1 Einleitung
Über Kognition, Erkenntnis, Wissen sprechen wir in aller Regel in der Metaphorik sinnlicher Wahrnehmung. So gibt das Grimmsche Wörterbuch als Bedeutung von erkennen an: „durch das gesicht oder gehör erkennen = sehen, hören, gegenstände sinnlich wahrnehmen, unterscheiden, herausfinden“. Daraus folgt dann – metaphorisch –: „geistiges erkennen und einsehen, höher als das blosz sinnliche vernehmen“.1 Und die Tatsache, dass Sehen und Verstehen parallelisiert werden, liegt, so Eve E. Sweetser, an der „focusing ability of our visual sense“.2 Den Zusammenhang von Sinneswahrnehmung und Kognition demonstriert eine Bibelstelle bei Mk IV.12, in der Übersetzung Luthers: Auff das sie es mit sehenden Augen sehen / vnd doch nicht erkennen / vnd mit hörenden Ohren hören / vnd doch nicht verstehen. Das zu Erkennende wird im vorangehenden Vers benannt: Es ist das Geheimnis des reichs Gottes, dessen Wissen den Jüngern vorbehalten ist.3
Im Folgenden soll es nicht um das Göttliche gehen, das, wie der Soziologe Alois Hahn feststellt, der „klassische Gegenstand für Geheimnisvolles“ ist, über das man kommunizieren kann, ohne dass es „den Charakter des Geheimnisvollen verliert“.4 Mein Anliegen ist – vordergründig – bescheidener. Unter der Vorgabe, etwas zur Frage von Geheimnis und Verborgenem im Mittelalter beizutragen, sind meine Ausgangspunkte Formulierungen wie die folgende. Zu Beginn der altenglischen Spruchsammlung ‚Maxims I‘ sagt der Sprecher: nelle ic þe min dyrne gesecgan gif þu me þinne hygecræft hylest (Z. 2b–3a). W. S. Mackie übersetzt dies mit den Worten: „I will not tell you my secret if you conceal from me your wisdom“.5 Es geht hier um Kommunikation, wahrhaft um Austausch, denn wenig später heißt es: gleawe men sceolon gieddum wrixlan (Z. 4; ‚Weise Männer tauschen [sich mit] Sprüche[n] aus‘).6
Handelt es sich bei dyrne an dieser Stelle tatsächlich um ein Geheimnis? Heuristisch scheint es fürs Erste sinnvoll, mit Hahn begrifflich zu unterscheiden zwischen „Verheimlichung“ und „Geheimhaltung“. „Verheimlichung“ liegt vor, wenn über eine verfügbare Information gar nicht kommuniziert wird. „Geheimhaltung“ hingegen bezieht sich auf „bereits Mitgeteiltes“, das dadurch Geheimnis bleibt, dass es bewusst nicht weiter kommuniziert wird.7 Als Grundbedeutung gibt der Dictionary of Old English (DOE) für das Adjektiv dyrne allerdings „hidden, secret“ an, was beides abzudecken scheint.8 Man muss dabei jedoch immer einbeziehen, dass in solchen Wörterbüchern keine erschöpfenden semantischen Analysen, sondern kontextgesteuerte Übersetzungen bereitgestellt werden. Darin steckt dann auch das kaum zu vermeidende Risiko, dass Konzepte nicht eins zu eins transponiert werden (können). Umgekehrt müssen wir gewärtig sein, dass von uns entwickelte Begrifflichkeit nicht überall und immer heuristisch nützlich ist.
Als Ausgangspunkt ist daher erst einmal festzuhalten, dass es im Altenglischen auch diesseits des Göttlichen viel Geheimnisvolles gibt. Ich möchte zeigen, dass in England im 10. und 11. Jahrhundert mit dyrne und anderen Begriffen ‚Verborgenes‘ benannt wird, es sich dabei aber – im weitesten Sinn – nicht um Wissensbestände handelt, deren Weitergabe unterbunden werden soll. Das Gegenteil ist der Fall: Verborgenes kann zutage treten und wird damit sichtbar, wissbar und aufgrund dessen auch kommunizierbar. Dabei handelt es sich, wie eingangs angesprochen, um Spuren der metaphorischen Versprachlichung kognitiver Prozesse durch Sinneswahrnehmung, allen voran die konzeptuelle Projektion „Wissen ist Sehen“:9 Weiter könnte man sich kaum von der Systemtheorie, die Hahns Überlegungen zugrunde liegt, entfernen. Ein wenig spiele ich ihr dann doch im folgenden Abschnitt in die Hände, denn ich erlaube mir, vor der Analyse der altenglischen Beispiele einen Exkurs in die deutsche Sprachgeschichte zu unternehmen. Dies geschieht, weil durch einen glücklichen Umstand die Schöpfung des deutschen Worts „Geheimnis“ belegt ist.
2 Exkurs: Luthers „Geheimnis“
Im Jahr 2017 war viel darüber zu lesen, welch großen Beitrag Martin Luther zum Wortschatz der deutschen Sprache geleistet hat. Dies aber ist ein anscheinend weniger bekannter Beleg, aufzufinden in Luthers Schrift ‚Auslegung der Episteln‘ von 1528:
Ich kan heutigs tages kein deutsch finden auff das wort mysterion / vnd were gleich gut / das wir blieben bey dem selbigen kriechischen wort / wie wir bey vielen mehr sind blieben / Es heist ja so viel / als secretum / ein solch ding / das aus den augen gethan vnd verborgen ist / das niemand sihet / vnd gehet gemeiniglich die wort an / als wenn etwas gesagt wird / das man nicht verstehet / spricht man / das ist verdackt / da ist etwas hynden / das hat ein mysterion / da ist etwas verborgens. Eben das selbige verborgen heist eygentlich / mysterium / ich heisse es ein geheymnis.10
Zweierlei führt uns Luther hier vor Augen: zum einen, dass es zu Beginn der Neuzeit kein deutsches Wort für griechisch mysterion (und lateinisch secret...