Aktuelle Publikationen zu Internationalisierung, Europäisierung, Globalisierung, Weltgesellschaft
Lorenz Lassnigg
Zitation
Lassnigg, Lorenz (2021): Aktuelle Publikationen zu Internationalisierung, Europäisierung, Globalisierung, Weltgesellschaft.
In: Magazin erwachsenenbildung.at. Das Fachmedium für Forschung, Praxis und Diskurs. Ausgabe 42, 2021. Wien.
Online im Internet: https://erwachsenenbildung.at/magazin/21-42/meb21-42.pdf. Druck-Version: Books on Demand GmbH: Norderstedt.
Schlagworte: Weltgesellschaft, Globalisierung, Erwachsenenbildung, EU-Bildungspolitik, Erwachsenenbildungsforschung, Cultural Studies, Stuart Hall
Kurzzusammenfassung
Die vorliegende Sammelrezension widmet sich vier Veröffentlichungen, die kürzlich im deutsch-regionalen Raum erschienen sind und dem Themenkreis „Erwachsenenbildung in der Weltgesellschaft“ zugerechnet werden können. Zwei der Werke – so die Einschätzung des Autors – spiegeln das noch eher wenig entwickelte Interesse und Verständnis für diese Thematik im deutsch-regionalen Erwachsenenbildungsdiskurs: Ausgabe 2/2020 der Hessischen Blätter für Volksbildung zu „Erwachsenenbildung in internationaler Perspektive“ und der Sammelband „Erwachsenenbildung und Lernen in Zeiten von Globalisierung, Transformation und Entgrenzung“, eine Dokumentation der Jahrestagung der Sektion Erwachsenenbildung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft aus dem Jahr 2019. Das dritte rezensierte Werk, die Monografie „Education und Training Politics in Europe. A Historical Analysis with Special Emphasis on Adult and Continuing Education”, gibt eine sehr anschauliche Darstellung der EU-Politik der Erwachsenenbildung seit der Gründungsphase und wirft ein neues Licht auf die Bedeutung von Lifelong Learning. Schließlich widmet sich die Sammelrezension dem Werk „Vertrauter Fremder. Ein Leben zwischen zwei Inseln“, eine retrospektive Reflexion des Lebens und der (post-)kolonialen Erfahrungen von Stuart Hall im Begriffs- und Theoriefeld der Cultural Studies. (Red.)
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Rezension
Aktuelle Publikationen zu Internationalisierung, Europäisierung, Globalisierung, Weltgesellschaft
Lorenz Lassnigg
In diesem Beitrag werden vier im Jahr 2020 im deutsch-regionalen Raum erschienene Publikationen zum Thema „Weltgesellschaft und Erwachsenenbildung“ besprochen. Die Auswahl der Beiträge ergab sich zum einen schlicht aus dem Angebot, zum anderen aus persönlichem Interesse, um einen vertieften Zugang zu den Cultural Studies zu erhalten und diesen wichtigen Diskurs zu fördern.47
Hessischer Volkshochschulverband e.V. (Hrsg.)
Hessische Blätter für Volksbildung 2/2020 Erwachsenenbildung in internationaler Perspektive Bielefeld: wbv Media GmbH & Co 2020 104 Seiten
Die Hessischen Blätter für Volksbildung zählen zu den führenden (peer-reviewed) akademischen Journalen in Deutschland. Ausgabe 2/2020 bietet eine deutlich akademisch orientierte Einführung in verschiedene wichtige Aspekte der internationalen Dimension der Erwachsenenbildung.
Als Anlass, sich mit dieser Thematik zu befassen, werden in der Einleitung einerseits Fragen genannt, die im Zuge internationaler Kooperationen und Erfahrungen bottom-up entstanden waren, andererseits das Anliegen, reflektieren zu wollen, inwieweit internationale oder „sogar“ globale Entwicklungen auch in Deutschland ihren Niederschlag finden (oder auch übersehen werden); betont werden das regional vorhandene Selbstbewusstsein und die historischen Traditionslinien.
Zwei der Beiträge beschäftigen sich mit konzeptionellen Zugängen: Silke Schreiber-Barsch geht es auf dem Hintergrund von Literaturauswertungen um „die begrifflichen Rahmungen einer transnationalen Erwachsenenbildung“ und anschließend um „eine Systematisierung anhand von vier Ebenen“. Diese vier Ebenen sind (1) das Feld, als dessen Eckpfeiler die AdressatInnenschaft, die professionell Tätigen, die Lernorte und die Steuerung/Regulierung genannt werden, (2) die Ebene der Interessen der Beteiligten an zwölf benannten Funktionsfeldern (Zielsetzungen) in Wissenschaft, Politik/Wirtschaft, Praxis und Gesellschaft. Die Ebene (3) betrifft die Theorien und Normen der Bestimmung des „Wie?“ der Erwachsenenbildung und auf Ebene (4) geht es um die Verfahren der Erkenntnisgewinnung mit Betonung des Vergleichs (und Alternativen dazu) sowie um die Mikro-, Meso- und Makroperspektiven. Transnationalität wird von Schreiber-Barsch als Überschreitung der nationalen Gesellschaften und Nationalstaaten in Richtung (Welt-)Gesellschaft im Sinne der „imagined communities“ und „imagined worlds“ von Benedict Anderson oder Arjun Appadurai konzipiert, wobei sie v.a. ein nicht-hierarchisches, relationales und kontextualisiertes Verhältnis zwischen den Dimensionen Lokalität, Globalität, Inter-Nationalität betont. In „Perspektive“ fordert Schreiber-Barsch für die transnationale Erwachsenenbildung einerseits v.a. eine weitere Strukturierung und Reflexion, andererseits plädiert sie in Anlehnung an Robert Arnove für eine fortschrittliche normative Wendung der Globalisierungsdiskurse, die gegenüber der Tradition der vergleichenden Forschung eine neue Qualität konstituiert. Der Beitrag endet mit einer Kritik an der selektiven selbstbeschränkten Wahrnehmung der internationalen Diskurse in Deutschland.
Der Beitrag von Emmanuel Jean Francois basiert auf einem Literaturüberblick und befasst sich – passend zu Schreiber-Barsch – unter dem Gesichtspunkt der Comparative Education (CE) mit der Strukturierung der vergleichenden Forschung in der Erwachsenenbildung. Gefragt wird, welchen Einfluss die weiter gefasst Comparative Education auf die vergleichende Erwachsenenbildungsforschung hat und welche Faktoren für letztere wichtig sind, um die Spannungen zwischen Gesellschaft, Entwicklung, Bildung und der Rolle der BürgerInnen im Bildungsprozess näher zu analysieren. Der US-amerikanische Autor bezieht sich dabei auf die Definitionen von Field, Künzel und Schemmann (2016) und gibt vier Zielsetzungen der vergleichenden Erwachsenenbildungsforschung an: Benchmarking, Lernen von woanders, Transfer von Wissen/Praktiken und Kooperation. Um seiner Forschungsfrage (Einflüsse von vergleichenden Zugängen auf die Erwachsenenbildungsforschung) nachzugehen, nimmt der Autor drei grundlegende Strukturierungen des Feldes vor. Die erste Strukturierung basiert auf den allgemeinen Vergleichszugängen von Charles Tilly (individualisierend, universalisierend, unterscheidend, generalisierend), die zweite auf einer dreidimensionalen, teilweise hierarchisch-nationalstaatlich aufgebauten Strukturierung der Comparative Education nach dem Würfel von Mark Bray und R. Murray Thomas,48 der drittens von Regina Egetenmeyer in stärkerer transnationaler Orientierung für die Erwachsenenbildung weiterentwickelt wurde. Bei der zweiten Forschungsfrage nach wichtigen Faktoren stellt der Autor v.a. auf die Relevanz der Forschung im Hinblick auf Kultur und Transkulturalität ab, die durch verschiedene konzeptionelle Vorkehrungen berücksichtigt werden soll. Dafür werden aus der Literatur einige zu berücksichtigende Aspekte herausdestilliert und kurz charakterisiert, von der Begründung der Fallauswahl bis zur „Glokalität“; eine umfassende Aufstellung, die wichtige Anregungen gibt.
Comparative Education
Comparative Education (CE) ist eine schwer zu fassende und schwer übersetzbare Art interoder multidisziplinärer Betrachtung von Bildung/Erziehung, die bestimmte Regeln des Vergleichs impliziert und durchaus empirische, praktische und normative Aspekte verbindet. Es gibt dazu internationale Communities aus ForscherInnen, PraktikerInnen und Studierenden, die weltweit in ca. 50 Gesellschaften organisiert sind.
Die wichtigsten sind CIES – Comparative and International Education Society seit 1956 die auch die Comparative Education Review herausgibt, sowie seit 1970 die übergreifende WCCES – World Council of Comparative Education Societies. Der „deutsch-regionale“ Raum scheint in diesem Rahmen so gut wie nicht auf. (Vgl. inhaltlich zum CE-Diskurs auch Noah/Eckstein 1969, 1998; Arnove/Torres 1999; Schriewer 2000).
Zwei weitere Beiträge beschäftigen sich mit der internationalen-globalen Szene im Bereich der Erwachsenenbildung. Werner Mauch arbeitet auf Basis zentraler UNESCO-Dokumente globale Trends heraus. Er erklärt die Entwicklung der politischen Konsensfindung auf den Weltkonferenzen, die im ca. 12-Jahresabstand seit 1949 stattfinden (als nächstes 2022 in Marokko), unterstützt seit 2009 durch den etwa 3-jährigen Weltbericht. Fünf Hauptthemen/-trends zeichnen sich dabei Mauch zufolge ab: Policy (Erwachsenenbildung soll durch die Regierungen systematisch gefördert werden und zu einem Hauptbestandteil des Bildungswesens im lebenslangen Lernen werden); Literacy als Hauptaufgabe; Informations- und Kommunikationstechniken; „Staatsbürgerliche Bildungsarbeit im Globalisierungszusammenhang“ und Nachhaltige Entwicklung. Mauch setzt sehr hohe Erwartungen in die Erwachsenenbildung: „Erwachsenenbildung ist die treibende Kraft für Nachhaltigkeit“ (Mauch 2002, S. 78) und solle bei den Sustainable Development Goals (SDGs) nicht nur das bildungsbezogene Ziel (SDG 4), sondern alle 17 Ziele unterstützen. Im Bereich der Policy als Handlungsfeld wird seit 2009 von den Mitgliedsländern gefordert: „Die Erwachsenenbildung soll umfassend im Zusammenhang des lebenslangen Lernens als Mittel der staatlichen Bildungsarbeit gefördert werden, politische Leitlinien bzw. Gesetze sollen verabschiedet werden, die geeignet sind, die Zusammenarbeit der mit Erwachsenenbildung befassten Ministerien zu befördern, und es sollte möglichst ein Koordinationsmechanismus geschaffen werden, der diese Zusammenarbeit fruchtbar organisiert“ (ebd., S. 74) – man kann fragen, wie weit dies in einem reichen Land wie Österreich erfüllt wird.
Der Beitrag von Uwe Gartenschlaeger zur internationalen Szene befasst sich kritisch mit den Schwierigkeiten der politischen Interessenvertretung der Erwachsenenbildung in der Weltgemeinschaft. Gartenschlaeger analysiert hierfür die Positionierung der Erwachsenenbildung in den maßgeblichen globalen politischen Dokumenten (SDGs, Incheon Declaration 2015 als Grundlage für die Bildungsagenda der SDG 4, Belem-Framework for Action der CONFINTEA 2009) und zeigt, dass die Erwachsenenbildung als Sektor nicht anerkannt ist. „Zwar gelang es mit der Etablierung des Lebenslangen Lernens als Konzept den Horizont zu öffnen, dies führte aber leider bisher nicht zu einer Aufhebung der Marginalisierung innerhalb der noch immer sehr auf die formale Bildung fixierten Konzepte“ (Gartenschlaeger 2020, S. 66). Die Analyse der globalen AkteurInnenlandschaft zeigt, dass die starken Strukturen zugunsten der formalen Erstausbildung (GPE – Global Partnership for Education der Weltbank, differentielle bildungsökonomische Effekte zugunsten früher Erziehung/Bildung) eher Gegenwind als Unterstützung für die Erwachsenenbildung bedeuten. Lediglich im Kontext der – selbst mit Schwierigkeiten kämpfenden – UNESCO gibt es unterstützende Organisationen, Initiativen und Publikationen (z.B. GNLC – Globales Netzwerk Lernender Städte und Regionen oder Bildung für nachhaltige Entwicklung im kommunalen Kontext) sowie zivilgesellschaftliche Strukturen (z.B. GCE – Global Campaign for Education, ICAE – International Council für Adult Education). Im Bereich der EU wird nach Gartenschlaeger der Erwachsenenbildung zwar mehr Bedeutung beigemessen, aber die Aufmerksamkeit ist stark auf die ökonomischen Beiträge fixiert. Die EAEA – European Association for the Education of Adults, die weit über die EU hinaus in 40 Ländern 130 Mitglieder hat, versucht die Anerkennung der Erwachsenenbildung in einem holistischen Verständnis zu fördern. 2019 wurde das Manifest von 2016 für die (nonformale) Erwachsenenbildung im 21. Jahrhundert als programmatische Basis überarbeitet und ist bereits in mehr als zehn Sprachen verfügbar (siehe EAEA 2019). Für die neun Dimensionen: Demokratie, Gesundheit, life skills, Zusammenhalt-Gerechtigkeit-Gleichheit, Beschäftigung, Digitalisierung, Migration-Demografie, Nachhaltigkeit, Politik werden Grundbotschaften, Evidenzen mit Literaturangaben und gute Beispiele präsentiert; abschließend gibt es 14 Politikempfehlungen in einem neuen Tonfall, der eine demokratische und nachhaltige Einbettung als gleichberechtigter Bildungssektor in die EU-Politik vorschlägt.
Ein weiterer Beitrag von Christine Zeuner zu Community Development und Bildung gibt eine interessante historische Aufarbeitung zu den internationalen Verbindungslinien und Unterschieden in diesem speziellen Feld.49
Insgesamt geben die Beiträge des Heftes Einblick in wichtige Aspekte der Internationalisierung. Die konzeptionellen Beiträge sind tw. sehr grundlegendabstrakt-klassifikatorisch ausgefallen, die Beiträge zur globalen Szene geben wichtige faktische Hinweise, sind aber eher deskriptiv und wenig theoretisch fundiert angelegt. Die Begründungen für die Auswahl der Thematik sind eher entschuldigend und wenig offensiv im Hinblick auf ihre große Bedeutung ausgefallen.
Olaf Dörner, Carola Iller, Ingeborg Schüßler, Heide von Felden, Sebastian Lerch (Hrsg.) Erwachsenenbildung und Lernen in...