immer eine ethnisch gedachte soziale Gruppe – und dementsprechend sind Ethnonyme oder entsprechende Appellativa häufig auch Titelbestandteil.24 Die gemeinte Gruppe wird dabei häufig sowohl als primäre Einheit des historischen Geschehens als auch als primäre Identität in der Wahrnehmung der Einzelakteure vorausgesetzt und oft genug gerät sie darüber zugleich zum Ergebnis der Untersuchung: Wie wurden die Langobarden, was sie zuvor schon waren? Viele kritische Publikationen beschränken sich derweil weitgehend auf eine Auseinandersetzung mit ethnischen Deutungen im Allgemeinen oder nehmen Ethnizität trotz mehr oder minder deutlicher Kritik an diesem Paradigma zum Ausgangspunkt ihrer Betrachtungen.25 Andere versuchen mit soziologischen Methoden, die ethnographischen Diskurse literarischer Texte des Frühmittelalters als Beleg für die große staats- und gemeinschaftsbildende Bedeutung ethnischer Identitäten in diesen Jahrhunderten zu deuten.26 Versuche, Einzelmigrationen oder Migrationen in Gruppen anderen Zuschnitts auch im Frühmittelalter zu untersuchen, bleiben dagegen marginal.27 Dabei führen die theoretischen Einsichten in die Relativität, Performativität und Kontingenz von Sozialverhältnissen letztlich zu der Forderung, nicht nur das Konzept eines Sozialhandelns in primordialen Ethnien zu überwinden. Vielmehr muss schon die Frage nach der Entstehung und Verstetigung sozial konstruierter Ethnien zurückgewiesen werden, weil sie zu eng gestellt ist und auf zu vielen Vorannahmen beruht. Soll Ethnizität konsequent als soziales Phänomen aufgefasst werden, so kann sie nur auf der Grundlage ihrer konkret beobachtbaren sozialen Wirkungen, den Spuren von Gruppenbildungen, erforscht werden. Daher soll hier historischen Akteuren bei der performativen und iterativen Re-Konstruktion ihrer Welt in umfassender Weise kritisch gefolgt werden, um Humankategorisierungen und Assoziationen identifizieren und beschreiben zu können, welche sie handelnd schaffen. Der Zuschnitt eines Gegenstandsbereiches für eine solche Untersuchung darf dabei nicht bereits eine bestimmte Deutung nahelegen, weshalb sich ein lokales Zentrum mit seinen komplexen Sozialverhältnissen in weiträumigen Bezügen anbietet. Auch der globalhistorische Ausgangspunkt dieser Arbeit drängt dazu, sachlich begrenzte Phänomene in weiten räumlichen und zeitlichen Zusammenhängen zu betrachten, die diese Begrenzung hinterfragbar und durchlässig werden und auch die Interferenzen zwischen lokalem Sozialhandeln sowie großräumigen Verhältnissen und Praktiken hervortreten lässt.28 Gerade in Bezug auf Migration ist eine solche Herangehensweise gefordert worden, um einen methodischen Nationalismus zu überwinden, der die Bedeutung national-staatlicher Körperschaften überbetont, indem er sie zum unhinterfragten Bezugsrahmen der Forschungen werden lässt.29 Analog dazu muss ein methodischer Ethnozentrismus zurückgewiesen werden, denn erst im Gesamtbild einer umfassenden Analyse des Sozialhandelns konkreter Akteure in ausreichender Dichte mit seinen vielfältigen Bezügen kann die Relevanz einzelner Humankategorisierungen und Gruppenbildungen sinnvoll erfasst und ihre jeweilige ‚Machart‘ herausgearbeitet werden. Letztlich geht es der vorliegenden Studie darum, einen Beitrag zu leisten zu der Debatte um die Bedeutung von Ethnizität – zugleich ‚meaning‘ als auch ‚relevance‘ ethnischer Zuschreibungen in der sozialen Praxis – oder allgemeiner zur Erforschung des kontingenten Geflechts aus Humankategorisierungen in frühmittelalterlichen Gesellschaften. Diese übergeordnete Fragestellung ergibt sich ebenso aus der Globalgeschichte wie der thematische Ansatzpunkt zu ihrer Bearbeitung, wird doch Migrationssituationen schon seit Langem besondere Aufmerksamkeit der globalhistorisch ausgerichteten Forschung gewidmet und lassen diese doch aufgrund womöglich neuer Kategorisierungen zugleich erwarten, dass das Sprechen über Grupp...
Inhaltsverzeichnis
- Title Page
- Copyright
- Contents
- Vorwort
- 1 Theorie, Gegenstand und Methode
- 2 Migration und Gruppenbildungen im Frühmittelalter – eine Forschungsgeschichte
- 3 Humankategorisierungen während der Etablierung des transalpinen Herrschaftsverbands 774–800
- 4 Grundeigentum als soziale Praxis: Assoziationen durch Güterübertragungen in der Lucchesia vor und nach 774
- 5 Wandel sozialer Praxis: Wie im neunten Jahrhundert Güterübertragungen ihre Funktion verlieren
- 6 Die Semantik des Nomens Francus in den Quellen
- 7 Schluss
- 8 Anhänge
- 8.2 Quellenhinweise auf nordalpine Migranten im karolingischen Italien 774–874
- 8.3 Abbildungen
- 8.4 Tabellen
- 8.6 Personen- und Ortsregister
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