NOCH EINMAL HEILIGER HIERONYMUS
In meinem Aufsatz Die Reise nach Il Convento, den ich euch vor einigen Wochen vortrug, sprach ich davon, dass wir uns zum einen oder anderen Bild beziehungsweise Symbol hingezogen fühlen, oftmals ohne zu verstehen, warum. Zur Veranschaulichung beschrieb ich, wie ich während meiner Italienreise im Jahr 1966 von zwei Bildern angezogen worden war. Eines davon war das Bild des heiligen Hieronymus. Da ich ihn in der Rede ziemlich ausführlich beschrieben und auch versucht habe zu erläutern, warum das Bild des hl. Hieronymus – wie er in seiner Studienklause die Bibel ins Lateinische übersetzt – damals für mich von Bedeutung war, glaubte ich, zumindest für eine gewisse Zeit mit diesem Bild abgeschlossen zu haben und es vergessen zu können. Doch so war es nicht. Schon wenige Tage, nachdem ich meinen Text vorgelesen hatte, bemerkte ich, dass ich ziemlich viel über Hieronymus nachdachte, und je mehr ich nachdachte, desto bedeutungsvoller schien mir das Bild des alten Mannes, der über das Pult in seiner Zelle, Klause oder Höhle gebeugt war. Es war, als hätte das Bild eines Archetyps, wenn er erst einmal aktiviert ist, ein eigenes Leben. Ob man will oder nicht, drängt er sich gleichsam der Aufmerksamkeit auf und besteht darauf, das Gespräch fortzusetzen, das man schon für abgeschlossen gehalten hat. So entschied ich, es sei wohl am besten, einen weiteren, ausschließlich dem Bild des Hieronymus gewidmeten Aufsatz zu schreiben in der Hoffnung, bis auf Weiteres mit dem Bild abzuschließen, sobald ich ihn niedergeschrieben und vielleicht vorgetragen hätte.
Zunächst erwog ich, den Aufsatz nach meiner Rückkehr nach Padmaloka13 zu schreiben, wenn ich mich wieder gemütlich in meinem eigenen Studierzimmer eingerichtet hätte. In Padmaloka würde ich all meine Bücher haben und könnte allen möglichen Verweisen auf den hl. Hieronymus ebenso nachgehen wie den verschiedenen Bildern und Symbolen, mit denen die Gestalt des Heiligen traditionell verbunden ist. Schließlich entschloss ich mich aber, den Aufsatz hier in Il Convento zu schreiben, und zwar teilweise, weil das Bild des Heiligen sich schlicht weigerte, mich in Frieden zu lassen, aber auch, weil ich dachte, es könnte durchaus von Vorteil sein, nicht irgendwelchen Bezügen nachgehen zu können. Denn so müsste ich mich ganz auf meine Erinnerung und Vorstellungskraft stützen, und das würde bedeuten, dass meine Vorstellungskraft eine aktivere Rolle beim Schreiben übernehmen könnte, als es sonst möglich wäre. Zugegeben, ich könnte Fehler machen, etwa was historische Fakten betrifft, doch das wäre nicht wirklich wichtig. In Die Reise nach Il Convento gibt es einen oder zwei Fehler. Nachdem ich den Aufsatz geschrieben hatte, wurde mir klar, dass ich, obwohl ich in meiner Kurzgeschichte geschrieben habe, die Gestalt von Gottvater sei aus dem Fresko des Jüngsten Gerichts herausgetreten, tatsächlich gar kein solches Fresko gesehen hatte. In all den Fresken des Jüngsten Gerichts, die ich gesehen hatte, war nicht Gottvater der Richter, sondern Jesus Christus, ganz im Einklang mit den Worten des Glaubensbekenntnisses: „Von dannen er (das heißt Jesus) kommen wird zu richten die Lebendigen und die Toten.“ Und ähnlich fragte einer von euch, nachdem ich den Aufsatz vorgelesen hatte, ob Il Convento di Santa Croce ursprünglich von Franziskaner-Brüdern oder Augustiner-Chorherren bewohnt war; er hatte nämlich auf der Rückseite eines Opernprogramms des heutigen Il Convento einen Hinweis auf Augustiner-Chorherren gesehen. Ob nun Gottvater oder Jesus Christus vom Fresko herabstieg und ob Il Convento ursprünglich von Franziskanern oder Augustinern bewohnt war, das beeinträchtigt nicht die Gültigkeit der Punkte, die ich hatte verdeutlichen wollen, sodass die „Fehler“ bedeutungslos sind, soweit es um den Aufsatz geht. Sie könnten allerdings eine eigene, psychologische oder sogar spirituelle Bedeutung haben, doch das ist eine Frage, auf die ich hier nicht eingehen möchte. Lasst uns stattdessen, da sich die Hoffnung derjenigen von euch, die zur Ordination nach Il Convento gereist sind, erfüllt hat, zurückkommen zu einem Teil dessen, was wir schon behandelt haben, und es genauer untersuchen. Besuchen wir erneut den hl. Hieronymus!
Wie ich beim letzten Mal erwähnte, wird Hieronymus gewöhnlich entweder in der Wüste oder in seiner Zelle dargestellt – dann nämlich, wenn er sozusagen als eigenständige Person und nicht bloß als einer von vielen Heiligen in einem Altarbild oder einer Predella gezeigt wird. Auch wir werden ihn in seiner Zelle oder Studienklause besuchen. Bevor wir das tun, sollten wir allerdings kurz den hl. Hieronymus in der Wüste aufsuchen. Als sei die überlieferte Ikonographie nicht ganz festgelegt und als hätten die Künstler wenigstens in mancher Hinsicht mehr Freiheit gehabt, so weisen Gemälde des Hieronymus in der Wüste eine viel größere Vielfalt auf als Gemälde des Heiligen in seiner Studienklause. Manchmal zeigen sie – und werden auch so genannt – nicht den hl. Hieronymus in der Wüste, sondern den hl. Hieronymus bei Bußübungen. Sie alle aber stellen Hieronymus in einer Landschaft dar, und das ist auch die beste und genaueste Weise, sie zu beschreiben. Weil diese Landschaft natürlich jene des Heiligen Landes war, wohin sich der hl. Hieronymus aus Rom zurückgezogen hatte, hätte das, was die italienischen Renaissancekünstler darstellen sollen, vermutlich so ähnlich ausgesehen wie die von Holman Hunt in Der Sündenbock gemalte Landschaft: eine trostlose Weite salzigen Marschlandes mit dem flaschengrünen Streifen des Toten Meeres. In der Ferne und einigen seltsam glühenden Gebirgsausläufern in Rosa und Blasslila dahinter.14 Um diese Landschaft zu malen, musste der präraffaelitische Künstler ins Heilige Land reisen, doch die Künstler der italienischen Renaissance machten keine solche Reisen und dachten auch gar nicht daran. Sie malten einfach, was ihnen als Landschaft gerade zur Verfügung stand. Das Ergebnis davon ist, dass man den hl. Hieronymus meist nicht in der Wüste oder in etwas sieht, das die Bibel „Wildnis“ nennt, sondern inmitten einer außerordentlich schönen, typisch toskanischen oder umbrischen Landschaft mit üppiger, mediterraner Vegetation und einer Fülle malerischer Felsen. Selbstredend ist die Landschaft nicht bebaut, sondern natürlich, aber das ist nicht die Natur der Wüste, sondern eher die des Paradieses vor dem Sündenfall. Manchmal wird der Heilige tatsächlich bei Bußübungen gezeigt. Dann ist er mit einer Art Lendenschurz bekleidet, der oft zerfleddert ist, und er kniet vor einem groben Kruzifix oder umfasst es. Manchmal sitzt er auch, den Kopf auf eine Hand gestützt, auf einem Felsen, als würde er tief meditieren. In der Regel kann man auch seinen treuen Löwen irgendwo im Bild sehen, meist fest schlafend, doch in manchen eher naiven Darstellungen der Szene scheint er die Übungen des Heiligen mitzumachen.
In einer ganzen Reihe der von mir „hl. Hieronymus in einer Landschaft“ genannten Gemälde ist die Gestalt des Heiligen im Vergleich zum übrigen Bild bemerkenswert klein. In einigen dieser Fälle brauchte ich tatsächlich ein oder zwei Minuten, bis ich die Gestalt des Hieronymus entdeckte, die im Verhältnis zur umgebenden Landschaft nicht nur winzig, sondern unbedeutend erschien. Was die Künstler tatsächlich gemalt hatten, war nicht der hl. Hieronymus in der Wüste oder bei der Buße oder auch nur Hieronymus in einer Landschaft, sondern einfach der Mensch in der Natur. Mir erschien die Natur in ihrem Reichtum, Überfluss und ihrer Schönheit auf diesen Gemälden gelassen gleichgültig zu sein gegenüber der existenziellen Qual des Menschen – einer Qual, die zu begreifen sie unfähig ist. Mensch und Natur waren einander fremd. Der Mensch lebte zwar mitten in ihr, gehörte nicht zu ihr. Sofern sie in der Lage wäre ihn zu kennen, würde sie ihn lediglich als physischen Körper ansehen, und als physischer Körper war er unendlich viel kleiner als sie und unendlich weniger mächtig. Was diese Darstellungen des Menschen inmitten der Natur offenbar sagten, war, dass der Mensch von außen betrachtet oder bloß als materielles Ding unter materiellen Dingen gesehen eine ganz unbedeutende Kreatur ist. Um seine Erhabenheit wertzuschätzen oder das, was ein italienischer Renaissancephilosoph „die Würde des Menschen“ nennt, muss man ihn aus dem Inneren heraus als spirituelles Wesen unter anderen spirituellen Wesen betrachten oder wenigstens inmitten von spirituell bedeutsamen Objekten. Mit anderen Worten, man muss sich vom hl. Hieronymus in der Wüste hinwenden zum hl. Hieronymus in seiner Studienklause.
Das Studierzimmer oder die Zelle des hl. Hieronymus wird natürlich oft als eine Höhle gemalt. Auf Bildern von Hieronymus in der Wüste oder bei Bußübungen sieht man den Eingang der Höhle je nach Größe des Gemäldes manchmal nahe im Vordergrund, manchmal auch weiter oben am Berghang. Diese Höhle schafft eine Art Verbindung zwischen den zwei verschiedenen Darstellungen des Heiligen, die man auch als zwei verschiedene Bilder des hl. Hieronymus bezeichnen könnte, nämlich Hieronymus in der Wüste oder Buße leistend und Hieronymus in seiner Studienklause bei der Bibelübersetzung. Ich sagte eben, um die Besonderheit des Menschen zu würdigen, sei es nötig, ihn aus dem Inneren heraus oder von innen als spirituelles Wesen unter anderen spirituellen Wesen zu sehen. Es ist aber nur der Mensch selbst, der den Menschen so sehen kann. Die Natur kann das nicht. Sie kann ihn, falls sie ihn überhaupt sieht, nur von außen betrachten: Sie sieht ihn nur als physischen Körper. Um sich selbst als spirituelles Wesen zu sehen, muss der Mensch aufhören, sich wie die Natur nur als physischen Körper zu sehen, und in die Höhle des Herzens eintreten. Anfangs wird ihm das Herz als ein Objekt und sogar als physisches Objekt oder körperliches Organ erscheinen. Deshalb kann man auf Gemälden des hl. Hieronymus die Höhle zwar sehen, aber nur von außen, denn dort ist sie Teil der Natur, Teil des materiellen Universums. Wenn der Mensch in die Höhle eintritt, wie es die Gestalt des Hieronymus in der Landschaft darstellt, ist die Höhle nicht mehr Objekt, sondern Subjekt. Der Mensch hat sich sozusagen selbst von innen nach außen gekehrt. Der hl. Hieronymus ist nicht mehr in der Wüste. Er ist in seiner Studienklause, und wir sind dort mit ihm.
Das erste, was wir in der Studienklause bemerken, ist, dass sie ganz leer ist, wenn man von ein paar spirituell bedeutsamen Gegenständen wie einem roten Hut, einer Sanduhr und einem menschlichen Schädel absieht. (Hier spreche ich davon, was man als die „typische“ Darstellung der Klause des hl. Hieronymus in der italienischen Renaissancekunst bezeichnen kann.) Insbesondere enthält sie – mit einer wichtigen Ausnahme, auf die ich gleich zu sprechen komme – keinen natürlichen Gegenstand. Es gibt beispielsweise keine Blumenvasen und keine Speisen – nicht einmal Brotrinde oder einen Weinkrug. Außerdem gibt es keine Fenster und darum auch keine Aussicht, sodass der hl. Hieronymus nicht in die Wüste ringsum hinausschauen kann, wenn er von seiner Übersetzungsarbeit müde ist und die griechischen und hebräischen Buchstaben vor seinen Augen zu tanzen beginnen. In der Höhle des Herzens kann der Mensch die Natur nicht sehen, und die Natur kann den Menschen nicht sehen. Natürlich muss es eine Tür geben, aber sie ist offenbar nicht geöffnet, denn es fallen keine Sonnenstrahlen in die Höhle, die von einem geheimnisvollen eigentümlichen Glühen erfüllt wird. (Manchmal wird der hl. Hieronymus dargestellt, wie er beim Licht einer Kerze arbeitet.) Was uns die typische Darstellung von Hieronymus in seiner Klause wirklich gibt, ist ein Querschnitt einer inneren Welt. In dieser inneren Welt ist der Mensch nicht bedeutungslos, wie er es ist, wenn man ihn von außen, als Teil des materiellen Universums betrachtet. Deshalb steht die Gestalt des Heiligen auf Gemälden, die ihn in seiner Klause zeigen, außerordentlich groß da. Tatsächlich füllt sie manchmal praktisch das gesamte Bild. Wenn es im Fall des hl. Hieronymus in einer Landschaft oder in der Natur kaum Raum für die Gestalt des Heiligen gibt, so gibt es im Fall des Hieronymus in seiner Studienklause kaum Raum für die Natur.
Wie ich schon sagte, enthält die Studienklause oder Zelle mit einer Ausnahme keinen natürlichen Gegenstand, das heißt, kein lebendiges Naturding, denn vermutlich ist sein Pult aus Holz gefertigt, das einst Teil eines Baumes war, und die Seiten der von ihm übersetzten Bibel sind aus Pergament, was vorher Teil eines Schafes war. Man könnte sogar sagen, die Klause des hl. Hieronymus enthielte nichts als den hl. Hieronymus selbst, denn jedes einzelne Ding, das ich als spirituell bedeutsam bezeichnet hatte, ist in gewissem Sinn eine Erweiterung der Persönlichkeit des Heiligen – so wie es auch für das einzige natürliche Ding gilt, das sich in der Klause befindet.
Dieses Naturding ist der Löwe. Er ist immer bei Hieronymus in seiner Zelle oder Studienklause, so wie er auch fast immer in der Wüste oder während seiner Bußübungen bei ihm ist. Wie die Höhle, so bildet auch er eine Art Verbindung zwischen der Wüste und der Studienklause, der objektiven und der subjektiven Welt, Materie und Geist. Ich kann mich nicht erinnern, je gelesen zu haben, wie es dazu kam, dass der hl. Hieronymus mit dem Löwen oder der Löwe mit Hieronymus in Verbindung gebracht wurde. Irgendwo in einer dunklen Ecke des legendären Heiligenlebens wird sich höchstwahrscheinli...