Ungleiche Kämpfe – die öffentlichen Debatten um die richtige Bildung
Susanne Brehm und Christopher Hempel
Über die Hürden des Bildungssystems wird in der Wissenschaft zu Recht intensiv diskutiert. Vorschläge, wie hierbei in Deutschland mehr Chancengleichheit garantiert werden könnte, gibt es genug. Um aber tatsächlich etwas zu bewirken, müssen alle wissenschaftlichen Analysen und Reformvorschläge die politische und öffentliche Debatte durchlaufen. Nur der Vorschlag, der dort gehört wird und besteht, kann politisch erfolgreich sein. Der Diskurs ist aber wie ein „Kampfplatz [...], auf dem nicht immer die feinsten und fairsten Turnierregeln gelten“.395 Denn nicht wer die überzeugendsten Zahlen und Fakten präsentieren kann, verlässt den Kampfplatz als Sieger, sondern der, der diese Zahlen und Fakten am überzeugendsten deutet. Und da verschiedenste Interessengruppen wie Vereine, Lobbyisten und Politiker neben der Wissenschaft den Ring betreten und alle ihre Ziele verwirklichen wollen, ist die entscheidende Frage: Wer hat die größte Macht, seine Deutungen der Welt im gesellschaftlichen Diskurs durchzusetzen und damit Vorschläge zu wandeln, abzumildern oder gar ganz zu blockieren?396
Gerade der Bildungsdiskurs ist hart umkämpft, weil in unserer Gesellschaft über das Bildungssystem Lebenschancen vergeben werden und es deshalb für jeden Einzelnen darum geht, sich besonders gute Startbedingungen zu sichern. Das gerät leicht in einen Konflikt mit anderen gesellschaftlichen Ansprüchen an das Bildungssystem wie dem, Chancengleichheit herzustellen. Wie aber artikulieren nun verschiedene Gruppen ihre Interessen, und wie versuchen sie, die Deutungsmacht über die Diskussion zu erringen?397
Das auffälligste Beispiel für diese Kämpfe ist in Deutschland die Debatte um das gegliederte Schulsystem: Es herrscht eine außergewöhnlich starke Übereinstimmung in der bildungswissenschaftlichen Diskussion darüber, wie stark diese Gliederung zur sozialen Selektion in Deutschland beiträgt.398 Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat es unter Beteiligung verschiedenster, zum Teil einflussreicher politischer Akteure – von den alliierten Besatzungsmächten über Parteien, Gewerkschaften und führende Intellektuelle bis hin zu gewählten Landesregierungen – auch immer wieder engagierte Anläufe gegeben, diese Gliederung aufzuheben.399 Erfolgreich waren sie bisher nicht. Auch der jüngste Anlauf, die Schulreform in Hamburg, ist gescheitert. Was ist da passiert?
Der Hamburger Kampfplatz
In Hamburg ist der „Kulturkampf “ entbrannt, schrieb Der Spiegel im September 2008, als die damalige schwarz-grüne Landesregierung das Schulsystem reformieren wollte. Statt einer vierjährigen Grundschule forderte sie, die Kinder erst nach der 6. Klasse zu trennen. Demnach hätten die Schüler auf eine neue Schulform, die sogenannte Stadtteilschule, oder auf Gymnasien gehen können, wobei an beiden Sekundarschulen künftig das Abitur möglich gewesen wäre. Die Landesregierung wollte also das dreigliedrige Schulsystem abschaffen und durch ein durchlässigeres Zwei-Seulen-Modell ersetzen.400
Diese Reform entfachte einen Streit, der eine breite Öffentlichkeit bewegte und erregte. Trotz des recht vielfältigen Bündels an geplanten Maßnahmen ging es in diesem Streit um eine Wiederauflage der „alten“, immer wiederkehrenden bundesdeutschen Debatte: das gegliederte Schulsystem. Es wurde zwar nicht direkt um die Einführung einer „Schule für alle“ gestritten, die Pläne in Hamburg waren aber ein deutlicher Schritt in diese Richtung. Der Meinung waren zumindest die politischen Gegner dieser Reform, denn der Streit drehte sich dann fast ausschließlich um das von der Landesregierung geforderte „längere gemeinsame Lernen“, also die Verlängerung der Grundschule um zwei Jahre. Neben der Hamburger Landesregierung standen sich in der Diskurs-Kampfarena vor allem zwei Bürgerinitiativen gegenüber: „Eine Schule für Alle“, die die Pläne des Hamburger Parlaments unterstützte, und „Wir wollen lernen“. Diese Bürgerbewegung setzte sich zum Ziel, die Reform zu verhindern, und forderte insbesondere, das bestehende gegliederte Schulsystem ab Klasse 5 zu erhalten. Dafür sammelte die Initiative mehr als 180.000 Unterschriften und erreichte somit spielend die für einen Volksentscheid nötigen Stimmen, der wiederum dem Plan, die Grundschulzeit zu verlängern, am 18. Juli 2010 dann endgültig ein Ende bereitete. Die Mehrheit der Wähler lehnte die Reform der Grundschule ab. Mit welchen Argumenten aber hatte die Bürgerinitiative „Wir wollen lernen“ die Debatte gewonnen?
Schaut man näher hin, so waren es vor allem drei Schlagworte, die den Streit in Hamburg bestimmten: individualisiertes Lernen, Chancengleichheit und Leistungsfähigkeit. Jeder Diskurs weist solche dominanten Begriffe auf, die die Diskursteilnehmer beachten müssen. Sie müssen sich dieser Begriffe bedienen, um ernst genommen zu werden. Was dominant ist, wird dabei aber von keiner Seite allein bestimmt, vielmehr ist es das Ergebnis einer langen Entwicklung, an der viele Akteure beteiligt sind. Alle, die sich öffentlich äußern, „stricken“ mit ihren Aussagen irgendwie daran. Aber kein Einzelner kann bestimmen, was am Ende dabei herauskommt.
Was genau die dominanten Begriffe aussagen und wofür sie stehen, ist allein anhand der Worte meistens nicht zu bestimmen. Sie sind zwar in der Gesellschaft und auch in der politischen Debatte allgemein anerkannt, akzeptiert und positiv besetzt. In ihrer Bedeutung sind sie aber letztlich so inhaltsleer, dass sie für ganz unterschiedliche Interessen benutzt werden können. Daher nennt man Begriffe dieser Art auch „leere Signifikanten“.
An der Debatte in Hamburg zeigt sich sehr gut, wie solche leeren Begriffe verwendet und für die eigenen Interessen gedeutet werden. Denn die Bürgerinitiative „Eine Schule für Alle“, die Landesregierung und auch „Wir wollen lernen“ stimmten den grundlegenden Zielen zu, dass die Reform des Schulsystems individualisiertes Lernen ermöglichen, Chancengleichheit herstellen und die Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems erhöhen soll. Obwohl also alle „gemeinsame“ Ziele vertraten, sprich die gleich Sprache verwendeten, benutzten sie die Begriffe unterschiedlich für ihre Argumentation und zogen folglich auch andere Schlüsse, wie diese Ziele konkret zu erreichen sind.
Am Beispiel des individuellen Lernens wird das besonders deutlich: Für die Befürworter der sechsjährigen Grundschule, also die Landesregierung und „Eine Schule für Alle“, bedeutet individualisiertes Lernen, dass sich die Schule der Leistungsfähigkeit und der individuellen „Begabung“ jedes einzelnen Kindes gleichermaßen zuwende. Das sei aber gerade dann möglich, wenn alle Kinder gemeinsam in eine Schule gingen. Sie stellen sich deshalb dagegen, Kinder frühzeitig in Leistungsgruppen einzuteilen.
„Wir wollen lernen“ hingegen setzt den Begriff der Individualität an die Stelle, die in der pädagogischen Debatte gewöhnlich mit dem Begriff der Heterogenität gefüllt wird; also mit einem Wort, das die unterschiedlichen Leistungsstände von Kindern beschreibt. Sie besetzen diesen Begriff neu und plädieren dann im Namen der Individualität für das Lernen in nach Leistung sortierten Klassen. Nur so könne man der gegebenen Verschiedenheit der Schüler gerecht werden. Individuelle Schulbildung meint für „Wir wollen lernen“ also den möglichst frühen Übergang ins gegliederte Sekundärschulsystem, das heißt auf die Stadtteilschule oder ans Gymnasium. Da sie offensichtlich die Interessen der im gegenwärtigen System Privilegierten vertreten, kann man sagen, sie plädieren im Namen der Individualität für das Recht, unter sich zu bleiben.
Die Hülse der Chancengleichheit
Auch das Wort Chancengleichheit wurde unterschiedlich ausgelegt. Die Initiative „Schule für alle“ sieht wie die Landesregierung im gegliederten Schulsystem eine Hürde für Chancengleichheit. In der Debatte verweisen sie auf Ergebnisse der Bildungsforschung: Die frühe Selektion nach Klasse vier erhöht stark den Einfluss des Elternhauses auf den Schulerfolg eines Kindes. Das soll durch gemeinsames Lernen – als Gegenmodell zum gegenwärtigen „Zwei-Klassen-Schulsystem“401 – aufgehoben werden. Sie plädieren dafür, dass jeder Einzelne individuell zu fördern sei und dass die Schwächeren von den Stärkeren lernen könnten. Dabei sollen allerdings „die Chancen von Kindern mit schlechteren Startbedingungen verbessert werden, ohne die Leistungsstarken zu bremsen“.402 Unter Chancengleichheit versteht „Eine Schule für Alle“ also nicht, sozial Benachteiligte zu bevorzugen, sondern alle zu fördern.
Wenn nun in einem Diskurs „leere Signifikanten“ wie Chancengleichheit dominant sind, können diese von niemandem im Diskurs mehr umgangen werden. Alle müssen also mit diesen Begriffen argumentieren. Wer diese Regeln nicht einhält, wer also bestimmte Schlagworte oder Argumentationsmuster nicht bedient, dessen Beiträge werden als illegitim abgelehnt und gar nicht ernst genommen. In der Hamburger Debatte sind das alle Positionen, die den zentralen „leeren Signifikanten“ wie Chancengleichheit, individuelle Förderung oder Leistungsfähigkeit nicht Rechnung tragen.
Die Initiative „Wir wollen lernen“...