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Reisen in Europa (Kommentiert)
Erweiterte Ausgabe. Literarische Reiseessays über Europas Städte, Landschaften und die fragile Kultur der Moderne
- 250 Seiten
- German
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Reisen in Europa (Kommentiert)
Erweiterte Ausgabe. Literarische Reiseessays über Europas Städte, Landschaften und die fragile Kultur der Moderne
Über dieses Buch
Reisen in Europa versammelt Stefan Zweigs Beobachtungen europäischer Städte, Landschaften und Kulturräume als Miniaturen eines Kontinents, dessen geistige Einheit ihm ebenso vertraut wie gefährdet erscheint. Mit der Präzision des Feuilletonisten, der Musikalität des Erzählers und dem historischen Sensorium des Kulturkritikers verwandelt Zweig Reiseeindrücke in Essays über Atmosphäre, Erinnerung und Zivilisation. Das Buch steht im Kontext der europäischen Moderne, zwischen bürgerlicher Bildung, kosmopolitischer Neugier und der Vorahnung politischer Brüche. Stefan Zweig (1881–1942), österreichischer Schriftsteller jüdischer Herkunft, war einer der bedeutendsten Vermittler europäischer Kultur im frühen 20. Jahrhundert. Seine Biographien, Novellen und Erinnerungen zeigen ein dauerhaftes Interesse an seelischen Grenzsituationen und an der fragilen Humanität der alten Welt. Eigene Reisen, internationale Freundschaften und später die Erfahrung von Exil und Entwurzelung prägen jene Perspektive, aus der Europa nicht bloß geographisch, sondern als geistiger Raum erscheint. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die Reiseprosa nicht als touristische Beschreibung, sondern als Erkenntnisform schätzen. Zweigs elegante, genaue und zugleich melancholische Texte eröffnen ein Europa der Stimmen, Bilder und Erinnerungen und laden dazu ein, über kulturelle Zugehörigkeit, Verlust und Hoffnung neu nachzudenken.
Diese erweiterte Ausgabe wurde mit großer Sorgfalt gestaltet, um Ihr Leseerlebnis zu bereichern.
- Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke.
- Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen.
- Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen.
- Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten.
- Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke.
- Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen.
- Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
Information
Thema
Desarrollo personalThema
Viajes Stefan Zweig
Reisen in Europa
e-artnow, 2014
ISBN 978-80-268-1680-5
Inhaltsverzeichnis
Brügge
Oxford
Frühlingsfahrt durch die Provence
Hydepark
Herbstwinter in Meran
Frühling in Sevilla
Die Kathedrale von Chartres
Ypern
Salzburg: Die Stadt als Rahmen
Die Gärten im Kriege
Das Wien von gestern
Brügge
Inhaltsverzeichnis
1904
Es ist schwer, des Abends durch die dunkelnden engen Straßen dieser träumerischen Stadt zu gehen, ohne sich in leise Melancholie zu verlieren, in jene süße Wehmut der letzten herbstlichen Tage, die nicht mehr die lauten Feste der Früchte haben, sondern nur das stille Schauspiel willigen Hinsterbens und verlöschender Kraft. Getragen von der steten Welle frommer Abendglockenspiele flutet man mählich hinein in dieses uferlose Meer rätselhafter Erinnerungen, die hier an jeder Türe und jedem verwitterten Walle aufrauschen. Lässig pilgert man so, bis man sinnend plötzlich die ganze Größe eines Schauspiels fühlt, darin der eigene sorgsam gedämpfte Schritt das Wirkende und Lebendige scheint, während die großen Gewalten stumm als finstere Kulissen stehen. Und keine Stadt gibt es wohl, die die Tragik des Todes und des noch mehr Furchtbaren, des Sterbens, mit so zwingender Kraft in ein Symbol gepreßt hat, wie Brügge. Dies fühlt man so ganz in den Halbklöstern, den Beguinagen, dahin viele alte Leute sterben gehen, denn was einen die herben Konturen der Straßen am Abend nur ahnen lassen, das zeichnet sich hier in müden, stumpfen, vom Widerglanz des Lebens nur matt erhellten Blicken: daß es ein Leben ohne Hoffnung und Sicht in die Ferne gibt, ganz versunken in gleichgültiges Zurückstarren zur Vergangenheit. Und unvergeßlich ist die Art dieser Menschen, die das matte Blühen der kleinen Klostergärtchen unbewegt überschauen, ohne sich fragend einem Fremden zuzuwenden. Und gleich wunderbar ist das Dämmerbild der untätigen uralten Straßen.
Was aber seltsam ist: diese Stille ist hier nicht nur dem Abend gegeben, der sie mit seinen vielen Träumen und sehnsüchtigen Erinnerungen durchflicht, sondern unablässig scheint ein grauer Schleier über diese alten Giebeldächer gebreitet zu sein, darin sich alles Laute und Derbe verfängt, eine Sordine, die Lärm zu Raunen, Jubel zu Lächeln und den Schrei zum Seufzer dämpft. Wohl ist das Leben nicht ganz erloschen in der Mittagshelle der Straßen: Karren und Wagen stolpern über das Pflaster, Menschen mühen sich um das tägliche Brot, Cafés, Restaurants und Estaminets erweisen sogar sehr zahlreich das Bemühen nach irdischem Wohlergehen, aber dennoch liegt kein Lächeln über Stadt und Menschen. Nirgends diese dörflerische Fröhlichkeit der flandrischen Städte, der klappernde Holzschuhtanz singender Kinderscharen hinter dem aufspielenden Leierkasten, nirgends das bunte Flackern prahlerischer Gewandung. Und immer diese Dämpfung der Laute. Ist man das kühle und dunkle Treppengewinde des Beffrois, der breitschultrig und nackensteif wie Roland der Riese am Hallenplatze steht, hinaufgestiegen, leise beklommen durch das dumpfe Dunkel, und sieht man dann in freudigem Erschrecken das in leuchtenden Farben ergossene Licht, so fehlt doch in dem hellen Umkreis des tiefruhenden Treibens die Stimme. Von der weitgebreiteten Stadt und ihrer holden Umkränzung weht nur ein summendes Brausen empor, undeutlich und zauberisch wie die Vinetaglocken über dem sonntäglichen Meere. Und so scheint dieses bunte Gewimmel ziegelroter Dächer, zackiger Giebel und weißglitzernder Fensterborde nichts als ein Spielzeug, von lässiger Hand ins grüne Gelände geschüttet. Lieblich und leblos mutet dieses Schachtelwerk getürmter Häuser und runder Klöster an, geschickt untermischt mit kleinen Bezirken grünüppiger Gärten und breiter Alleen, die allmählich hineinführen ins blühende flandrische Land, darin schon die großen Mühlen – der holländischen Landschaft unentbehrliches Requisit – mit wirbelnden Flügeln stehen. Aber auch von dieser Höhe, die das Spielerische und Ziervolle der Stadt hervorhebt, kann man nicht die tragische Gebärde übersehen, die einen die stumme Traurigkeit der Straßen verstehen läßt. Das ist jener sehnsüchtig zum fernen Meere ausgereckte Arm, der breite Kanal, mit dem der versandete Hafen die segenbringende Flut zu erreichen strebt. Die tragische Geschichte Brügges fällt einem ein: die blühende Jugend, da alle Reeder hier ihre Kontore hatten, Hunderte bewimpelte Schiffe den Hafen durchsegelten, da Könige demütig mit den Schöffen verhandelten und Königinnen, heimlichen Neides voll, die prunkvollen Gewandungen der Bürgerinnen bestaunten. Und dann der langsame Niedergang: die langjährigen Kriege, Seuchen und Streitigkeiten und schließlich das Meer, mit dem alles Glück langsam von den Mauern zurückwich. Nun liegt es weit, an klaren Tagen ein silberner Streif am Horizont. Und in der Stadt sind die Farben verblaßt; nur noch die Altardecken haben die purpurne Glut schwerer Brokate bewahrt, sonst ist der Nonnen Kleidung auch die der Stadt geworden, in der das Gelärme des Hafens und das Getöse menschenvoller Tavernen für immer verstummt ist. Jählings versteht man die abwehrende Gebärde, mit der sich diese Stadt einsam mit ihrer älteren Schwester Ypern abseits von allen andern stellte, die im Zeichen neuer Zeit Gewalt und Ehrengaben der Kultur an sich gerissen hatten. Während Antwerpen, Hamburg, Brüssel und die andern Schwesterstädte in kriegerischen Mühen die Fahne des Lebens entfalteten, hat sich Brügge immer fester eingehüllt in die dunkle Kutte seiner Einsamkeit und umgürtet mit dem alten Bande seiner Mauern. Und Jahrhunderte so finster und unbeweglich stehend, ganz der Vergangenheit gehörend, hat es jene majestätische und finstere Attitüde eines mönchischen Riesen gewonnen, die zugleich Wehmut erweckt und ungemeine Ehrfurcht gebietet, und die das Wunderbare und Verlockende dieser Stadt bedeutet.
Das Gefühl des Ephemeren und Unbeständigen, das den einzelnen hier befällt, wenn er sich von so großen Vergangenheiten überschattet sieht, hat in diesen Mauern in langem und unablässigem Walten jenes Abhängigkeitsbewußtsein unter den Menschen erzeugt, darauf alle Religion beruht. Die Straßen mit den vielen Denkmälern verschollenen Lebens mahnen zu heftig zur Demut, als daß sich die einzelnen, aufwachsend in diesem Banne, dem Glauben entziehen könnten. Und so hat hier alles Wunderbare nicht die Wendung ins Ewige zurück, sondern zu Gott und den Symbolen der katholischen Kirche. Ein Glaube waltet in dieser Stadt, finster, stark und herbe wie die Kirchen selbst, die schmucklos in unerschütterlicher Starre vor Gott stehen, ganz ohne den gewohnten spielerischen Schmuck gotischen Spitzenwerks und koketter Türmchen. Meßbücher und Heiligenbilder zieren die Läden, fromme Rufe zum Gebet hallen fast unablässig in Glockentönen herab. Jeden Augenblick huschen Mönche und Nonnen mit leisem Gruß aneinander vorüber, schaurig im ersten Augenblicke wie Boten des Todes in ihrem leisen schwarzen Hasten; kommen sie aber langsam näher, die langen Reihen anvertrauter Kinder behütend, und sieht man unter den weißen Hauben oder dem Schatten der breiten Hüte die ruhigen, friedlichen Gesichter, so fühlt man, daß nur die Mahnung der Größe und des Todes so unablässigen Ernst schaffen konnte und ein so herbes Bild des Lebens in die Züge zu zeichnen vermochte. Und immer wieder Glockenklingen und Heiligengestalten an stillen Brücken. Doch auch in dem schweren Dunkel dieses Glaubens zittert ein purpurnes mystisches Licht. Das ist die hingebungsvolle Feier der großen Mirakel, die innige Zärtlichkeit des Mariendienstes und jene leise Poesie der heiligen Dinge, die nur die einfältige Glut schlichter Menschen dichtet. Unendlich wirkungsvoll muß der Tag sein, da der edelsteinbesetzte Schrein mit den Tropfen des Erlöserblutes feierlich aus der Kapelle getragen wird und die stumme Stadt mit Begeisterung durchfunkelt und in allen diesen Menschen, die für irdische Dinge ohne Lächeln sind, die große, stille Glückseligkeit spendender Gnade auslöst. Ist es nicht schon lieblich, jene Wege zu gehen, die alle so weiche, zärtlich klingende Namen haben, den unvergleichlichen Quai de Rosaire entlang, vorbei an den »mildtätigen Schwestern«, an Notre Dame, der Beguinage. dem Hospital zum »Minnewater«, dem Liebessee? Es ist dies ein dunkler, still ruhender Teich, an dessen Ufer ein finsterer runder Turm sich lehnt wie ein entschlafener Wächter. In der schwarzen Flut scheint der Himmel zu ruhen, und weiße Wolken wandern darüber hin wie Boten des Paradieses. Ein wie Feierliches und Großes muß diesen Menschen die Liebe sein, da sie dieser träumerischen und seraphischen Landschaft den wundervollen Namen gegeben!
Überhaupt läßt sich schwer etwas Traurig-Schöneres ersinnen als die Kanäle von Brügge. Ergreifend ist ihr Anblick, und sie rühren in ihrer Stummheit, ganz ohne die geschwätzige Romantik der Kanäle Venedigs wirken sie, die vom nächtlichen Gleiten schwarzer Gondeln raunen, vom Blitzen mondlichterhellter Dolche, von heimlichen Tribunalen, versteckten Türen, einsamen Serenaden –, diesem ganzen verblichenen Requisit der Novellen um 1830. Ein paar Verse von George Rodenbach gibt es, die so vollkommen ihre melancholische Schönheit gefeiert haben, daß man sie sich im Hinschreiten langsam vorsagt, als wären sie die heimliche Melodie dieser schwarzen umschatteten Gewässer. Das ist jene wehmütige Elegie »Au lieu des vaisseaux grands, qui agitaient en elles«, leise zärtliche Verse, die Rodenbachs Wirken so ganz mit Brügge verknüpft haben, daß man dem Maler recht geben muß, der sein Porträt (im Luxembourg) auf dem Hintergrunde dieser träumerischen Landschaft schuf. Aber auch viele andere ernste, milde, feierliche Bücher wären schön zu lesen auf den steinernen Uferbänken, im Schatten der großen Kastanienbäume, die ihr Bild im dunklen Wasser sinnend zu betrachten scheinen; denn die Kanäle sprechen nicht und rauschen nicht, sie lauschen nur. Getreulich tragen sie das Bild der Häuser, deren efeuumsponnene morsche Mauern sich an ihr Ufer lehnen, sie spiegeln den traurigen Glanz der gewölbten Brücken und der hohen Türme, aber sie wissen nicht einmal das zage Plätschern anschlagender Zitterwellen zu sagen. Schweigen und Schweigen. Sie sind das Ewig-Finstere, aber in ihrem schwarzen Spiegel liegt der Himmel gefangen, sie tragen das Transzendente, das Unirdische und Sternenhelle hinab in die Stadt des Grauens und der Stille.
Und zwischen dem widerflimmernden Wolkenflug ziehen manchmal die leisen Reihen weißer Schwäne, dieser wundervollen, ernsten Tiere, in deren Schweigen und Sterben auch ein Mirakel sich birgt. Unbeschreiblich ist die Wirkung dieses lichten ernsten Gleitens in dem todesschwarzen Gewässer: kein Dichter wüßte eine so blendende und doch so harmonische Antithese, wie sie hier der Zufall schuf. Und man bestreitet auch dem Zufalle dieses Recht: ein paar Legenden erzählen über die Herkunft dieser wilden, stillen Schwäne. Nach der einen sollten sie für einen Herzogsmord Sühne sein, nach der andern waren sie bestimmt, die in Streitigkeit sich verlierenden Bürger an die einstmalige, leichtsinnig vergebene Kraft der dahinschwebenden Segel zu erinnern. Doch es scheint vergebliches Mühen, dieser überraschenden Schönheit Willen und Sinn zu verleihen und sie mit dem faltigen Gewand der Legende zu umhüllen.
Denn alles in dieser Stadt der Träume und des Todes lockt leise in seinem Dämmer den Sinn der Mystik an. Hat sie selbst schon etwas der Wirklichkeit Entrafftes, so spinnen sich leicht um ihre Schicksale, die im Schöße ferner Jahrhunderte ruhen, romantische Ranken und blühende Gedichte. Und diese Dichtung wird, wenn sie eine lebendige Gestalt umflicht, eine Legende, und nicht selten eine Legende, die in ihrer Schönheit droht, Geschichte zu verbessern. So hat sich auch eine rührende Legende um den größten Schöpfer dieser Stadt bemüht, um Hans Memling, der selbst in seinem frommen Gemüte nichts sann, als das Wirkliche fromm und lieblich zu machen und dem Unerreichbaren einen Abglanz in der Sehnsucht zu geben, die seine Seele durchzitterte. Trotz aller Dementis der Kunstgeschichte will man hier wissen, daß Hans Memling, aus der Schlacht bei Nancy schwerverwundet zurückkehrend, im Hospital St. Jean treue Pflege gefunden und zum Danke jene berühmten Bilder geschaffen habe, die – ein unvergleichlicher Schatz – in dem verwitterten alten Hause sich bergen. Und, leise bedrückt von der steten Traurigkeit der Straßen, ging ich wieder hin, um an ihrer knospenhaften Lieblichkeit und innigen Reinheit jenen Duft des Frühlings zu genießen, der in dieser Stadt wie eine Unmöglichkeit scheint. In einer kleinen Stube stehen sie alle beisammen – viel stärker wirkend in dieser Vereinigung, als in der Ausstellung der Primitiven – ein lichter Streif gewebt in das trauervolle Tuch dieser Stadt. Schwer fällt es, einem den Vorzug zu geben, sei es jener Madonna, die dem Jesusknaben ernstlieblich den Apfel niederreicht, sei es dem vielberühmten Altarschreine, der die Geschichte der heiligen Ursula mit frommen, noch ein wenig kindlichen Lippen erzählt. Ganz zart muß diese Künstlerseele gewesen sein – ein wenig erinnernd an die des zweiten Verkünders von Brügge, an George Rodenbach, nur nicht so bewußt, sondern schlicht der Himmelsliebe hingegeben und erfüllt von zärtlichen Visionen. Mag nicht dies vielleicht der Sinn der Legende sein, daß dieser Zarte, vom Leben verwundet, in die klösterlichen Mauern der schon damals frommen Stadt kam und hier sein heimliches Schaffensglück fand?
Vor dem Zurückwandern durch die abendlich drohenden Straßen der stillen Stadt ging ich von den Bildern noch für einen Augenblick, das eigentliche Spital zu besehen. Ein enger Hof führt hin zwischen Heiligengestalten, die sich zu neigen scheinen. Kleine Beete sind darin mit zarten, ein wenig matten Blumen. Von den kühlen Gängen aus kann man hinter den grauen Vorhängen die weißen Krankenbetten in schmalen Reihen sehen. Auch hier diese schwere Stille. Nonnen mit weißen Hauben gehen leise vorüber. Im Garten draußen aber ein paar Genesende in den langen grauen Spitalsgewändern, ruhende Frauen und ein paar spielende Kinder. Und dazwischen ein paar funkelnde Flecken der sinkenden Sonne. Die Kinder waren nicht sehr laut, doch sprangen sie haschend aneinander vorbei, während die Genesenden mit jener eifrigen Neugier ihnen nachstaunten, die nur das erwachende Leben schenkt. Und als ich hier nach den vielen Stunden stillen Wanderns das helle silberne Kinderlachen hörte, wenn auch widerhallend von den Wänden des Todes, war mir, als sei mir ein Glück geschehen. Eine leise Angst befiel mich, in diese große, grabeskühle Stadt zurückzugehen, deren Symbole mich mit so wundervoller Gewalt umfingen, und ein unendliches Mitleid mit den Menschen, die hier im Dunkel leben und dem Unbegreiflichen entgegensterben. Und selten habe ich so stark die abgenutzte Weisheit der Schulfibeln empfunden, daß der Tod etwas sehr Trauriges sein muß und das Leben eine unendliche Gewalt, die auch den Unwilligen zur Liebe zwingt.
Oxford
Inhaltsverzeichnis
1907
Ich habe mich wieder einmal von allen Klugen töricht nennen lassen und bin erst nach Oxford gegangen, als die Studenten schon auf Ferien waren. Und wie das nun schon der Törichten Art ist, ich glaube, ich habe recht daran getan. Denn aller Studenten frohe Regsamkeit, die bunte Fülle alter Trachten, die wohlstudierte Pracht feierlicher Aufzüge scheint mir die edle Verlassenheit nicht wert, die nun stumm und unbewegt wie ein traumloser Schlaf die vereinsamte Stadt umfangen hält. Es ist eine helle, fast leuchtende Einsamkeit ganz ohne Trauer und ohne die gleitende Schar düsterer Erinnerungen, wie sie so gern schattenhaft die verlassenen Residenzen, die toten Städte, Brügge, Ypern, Toledo, durchrauschen. Es ist nur Ruhe, schwüle, atmende Sommerruhe, träge Einsamkeit, Schweigen, Schlaf. Und vorsichtig, wie durch eines Schlafenden Raum, geht man von Haus zu Haus, stiehlt sich wie ein Lauscher in die sonnigen Höfe und ängstigt sich fast, wenn der eigene Schritt auf den Steinen hallt. Die bunte Maske studentischen Lebens von den ernsten Zügen gelöst, ruhend in mattem Schlummer, so bietet sich Oxford diesen schimmernden Sommertagen dar, statuenhaft kühl und doch farbig durchtönt, ein sinnvolles Profil, dessen schöne Linien man sich innig zu bewahren versucht ist.
Für zwei, drei Monate ruht die Stadt so mit geschlossenen Lidern, schweigenden Lippen und stockendem Blut. Spießbürgerliche, provinzlerische Stille ist rings statt der frohen Bewegung vieler junger Menschen, der dreitausend Studenten, die alljährlich aus ganz England hier zusammenströmen. Denn England, das Land der sparsamen Energien, konzentriert seine Kräfte. Sind Portsmouth, Liverpool, Southampton und die anderen großen Hafenstädte die Hände, mit denen der gigantische Organismus seine Nahrung faßt, ist London das unruhig schütternde, ewig tätige Herz, das alle Blutwellen ohne Stauun...
Inhaltsverzeichnis
- Einführung
- Autorenbiografie
- Historischer Kontext
- Synopsis (Auswahl)
- Reisen in Europa
- Analyse
- Reflexion
- Unvergessliche Zitate
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