
- 192 Seiten
- German
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eBook - ePub
Mein Langeoog
Über dieses Buch
"Sie sind ein Inseltyp…", so bescheinigte man es einst Regula Venske, denn ihre Reiseziele heißen gern Kreta, Paros, Gozo oder Teneriffa, und nichts läge ihr ferner, als eine mückenumschwärmte Hütte an einem schwedischen See zu beziehen. Doch obwohl sie die unterschiedlichsten Strände auf der ganzen Welt erkundet hat, fühlt sie sich nur an den Küsten des rauen Atlantiks daheim: ausgelöst durch Langeoog, die Insel ihrer Kindheit. In "Mein Langeoog" berichtet Venske nicht nur von Sommerfrische, Reizklima, Dünensingen und Badezeiten – vielmehr lässt sie die Insel zum Ausgangspunkt werden für Geschichten und (deutsche) Geschichte, für Sehnsüchte und Utopien, für Erinnerungen an ihre Familie, an Begegnungen mit Menschen (und Möwen und Quallen), an Lektüren und Lebensthemen.
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Information
Thema
ReisenERINNERUNGEN
Mädchenwünsche
Welch krause Zeit ist doch die Pubertät. Wenn ich an die Ferientage in Haus Meedland zurückdenke, so fallen mir als Erstes die Souvenirs ein, für die ich mir vierzehn Tage lang mein Taschengeld vom Munde absparte. Ich meine, es seien vierzehn Mark gewesen, eine Mark für jeden Tag. Neun Mark neunzig war mir allein Rosinante wert, eine rosafarbene Spardose in Gestalt einer halb aufrecht sitzenden Kuh, die bei Fokko Gerdes im Schaufenster stand und in die ich mich beim ersten Anblick verliebt hatte. Das 1883 eröffnete »lüttje Koophuis« Fokko Gerdes gibt es immer noch, Haus und Schaufenster sehen fast noch genauso aus wie damals, was wohl vor allem an dem alle Zeiten überdauernden und zeitlos schönen Namensschriftzug liegt, der in schnörkellosen Goldlettern zur Straßenseite hin über dem Eingang prangt.
Wenn meine Schulfreundin Katharina und ich am späteren Nachmittag im Ort spazieren gingen, kamen wir natürlich auch an Fokko Gerdes’ Laden vorbei und nahmen uns Zeit, die Waren im Schaufenster zu begutachten. Ich wusste schon, dass Rosinante Kitsch as Kitsch can war, aber ich musste sie trotzdem haben. Die Dringlichkeit dieses Wunsches lässt mich im Nachhinein staunen, zumal mich die Erinnerung im Stich lässt, wenn ich an Rosinantes Verbleib in meinem Jugendzimmer in Münster denke. Vermutlich thronte sie in meinem Bücherregal – einem bunt angestrichenen Regalaufbau auf meiner ehemaligen Wickelkommode; beide Möbelstücke fanden Jahre später wieder ihren Platz in meiner Mottenburger Studierstube und den Kinderzimmern meiner Söhne, nur die Farbanstriche wechselten von ehemals Dunkelgrün über Creme und frauenbewegt Fliederfarben zu Gold, sodann zu leuchtendem Königsblau, schließlich Schwarz.
Wann hatte Rosinante ausgedient, und wo ist sie abgeblieben?
»Man hatte Zeit, sich die Dinge herbeizusehnen«, schreibt Annie Ernaux in Die Jahre über ihre Kindheit und Jugend in der Nachkriegszeit: »das Federmäppchen aus Kunststoff, die Schuhe mit Kreppsohle, die goldene Armbanduhr. Ihr Besitz enttäuschte nicht. … Die Dinge bargen ein Geheimnis, das sich nicht abnutzte …«
Wann hat sich der Zauber verflüchtigt? Wann hat sich das geändert, sodass der Besitz einen schon bald enttäuschte oder zumindest nicht mehr vorhaltend lang befriedigte, schließlich gar nicht mehr ersehnenswert war? Wann fing es an, dass man sich für die drei imaginären Wünsche der Fee statt konkreter Dinge den Weltfrieden herbeisehnte, wann, dass man sich begnügte und glaubte, einfach glücklich zu sein?
Vielleicht markiert Rosinante für mich einen ersten Übergang. Aus den vergangenen fünf Jahrzehnten fällt mir kein Gegenstand mehr ein, den ich vergleichbar innig begehrt und dann dermaßen schnöde vergessen hätte.
Langeoog sei eine Insel, die an jeder Ecke »Kauf mich!« schreit, behauptete vor einigen Jahren ein Psychiater, Teilnehmer der Fortbildungswoche für Therapeutinnen und Therapeuten. Diese These sei hier dahingestellt. Aber nachdenkenswert mag es sein, dass ich ausgerechnet in jenen Ferien, in denen ich ein gutes Stück Kindheit abstreifte, mir einen solch kindlichen Gegenstand kaufte. Für den Rest des Geldes erstand ich beim Tagesausflug nach Helgoland zwei Mini-Fläschchen in Seehundform, das eine gefüllt mit einer grünen, das andere mit blauer Flüssigkeit. Pfefferminzlikör und Curaçao, Mitbringsel für meine Eltern.
Was habe ich noch aus der Meedland-Freizeit in Erinnerung?
Eine Jungengruppe aus Essen, darunter zwei nette Jungs namens Wolfgang und Walter, deren Gesichter ich noch vor mir sehe. Als Tonspur dazu David Bowies Space Oddity: »Ground control to Major Tom …«
Isolde, schlafwandelnde Mitbewohnerin in unserem Viererzimmer. Sie hatte mehr Taschengeld als wir anderen und erhielt gegen Ende der Ferien auch noch ein Päckchen mit Süßigkeiten von daheim. Ich lag oben auf meinem Etagenbett und schaute ihr zu, während sie auf ihrem Bett schräg gegenüber ihre Schätze ausbreitete. Überflüssig zu sagen, dass sie nicht auf die Idee kam, den anderen etwas abzugeben. Vermutlich hatten wir sie vorher bereits ausreichend ignoriert.
Ein bärtiger Praktikant oder Zivildienstleistender, von uns Hugo genannt, über den wir uns lustig machten und als den ich mich beim Bergfest verkleidete. Dazu lieh er mir netterweise einen seiner zinnoberroten Frotteekittel aus, die ihm seine Mutter für den Strand genäht hatte und die für uns alberne Gänse der Inbegriff des Absurden waren. Im Nachhinein scheinen sie mir recht praktisch, um sich am Strand diskret umzuziehen. Von einem anderen Mädchen borgte ich mir braunen Mascara und malte mir damit Hugos Bartstoppeln ins Gesicht. Da ich keine Ahnung hatte, wie teuer Wimperntusche war, ging ich wohl etwas sorglos mit ihrem Vorrat um; sie war entsetzt und mir tut es noch immer leid.
Eine Wattwanderung, bei der die anderen, obwohl es Sommer war und wir keinen Monat mit »r« hatten, mit Begeisterung Miesmuscheln schlürften. Ich war angewidert. Einigen hing das Gezadder, bevor sie es in den Mund einsaugten, am Kinn, irgendwann rief ein Mädchen, »iihh, die war schlecht«. Dass einige in der Folge an einer Magenverstimmung litten, bestätigte mich in meinen Vorurteilen.
Aber auch ich musste, wie andere, zum Inselarzt, weil uns nach der Wanderung Muschelsplitter in den Fußsohlen steckten. »Die Frau geht nicht tief genug«, so hatten sich die Einheimischen über seine Kollegin geäußert. Nun, Dr. Meyer ging tief. In Erinnerung habe ich einen älteren Mann mit Zigarrenstummel im Mundwinkel, der, bevor er mit einer Art Nagelschere in meinem Fuß herumprokelte, ein Schnäpschen trank. Auch die anderen Mädchen behaupteten hinterher, er habe während ihrer Behandlung am Schnapsglas genippt, aber das mag ich nicht glauben. Das wäre denn doch arg sportlich gewesen. In den Langeooger Anekdoten aus der Feder des ehemaligen Lehrers André Noltus finde ich eine liebevoll würdigende Erinnerung an den Inselarzt Dr. Christfried Meyer, die das Bild abrundet.
»Wenn der Inselarzt Doc Meyer, der gerne mal ein Bier trank (gern auch zwei), zu einem Patienten gerufen wurde und sich daraufhin, per Fahrrad und mit brennender Zigarre, zum Kranken aufmachte, bewahrte er, dort angekommen, die Zigarre im Hinterrad zwischen den Speichen auf und begann dann seine Arbeit.«
In Erinnerung geblieben ist mir ferner ein Liedchen, das die Leiterinnen beim Abschlussfest zur Melodie von Es waren zwei Königskinder auf ein frühreifes Mädchen aus unserer Gruppe sangen und das noch auf die Wattwanderung anspielte. »Angelika schuf Kontakte zu einem jungen Mann, vor ihm in den Schlamm sie sackte, doch hielt sie sich später nicht dran.«
Es ist unwahrscheinlich, dass die Pädagoginnen nur zu einem Mädchen etwas dichteten. Haben sie auch auf mich ein paar Zeilen getextet und gesungen? Ich erinnere mich nicht mehr.
Unvergessen die Tagesfahrt nach Helgoland, bei der fast alle seekrank waren, nur ich nicht. Es war lange Zeit meine persönliche Heldengeschichte. Mein Rezept lautete, man müsse den Magen permanent beschäftigen, um jedwede Übelkeit von vornherein zu unterbinden. Fotos dieser Überfahrt zeigen mich mit einem Apfel in der einen und einer Käsestulle in der anderen Hand, von denen ich abwechselnd abbiss. Nachdem ich meinen eigenen Proviant verputzt hatte, bekam ich auch die Lunchpakete der anderen geschenkt. Irgendwann bat mich eine der Erzieherinnen, die letzte, die bis dahin noch durchgehalten hatte, ich möge einmal auf der Damentoilette nachsehen und ihr berichten, wie es dort zugehe und ob sie es wagen könne, den Waschraum aufzusuchen. Ich schaute unter Deck nach, sah einige schwankende Gestalten, grünliche Gesichter, auch roch es nicht gut, aber sonst war, wie ich befand, alles so weit in Ordnung. Die Frau ging zur Toilette und kehrte, bis wir Helgoland erreichten, nicht mehr zurück.
Außer dem auf Helgoland erworbenen bunten Likör, Isoldes Naschkram und den Miesmuscheln habe ich von der Zeit in Haus Meedland lediglich diese Äpfel und Butterbrote als Nahrung in Erinnerung behalten. Das sollte bei der Mädchenfreizeit, an der ich ein Jahr später in Domburg auf Walcheren teilnahm, anders sein. Da wurden wir süchtig nach holländischem Matschweißbrot, mit einer dicken Schicht Butter und Schokostreuseln darauf. Nachts schlichen wir in die Küche und taten uns gütlich, steigerten auch die stibitzte Ration, bis es schließlich, in einer Nacht, jede auf etwa ein Dutzend Scheiben brachte. Da hatten wir es denn übertrieben, fortan blieb die Tür zur Küche des Nachts verschlossen. Trost boten der Poffertjes-Mann am Strand und der Supermarkt, wo es dickflüssigen Vanillepudding in Glasflaschen zu kaufen gab. Kalorienzählen war zum Glück nicht unser Thema.
Essen auf Langeoog
Meine Kindheit war, da hilft kein Leugnen, zuckerreich. Zum Frühstück auf Langeoog gehörte die Tradition, ein paar Stücke Würfelzucker aus dem Schälchen vom Tisch zu stibitzen und damit die Kutschpferde der Meierei zu füttern, die vor der Pension warteten. In meiner Erinnerung verbindet sich das Bild dieser Pferde mit dem der schweren belgischen Kaltblüter der Germania Brauerei in Münster, deren Kutsche regelmäßig die Kneipe ein paar Häuser weiter in unserer Straße belieferte. Den Münsteraner Kutschpferden mit ihren puschelig behaarten Fesseln ein Zuckerstückchen auf der flachen Hand hinzuhalten, hätte ich mich allerdings nicht getraut, sie waren wuchtig und unnahbar. Demgegenüber verbindet sich die Erinnerung an das Pferdefüttern auf Langeoog mit einem umfassenden Gefühl von Geborgenheit. Mit Zuckerwürfeln begann der Tag auch für mich, denn nicht alle Stückchen, die ich vom Frühstückstisch mitnahm, verfütterte ich an die Tiere. Und am Abend langte ich in die Jackentasche meines Vaters und fischte zwischen Tabakkrümeln, einem Kugelschreiber und einem Taschentuch das mir per Gewohnheitsrecht zustehende Pfefferminz-Betthupferl daraus hervor, ein kleines rechteckiges Stückchen Vivil. Unterdes griff mein Vater, derweil er mir eine improvisierte Gutenachtgeschichte erzählte, unter die Decke nach meinen Füßen und zog mir, spielerisch, sanft, aber bestimmt, die Söckchen aus. Die pflegte ich – nein, nicht anzulassen, sondern: mir vor dem Schlafengehen eigens wieder anzuziehen, wenn ich vom Barfußlaufen schmutzige Füße hatte. Wiederholt war er es, der mich dann noch einmal aufstehen hieß und zum Waschbecken schickte. Meine Mutter hingegen – von Beruf war sie Erzieherin gewesen – hat sich kein einziges Mal darum gekümmert, ob ich mit sauberen Füßen ins Bett ging. War ihr die Körperpflege ihrer kleinen Tochter egal? Sie wollte mich doch nicht wild und dreckig? Hatte sie vielleicht, was meine Erziehung und unsere Beziehung anging, früh resigniert und schickte meinen Vater vor? Ihre Nonchalance in dieser Hinsicht ist mir bis heute ein Rätsel.
Als meine Kinder noch jung waren, schenkte sie mir den Reprint eines Hausfrauenratgeberbuchs aus den 1950er-Jahren, das sie damals selbst zurate gezogen hatte. Von ihr befolgte und für mich als empfehlenswert erachtete Hausfrauentipps hatte sie am Rande angekreuzt. Wie entfernt man Rotweinflecken aus dem Tischtuch, was tun, wenn die guten Leinentücher von der Oma einen Gelbstich kriegen, wie lässt sich für frische Raumluft in einem Raucherhaushalt sorgen … Und wie bringt man die lieben Kleinen dazu, Gemüse zu essen? Ganz einfach: indem man ihnen ein paar Esslöffel Zucker ins Gemüse mischt. Hier hatte meine Mutter statt Ausrufezeichen drei Kreuze an den Rand gemalt, um dem guten Rat den nötigen mütterlichen Nachdruck zu verleihen. Diesen Rat habe ich nicht befolgt, weswegen meine Söhne immerhin bessere Zähne haben als ich in ihrem jetzigen Alter. Da hatte sich so mancher Zahnarzt längst einen goldenen Backenzahn an mir verdient. Als jüngeres Kind streute ich Zucker auf mein Butterbrot, bis ich im Alter von neun Jahren wenigstens jungen Goudakäse entdeckte, und bei dieser Käsesorte bin ich bis heute geblieben.
Wie beglückend also die Sommertage, an denen es ausnahmslos leckeres Essen gab. In meiner Erinnerung haben wir uns auf Langeoog, ich kann nicht genug davon schwärmen, überwiegend von Bratkartoffeln mit Spiegelei, Milchreis mit Zucker und Zimt sowie einer Prise Sand oder auch Würstchen mit Kartoffelsalat (für die Erwachsenen) oder einem Stück Brot (für mich) ernährt. Keinesfalls nahm man Senf zu den Würstchen, Senf mache dumm, warnte mein Vater. Auch in späteren Jahren, wenn wir etwa an einer Imbissbude oder einem Bahnhofskiosk vorbeigingen, pflegte er – »Nun guck dir das an …!« – mit Blick auf die Abfalleimer und die Pappen darin, auf denen noch ein Klacks Senf klebte, zu sagen, Senf sei das überflüssigste, da am meisten weggeworfene aller Produkte. Ich glaubte es ihm ebenso wie die Behauptung, dass Rosinen nichts anderes als getrocknete Fliegen seien, und pickte mir jahrelang die Rosinen aus dem Kuchen – freilich nicht, um sie zu essen, sondern um sie am Tellerrand aufgereiht liegen zu lassen.
Falls es Spinat zum Spiegelei gab, wurde er mir unter die Kartoffeln getitscht, eine kleine Mogelei, die ich später auch bei meinen Söhnen praktizierte. So manches Püree, so manches Süppchen erschien ihnen zwar verdächtig dunkelgrün oder leuchtend orange, aber solange ich von Kartoffelsuppe oder Kartoffelbrei sprach, haben sie, was immer es war, freundlich gelöffelt. Manchmal rächt sich der eigene Makel im Mäkeln der Kinder.
Etwas aber gab es in meiner Kindheit, das später aus der Mode kam, obwohl es doch ein höchstes Glücksgefühl auslöst: Softeis. Untrennbar ist die Erinnerung mit Langeoog verbunden. Der Geruch der Holzplanken auf den Wegen zum und vom Strand, die Pflastersteine aus rotem Ziegel, über die man barfuß kaum laufen konnte, so mit Hitze getränkt waren sie; der Duft von Sonnenlotion, Schweiß – der Geruch war in meiner Kindheit noch allgegenwärtig und weniger verpönt – und salzig nach Meer schmeckender Haut; die Geräuschkulisse aus Wind, Wellenrauschen und Möwengeschrei, quengelnden Kindern und schimpfenden Eltern – das Reizklima sei schuld, hieß es dann wohl: All das ging ein in den Genuss einer Portion Softeis aus dem Automaten, meist mit Vanillegeschmack, selten auch Schokolade. Die Textur im Mund ist in meiner Erinnerung sofort wieder präsent; von einer erhöhten Salmonellengefahr war damals noch nicht die Rede.
Auf Wikipedia ist zu lesen, dass Softeis bereits in den 1930er-Jahren in den USA erfunden wurde und dass 1948 ein britisches Forscherteam neue Rezepte mithilfe amerikanischer Maschinen entwickelte, unter Beteiligung der späteren Premierministerin Margaret Thatcher, einer studierten Chemikerin. Das Team um die Eiserne Lady verpasste der Speise das Etikett »soft«. 1958, so heißt es ferner, seien die ersten Softeismaschinen nach Deutschland importiert und in Betrieb genommen worden. Die Langeooger Softeis-Ära wird wohl erst ein paar Jahre später begonnen haben. Ich meine, mich genau an diese Neuigkeit zu erinnern, muss also schon ein wenig älter gewesen sein. Aber wer weiß. Es war jedenfalls die richtige Erfindung für ein kaufaules Kind.
Inzwischen lässt sich auf Langeoog, wie auch andernorts in Ostfriesland, durchaus raffinierter speisen. Saisonale und regionale Produkte, Bio, Nachhaltigkeit und Slow Food, so lautet auch hier die Philosophie. Zum Beispiel konnte, wer im Juni 2020 auf Langeoog weilte, im Seekrug mit Blick auf den Sonnenuntergang ein »regionales Genussmenü« mit fünf Gängen schlemmen, vom Rote-Rüben-Salat mit Meerrettich über marinierte blaue Kartoffeln mit Spargel, Meerrettichcremesuppe mit Langeooger Rind und Brennnesselpesto, Rollbraten vom Landgockel oder Rücken vom Milchzicklein oder Chili con Carne vom Inselrind, einem Fischteller mit drei fangfrischen Fischen oder einem Langeooger Plattfischteller mit Scholle und Scharbe bis hin zu besten friesischen Käsesorten nebst einem gereiften Cream Sherry aus dem Botschafter-Keller.
Habe ich je behauptet, dass ich mäkelig sei? Im Essen, mag sein, aber keineswegs beim Lesen von Speisekarten, auch wenn ich gern vom Süppchen gleich zum Zitrone-Basilikum-Sorbet übergehe. Aber wie verheißungsvoll klingt doch all dies, Granat vom Kutter, Lamm von den Salzwiesen, Langeooger Wild (Reh, Hase und Fasan), Langeooger Sauerampfer und Langeooger Inselrind – die zotteligen Highlander, die man ebenfalls auf den Salzwiesen sieht. Zum Fleisch passen Sanddornsenf und die hausgemachte Hagebuttensalsa, die man sich auch liefern lassen kann. Bestellen lässt sich auch »Sonja’s Rosengold«, das köstliche Rosengelee aus den Blüten der Inselrose, das Sonja Peters, die Inhaberin des Blumenhauses in der Kirchstraße, in der entsprechenden Jahreszeit zaubert, aus »Rosenblüten, Ingwer, Rotwein, Wasser, Zitrone, Gelierzucker und ein paar ›Geheimzutaten‹«, wie sie auf ihrer Webseite schreibt. Eifrige Touristen unterstützen sie beim Sammeln der Blütenblätter, und wenn ich in den vergangenen fünfzehn Jahren um Pfingsten herum auf der Jahrestagung der Therapeuten des Kindes- und Jugendalters einen Vortrag hielt oder ein Seminar gab, habe ich es nie versäumt, ein paar Gläser auf Vorrat mit nach Hause zu schleppen. Einmal aber war es Mitte Juni noch so kalt, dass die Heckenrosen noch nicht blühten und es kein Rosengelee gab, das war auch aus anderen Gründen ein trauriges Jahr.
In Gedanken sehe ich mich mit den P...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Impressum
- Widmung
- Inhalt
- Vorspiel auf Palawan
- SOMMERFRISCHE
- IN MEMORIAM LALE ANDERSEN
- LANGEOOGER DÜNENFRIEDEN
- ERINNERUNGEN
- VERRAT
- BEGEGNUNGEN UND WEGE
- INSPIRATIONEN
- Literatur
- Dank
- Nachspiel
- Über das Buch