Die spirituellen Botschaften
Die alten Schriften der menschlichen Kulturen beschäftigten sich nicht nur mit der Frage nach der Erschaffung der Welt und des Menschen. Man kann sogar sagen, dass der Hauptzweck darin bestand, den nachfolgenden Generationen Erfahrungen und Erkenntnisse zum Sinn des Lebens und einer guten Lebensführung zu hinterlassen.
Im Folgenden gebe ich deshalb einen kleinen Überblick über die verschiedenen Botschaften und Regeln, die noch heute von vielen religiösen Menschen beachtet werden. Ich stelle diese Auswahl nur dar und kommentiere sie nicht. Natürlich darf man sich als „Mensch der Aufklärung“ darüber wundern, dass sich viele gläubige Menschen an die alten Überlieferungen halten. Solange sie damit aber keinen Schaden bei ihren Mitmenschen anrichten, sollte man das dahinterstehende Weltbild zumindest respektieren. Wenn man genauer hinschaut, werden wir dort die eine oder andere Regel erkennen, die geeignet ist, das Zusammenleben der Menschen sogar besser zu gestalten, als dies aktuell weltweit geschieht.
Natürlich finden sich in diesen alten Schriften auch viele Regeln, die heute nicht mehr zeitgemäß sind und mit der heutigen Vorstellung von Menschenrechten nicht im Einklang stehen. Es gäbe deshalb viele Gründe, eine Modernisierung der religiösen Texte in Angriff zu nehmen. Die letzte Umschreibung ist mittlerweile 500 Jahre alt (die Luther-Bibel). Die meisten Religionsstifter wollten einen Text für die Ewigkeit hinterlassen und haben eine Art Veränderungssperre eingezogen. Ob man sich darüber hinwegsetzen mag, müssen die Religionsgemeinschaften selber entscheiden. Es ist für Gläubige sicher schwer, Texten zu vertrauen, die nicht umgeschrieben werden dürfen, aber ständig von „Gelehrten“ uminterpretiert werden. Es ist auch wenig glaubwürdig, wenn man widersprüchliche Texte (wie z.B. das Alte und Neue Testament) unkommentiert hintereinanderstellt. Das hat aber auch Vorteile: Ich kann mir dann die Passagen aussuchen, die gerade zu meinem Lebensabschnitt passen („Auge um Auge“ oder „Liebe deinen Nächsten“).
Auch der Koran stellt widersprüchliche Glaubenssätze in einem Buch nebeneinander. Die Glaubenssätze des Propheten Mohammed sind sehr unterschiedlich, je nachdem ob sie in Mekka oder Medina verkündet worden sind. Leider werden die 114 Suren aber nicht nach dem historischen Kontext sortiert, sondern nach der Länge.
Harmagedon - Die Prophezeiung
Es gibt nicht wenige Menschen, die die heutige Entwicklung als Vorbote des in der Bibel prophezeiten Untergangs der Menschheit sehen („Armageddon“). Das wäre dann die gerechte Strafe dafür, dass wir vom „wahren Glauben“ abgefallen wären. Konkrete global wirkende Gegenmaßnahmen z.B. gegen die Klimakatastrophe könnten wir uns dann sparen. Abzuwenden wäre diese nur durch die Rückkehr zum ursprünglichen Glauben und zu alten religiösen Ritualen.
Der Ausdruck „Schlacht von Harmagedon“ bezeichnet den Schlusskampf zwischen Gott und den Regierungen hier auf der Erde. Diese Regierungen und ihre Anhänger erkennen das Reich Gottes bzw. die Regierung Gottes bis heute nicht an und stellen sich damit gegen Gott (Psalm 2:2). Die Schlacht von Harmagedon soll allen von Menschen gebildeten Regierungen ein Ende machen (Daniel 2:44).
Das Wort „Harmagedon“ kommt allerdings nur einmal in der Bibel vor, in Offenbarung 16:16. Dort wird prophetisch davon gesprochen, dass die „Könige der ganzen bewohnten Erde ... zum Krieg des großen Tages Gottes, des Allmächtigen“ versammelt werden, und zwar an dem „Ort, der auf Hebräisch Har-Magedon genannt wird“ (Offenbarung 16:14).
Wer wird in der „Schlacht von Harmagedon kämpfen“? Jesus Christus wird eine große Armee im Himmel befehligen und sie zum Sieg gegen Gottes Feinde anführen (Offenbarung 19:11-16, 19-21). Zu diesen Feinden zählen alle, die sich gegen Gott stellen oder die ihn verachten (Hesekiel 39:7).
Wie wird die Schlacht von Harmagedon ablaufen? Man kann nicht genau wissen, wie Gott - wenn er denn existiert - seine Macht einsetzen wird. Aber ihm steht für diesen Krieg ein Waffenarsenal zur Verfügung, auf das er auch schon in alter Zeit zurückgegriffen hat: Hagel, Erdbeben, sintflutartige Regenfälle, Feuer und Schwefel, Blitze und auch Krankheiten (Hiob 38:22, 23; Hesekiel 38:19, 22; Habakuk 3:10, 11; Sacharja 14:12). Vor lauter Verwirrung werden sich zumindest einige Feinde Gottes auch gegenseitig umbringen. Doch sie werden vor ihrem Tod erkannt haben, dass es Gott war, der gegen sie gekämpft hat (Hesekiel 38:21, 23; Sacharja 14:13).
Ist Harmagedon der Weltuntergang? Harmagedon wird nicht der Untergang unseres Planeten sein, denn die Bibel sagt, dass die Erde für immer das Zuhause der Menschen bleiben wird (Psalm 37:29; 96:10; Prediger 1:4). In der Schlacht von Harmagedon wird auch nicht die Menschheit ausgelöscht. Im Gegenteil: „Eine große Volksmenge“ wird überleben - alles Menschen, die Gott dienen (Offenbarung 7:9, 14; Psalm 37:34).
Wenn die Bibel davon spricht, dass „die Welt vergeht“, ist mit „Welt“ nicht die Erde gemeint, sondern die menschliche Gesellschaft, die sich gegen Gott stellt (1. Johannes 2:15-17). In diesem Sinn wird Harmagedon also „das Ende der Welt“ sein - das Ende für gottlose Menschen (Matthäus 24:3, Lutherbibel).
Wann wird die Schlacht von Harmagedon stattfinden? Die Schlacht von Harmagedon wird der Höhepunkt der „großen Drangsal“ sein, von der Jesus sprach. Über den Zeitpunkt sagte er: „Von jenem Tag und jener Stunde hat niemand Kenntnis, weder die Engel der Himmel noch der Sohn, sondern nur der Vater“ (Matthäus 24:21, 36). Die Bibel macht also keine genaue Zeitangabe.
Das Harmagedon soll so unerwartet über uns hereinbrechen wie die Sintflut zu Noahs Zeiten. Um die Zahl ihrer Anhängerinnen bzw. Anhänger zu erhöhen, sind schon heute viele Glaubensgemeinschaften (nicht nur „Jehovas Zeugen“) dazu übergegangen, die vom Menschen verursachten zunehmenden Naturkatastrophen als Zeichen für das bevorstehende „Jüngste Gericht“ zu werten, da nur die wirklich Gläubigen überleben werden. Wir können davon ausgehen, dass diese „Propheten des Untergangs“ in den heutigen Zeiten ihre Anhängerschaft erhöhen werden. Wir können auch davon ausgehen, dass sich diese Gruppe der Gläubigen von rationalen Argumenten wenig beeinflussen lassen, solange es noch die prophezeiten Anzeichen in der Natur gibt.
Im Johannes-Evangelium findet sich noch ein Ausblick auf die Zukunft. Einerseits dokumentiert Johannes die Jesus-Worte:
„Ich bin nicht gekommen, dass ich die Welt richte, sondern dass ich die Welt selig mache.“
Andererseits spricht er von der Ankündigung eines „Trösters“ durch Jesus:
„ Wenn aber der Tröster kommen wird, welchen ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird zeugen von mir... Wenn derselbe kommt, wird er die Welt strafen um die Sünde und um die Gerechtigkeit und um das Gericht: um die Sünde, dass sie nicht glauben an mich“.
Es gibt viele Christen, die auch noch nach 2000 Jahren an dieses „Strafgericht“ glauben. Die „Vereinigte Kirche Gottes“ verkündet darüber hinaus, dass die Menschheit an einen „Abgrund zur Selbstvernichtung“ gerät und Gott dann eine Weltregierung installieren werde. Dies soll eine Verwandlung zum Geistigen voraussetzen und uns („zur Zeit der letzten Posaune“) danach unsterblich machen.
Dabei beziehen sich viele christliche „Nebenkirchen“ auf die Offenbarungen des Johannes, der sieben Plagen beschrieb, die die Menschheit auf den Weg führen sollen: Hagel, Feuer, Vulkanausbrüche, Meteore, Heuschrecken und die Überschwemmung des Euphrat. Dadurch soll die Menschheit stark dezimiert werden. Das hört sich allerdings ein wenig an wie die 7 Plagen in Ägypten und die Geschichte von der Sintflut aus dem Buch Mose des Alten Testaments.
Noch deutlicher wird Johannes selbst: „Ihre Leichname werden liegen auf der Gasse der großen Stadt, die da heißt geistlich "Sodom und Ägypten ".
Johannes fügt aber noch unverständlich hinzu: „Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde verging, und das Meer ist nicht mehr. Und ich, Johannes, sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabfahren."
Hier könnte man vieles hineininterpretieren. Mit dieser „Prophezeiung“ können wir deshalb genau so wenig anfangen, wie mit den unbestimmten Prophezeiungen eines Nostradamus. Das hindert einige heutige christliche Missionskirchen nicht daran, diese Passagen für ihre aktuelle Überzeugungsarbeit zu nutzen.
Regelwerk der jüdischen Tora
Die Überlieferungen von Moses, die in der Tora niedergeschrieben wurden, enthalten nicht nur die Geschichte des israelischen Volkes und ihre Unterrichtung durch HaSchem. In den Texten sind auch viele Regeln für den Umgang der Menschen untereinander enthalten. Dabei ging es insbesondere um die Umsetzung der vielen Vorschriften Gottes, um ihm Ehre und Respekt zu erweisen.
Die Tora wurde intensiv diskutiert und interpretiert. Daraus entstand der Talmud, ein Werk aus 12 Bänden mit vielen tausend Seiten. Den Kern bildet die Offenbarung Gottes in der Tora („Mischna“) ergänzt um die „Gemara“, die viele Analysen und Kommentare enthält. Die älteste handschriftliche Abschrift stammt aus dem 11. Jahrhundert und befindet sich in der Münchner Staatsbibliothek. Im Vorwort schrieb der Übersetzer Jakob Frommer 1924:
„Sprache und Sinn sind häufig selbst dem Eingeweihten unverständlich. Die Erklärungen und Auseinandersetzungen verlieren sich ins Uferlose. “59
Der Talmud sollte die Gläubigen dazu anregen, sich intensiv mit der Heiligen Schrift zu beschäftigen. Durch die vielen Interpretationen sollte die Tora alltagstauglich gemacht werden, ohne den Kern der „Worte Gottes“ zu verändern. Das kann man auch mit der weltlichen Welt der Gesetze vergleichen.
Gesetze werden zu einem bestimmten Zeitpunkt von den zuständigen Parlamenten beschlossen. Damit die Abgeordneten nicht überfordert werden, werden die Details der Umsetzung der Verwaltung überlassen, die dann ermächtigt werden, die Ausführungsbestimmungen in Verordnungen und Richtlinien zu konkretisieren. Am Steuerrecht kann man gut erkennen, was daraus werden kann. Selbst Steuerfachleute haben manchmal Schwierigkeiten, den Überblick nicht zu verlieren (siehe den CumEx-Skandal). Der Talmud steht dem nicht nach.
Gläubige Juden, die beispielsweise die vorgeschriebene Sabbatruhe einhalten wollen, müssen sich mit einer riesigen Zahl an Einzelvorschriften beschäftigen (etwa 420 Seiten). Zum Beispiel: Die Geschäfte müssen von Freitagabend bis Samstagabend geschlossen bleiben. Man darf kein Geld in die Hand nehmen und auch nicht über Geschäfte reden. Spaziergänge dürfen nicht über 2000 Ellen (etwa 1000 m) ausgedehnt werden und Rauchen ist nicht gestattet. Man darf keine Gegenstände aus einem privaten Gebiet in ein öffentliches Gebiet tragen und umgekehrt. Dadurch wird es kompliziert, wenn ein Briefträger einen Brief abgeben möchte. Niemand möchte dabei Schuld auf sich laden. In einer Mischna werden neununddreißig (wörtlich: vierzig weniger eins) Arten von Arbeiten aufgezählt, die am Sabbat nicht verrichtet werden dürfen.
Schwierigkeiten entstehen auch bei der Umsetzung der Gebote zum Passahfest, weil man eine Woche lang kein gesäuertes Brot essen darf. Am Versöhnungstag könnte das Problem entstehen, dass die Frau des Hohepriesters stirbt. Da er nicht nur für die Gemeinde, sondern auch für sie (d.h. „sein Haus“) beten muss, wird ihm für den Notfall noch eine Ersatzfrau bestimmt.
Mit den Interpretationen und Kommentaren des Talmud kann man sich wahrscheinlich mehrere Jahre intensiv beschäftigen. Möglicherweise wird die Sicherheit zur Umsetzung der Tora nicht ...