Ist es sinnvoll Wissen über die Welt, die uns umgibt, zu mehren? Diese Frage stellten sich vor genau 125 Jahren die Begründer einer der größten gemeinnützigen Organisationen unserer Zeit, der National Geographic Society.Heute bezweifelt dieses Vorhaben niemand mehr - längst ist es zu einer eigenen Marke in Forschung, Wissensvermittlung und anspruchsvoller Unterhaltung geworden.Seit 1890 hat die NGS mehr als 9.600 Forschungsprojekte unterstützt, die nachhaltig das Verständnis unserer Umwelt beeinflusst haben, ganz getreu nach ihrem erklärten Ziel: Die Menschen sollen inspiriert werden, sich um ihren Planeten zu kümmern!Mehr als neun Millionen Mitglieder rund um den Erdball zeugen von der enormen Popularität dieses Grundgedankens. Ein guter Teil von ihnen zählt zu den Abonnenten des National Geographic Magazins, das in 39 Sprachen mit einer Gesamtauflage von rund acht Millionen Exemplaren herausgegeben wird.Doch wie ist es den Akteuren gelungen, von 33 Gründungsmitgliedern in einem kleinen Club in Washington, D. C., zu einer multinationalen Unternehmung von diesem Ausmaß anzuwachsen? Von schwierigen Anfangszeiten, Rassismus, finanziellen Miseren und Machtspielen weiß diese Geschichte ebenso zu berichten wie von glorreichen Expeditionen, journalistischen Neuerungen und persönlichen Schicksalen der Protagonisten. Eine kompakte Darstellung über mehr als 125 Jahre National Geographic Society.

- 111 Seiten
- German
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Über dieses Buch
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Weltgeschichte1. Die Geburt eines Jahrhundertprojekts
„Damit wir alle mehr über die Erde […] erfahren können.“
Washington, D. C., Vereinigte Staaten von Amerika, im Jahre 1888: Die Kapitulation der Nord-Virginia-Armee im Appomattox Court House beendete rund zwei Jahrzehnte zuvor den Sezessionskrieg, nachdem sich die amerikanische Gesellschaft wieder neu formieren musste.1 Die Erschließung des Wilden Westens und die Unterjochung der Indianer stand kurz vor ihrem traurigen Höhepunkt am Wounded Knee.2 Der in späteren Zeiten erfolgsverwöhnte Schriftsteller Jack London versuchte sich im Zuge der Goldfunde am Klondike River vergeblich als Goldsucher in Yukon.3 Die Demokraten konnten drei Jahre zuvor ihren größten Sieg gegenüber den viele Jahre politisch bestimmenden Republikanern verbuchen: Ihr Kandidat Grover Cleveland wurde überraschend per Direktwahl zum Präsidenten berufen.4 Ströme von europäischen Einwanderern suchten ihr Glück im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und die zweite Welle der Industrialisierung war noch immer in vollem Gange. Wirtschaftlicher Aufschwung, technologischer Fortschritt, Gilded Age5, Landnahme – all dies waren wichtige Themen dieser Zeit. Und Washington, D. C., war Amerikas Zentrum der politischen Macht und Wissenschaft. Der Cosmos Club im Herzen verkörperte eine Sphäre von Einfluss, politischer Meinungsbildung und gesellschaftlichem Prestige. Sein Standort am Lafayette Square, schräg gegenüber vom Weißen Haus, war kein Zufall.

Abb. 1: Der Cosmos Club im Herzen von Washington, D. C., zwischen 1921 und 1922.

Abb. 2: Der Cosmos Club zwischen 1980 und 2006.
Seit der Gründung im Jahre 1878 von John Wesley Powell und seinen Geschäftspartnern6 verschrieb sich der Privatclub der Förderung seiner Mitglieder in Wissenschaft, Literatur und Kunst. Im Laufe der Zeit avancierte er zum Treffpunkt der geistigen Elite der US-Hauptstadt für Gespräche, Zigarren und Tratsch.7 So verwundert es wenig, dass gerade der Tagungsraum dieses Clubs mit seinem schweren, runden Mahagonitisch zehn Jahre nach seiner Eröffnung als Schauplatz eines historischen Ereignisses gewählt wurde:
„Sie sind eingeladen, an einer Versammlung teilzunehmen, die im Tagungsraum des Cosmos Club am Freitag, den 13. Januar um acht Uhr abends stattfindet. Es besteht die Absicht darüber nachzudenken, ob es sinnvoll ist, eine Gesellschaft zur Förderung und Verbreitung geografischen Wissens zu gründen.“8
Dem formellen Ton des Einladungstextes vom 10. Januar 1888 angemessen, folgten dieser Aufforderung drei Tage später 33 Männer in dunklen Anzügen und schwarzen Krawatten. Noch heute ist eine strenge Kleiderordnung für den Zutritt in den Club von Nöten. An diesem, der Legende nach feuchtkalten, von Nebelschwaden durchzogenen Abend, zählten prominente Namen zu den Auserwählten: einer von ihnen war Gardiner Greene Hubbard, der Schwiegervater von Alexander Graham Bell und spätere Mitbegründer der Bell Telephone Company. Er galt als einer der wirtschaftlich einflussreichsten Männer dieser Zeit.9 Schon lange hegte der groß gewachsene Mann mit den braunen Augen und dem dichten Vollbart eine Vorliebe für die Wissenschaft und unterstützte sie rege. Geboren in Boston, absolvierte Hubbard das Dartmouth College und studierte später Jura an der Harvard University. Auch Major John Wesley Powell, ein Veteran des amerikanischen Bürgerkrieges und Gründer des Cosmos Clubs, zählte zu den Gründungsmitgliedern. Powell unternahm bereits erste Bootsexpeditionen über den Colorado-River und erforschte den Grand Canyon.10

Abb. 3: Major John Wesley Powell, Gründer des Cosmos Clubs, zählte auch zu den Gründungsmitgliedern der National Geographic Society.
Ebenfalls anwesend war Adolphus Washington Greely, der oberste US-Funkoffizier.
Greely führte von 1881 bis 1884 die erste US-amerikanische Polarexpedition in die Arktis an – im Alter von 37 Jahren und ohne jegliche Erfahrung.11

Abb. 4: Adolphus Washington Greely, oberster US-Funkoffizier, war bei der Gründung der National Geographic Society ebenfalls anwesend.
Beinahe hätte er dies mit seinem Leben bezahlt, wie 18 Personen seines ursprünglich 25 Mann starken Abenteurerteams. Doch der spätere Flottillenadmiral George W. Melville bewahrte ihn durch eine Rettungsaktion vor dem Tod.12 Melville saß an jenem Tag Greely in einem der schweren Ledersessel des Cosmos Clubs gegenüber, ebenso wie der Forschungsreisende George Kennan, der eine Entfernung von fast 9000 Kilometern mit Hunden, Pferden und Rentieren durch Sibirien zurückgelegt hatte.13 Der Alaska-Erforscher William Healey Dall, der Arzt und Naturwissenschaftler Clinton Hart Merriam, der Geograf Henry Gannett und weitere hochangesehene Persönlichkeiten, darunter Geographen, Entdecker, Naturwissenschaftler, Militärs, Geologen, Meteorologen, Bankiers und Ingenieure stießen zu dem vornehmen Kreis hinzu.14 All jene Anwesenden überzeugte das Vorhaben. Da zu dieser Zeit an keiner Universität des Landes Geografie als eigenständige Disziplin studiert werden konnte, oblag geografische Bildung nur einzelnen, interessierten Spezialisten. Eine Öffentlichkeit musste erst geschaffen werden.
Doch sollte die Institution keineswegs nur exklusiven Teilnehmern offen stehen, sondern vielmehr „auf einer breiten und liberalen Basis in Bezug auf die Bedingungen für die Mitgliedschaft“ organisiert sein.15
Jede geographisch interessierte Person konnte gegen eine Gebühr von 5 US-Dollar pro Jahr beitreten – nach Vorschlag eines Mitglieds und Annahme des Vorstands der Gesellschaft.16 Für Normalverdienende war dies nicht immer erschwinglich: Eine durchschnittliche Familie der Arbeiterklasse benötigte in den 1870er Jahren 520 bis 624 US-Dollar pro Jahr zum Leben, ein verheirateter Mann verdiente etwa 1,50 US-Dollar täglich.17 Dennoch, der liberale Grundgedanke zählte.
Ein neunköpfiger Ausschuss gab der Organisation kurze Zeit nach ihrer Gründung den Namen National Geographic Society. Er setzte Funktionäre ein und verabschiedete eine Satzung.
Den gelernten Juristen Gardiner Greene Hubbard ernannten die Beteiligten zum ersten Präsidenten18 – obwohl er kein Wissenschaftler sei und sich lediglich weitere Fortschritte der geografischen Forschung wünschte.19
Die Organisation umschloss Geografie als Wissenschaft bewusst weitläufig:
Das Themenspektrum sollte alle tierischen, pflanzlichen und mineralischen Belange zu Land, zu Wasser und in der Luft umfassen.
General Greely, als einem von vier ursprünglichen Vizepräsidenten, übertrug man das Feld der Geografie der Luft. Weitere Mitglieder wurden mit der Geografie des Landes, des Meeres und des Lebens betraut.20 Ein paar Jahre später wurden Vizepräsidenten für die Geografie der Kunst und kommerziellen Geografie herangezogen.
Die Aufgabe der Vizepräsidenten bestand darin, Redner für Lehrvorträge in den jeweiligen Gebieten zu gewinnen. Solche Dienste konnten zu Beginn ebenso wenig bezahlt werden wie reguläre Angestellte oder ein Büro der Organisation.21
Einmal im Jahr wählten die Mitglieder die ehrenamtlichen Verantwortlichen und änderten gegebenenfalls die Satzung.
Auf den Treffen der Gesellschaft wurden Vorträge gehört, Erkenntnisse ausgetauscht und Angelegenheiten der Organisation besprochen. Anfangs fanden sie recht unregelmäßig und an unterschiedlichen Orten statt: Das eine Mal trafen sich die Mitglieder im Smithsonian Institute, der Lincoln Hall oder der Columbian University, ein anderes Mal in der Builders Exchange Hall, der National Rifles Armory Hall oder dem Cosmos Club.
Trotz der unbeständigen Anfangszeit stand der Grundsatz der Gleichheit aller Interessierter von Beginn an klar und unumstößlich fest, wie Präsident Hubbard in seiner Antrittsrede darlegte:
„Durch meine Wahl zeigen Sie der Öffentlichkeit, dass die Mitgliedschaft in unserer Gesellschaft nicht nur auf professionelle Geografen beschränkt ist. Vielmehr bezieht sie all jene mit ein, die wie ich selbst, gezielte Forschungen anderer unterstützen und das so gewonnene Wissen unter den Menschen verbreiten wollen – damit wir alle mehr über die Erde, auf der wir leben, erfahren können.“22
2. Licht und Schatten in den Anfangsjahren des National Geographic Magazines
„Das Wort ‚Erde‘ […] erweckt in unserem Verstand die Idee eines riesigen
Globus, aufgehängt in einem leeren Raum – die eine Seite im Schatten, die andere gebadet in den Strahlen der Sonne.“23
Um das geografische Wissen vielen Menschen zugänglich zu machen, entschieden sich die Verantwortlichen für die schriftliche Veröffentlichung der Erkenntnisse ihrer Treffen und Debatten. Im Oktober von 188...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Inhaltsverzeichnis
- Impressum und Abbildungsverzeichnis
- Vorwort
- 1. Die Geburt eines Jahrhundertprojekts
- 2. Licht und Schatten in den Anfangsjahren des National Geographic Magazines
- 3. Bell und Grosvenor übernehmen das sinkende Schiff
- 4. Gilbert Grosvenors steiniger Aufstieg
- 5. Fast an der Spitze angekommen
- 6. Lasst Bilder sprechen
- 7. Zeiten des Umbruchs auf dem Weg zum Erfolg
- 8. Der Wettlauf zum Nordpol
- 9. Archäologen, Juden und sterbende Genies
- 10. Familienbetrieb
- 11. Die Chandler-Affäre
- 12. Zehn goldene Jahre
- 13. Melville tritt ab, Payne trumpft auf
- 14. Wieder ein Grosvenor in der Krise
- 15. Eine neue Ära
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