Astronomie und Imagination
eBook - ePub

Astronomie und Imagination

Ein neuer Zugang zu der Sternenwelt als Beobachtung

  1. 232 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
eBook - ePub

Astronomie und Imagination

Ein neuer Zugang zu der Sternenwelt als Beobachtung

Über dieses Buch

Jedes Beobachtungsmedium hat seine eigenen Einschränkungen und Vorteile. In diesem Buch wird ein Schwerpunkt auf die direkte Beobachtung des Sternenhimmels mit den Augen gelegt, die dadurch selbst zu den machbaren Erfahrungen gehören. Systematisch werden alle zugänglichen Phänomene des Sternenhimmels erforscht und in ihrem historischen Kontext zugänglich gemacht. Ein modernes Abenteuer, das zugleich die Grundlage für ein erweitertes Umweltbewusstsein schafft! Jeder Einzelne sollte sich seinen Zugang zur Sternenwelt erobern, wobei ihm dieses Buch ein hervorragender Begleiter sein kann.

Häufig gestellte Fragen

Ja, du kannst dein Abo jederzeit über den Tab Abo in deinen Kontoeinstellungen auf der Perlego-Website kündigen. Dein Abo bleibt bis zum Ende deines aktuellen Abrechnungszeitraums aktiv. Erfahre, wie du dein Abo kündigen kannst.
Nein, Bücher können nicht als externe Dateien, z. B. PDFs, zur Verwendung außerhalb von Perlego heruntergeladen werden. Du kannst jedoch Bücher in der Perlego-App herunterladen, um sie offline auf deinem Smartphone oder Tablet zu lesen. Weitere Informationen hier.
Perlego bietet zwei Abopläne an: Elementar und Erweitert
  • Elementar ist ideal für Lernende und Profis, die sich mit einer Vielzahl von Themen beschäftigen möchten. Erhalte Zugang zur Basic-Bibliothek mit über 800.000 vertrauenswürdigen Titeln und Bestsellern in den Bereichen Wirtschaft, persönliche Weiterentwicklung und Geisteswissenschaften. Enthält unbegrenzte Lesezeit und die Standardstimme für die Funktion „Vorlesen“.
  • Pro: Perfekt für fortgeschrittene Lernende und Forscher, die einen vollständigen, uneingeschränkten Zugang benötigen. Schalte über 1,4 Millionen Bücher zu Hunderten von Themen frei, darunter akademische und hochspezialisierte Titel. Das Pro-Abo umfasst auch erweiterte Funktionen wie Premium-Vorlesen und den Recherche-Assistenten.
Beide Abopläne sind mit monatlichen, halbjährlichen oder jährlichen Abrechnungszyklen verfügbar.
Wir sind ein Online-Abodienst für Lehrbücher, bei dem du für weniger als den Preis eines einzelnen Buches pro Monat Zugang zu einer ganzen Online-Bibliothek erhältst. Mit über 1 Million Büchern zu über 1.000 verschiedenen Themen haben wir bestimmt alles, was du brauchst! Weitere Informationen hier.
Achte auf das Symbol zum Vorlesen bei deinem nächsten Buch, um zu sehen, ob du es dir auch anhören kannst. Bei diesem Tool wird dir Text laut vorgelesen, wobei der Text beim Vorlesen auch grafisch hervorgehoben wird. Du kannst das Vorlesen jederzeit anhalten, beschleunigen und verlangsamen. Weitere Informationen hier.
Ja! Du kannst die Perlego-App sowohl auf iOS- als auch auf Android-Geräten nutzen, damit du jederzeit und überall lesen kannst – sogar offline. Perfekt für den Weg zur Arbeit oder wenn du unterwegs bist.
Bitte beachte, dass wir Geräte, auf denen die Betriebssysteme iOS 13 und Android 7 oder noch ältere Versionen ausgeführt werden, nicht unterstützen können. Mehr über die Verwendung der App erfahren.
Ja, du hast Zugang zu Astronomie und Imagination von Norman Davidson, Manfred Schwenzfeier im PDF- und/oder ePub-Format sowie zu anderen beliebten Büchern aus Philosophy & History & Theory of Philosophy. Aus unserem Katalog stehen dir über 1 Million Bücher zur Verfügung.

Information

Kapitel 1

Die Erde als Zentrum

Dieses Buch versucht einen neuen Anfang in der Astronomie. Es spricht für einen erdzentrierten Blick, aber dies bedeutet weder die bloße Rückkehr zu einer alten Ansicht noch eine Ablehnung der modernen Forschung eines heliozentrischen oder galaxie-zentrischen oder zentrumslosen Universums. Diese jüngsten Fortschritte sind Realitäten, aber es muß genau abgeschätzt werden, welcherart Realitäten sie sind. Sie sind nicht gegründet auf die direkte Erfahrung des menschlichen Sehens, auf seine Raumerfahrung und auf die Bewegungen, die dem Menschen in seiner normalen erdgebundenen Umwelt natürlich sind. Sie haben sich davon, unter Zuhilfenahme von Technologien, entfernt und sie haben eine andere Gültigkeit. Das Studium dieser modernen Entwicklungen würde ein weiteres Buch füllen.
Hier wird der Versuch gemacht, nicht die moderne Forschung abzulehnen, sondern einen Prozess zu ermutigen, die Dinge perspektivisch an ihren Platz zu rücken, was möglicherweise am Ende zu einer Neubewertung dieser Forschung in Bezug auf die menschliche Erfahrung führen kann.
Solch eine Neubestimmung ist weitestgehend jenseits der Reichweite dieses Textes, der nur versucht, einen Neuanfang von den ersten Prinzipien her zu erforschen. In Geschichten der Astronomie oder in Grundlagenbüchern, die das Thema beschreiben, wird das erste Kapitel oder eine Einleitung in einer herablassenden Weise den „veralteten“ geozentrischen Theorien gewidmet und solche Theorien werden angesehen als das Ergebnis von Unwissen oder kindlichen Konzepten, von Leuten erdacht, die nicht von den Entdeckungen der modernen Wissenschaft profitierten. Es wird heute als naiv angesehen, ein ganzes Buch dem Studium der Himmelsphänomene zu widmen, das in der direkten Erfahrung des gewöhnlichen Beobachters begründet ist. Aber die Vernachlässigung dieses Gebietes führte zu einem ernsten Verlust des menschlichen Elementes in dieser frühesten und fundamentalsten der Wissenschaften. Die realen Motive früherer Kulturen bei einer erdgebundenen Ansicht zu bleiben werden nicht voll gewürdigt. Die geozentrische Ansicht brachte eine Verbundenheit im Gefühl zwischen Individuum und Universum mit sich. Der Mensch war ein Teil des Ganzen, eine Idee, die seit Kopernikus als überholt angesehen wird. Aber es gilt, die Erforschung der Beziehung des modernen Menschen zum Universum weiterzuführen und zwar unter dem Gesichtspunkt der direkten persönlichen Erfahrung.
Es wird sogar gesagt, dass es verwunderlich sei, warum die Griechen auf einer geozentrischen Ansicht bestanden, selbst nachdem Aristarchus von Samos (zirka 310-264 v.Chr.) erklärte, dass die Erde sich mit den anderen Planeten um die Sonne drehe. Aber die Griechen hatten das sichere Gefühl, dass der Mensch direkt mit dem Universum verknüpft sei, ein heliozentrisches System würde für die Mehrheit von ihnen sinnlos gewesen sein. Spuren von diesem Gefühl verblieben noch bis in die Zeit von Kopernikus in dem Widerstand der Kirche der Idee gegenüber, dass die Sonne still stehe. Es war nicht nur so, dass die Kirche ihre Autorität mit der Tradition begründete - obwohl dies auch eine Rolle spielte.
Die Kopernikanische Revolution mußte kommen. Sie ist einer der größten Erfolge des menschlichen Intellekts. Aber das heißt nicht, dass sie der einzige Weg ist, die Realität zu sehen. Seit Kopernikus gab es riesige Fortschritte in den Naturwissenschaften. Aber die Naturwissenschaften und der Intellekt bilden nicht die Gesamtsumme der menschlichen Natur, obwohl sie einen wichtigen Teil ausmachen. Sie erlangen nicht notwendigerweise die Bedeutung, die ein Phänomen für den individuellen Menschen hat. Wie Goethe einmal sagte, die Natur ist wie eine Frau: „Sie erfreut sich an der Illusion. Wer die Illusion in sich oder anderen tötet, den wird sie als strengster Tyrann bestrafen.“ (aus dem Aufsatz „Die Natur“, DIGIB Bd. 44, Goethe, S.8623) Anders gesagt: wir können intellektuell und physisch analysieren, was weiblich ist, aber dies wird, obwohl es eine Form der Realität ist, nie die Liebe eines Mannes erklären, warum ‚sie‘ ihm alles bedeutet und weitere Horizonte im Menschen inspiriert. Und doch ist dies eine Realität des alltäglichen Lebens. Wenn sie nicht in unser Weltbild zu integrieren ist, dann muß das Bild einseitig sein und unsere Verbindung zum Leben wird reduziert.
Der Fehler liegt darin anzunehmen, dass zwei fundamentale Seiten der Realität einander widersprechen; der sonnenzentrierte und der erdzentrierte Blick stammen von verschiedenen Aspekten der einen Ausgangslage, aber sie widersprechen sich nicht. Der eine Blick bedient den Drang nach abstraktem, materiellem Denken, der andere die direkte menschliche Erfahrung. Es ist nicht notwendig zwischen beiden zu wählen, obwohl der eine oder der andere die Oberhand haben wird, je nachdem, was wir suchen.
Die Kopernikanische Revolution, die aus der Idee hervorging, dass die Erde sich bewege, verursachte die größte psychologische Veränderung im menschlichen Bewusstsein auf viele Jahrhunderte hinaus. Sie hatte eine Wirkung auf alle Gebiete des Lebens und veränderte die Gesellschaft. Es macht einen großen Unterschied, ob man glaubt, dass man auf einer Erde lebt, die sich um ein Zentrum außerhalb ihrer bewegt oder, ob man glaubt, dass man auf einer Erde lebt, die ruht, mit einem Universum, das sich um sie dreht. Kopernikus Idee, die in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ihren Anfang nahm, konnte nicht vor der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts befriedigend bestätigt werden.* Zwischen diesen Zeitpunkten wurde die Bewegung der Erde von vielen Astronomen, die schon von der Tatsache überzeugt waren, vorgestellt und berechnet und die allgemeine Öffentlichkeit folgte ihnen nach.
Die Zeit war reif für diese Veränderung.
Die Ansicht des Menschen vom Universum, in dem er lebte, war jetzt gegründet auf Berechnung und feine wissenschaftliche Instrumente, von denen beide jenseits der Erfahrung des Mannes auf der Straße lagen. Ja, noch darüberhinaus konnte die neue Weltsicht von der breiten Öffentlichkeit im rationalen Denken übernommen werden, welche sich als sinnlichkeitsfreier Begriff prächtig entwickeln konnte und gleichzeitig zu einem materialistischen Verständnis des Universums führte. Dieses materialistische Verständnis wurde weiter ausgedehnt durch die Entwicklung des Teleskops und dadurch, dass man die Planeten als physische Körper mit Schatten wahrnahm. Dies wiederum führte zu der Idee, dass das menschliche Leben in Bezug auf die Sterne mikroskopisch klein und fast rein zufällig sei.
Nach Kopernikus großer Erneuerung und der Entdeckung des Teleskops war der Laie tatsächlich weniger geneigt, zum Sternenhimmel aufzusehen und den Bewegungen der Sterne zu folgen. Die letztere Aktivität war unnötig, da er eine ‘Illusion’ sah. Er ‚wußte‘, dass die Sonne, Planeten und Sterne nicht selbst auf- und untergingen, aber die Erde sich drehe. Aber er wußte es nur und erlebte es nicht. Tatsächlich erlebt selbst der Wissenschaftler es nicht direkt. Für den gewöhnlichen Beobachter auf der Erde wird die Sonne aufgehen gesehen. Er sieht nicht, wie die Erde sich dreht. Aber er kann denken, dass die Erde sich dreht. Wenn er das moderne Planetensystem ganz ernst nimmt, muß er noch eine Menge mehr denken - zum Beispiel in welcher Richtung im Raum die Erde sich auf ihrem Wege um die Sonne bewegt, in Bezug auf seinen Standpunkt zu irgend einem Zeitpunkt; etwas, was wenige Leute in Betracht ziehen, wenn sie einen Sonnenaufgang anschauen. Das moderne System der planetarischen Bewegung ist tatsächlich auf einen Beobachter gegründet, der im Raume weit genug weg von den Planeten sitzt, um sie in seinem unmittelbaren Gesichtsfeld zu sehen, wie sie um die Sonne wandern. Die Tatsache besteht, dass, wenn er weit genug entfernt platziert wäre, er die Planeten gar nicht sehen würde. Niemand hat und niemand wird je das sonnenzentrierte System sehen, wie es in Büchern aufgezeichnet wird.
Dies macht eine fundamentale Trennung zwischen der Sinneserfahrung und dem Denken deutlich, welche unbemerkt an der Wurzel unserer modernen Welterfahrung liegt. Es ist die Scheidung des Denkens von der lebendigen Erfahrung, die zu der Dominanz des abstrakten Denkens führt. Fast ohne es zu bemerken, befinden wir uns in einer historischen Phase, in welcher der Mensch einen Riß erlebt zwischen seinem Denken und seinem Gefühl für die Welt um ihn herum. Der Intellekt, der eine wichtige Fähigkeit darstellt, hat sich trotzdem so entwickelt, dass er das Gefühlsleben und die Imagination tyrannisiert in ihrer Beziehung zu den Phänomenen. Das Ergebnis ist, dass die Imagination verdorrt oder phantastische Formen ihrer selbst annimmt (es gibt viel ‘Science Fiction’ in der modernen Wissenschaft) losgelöst von der erlebten Realität. Wir müssen alle menschlichen Fähigkeiten gebrauchen, um ein ausgewogenes Verständnis der Welt zu erreichen und der Intellekt und die Imagination sollten zusammenarbeiten. Andernfalls wird der Intellekt, auf sich gestellt, für uns eine kalte mechanische Welt schaffen, genau soweit entfernt von der Realität wie Phantasmen.
Der Historiker der Naturwissenschaften, Giorgio Santillana, bezog sich auf den psychologischen Bruch der durch die moderne Astronomie verursacht wurde in ‚Hamlets Mühle‘ als er sagte:
„Wenn (der Mensch) millionenfach entfernte Galaxien entdeckt und dann jene quasi sternenartigen Radioquellen, die Milliarden Lichtjahre entfernt sind, die seine Spekulation erschüttern, ist er glücklich, dass er in solche Tiefen vordringen kann. Aber er zahlt einen schrecklichen Preis für seine Leistung. Die Wissenschaft der Astrophysik reicht weiter und weiter, ohne ihren Boden unter den Füssen zu verlieren. Der Mensch als Mensch kann das nicht. In der Tiefe des Raumes verliert er sich selbst und jeden Begriff von Bedeutsamkeit. Er ist unfähig sich selbst in die Konzepte heutiger Astrophysik einzufügen, wenn nicht in Schizophrenie.“
Wir sind oft mehr davon besessen, die Phänomene zu „erklären“ als sie auch menschlich zu erfahren. Denn das Universum ist bedeutungslos, wenn es nicht auf den Menschen bezogen wird; der Raum wird zur Leere, seines Zentrums beraubt, und ist daher ein Konzept, worin der Mensch keinen „Platz“ findet. Er ist nirgendwo und seines dynamischen Sinns von Richtung als „hoch“ und „runter“, „links“ und „rechts“, etc beraubt.
Die These dieses Buches ist es, dass direkte menschliche Erfahrung nicht vernachlässigt oder vorschnell übergangen werden sollte und dass sie eigentlich an erster Stelle stehen sollte. Die Öffentlichkeit zeigt ein erneutes Interesse in dieser Richtung und das Pendel schwingt vielleicht schon zurück - obwohl die Verbreitung von pseudo-okkulter wissenschaftlicher Literatur, die entweder einfach nur mystifiziert oder künstliche Verbindungen erzeugt, eine gesunde Veränderung nur verhindert.
Man findet weiterhin oft die Idee, dass der geozentrische Ansatz früherer Kulturen nicht nur beschränkt war, sondern auch egotistisch. Den Menschen in die Mitte des Universums zu stellen, wird als eine zu spezielle Position für ihn angesehen, die die Idee der Wichtigkeit seines Selbst nur aufbläst. Jedoch ihn aus diesem Zentrum zu entfernen und ihm diesen Teil seiner Erfahrung zu mißgönnen, führte zu einer Unverbundenheit zwischen dem Individuum und dem Universum und in dieser Beziehung zu einem Verlust von Sinnhaftigkeit. In „A Sense of the Cosmos“ weist Jacob Needleman darauf hin, dass:
„Im alten Geozentrismus sind die Sphären und Kräfte, die die Erde umgeben zugleich mächtiger und subtiler als alles, was von der Erde selbst stammt. In dieser Weise verstanden, macht der Geozentrismus den Menschen bescheiden und fordert ihn auf, ein feineres Verständnis der Einflüsse zu suchen, die sein Leben und das Leben der Welt formen. Es ist deshalb ein großer Fehler anzunehmen, wie es alle modernen Autoren getan haben, dass der alte Geozentrismus die Wichtigkeit des Menschen im Zusammenhang der Dinge übertrieben hat. Denn im Zentrum stehen hieß auf der untersten Stufe der Einflüsse zu stehen.“
Und später:
„Aber die Idee des Mikrokosmos zusammengenommen mit dem Geozentrismus erinnert uns daran, dass die objektive Realität viele Arten von Einflüssen enthält, die auf uns wirken können, dass es einen Umfang des Daseins gibt, in den der Mensch geboren wurde - würde er nur danach so fleißig suchen, wie er die Befriedigung des äußeren Lebens sucht.“
Ein Zentrum zu haben, wo man selbst als Mensch steht, ist eine normale Erfahrung - tatsächlich ist man gefährdet, wenn diese Erfahrung reduziert ist oder fehlt. Die Abwesenheit dieses Sinnes für diese Polarität zwischen Zentrum und Peripherie und deren Interaktion führt zu Ungleichgewicht und Desorientierung. Das gesunde Leben des Individuums liegt zwischen beiden.
Obwohl die Bewegung der Erde berechnet werden kann, ist es, wie gezeigt, keine direkte Sinneserfahrung. Eine vorläufige Entwicklung dieses faktischen Zusammenhangs vom philosophischen Standpunkt aus wurde von Edmund Husserl dargelegt in „Die Erde bewegt sich nicht“, ein kurzer Text, geschrieben 1934, von dem Auszüge im Anhang 1 beigelegt sind. Reine Mathematik und Berechnung sind der Qualität oder Bedeutung der Phänomene gegenüber gleichgültig. Die heliozentrische Astronomie passt für den Mathematiker. Aber die geozentrische Erfahrung verbindet den Menschen, die Erde und den Himmel zu einem Ganzen. Diese Erfahrung sollte nicht geleugnet werden, weil sie eine direkte Verbindung mit unserer Umwelt darstellt, wie sie uns berührt und dies ist eine primäre, keine sekundäre Realität. Offensichtliche Effekte sind Tag und Nacht, die Jahreszeiten, die Wandelgestalt des Mondes - die verschiedenen erkennbaren Rhythmen des Lebens. Andere mögen unbemerkt oder unerkannt vorübergehen oder ins Verstummen erklärt werden. Zum Beispiel, bloß zu erklären, dass Jupiter keine Schleife vor den Sternen vollführt, sondern die Erde ihn einmal im Jahr überholt und die Sache dabei belassen, läßt den Gedanken zu, dass die Schleife nur eine Illusion ist, kein Naturphänomen und deshalb nicht Ernst genommen werden muß. Aber wenn ein Professor seine Vorlesung halten sollte und dabei die ganze Zeit in Schleifen hin und her liefe, hätte dies einen direkten Effekt auf die Nerven der Studenten, trotz der Erklärung, dass die Studenten im Umlauf seien und dass dies mit Hilfe von Spiegeln produziert wurde.
Die Realität ist, dass der Professor in Schleifen geht und den Studenten übel wird, wenn sie ihn sehen.
Um es auf eine andere Art zu sagen, der Nachthimmel ist ein Theater, in welchem die Dramen und Ereignisse der universellen Umgebung stattfinden. Zu erklären, dass, wenn sie nicht auf der Bühne gesehen werden, Romeo und Julia sich gar nicht füreinander interessierten und emotional Lichtjahre voneinander entfernt seien; oder dass der Granatapfelbaum in Capulets Obstgarten bloß Ölfarbe und Gips sei, ist zweitrangig für den Effekt des Spieles auf die Zuschauer.
Nicht dass die Untersuchung dessen, was das Teleskop und das Mikroskop zeigen unwichtig ist. Sie ist Teil unserer modernen Erfahrung mit der Wissenschaft der Materie. Tatsächlich offenbart die Entwicklung von alter Kosmologie zu der modernen die Evolution des menschlichen Bewusstseins. Aber die moderne Forschung sollte sich nicht abtrennen und abseits stellen von einer Kontemplation des Ganzen, welche mit den beobachteten Phänomen in ihrer Einfachheit anfängt und eine Verbindung zu der ästhetischen, qualitativen Wertschätzung des Lebens behält. Wegen dieses letztgenannten Zieles braucht man ein sorgfältiges Studium, das der gewöhnlichen einfachen Beobachtung zugänglich ist. Dann wird eine lebendige Verbindung mit der Natur gefühlt, welche das ganze menschliche Wesen in Anspruch nimmt.
Diese Frage nach der Vereinigung des Menschen mit den Phänomen kann in der beobachtenden Astronomie noch einen Schritt weitergehen. Dies bezieht die Wiederaufnahme der Mythologie in die Erfahrung des sich drehenden Himmels mit ein. Wenn man ehrlich ist, ist es sehr schwierig, die Mythologie außen vor zu lassen. Das Thema wird heute als Aberglaube abgetan und doch ersetzen wir es unbeschwert mit Mythologien über gekrümmte Räume, Zivilisationen auf anderen Planeten, schwarze Löcher etc., von denen keine erlebt wurde. Der Mensch muß dem Universum eine Bedeutung oder einen Inhalt geben, sonst bleibt eine Lücke in seinem Denken. In früheren Zeiten schaute man in persönlicher Weise zu den Sternen und man empfand sie als aktive Teilnehmer im Drama des Lebens. Die Mythologie ergibt sich bereitwillig aus der geozentrischen Astronomie und stärkt die Verbindung mit den Phänomenen. Das Auftauchen der Mythologie kann kein willkürlicher Vorgang sein, sondern hat seine Wurzel in der Qualität des Erlebens. Zum Beispiel kann die alte Zuordnung der Metalle zu den Planeten verstanden werden, wenn man die charakteristische Bewegung der Planeten studiert, e.g. die langsame Schwere des Saturn und das Blei, die Geschwindigkeit und Lebendigkeit des Merkur und das Quecksilber. Ähnlich ist die Verbindung zwischen der unbeweglichen zentralen Position des Nordsterns und himmlische Autorität, etc. Es ist fast unmöglich, sich von zusammenfassenden Konzepten von der einen oder anderen Art freizumachen, wenn man den Himmel betrachtet, wie er erscheint - solche Konzepte werden ganz natürlich in der Erfahrung aufgerufen, selbst wenn sie moderner Art sind. In diesem Sinne ergibt sich die Mythologie als Teil des vorliegenden Buches über beobachtete Phänomene, nicht weil die Mythologien irgendein irrelevantes Interesse bedienen oder einfach ohne Nachdenken geglaubt werden sollten, sondern weil sie einen natürlichen Teil der menschlichen Betätigung bilden, wenn er die Sterne in ihrem Scheinen erlebt. Viele Mythologien sind möglich und nur ein paar wurden ausgewählt. Aber die wichtige Seite ist, dass die Betätigung der Mythologisierung ehrlich anerkannt wird und dass neue Mythologien in der Zukunft entstehen, so wie die menschliche Evolution fortschreitet - Mythologien oder Metaphern oder Sternbilder, die die bestehenden Maßstäbe der Entfernungen von Lichtjahren transzendieren.
Zwei Wege, die Phänomene zu beobachten, ergeben sich aus dieser Diskussion. Es gibt den dualistischen Zugang, der die Phänomene beobachtet und dann, getrennt davon, eine entfernte Position einnimmt und eine Erklärung überstülpt mit Hilfe von anderen unbeobachteten Faktoren (Mathematik zum Beispiel) oder indirekt beobachteten Faktoren (Atomphysik, etc.). Dann gibt es den integrierten Zugang, welcher die Phänomene beobachtet und auf sie zugeht mit der Zuhilfenahme des ganzen Menschen, sich mit ihnen identifizierend und in ihnen sozusagen aufwachend. Die gesamte Umwelt geht nicht verloren und die Signatur der Phänomene und ihre Beziehung zum Leben kann entziffert werden.
Ausgehend von dem letzteren Zugang in der Astronomie, welche mit dem geozentrischen Anblick beginnt, können andere Astronomien sich entwickeln, seien sie heliozentrisch oder was auch immer. Aber sie müßen erlebt und nicht bloß abstrakt gedacht werden. Zum Beispiel, wenn die Bewegung der Erde eine Erfahrung würde, nicht bloß ein abstrakter Gedanke, könnte dies eine völlig neue Astronomie erzeugen, nicht notwendigerweise heliozentrisch und sie wü...

Inhaltsverzeichnis

  1. Hinweise
  2. Inhaltsverzeichnis
  3. Der Autor
  4. Einleitung
  5. Vorwort
  6. Zitate
  7. Kapitel 1: Die Erde als Zentrum
  8. Kapitel 2: Die Phänomene Sehen
  9. Kapitel 3: Kreisende Sterne
  10. Kapitel 4: Sterne, die auf- und untergehen
  11. Kapitel 5: Die Sonne
  12. Kapitel 6: Der Mond
  13. Kapitel 7: Finsternisse
  14. Kapitel 8: Die inneren Planeten
  15. Kapitel 9: Die äußeren Planeten
  16. Kapitel 10: Kometen, Meteore und neue Sterne
  17. Kapitel 11: Licht und Himmel
  18. Kapitel 12: Das Teleskopbild und darüber hinaus
  19. Anhang 1: ‚Die Erde bewegt sich nicht‘ - Auszüge aus einem Text von dem Philosophen Edmund Husserl
  20. Literaturverzeichnis
  21. Indices
  22. Auge, Erde und Kosmos in Einheit.
  23. Impressum