Der Dreißigjährige Krieg
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Der Dreißigjährige Krieg

Der große Krieg in Deutschland

  1. 1,508 Seiten
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Der Dreißigjährige Krieg

Der große Krieg in Deutschland

Über dieses Buch

Ricarda Huch widmete sich seit den 1910er Jahren der italienischen, deutschen und russischen Geschichte. Ihr Hauptwerk zur deutschen Geschichte entstand zwischen 1934 und 1947 und umfasst sowohl das Mittelalter als auch die Frühe Neuzeit.

Diese Sammlung über den Dreißigjährigen Krieg fasst in neuer deutscher Rechtschreibung erstmalig alle 3 Teile zusammen:

Erster Teil: Das Vorspiel

Zweiter Teil: Der Ausbruch des Feuers

Dritter Teil: Der Zusammenbruch

Null Papier Verlag

Häufig gestellte Fragen

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Information

Auflage
3
Thema
History

Dritter Teil: Der Zusammenbruch

1633 bis 1650

1.

Der Kur­fürst von Sach­sen wur­de durch die Nach­richt von der be­vor­ste­hen­den An­kunft Oxens­tier­nas in Dres­den in üble Lau­ne ver­setzt; er habe ge­dacht, sag­te er, die schwe­di­sche Wirt­schaft sei mit dem Tode des Kö­nigs zu Ende, nun gehe es wie­der los; er wol­le ein­mal nichts da­mit zu tun ha­ben. Herr von Tau­be und die an­de­ren Räte such­ten ihn zu be­schwich­ti­gen und schlu­gen vor, den Kanz­ler wie den Kö­nig selbst zu emp­fan­gen, da­mit wo­mög­lich al­les glimpf­lich ge­ord­net wür­de; er be­to­ne ja sei­ne Frie­dens­lie­be, viel­leicht kön­ne man einen gu­ten Frie­den er­lan­gen. So­lan­ge Oxens­tier­na sich be­schei­den auf­füh­re, ent­schied der Kur­fürst, sol­le er nach Ge­bühr trak­tiert wer­den; lie­ße er sich aber ein­fal­len, den Herrn zu spie­len, so wol­le er als ein vor­neh­mer deut­scher Kur- und Reichs­fürst ihn Mo­res leh­ren. Be­son­ders der Ober­hof­pre­di­ger Hoë re­de­te dem Kur­fürs­ten zu, das schwe­di­sche Bünd­nis zu hal­ten; Gott habe die schwe­di­schen Waf­fen ge­seg­net und wer­de es fer­ner tun, Ab­fall und Un­treue stän­den ei­nem christ­li­chen Fürs­ten nicht an. Man kön­ne auch nicht wis­sen, wie Gott das ge­treue Aus­har­ren des Kur­fürs­ten noch loh­nen wer­de. Als ihn die Böh­men im Jah­re 1618 zum Kö­ni­ge hät­ten wäh­len wol­len, habe er die große Zu­kunft dem Kai­ser auf­ge­op­fert; viel­leicht krö­ne ihn da­für jetzt der Him­mel frei­wil­lig mit die­ser ur­al­ten und rei­chen Kro­ne. Es gehe ja al­les kopf­über, kopf­un­ter in Böh­men, die lie­be Re­li­gi­on lie­ge in den letz­ten Zü­gen, Mensch und Vieh kämpf­ten mit­ein­an­der um den letz­ten Gras­halm, und das wis­se ja je­der, wie die from­men böh­mi­schen Ex­u­lan­ten auf den Kur­fürs­ten als auf ih­ren Mes­si­as blick­ten. Der Kur­fürst brumm­te, er wol­le nichts, als was ihm mit Fug zu­ste­he, und der hart­köp­fi­ge böh­mi­sche Adel müs­se sich noch viel tiefer bücken, be­vor er sich mit ihm ein­lie­ße; aber das Pro­jekt ru­mor­te doch in sei­nem Kop­fe.
Ernst­li­cher gin­gen die Kur­fürs­tin und ihre Söh­ne mit dem Ge­dan­ken an Böh­men um; die jun­gen Prin­zen wä­ren glück­lich ge­we­sen, wenn sie der vä­ter­li­chen Ty­ran­nei hät­ten ent­rin­nen und au­ßer Lan­des einen an­sehn­li­chen fürst­li­chen Hof hät­ten ein­rich­ten kön­nen.
Ach, sag­te der schwe­di­sche Re­si­dent Ni­ko­lai, Trä­nen im Auge, zu Oxens­tier­na, als er ihn in Dres­den be­grüß­te, er sei ja so froh, den Kanz­ler zu se­hen; es sei ihm fast, als haf­te noch ein Stück­chen von des Kö­nigs See­le an ihm.
Das möge wohl so sein, nick­te Oxens­tier­na; denn er füh­le sich zu­wei­len zu Hand­lun­gen und Plä­nen ge­trie­ben, die er frü­her miss­bil­ligt hät­te und die er jetzt gleich­sam zu des Kö­nigs Ge­dächt­nis und wi­der sei­nen Wil­len tun müs­se. Frü­her sei er mit des Kö­nigs Her­um­stür­men im Reich nicht je­der­zeit ein­ver­stan­den ge­we­sen, habe ge­meint, es füh­re ihn zu weit ab von Schwe­den, und er habe ihm oft ge­ra­ten, sich mit ei­nem gu­ten Beu­tel voll Geld aus dem Knäu­el zu zie­hen, so­lan­ge es noch mit Ehren mög­lich sei. Jetzt steck­ten sie vollends wie die hei­li­gen Mär­ty­rer in ei­nem Lö­wen­zwin­ger, um­ringt von heim­li­chen und of­fe­nen Fein­den, los­ge­trennt von der Hei­mat, ein ver­schla­ge­nes Häuf­lein, nur der ei­ge­nen Fäus­te und des ei­ge­nen Kop­fes mäch­tig.
Des Kanz­lers Kopf zäh­le aber auch für vie­le, sag­te Ni­ko­lai, und er sei in­so­weit der al­ten neun­köp­fi­gen Hy­dra zu ver­glei­chen.
Oxens­tier­na lach­te und sag­te, er sei mit die­sem In­stru­ment zu­frie­den, brau­che es aber auch. Die ge­sam­ten evan­ge­li­schen Stän­de des Reichs, ei­gen­mäch­ti­ge und ver­schla­ge­ne Leu­te, samt Frank­reich un­ter einen Hut zu brin­gen, dazu müs­se man ein nüch­ter­nes Ge­hirn und einen fes­ten Schlaf ha­ben. Bis jetzt habe sich der Her­ku­les noch nicht ge­zeigt, der ihm das kost­ba­re Haupt­bü­schel vom Hal­se schlü­ge, si­cher sei es der Kur­fürst von Sach­sen nicht.
Ni­ko­lai schüt­tel­te be­denk­lich den Kopf. Es wür­den mehr Stäm­me durch wu­chern­des Un­kraut um­ge­bracht als durch den Blitz ge­fällt, sag­te er. Oxens­tier­na möge ihm ge­stat­ten, dass er, Ni­ko­lai, ihm mit sei­ner Er­fah­rung die­ne, und möge sich sei­ne War­nun­gen, mehr als der hoch­se­li­ge Kö­nig ge­tan hät­te, zu Ge­mü­te zie­hen. Er sei jetzt in Dres­den zu Hau­se, ken­ne sich aus mit säch­si­scher Falsch­heit und Hin­ter­list. Der Kur­fürst sei nie­mals auf­rich­tig schwe­disch ge­we­sen und wer­de es nie sein, eben­so­we­nig sei dem Ar­nim und dem Lau­en­bur­ger zu trau­en, wie sie sich auch an­stel­len möch­ten. Ein red­lich schwe­di­sches Ge­müt habe nur der alte Graf Ma­thes Thurn, frei­lich sei er nicht tief, wer­de leicht be­tro­gen und kön­ne schlecht dis­si­mu­lie­ren. Über­haupt mei­ne es nie­mand so treu mit den Schwe­den wie die böh­mi­schen Emi­gran­ten, weil das mit ih­rem Par­ti­ku­la­r­in­ter­es­se zu­sam­men­hän­ge.
Frei­lich, ohne Kö­der fan­ge man kei­ne Fi­sche, lach­te Oxens­tier­na; der säch­si­sche zap­pe­le ja schon an der böh­mi­schen Kro­ne, und dem bran­den­bur­gi­schen habe er auch einen aus­ge­wor­fen, näm­lich die schwe­di­sche Hei­rat des Kur­prin­zen Fried­rich Wil­helm. Das Würm­lein kom­me ih­nen zu Ber­lin fett ge­nug vor, und mit­tels Bran­den­burg hät­te er Sach­sen oh­ne­hin, da sich Sach­sen kaum von Bran­den­burg tren­nen wür­de.
Be­vor Ni­ko­lai sich ver­ab­schie­de­te, schlug er Oxens­tier­na vor, ihn mit dem Gra­fen Kins­ky be­kannt zu ma­chen. Der sei kein Heiß­sporn wie der alte Thurn, son­dern vor­sich­tig und ge­lin­de. Ar­nim habe ihn im Jah­re 1631 kriegs­ge­fan­gen aus Prag ge­bracht, seit­dem lebe er in Dres­den und ge­nie­ße das Wohl­wol­len des Kur­fürs­ten, weil er Anno 1618 nicht dem Pfäl­zer, son­dern ihm, dem Kur­fürs­ten, sei­ne Stim­me ge­ge­ben habe.
So, so, sag­te Oxens­tier­na, er den­ke das wohl jetzt noch zu ef­fek­tu­ie­ren?
Ni­ko­lai zuck­te die Schul­tern. Dass Kins­ky, als ein eif­ri­ger Pro­tes­tant, sein Va­ter­land wie­der in den vo­ri­gen Frei­heits- und Blü­ten­stand set­zen möch­te, sei ge­wiss; aber er ken­ne den Sach­sen zu wohl, um von ihm al­lein viel zu er­war­ten. Er wis­se, dass Böh­men das Heil nur von den Schwe­den kom­men kön­ne. Vor al­len Din­gen kön­ne er da­durch nütz­lich wer­den, dass er ver­mit­telst sei­ner Frau, die eine Terz­ka sei, in ge­nau­er Ver­bin­dung mit Wal­len­stein ste­he; er un­ter­hal­te auch meh­re­re Kund­schaf­ter bei dem Ge­ne­ral und sei von al­lem, was dort vor­ge­he, aufs bes­te un­ter­rich­tet.
Die Ver­hand­lun­gen Oxens­tier­nas mit den kur­fürst­li­chen Rä­ten woll­ten in­des­sen zu kei­nem Zie­le füh­ren, wie scharf er sie auch an­hielt, bei der Sa­che zu blei­ben. Ihre Ver­si­che­run­gen, dass der Kur­fürst des ge­op­fer­ten kö­nig­li­chen Blu­tes ein­ge­denk sei und von den Glau­bens­ge­nos­sen nicht wei­chen wol­le, un­ter­brach er bald mit der For­de­rung, die­se löb­li­chen Ab­sich­ten in Tat um­ge­setzt zu se­hen; na­ment­lich soll­ten sie sich er­klä­ren, in wel­cher Wei­se die Kräf­te der Evan­ge­li­schen künf­tig zu­sam­men­ge­fasst und ver­trags­mä­ßig kon­sti­tu­iert wer­den könn­ten.
Der Kur­fürst sei ge­son­nen, sag­ten die Räte, sei­ne Lie­be zu der ver­stor­be­nen schwe­di­schen Ma­je­stät auf den Kanz­ler zu über­tra­gen und sich nicht von ihm zu se­pa­rie­ren; das Wei­te­re wür­den Zeit und Ge­le­gen­heit ge­ben. Sach­sen sei ja vom Fein­de ge­säu­bert, der Kur­fürst wol­le sich aber da­mit nicht be­gnü­gen, son­dern sei­ne Waf­fen mit schwe­di­scher Hil­fe in Böh­men hin­ein­tra­gen und dem flüch­ti­gen Fein­de gänz­lich den Garaus ma­chen.
Oxens­tier­na lehn­te sich in den Ses­sel zu­rück und spiel­te mit sei­ner Fe­der. So weit wä­ren sie noch nicht, sag­te er ab­leh­nend, es sei nicht rat­sam, das Kriegs­thea­ter wei­ter aus­zu­deh­nen, be­vor noch eine Ba­sis für den Krieg ge­schaf­fen sei. Man müs­se zu­erst wis­sen, wie die Mit­tel für den Krieg auf­zu­brin­gen wä­ren und wer künf­tig das We­sen zu di­ri­gie­ren hät­te, da­mit der Brei nicht ver­sal­zen wür­de, wie es bei all­zu vie­len Häup­tern zu ge­sche­hen pfle­ge.
Dass dem Kur­fürs­ten, als der vor­nehms­ten evan­ge­li­schen Säu­le des Reichs, der ge­büh­ren­de Re­spekt zu­teil wer­de, ant­wor­te­ten die Räte, ver­ste­he sich wohl von selbst. Ob Oxens­tier­na Ur­sa­che habe, dem Kur­fürs­ten zu miss­trau­en?
Dies höf­lich ver­nei­nend, mach­te Oxens­tier­na die Her­ren dar­auf auf­merk­sam, dass er vie­le Ge­schäf­te zu er­le­di­gen hät­te und des­halb den Sa­chen ge­ra­de auf den Leib zie­hen müs­se. Er habe sich aus­ge­rech­net, dass das evan­ge­li­sche Kriegs­we­sen auf drei­er­lei Wei­se könn­te ge­ord­net wer­den: Ers­tens könn­ten wie bis­her alle Glie­der zu ei­nem Cor­pus for­miert wer­den, das un­ter schwe­di­scher Di­rek­ti­on ste­he; oder aber es könn­ten zwei ge­trenn­te Cor­po­ra ge­macht wer­den, von de­nen eins Schwe­den, das an­de­re den Kur­fürs­ten von Sach­sen zum Haup­te hät­te; drit­tens könn­te, falls die Deut­schen der schwe­di­schen Hil­fe nicht mehr zu be­nö­ti­gen mein­ten, die­se Kro­ne durch eine bil­li­ge Ent­schä­di­gung be­frie­digt wer­den, wor­auf sie sich gänz­lich aus dem Krie­ge zu­rück­zie­hen wür­de. Die Räte möch­ten die­se drei Punk­te dem Kur­fürs­ten vor­le­gen und einen schleu­ni­gen Ent­schluss zu­we­ge brin­gen.
Jo­hann Ge­org hör­te den Be­richt der be­stürz­ten Her­ren ent­rüs­tet an. Das feh­le noch, sag­te er, dass er sich von ei­nem schwe­di­schen Ad­li­gen an die Wand drücken lie­ße! Man müs­se doch Zeit zum Be­sin­nen und Über­le­gen ha­ben, auf ein Ent­we­der-Oder lie­ße er sich über­haupt nicht stel­len.
Es sei nicht zu leug­nen, mein­ten jene, dass der Kanz­ler sehr ge­reizt und emp­find­lich zu sein schei­ne; man müs­se sich wohl oder übel ent­schlie­ßen, über die vor­ge­schla­ge­nen drei Punk­te zu be­ra­ten.
Dazu brau­che er kei­nen Rat, schalt der Kur­fürst, um zu wis­sen, dass er sich nicht un­ter einen schwe­di­schen Edel­mann stel­len wol­le; einen sol­chen Schimpf kön­ne er sich nicht selbst an­tun.
Das er­war­te Oxens­tier­na wohl auch nicht, sag­ten die Räte; und der ers­te Punkt sei also von selbst hin­fäl­lig. Der zwei­te Punkt sei aber auch hei­kel, weil Sach­sen da­durch ganz iso­liert wer­den wür­de.
Den er­bos­ten Ein­wurf ih­res Herrn, warum denn nicht da­von die Rede sei, dass er, der Kur­fürst, das gan­ze We­sen di­ri­gie­re, was doch dem Leip­zi­ger Schlus­se ge­mäß sei, scho­ben die Räte mit der Be­mer­kung zu­rück, bei der ex­or­bi­tan­ten Mei­nung, die Oxens­tier­na von sei­ner Kro­ne habe, könn­ten sie sich nicht wohl ge­trau­en, einen sol­chen Vor­schlag ein­zu­brin­gen. Der ver­stor­be­ne Kö­nig habe ja mit dem Kö­nig von Frank­reich stets An­stän­de dar­über ge­habt, dass er mit die­sem auf glei­chem Fuße habe trak­tiert sein wol­len. Da nun die Ent­schä­di­gung vollends gar schwer fal­le, wüss­ten sie nichts an­de­res, als einen Mo­dus zu er­sin­nen, wie man sich je­der be­stimm­ten Ant­wort über­haupt ent­schlü­ge.
Bald je­doch mel­de­ten die Räte, der schwe­di­sche Kanz­ler habe einen sol­chen Hu­mor, dass ver­stän­di­ge Leu­te nicht mit ihm aus­kom­men könn­ten. Er habe ihre wohl­ge­mein­ten In­si­nua­tio­nen rotun­de von sich ge­wie­sen und in ei­nem fast im­pe­rio­si­schen Tone ge­sagt, er wol­le auf sei­ne deut­li­che Fra­ge eine ka­te­go­ri­sche Re­so­lu­ti­on ha­ben.
Nun habe er es satt, rief der Kur­fürst aus. Die fan­tas­ti­sche Ein­bil­dung die­ses Men­schen sei durch den kö­nig­li­chen Empfang, den er ihm wi­der Wil­len und bes­se­re Ein­sicht be­rei­tet hät­te, völ­lig ins När­ri­sche aus­ge­schla­gen. Er sol­le sich die Re­so­lu­ti­on aus sei­nen Fin­gern sau­gen und da­mit ab­fah­ren; ihm dür­fe von nun an kei­ner mehr mit dem schwe­di­schen Bünd­nis kom­men.
Wäh­rend die­se Ver­hand­lun­gen sich hin­schlepp­ten, tra­fen an ei­nem der letz­ten De­zem­ber­ta­ge Oxens­tier­na und Graf Kins­ky bei Ni­ko­lai zu­sam­men. Es war nach Kins­kys Wunsch eine spä­te Abend­stun­de ge­wählt wor­den, da­mit der Be­such wo­mög­lich ge­heim blie­be, und beim Ein­tre­ten haf­te­ten sei­ne Bli­cke scheu in den düs­te­ren Win­keln des nied­ri­gen holz­ver­tä­fel­ten Zim­mers. Wäh­rend Ni­ko­lai ihm half, sich sei­nes Pelz­man­tels zu ent­le­di­gen, sag­te er er­klä­rend, die Her­ren kenn­ten ja die wun­der­li­che Ge­müts­be­schaf­fen­heit des Kur­fürs­ten, wie er bald mit die­sem, bald mit je­nem un­zu­frie­den sei und dass er ihm, Kins­ky, Spä­her nach­zu­schi­cken pfle­ge, die ihm alle sei­ne Schrit­te hin­ter­bräch­ten. Er wür­de so­gleich et­was Ver­rä­te­risches da­hin­ter wit­tern, wenn er mit Oxens­tier­na zu­sam­men­trä­fe, ob­gleich er doch der Her­ren Schwe­den Bun­des­freund wäre.
Ihm, ei­nem al­ten Di­plo­ma­ten, sag­te Oxens­tier­na be­ru­hi­gend, kön­ne Kins­ky Vor­sich­tig­keit und Ver­schwie­gen­heit zu­trau­en. Üb­ri­gens habe er nicht im Sin­ne, die­sen Abend Staats­sa­chen zu trak­tie­ren, wol­le sich im Ge­gen­teil da­von er­ho­len. Er freue sich, die Be­kannt­schaft ei­nes so hoch­ge­lehr­ten, weit­be­rühm­ten Man­nes zu ma­chen, wie Kins­ky sei; es stän­den viel böh­mi­sche Ex­u­lan­ten als Of­fi­zie­re im schwe­di­schen Heer, der ver­stor­be­ne Kö­nig habe sie wohl zu schät­zen ge­wusst, und es sei sein Wunsch ge­we­sen, den ar­men Mär­ty­rern zu hel­fen und sie in ihr Va­ter­land zu­rück­zu­füh­ren. Ihm, Oxens­tier­na, wä­ren des Kö­nigs Wün­sche hei­lig, und wenn er es ver­möch­te, wür­de er die böh­mi­schen Her­ren in den Frie­den ein­schlie­ßen, so­fern es ein­mal dazu käme.
So­fern es ein­mal dazu käme, wie­der­hol­te Kins­ky, in­dem er sei­ne trau­ri­gen schwar­zen, ein we­nig star­ren Au­gen auf den Kanz­ler hef­te­te. Es er­öff­ne sich ja nir­gend eine Aus­sicht. Und so wie es in Böh­men jetzt ste­he, ver­lan­ge es ihn auch gar nicht heim; es sei nichts als Un­treue und Un­frie­den da zu fin­den.
Ihm kom­me es selt­sam vor, sag­te Ni­ko­lai, dass die böh­mi­schen Her­ren sich so still un­ter dem ös­ter­rei­chi­schen Joch ver­hiel­ten. So klu­ge, mäch­ti­ge und stol­ze Her­ren! Man soll­te mei­nen, es hän­ge nur von ih­rem Wil­len ab, ob sie wie­der frei wür­den.
»Sie sind stark zur Ader ge­las­sen«, sag­te Kins­ky, »das Blut von 1621 ist noch nicht er­setzt.«
»Und noch nicht ge­rächt«, füg­te Ni­ko­lai hin­zu.
Er wol­le die Ge­rich­te­ten von 1621, de­nen Gott gnä­dig sei, nicht ver­tei­di­gen, sag­te Kins­ky; sie hät­ten kei­ne ganz rei­ne Sa­che ge­habt, und er hät­te sich des­halb in ihre Re­bel­li­on nicht ein­ge­las­sen. Man müs­se nicht un­sin­nig auf die ei­ge­ne Kraft po­chen, son­dern auch den Geg­ner recht ein­schät­zen, und nie einen Fuß he­ben, be­vor man wis­se, wo man ihn wie­der auf­set­zen kön­ne.
Der Graf fuhr zu­sam­men, als in die­sem Au­gen­blick dröh­nend an die Haus­tür ge­schla­gen wur­de, und er wand­te sein gel­bes Ge­sicht ängst­lich hor­chend nach dem Fens­ter, an dem große Schnee­flo­cken, laut­los aus dem Dun­kel ins Dun­kel tau­chend, vor­über­g­lit­ten. Das sei nichts Be­sorg­li­ches, sag­te Ni­ko­lai gut­mü­tig, viel­leicht sei es ein Bote mit Brief­schaf­ten für ihn. Es könn­ten aber auch Kin­der sein, die das alte Jahr aus­trei­ben woll­ten.
Kins­ky er­klär­te, er sei schreck­haft, weil er krank sei, la­bo­rie­re schon seit Jah­ren an Ma­gen­schwä­che. Es lä­gen ihm auch zu Hau­se zwei Kin­der krank, so sei er im­mer auf eine Hiobs­post ge­fasst.
»Ja, ja«, sag­te Ni­ko­lai, »die Pest ist es, die jetzt ge­fähr­lich her­um­geht, vom Krie­ge ist der­ma­len we­ni­ger zu be­fürch­ten.«
Kins­ky war auf­ge­stan­den und blick­te auf die Stra­ße hin­un­ter, wo ein paar Kna­ben stan­den und mit dün­ner Stim­me ein Lied absan­gen, zog ein Geld­stück aus der Ta­sche und warf es hin­aus, das Fens­ter be­hut­sam ein we­nig öff­nend. Dann sag­te er, an Ni­ko­lais Wor­te an­knüp­fend, die kai­ser­li­che Ar­mee un­ter Wal­len­stein sei al­ler­dings zur­zeit nicht for­mi­da­bel. Dazu ste­cke sie so voll Pro­tes­tan­ten, dass gar kein Mut zum Krie­ge ge­gen die Glau­bens­ge­nos­sen dar­in herr­schen kön­ne. Auch sei Wal­len­stein selbst krank und lie­ge meis­ten­teils zu Bet­te. Ei­ner sei­ner Lei­bärz­te habe ge­sagt, wenn er das Jahr über­le­be, so sei es nur eine Gna­den­frist, die Gott ihm be­wil­li­ge.
Er habe auch der­glei­chen ge­hört, sag­te Oxens­tier­na, es aber für Ge­schwätz ge­hal­ten. Das Pod­agra hät­ten an­de­re auch, das brin­ge einen Fünf­zig­jäh­ri­gen nicht ins Grab.
Das sei je nach­dem, sag­te Kins­ky, von den Ärz­ten wer­de er für einen Mann des To­des aus­ge­ge­ben.
»So hät­ten wir frei­lich einen mäch­ti­gen Bun­des­ge­nos­sen«, sag­te Oxens­tier­na.
Kins­ky wieg­te den Kopf und sag­te zö­gernd, es sei die Fra­ge, ob die Schwe­den nicht mehr Ur­sa­che hät­ten, Wal­len­steins Le­ben als sei­nen Tod zu wün­schen. Vie­le woll­ten wis­sen, dass der Ge­ne­ral kei­ne Lust mehr zum Krie­ge habe und den Evan­ge­li­schen eher wohl als übel wol­le.
»Ja, wer hät­te denn noch Lust zum Krie­ge!« rief Oxens­tier­na auf­seuf­zend. Üb­ri­gens wis­se er von sei­nem se­li­gen Kö­ni­ge, dass Wal­len­stein ein Was­ser ohne Grund sei, in dem sich kein Schiff ver­an­kern könn­te. Es sei­en da al­ler­lei Kno­ten ge­schürzt ge­we­sen, aber nie­mals zu­ge­zo­gen wor­den. Auf Trak­ta­te mit Wal­len­stein kön­ne man kei­nen Wert le­gen, ja nicht ein­mal auf sei­ne Ta­ten. Er ma­che es wie ge­wis­se Leu­te beim Brett­spiel, die je­der Zug ge­reu­te, den sie eben ge­tan hät­ten. Nach sei­ner An­sicht sei ein of­fe­ner Feind bes­ser als ein zwei­deu­ti­ger Freund, de­ren er lei­der oh­ne­hin ge­nug hät­te.
Oxens­tier­nas Ab­leh­nung schi­en Kins­ky ein we­nig zu rei­zen; so viel er wis­se, sag­te er, habe es das eine Mal an Gu­stav Adolf ge­le­gen, dass das Pro­jekt nicht zu­stan­de ge­kom­men sei. Wal­len­stein sei da­zu­mal sehr emp­find­lich und der alte Thurn ganz de­spe­rat ge­we­sen. Frei­lich, setz­te er hin­zu, wä­ren das sub­ti­le Sa­chen, von de­nen schwer zu re­den wäre.
Als die Her­ren sich trenn­ten, hat­te Kins­ky den Ein­druck, dass Oxens­tier­nas Miss­trau­en ge­gen Wal­len­stein schwer zu über­win­den sei und dass er si­cher­lich dem kai­ser­li­chen Ge­ne­ral nicht ent­ge­gen­kom­men wer­de. Da aber Wal­len­stein, wie er nun ein­mal war, den ers­ten Schritt nicht tun wür­de, müs­se man, so dach­te er, mehr Sa­men aus­streu­en; viel­leicht, dass auf ei­nem an­de­ren Acker et­was auf­gin­ge.

2.

Nach der Schlacht bei ...

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  9. Zweiter Teil: Der Ausbruch des Feuers
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